Hartland.
Zu Fuß durch Amerika von
Wolfgang Büscher (2011,
Rowohlt)
Besprechung von Roland Mischke in der WAZ
vom 6.5.2011:
Sie sind quer durch Amerika gelaufen, von Norden nach Süden. Nach welchen Gesichtspunkten haben Sie die Route gewählt?
Wie haben die Leute reagiert, denen Sie erzählten, dass Sie zu Fuß durch Amerika gehen würden?
Alle gleich: Das ist kein Land zum Gehen. Nimm dir ein Auto, ein Motorrad oder wenigstens ein Pferd! Wenn du wirklich gehst, bist du ein Landstreicher, dann schnappt dich der erstbeste Sheriff.
Sie nennen sich „Amerikadepp“, gehören noch der Generation an, die Amerika als große Chiffre für Freiheit definierte. Was davon haben Sie noch gefunden?
Das amerikanische Feuer brennt noch, lodert aber nicht mehr zum Himmel. Nun hat Amerika schon mehrmals Zeiten des Abstiegs und der Zerrüttung durchgemacht: Bürgerkrieg, Große Depression, Vietnamkrieg. Jedes Mal ist es daraus wieder aufgestiegen, darin Deutschland nicht ganz unähnlich. Wie es diesmal ausgeht, weiß ich nicht. Was mir zu denken gibt, ist das plötzliche Interesse so vieler Amerikaner an ihrer Geschichte.
Wie viel Abenteuer ist dabei, wenn Sie sich auf ein solches Projekt einlassen?
Die meisten Tage sind still. Ab und zu braust ein Auto vorbei. Gerüche von Staub nach Regen, brandige von Präriefeuern, manchmal Aas. Die erwarteten Gefahren – Raub, ein Berglöwe, Klapperschlangen – treten nicht ein.
Das leere Land, die Prärie, hat Sie besonders berührt.
Wir Europäer kennen aus eigener Anschauung New York, vielleicht Floridas Strände, auch noch Los Angeles, also nur die Ränder des gewaltigen Landes. Wir haben eine falsche Vorstellung von Amerika, so, als ob ein Amerikaner von Deutschland nur den Strand von Westerland und Berlin kennt. Die amerikanische Leere ist aber nicht eine hübsche Idee des Malers David Hockney, sie ist eminente Wirklichkeit.
Sie sind auf Spuren deutscher Siedler gestoßen.
Ich war erstaunt, wie verbreitet das ist. Von Norddakota bis Südtexas erklärt fast jeder Dritte, dass er deutsche Großeltern habe. Die Geschichte ist nicht nur hell, sie hat auch dunkle Kapitel, etwa die aus schierer Not zum Arbeiten auf andere Farmen weggegebenen Kinder, die ihre Eltern und Geschwister nie wiedersahen.
Es wird klar, was hart arbeitende Menschen gegen Obamas Reformen haben. Sie hörten immer : „Ich will keine Regierung, die mir sagt, wie ich leben, wirtschaften, vorsorgen soll.“ Ist da ein Rest von Freiheit, die Menschen nach Amerika zog?
Es scheint so. Die Amerikaner, die ich im Herzland traf, sind oft von diesem Schlag. Die Frage ist, ob Amerika noch dasselbe ist. Ob es realistisch ist zu glauben, es könne wieder werden, was es war. Auch darin liegt eine ferne Ähnlichkeit zu Deutschland.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]
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