1.) - 2.)

Harmonia Caelestis.
Roman von Péter Esterházy (2001, Berlin-Verlag - Übertragung Terézia Mora).
Besprechung von Jamal Tuschick aus der Frankfurter Rundschau, 13.9.2001:

Wer die Wahrheit nicht weiß
900 Seiten Harmonie: Der Schriftsteller Péter Esterházy zu Gast im Literaturhaus.

Der Qualm über den Resten des World Trade Center überschattete selbstverständlich auch den Abend im Literaturhaus, dessen Leiterin Maria Gazetti kurz den Terror gegen Amerika kommentierte und sich dabei mit ihrern Zuhörern einig wissen konnte. Die hatten das Glück, von dem ungarischen Schriftsteller Péter Esterházy etwas über die Verfassung Europas, wie sie sich aus der Literatur ergibt, Tröstliches zu hören.

Der Autor Esterházy hat das Format, mit dem Thomas Mann im amerikanischen Exil zu der grandiosen Feststellung gelangte: "Wo ich bin, da ist die deutsche Kultur".

In seiner Einführung beschrieb der Journalist Thomas Steinfeld die unter dem Titel "Harmonia Caelestis", also etwa "Himmlische Harmonie", auf 900 Seiten ausgebreitete Familiengeschichte des Aristokraten Esterházy als fragmentarisiert, nicht linear und hinterlistig (mithin außerordentlich kunstvoll) im Aufbau. Die Prosa sei "leicht wie ein Luftgeist". Er habe darin zunächst Marcel Proust vermißt, ihn aber dann doch noch entdeckt "im dynastischen Denken als dem europäischen Langzeitgedächtnis".

In Harmonia Caelestis behandelt Esterházy einen alten Stoff mit den Methoden der Postmoderne. Seine Familie war zur Zeit der Habsburger groß und mächtig. Sie ist groß geblieben in einem Prozeß der Selbstentfremdung, denn, so sagte Esterházy in Anspielung auf die ungarische Nachkriegssituation als sowjetischer Satellit mit einer Tendenz zur Abweichung, "der Diktatur des Proletariats kann keiner fremder sein als der Aristokrat".

Solchen Zuständen muss man dankbar sein, wenn man Humor schätzt, so wie dieser Schriftsteller ganz offensichtlich. Er unterhielt sich und seine Zuhörer aufs Beste mit einer Serie numerierter Sätze, deren Auswahl nicht "auf die Brutalität der Schöpfung" Bezug nahm, was eine Möglichkeit gewesen wäre, sondern auf den Umstand, daß sich der Frankfurter Wirt Klaus Trebes als Zuhörer angekündigt hatte. Namentlich diesem bekennenden Esser wurde im Literaturhaus vorgelesen. Es ging also vor allem um den gaumennahen Genuß, dem sich in Harmonia Caelestis ein martialischer, gleichviel barocker Magnat hingibt, der als Vater auftritt.

Tatsächlich ist dieser Vater viel mehr als eine Person. Er ist ein Fass voller Eigenschaften, in denen sich die Esterházys so deutlich wiedererkennen, daß Familienmitglieder unangenehm berührt waren. Der Schriftsteller erzählte das so, dass sein Vergnügen daran, Verwandte bis zur wunderbaren Kenntlichkeit in Text zu verwandeln, durch den Mantel der beiläufigen Mitteilung schimmerte.

In Harmonia Caelestis findet man schöne Sätze, so wie diesen: "Es ist elend schwer zu lügen, wenn man die Wahrheit nicht kennt

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2.)

 

Harmonia Caelestis.
Roman von Péter Esterházy (2001, Berlin-Verlag - Übertragung Terézia Mora).
Besprechung von Andreas Breitenstein in Neue Züricher Zeitung, 3.11.2001:

Im Namen des Sohnes
«Harmonia caelestis»: Péter Esterházy zerredet (s)eine Familiengeschichte

Fast zehn Jahre lang hat der ungarische Schriftsteller Péter Esterházy über seinem 900-Seiten-Opus «Harmonia caelestis» gesessen, das nun in hervorragender Übersetzung auf Deutsch vorliegt. Der Autor verarbeitet darin die jahrhundertealte Geschichte seiner adeligen Familie zu einem hochironischen Textspiel. Die Frage stellt sich, ob der postmoderne Zugriff den Dimensionen des Stoffes wirklich gerecht werden kann.

Es ist noch gar nicht lange her, da konnte man das grundlegende Lebensgefühl des europäischen Westens als ironisch, dasjenige des europäischen Ostens dagegen als tragisch bezeichnen. Der Osten stand nach 1989 als der grosse Verlierer der Geschichte da: Fast nahtlos war der Zweite Weltkrieg in die kommunistische Diktatur übergegangen, und diese hatte entwürdigte Menschen, verarmte Gesellschaften und verwüstete Landschaften hinterlassen. Nach einem halben Jahrhundert Selbstentfremdung war die Wiederherstellung der eigenen Identität vordringlich, wobei die notwendige historische Selbstvergewisserung die Gefahr nationalistischer Regression, aber auch die Chance eines welthaften Skeptizismus barg. Wider die Intoxikation durch neu-alte Heilsideologien und gegen das schnelle Vergessen verfassten osteuropäische Schriftsteller wie Péter Nádas, Jiri Kratochvil, Dzevad Karahasan, Andrzej Stasiuk - um nur einige zu nennen - bedeutende Romanwerke. Gemeinsam war allen die «Melancholie der Wiedergeburt» (György Konrád), welche die Trauer um die versunkene Utopie eines multikulturellen (jüdischen) Mitteleuropa mit der Hoffnung auf eine paneuropäisch lichte Zukunft verband....Fortsetzung

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