Werke in zwei Bänden:Hans Keilson, 2005, S. Fischer

Werke in zwei Bänden.
Romane, Erzählungen, Gedichte, Essays von Hans Keilson (2005, S. Fischer, hrsg. von Heinrich Detering und Gerhard Kurz).
Besprechung von Martin Krumbholz in Neue Zürcher Zeitung vom 3.08.2005:

Ohne Zorn, aber mit Eifer
Hans Keilsons gesammelte Schriften in zwei Bänden

«Ich bin mir bewusst, auf zwei Pferden zu reiten», schreibt Hans Keilson im Jahr 1992, «dem der Literatur und dem der Wissenschaft – die Rosse sind nicht sehr hoch –, und damit Gefahr zu laufen, auf keinem Ritt ernst genommen zu werden.» Dass dieser jüdische Grandseigneur des Jahrgangs 1909, der seit 1936 in den Niederlanden lebt, wo er zunächst untertauchte, nach dem Krieg seine medizinische Ausbildung in Richtung Psychiatrie und Psychoanalyse ergänzte und bis heute als Therapeut praktiziert – dass dieser doppelte Reiter durchaus ernst genommen wird, zeigt die diesjährige, wenn auch späte Zuerkennung des Johann-Heinrich-Merck-Preises für kritischen Essay an den 95-Jährigen. Fast noch anschaulicher als in der Reitermetapher demonstriert Keilson die Bipolarität seiner Existenz im Hinweis auf die ihr jeweils entsprechenden Sitzgelegenheiten: «Auf einem harten Stuhl an einem leeren Tisch» sitze der öffentlich lesende Schriftsteller, auf einem Fauteuil oder einem Lehnstuhl am Schreibtisch der Therapeut, im Gespräch mit seinen Patienten. «Aber der da sitzt, ist im Grund immer derselbe.»

Diagnostisches und Therapeutisches

In der Tat scheint der therapeutische, der wohlwollende Blick auf den Menschen allen schmerzhaften Erfahrungen zum Trotz auch das schriftstellerische Werk Keilsons, die Romane, Gedichte und Essays, zu prägen, das die stattliche zweibändige Werkausgabe des S.-Fischer-Verlags, ediert von Heinrich Detering und Gerhard Kurz, nun in angemessener Form präsentiert. Bei Samuel Fischer war 1933 auch der erste Roman erschienen, «Das Leben geht weiter», das Buch eines erst 23-jährigen Berliner Medizinstudenten und zugleich das letzte Début eines jüdischen Autors in diesem Verlag. Zwar kehrte Keilson nach dem Krieg nicht nach Deutschland zurück, aber sein Lebenswerk ist nicht von Ressentiments geprägt, sondern vom Bedürfnis zu heilen – verbunden mit dem Scharfsinn des analytischen Blicks, den auch die Essays bekunden. Am Vorrang des Medizinischen vor dem Literarischen hat Keilson immer festgehalten. In beiden Fächern aber scheint sich das Diagnostische mit dem Therapeutischen zu verbinden. Hass ist diesem Menschen, dessen Eltern in Birkenau umgebracht wurden, ebenso fremd wie eine oberflächliche Versöhnung. Die liebevolle Erinnerung an die heimatliche Landschaft, die Mark Brandenburg, andererseits das «Zuhause in der Fremde» (so der Titel eines autobiografischen Aufsatzes), und das über einen Zeitraum von fast siebzig Jahren: Hier bauen sich Spannungen auf, die im Lauf eines langen produktiven Lebens beruhigt wurden. Nein, auf einem «hohen Ross» sitzt dieser Schriftsteller wahrhaftig nicht.

Ein sublimer Humor durchtränkt die 1947 im Amsterdamer Querido-Verlag erstmals erschienene Novelle «Komödie in Moll». Ein Jude namens Nico schlüpft während der Besatzungszeit bei einem Ehepaar unter, stirbt nach einem Jahr eines natürlichen Todes und wird von seinen Gastgebern, mangels Gelegenheit zu einem regelrechten Begräbnis, in einem Park unter eine Bank gelegt. Das burleske Motiv im gewichtigen Kontext der Holocaust-Thematik überrascht, wie auch die Nüchternheit, man ist versucht zu sagen: die Burschikosität der Sprache. Der Doktor, der Nicos Tod feststellt, bemerkt: «Ich bin immer wieder überrascht, wie wenige erwachsene Menschen eigentlich wirklich einen Toten gesehen haben. [. . .] Seltsam. Mit der Liebe hat jedermann viel früher und viel öfter zu schaffen, natürlich. Man müsste jede Woche zumindest einen Toten sehen. Dann gäbe es auch ein besseres Gleichgewicht, und viel Angst würde verschwinden.»

Die Protagonisten der Handlung sind das holländische Ehepaar, das den Verfolgten beherbergt, Wim und Marie, normale Leute mit normalen Problemen. Der autobiografische Kern der Geschichte ist also erkennbar und doch perspektivisch verdeckt; den Autor interessiert weniger die Psyche des zwangsläufig untätigen Opfers als die der barmherzigen Samariter: Es gelingt ihm das Kunststück, diese zu würdigen, ohne sie zu glorifizieren. Am Schluss, nach dem Tod ihres Klienten und der Entdeckung des Leichnams, kommen sie in Bedrängnis, aber alles geht glimpflich aus. Sogar die Polizei verhält sich menschlich. Der Autor belohnt gewissermassen mit einem humanen Gestus die humane Haltung seiner Helden. «Komödie in Moll» ist ein schöner Titel; «Tragödie in Dur» hingegen könnte das gesamte epische Werk Keilsons überschreiben. Die Tragödie des 20. Jahrhunderts, vom Ersten Weltkrieg bis zum faschistischen Terror, ist hier subjektiv reflektiert, nicht in einem elegischen Tonfall (der findet sich zuweilen in der Lyrik), sondern sachlich und nüchtern.

Eine sperrige Parabel

Der Erstling «Das Leben geht weiter» behandelt den wirtschaftlichen Niedergang eines Kaufmanns im Stil der Neuen Sachlichkeit – es ist die Geschichte von Keilsons Vater und zugleich seine eigene. Der Roman, der die gewichtigste Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus darstellt, «Der Tod des Widersachers», 1942 begonnen, nach dem Krieg vollendet, 1959 erstmals publiziert, ist voller skrupulöser – und metaphysischer – Zwischentöne. Hitler taucht hinter der Chiffre «B.» auf. Die Freundschaft zwischen dem jungen Ich-Erzähler und einem etwas älteren Jugendlichen zerbricht daran, dass dieser für B. schwärmt, den Todfeind des Erzählers. «Du nimmst alles viel zu wörtlich», sagt der Freund. Und dann erzählt er die merkwürdige Parabel von den in die Fremde verpflanzten russischen Elchen, die trotz besten Bedingungen eingehen, weil ihnen die Wölfe fehlen – ihre natürlichen Feinde. Die Parabel ist so sperrig wie der Begriff der «Gnade», der an unterschiedlichen Stellen des Romans aufscheint. «Auch der Feind ist der Gnade teilhaftig», heisst es einmal, «ich kann dies nicht vergessen. Zu lange hat es mich gehindert, seine Vernichtung zu wünschen.»

Gebrochene Kontinuität

Das Buch wurde, wohl auch wegen solcher Sätze, kontrovers diskutiert und oft abgelehnt: Es war viel zu wenig korrekt. Keilson charakterisiert es als einen verzweifelten Versuch, «den Riss, der durch die Welt geht, aufzuspüren und vielleicht – durch den Geist? – zu heilen». Nicht zufällig taucht dieser genuin medizinische Begriff hier wieder in einem literarischen Zusammenhang auf, in dem er nach Meinung der meisten ästhetischen Theoretiker wenig zu suchen hat. «Spuren der gebrochenen Kontinuität» sind es, die Keilson an einigen Wendemarken der eigenen Biografie ausmacht. Letztlich hat er, auf seinen «zwei Pferden», eben diese Kontinuität wiederhergestellt: «sine ira, jedoch cum studio», wie er einmal bemerkt. Keilsons essayistisches Werk ist imposant, allemal hat er dafür einen Preis verdient. Doch wiederzuentdecken gilt es die drei Romane: Sie sind eigenartig und originell im besten Sinn.

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