Handy von Ingo Schulze, 2007, Berlin Verlag1.) - 3.)

Handy.
13 Geschichten von Ingo Schulze (2007, Berlin Verlag).
Besprechung von
Martin Krumbholz in Neue Zürcher Zeitung vom 24.2.2007:

Das Dresdener Rumpelstilzchen
«Handy» – Ingo Schulzes «Dreizehn Geschichten in alter Manier»

«Ich bin von deiner Kunst noch nicht recht überzeugt», sagt im Märchen vom Rumpelstilzchen der König, wohl mit einem süffisanten Unterton, zur schönen Müllerstochter, die sich anschickt, Stroh zu Gold zu spinnen. Viele Rezensenten in Deutschland glauben, der 1962 in Dresden geborene Schriftsteller Ingo Schulze könne Stroh in Gold verwandeln – und das mag ja auch seine Richtigkeit haben. Dass indes in der Prosa dieses Autors eine Menge Stroh gedroschen wird, werden auch die Enthusiasten unter Schulzes Lesern kaum bestreiten können.

ANBIEDERUNGEN DES ERZÄHLERS

Durchgängig wimmelt es in den jüngsten Erzählungen von Bemerkungen wie: «Aber glauben Sie mir», «Da werden Sie denken, ich sei plemplem», «Ich trinke mittags selten Bier, überhaupt bin ich niemand, der viel Alkohol trinkt» (was grammatisch nicht ganz lupenrein ist), «An und für sich bin ich kein Hasenfuss» – kurz, von rhetorischen Floskeln, mit denen der Ich-Erzähler sich dem Leser anbiedert, als hätte er eine panische Furcht, die geringste Distanz zwischen dem ästhetischen Gegenstand und seinem Rezipienten könnte dessen Wohlwollen den Garaus machen. Ein strenger Lektor würde solches Rankenwerk rigoros streichen, aber im Kosmos der Erzählungen hat es seine Funktion: Es verrät, dass alle diese Erzähler (es sind ja durchaus unterschiedliche) von ihren Lesern geliebt sein wollen, möglichst um jeden Preis und selbst dann, wenn sie kein Stroh zu Gold spinnen könnten.

Stärken und Schwächen des Bandes «Handy» lassen sich an drei Texten exemplarisch darstellen. «Die Verwirrungen einer Silvesternacht» ist die beste Erzählung, «Eine Nacht bei Boris» die aufschlussreichste und «Keine Literatur oder Epiphanie am Sonntagabend» (übrigens hat Schulze ein bemerkenswertes Gespür für Titel) die zugleich kürzeste, anspruchsvollste und misslungenste. Und nichts davon ist ein Zufall. Die «Silvesternacht» knüpft inhaltlich am unmittelbarsten an die erfolgreichen «Simplen Storys» (1998) an. Der Protagonist hat nach der Wende in einer ostdeutschen Provinzstadt einen Copy-Shop aufgebaut und berichtet zunächst von seiner grossen Liebe zu einer Schauspielerin namens Julia. Eine andere Frau hat er geheiratet, aber Julia nie vergessen.

In der Silvesternacht 1999/2000 ergibt sich die Chance, Julia nach zehn Jahren wiederzusehen, und der Erzähler verrät seinem Leser (von dem er, siehe oben, ja ebenfalls geliebt sein will), er werde just in dieser Nacht seine Frau verlassen und künftig mit Julia leben. Doch es kommt anders: Nicht von der durchaus noch attraktiven Julia, sondern von der Gastgeberin der Silvesterparty, die mit allen Attributen einer Kupplerin ausgestattet ist, lässt der Protagonist sich verführen. Diese Pointe am Schluss einer spannend erzählten Story ist wirklich verblüffend – und vielleicht nicht zuletzt deswegen, weil der Erzähler es hier riskiert, die Komplizenschaft mit dem Leser zu torpedieren. Das ist souverän.

«Eine Nacht bei Boris» zielt ebenfalls auf eine Pointe ab und gar keine schlechte. Doch hier forciert der Erzähler das von Ingo Schulze geliebte Babuschka-Prinzip – also das Verpuppen oder Verschachteln immer neuer kleiner Geschichten in der grossen – so weit, dass die Spannung nicht etwa geschürt wird, sondern schliesslich erlahmt. Die Story habe ursprünglich den Untertitel «Kleine Novelle» tragen sollen, bemerkt der Erzähler (der ja immer zugleich sein eigener PR-Manager ist) einmal, um sich dann zu korrigieren: «Im Alltag gibt es keine Novellen.»

Was auch immer das heissen soll (vermutlich ist wieder einmal ein Kurzschluss zwischen Realität und Fiktion signalisiert): Die mögliche Novelle wird nicht durch die Banalität des Faktischen, sondern durch die unnötige Weitschweifigkeit der Binnenerzählungen verhindert, die zu deutlich die Funktion haben, die Pointe der Hauptgeschichte hinauszuschieben.

Die kurze Erzählung «Epiphanie am Sonntagabend» soll, wie der Titel ankündigt, das mystisch aufgeladene Ereignis eines unvermittelten Aufscheinens von Sinn wiedergeben: Ein Kind entdeckt bei einem Picknick im Wald in einer simplen Orangenschale das ganze Wunder des Lebens. Und hier, nicht zufälligerweise in einem sehr kurzen Text, zeigt sich kompakt die Crux von Schulzes Poetologie: Der Erzähler verschwafelt, was er erzählen wollte. Es beginnt mit dem bereits überflüssigen Satz: «Vielleicht hatte ich nur zu viel getrunken», führt über die Bemerkung «Alle tranken Bier, bis auf die Kinder natürlich» und den von Frauen notorisch geschätzten Prosecco bis hin zu dem kleinmütigen Satz: «Sobald ich es aber ausspreche, wird es Nonsens.» Warum denn bloss? Sollte ein Erzähler nicht Vertrauen haben in das, was er zu erzählen hat, statt permanent um die Gunst eines ungeduldigen fiktiven Lesers zu buhlen?

Dabei ist es ja, paradoxerweise vielleicht, keineswegs so, dass diese Ich-Erzähler-Züchtungen ihr Ego schamhaft verstecken. Im Gegenteil, der Autor schätzt selbstreferenzielle Anspielungen, die «33 Augenblicke des Glücks», Schulzes erstes Buch von 1995, werden mehrfach zitiert, damit eine mögliche Identität von Autor und Erzähler insinuiert.

Ganz offen wird diese Gleichsetzung in dem Text praktiziert, der am Schluss des Bandes steht und mit seinem Titel «Noch eine Geschichte» direkt an das Buch «Eine Geschichte» von Imre Kertész und Péter Esterházy anknüpft. Schulzes Erzählung, die wiederum dem Babuschka-Prinzip folgt, spart dabei nicht mit Zitaten aus den Vorlagen, die man nicht als solche identifiziert, wenn man jene nicht kennt.

FORTSETZUNG DER FORTSETZUNG

Beim Wiederlesen nach 13 Jahren fällt übrigens auf, welches Gefälle bereits zwischen den Ursprungstexten herrscht, so reizvoll das intertextuelle Verfahren an sich ist. Die Erzählung «Protokoll» von Imre Kertész ist ein atemberaubender Text über das Befangensein in alten Strukturen, und zwar auf Täter- und Opferseite. Esterházys «Leben und Literatur» ist eine virtuose Paraphrase, nicht frei von bramarbasierenden Zügen. Aus einem Elefanten (an Schwere, an existenziellem Gewicht) hat der elegante Péter Esterházy eine Mücke gemacht. Ingo Schulze bringt sie in seiner Fortsetzung der Fortsetzung noch ein bisschen zum Tanzen.

Und wo bleibt in unserem Szenario das Rumpelstilzchen? Stampft es in die Erde, reisst es sich ein Bein aus? Ach nein, es nennt sich nun «Geist der Erzählung», hat sich in einer Ecke gemütlich hingesetzt und sieht nun gelassen zu, wie die schöne Müllerstochter aus Dresden Stroh in Gold verwandelt.

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Handy von Ingo Schulze, 2007, Berlin Verlag2.)

Handy.
13 Geschichten von Ingo Schulze (2007, Berlin Verlag).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ, vom 3.3.2007:

Das Schokoladenbedürfnis

Warum lesen Sie eigentlich? Haben Sie sich das schon mal gefragt? Und was haben Sie sich geantwortet?

Wenn Sie ehrlich sind, haben Sie dazu nicht nur Hochglanzsätze parat. Sondern solche: Ich will abschalten. Mich ablenken. Zeit umbringen. Die Wirklichkeit hinter mir lassen. Mitreden können. Schlau wirken.

Aber sagt irgendjemand: Ich lese, weil ich denken will? Weil ich mich anregen lassen möchte von einem, der gedacht hat? Weil ich etwas erfahren, durchschauen, erkennen will? Bloß nicht.

Lesen ist Konsum geworden wie schwarze Schokolade schmecken und teuren Rotwein kauen. Lesen ist Luxus geworden, und das ist fatal.

Halt! Was war denn Lesen für die Mönche des Mittelalters anderes als Luxus? Für - verdammtes Klischee, und doch ist es wahr! - Bergbauernbuben Anfang des 20. Jahrhunderts? Für Arbeitertöchter in den 50er Jahren? Ja, aber das hier ist etwas anderes.

Nichts gegen Luxus. Aber er gehört heute nun mal in die Kategorie Schokolade, Wein, Hirschleder-Schuhe, Designer-Aktentasche. Lesen aber ist: Wasser und Brot und Amen. Lesen ist, wenn es richtig ist, eine Notwendigkeit, Lesen befriedigt das Grundbedürfnis nach Wissen und Erkenntnis. Über alles Mögliche, und sei es über den spanischen Königshof im 16. Jahrhundert.

Leider wird Literatur dem nicht immer gerecht, und auch deshalb gibt es immer mehr Leser mit dem Schokoladenbedürfnis. (Nicht nur deshalb, es gibt auch viel zu viel Bequemlichkeit.) Schokoladenleser wollen etwas vergänglich Schönes. Literatur, die den Namen verdient, ist aber etwas beständig Schönes. Tröstlich ist nur: Rauschhaft kann beides sein.

Zum Beispiel, pardon, es fällt mir grade nichts Dümmeres ein, Faust. Ein irres Stück, unglaublich vielschichtig, mit tausend Erzählsträngen. Faust ist, doppeltes Pardon, für heutige Leser weniger wegen seiner geschliffenen Sprache und kunstreich gestalteten Verse bemerkenswert, die klingen unseren Ohren eher schlafmützig. Der Faust-Marathon von Peter Stein zur Expo 2000 war eine schlimme Lektion. Aber Faust erzählt eine Geschichte, und die ist toll. Sie handelt davon, wie einer nicht klarkommt mit dem Leben und seinem Anspruch, es zu verstehen, und wie er alles Mögliche versucht, inklusive Sex, Lügen und Gewalt, und am Ende wird er nicht aus eigener Kraft damit fertig, sondern durch höhere Gewalt. Bei Goethe heißt sie Gott, man könnte ihr aber auch einen trivialeren Namen geben.

Es ist jetzt natürlich furchtbar unfair, Ingo Schulze mit Goethe zu vergleichen, ich habe ihn aber gerade zur Hand und außerdem kann man fast jedes Beispiel nehmen. Der eine Autor hat eine Geschichte, der andre konstruiert sich was. Das ist übrigens keine Frage des Namens; selbst Thomas Mann hat sowas verbrochen - glänzend Geschriebenes mit dem Tiefgang eines Mokkatässchens. (Ich nenne keine Titel, finden Sie es selbst raus.)

Ingo Schulze aber ist leider kein Starstilist, und mit dem Tiefgang ist es auch so eine Sache. Jedenfalls in seinem neuen Erzählungsband.

Nein, das ist nicht gut. Langatmig holpert es von Story zu Story, besonders schlimm ist die vom Streit zwischen dem Ostmann, der Heimat sucht, und der Westfrau, die nur Geld will. Oder die von dem Mann, der einen tollen Job bei einer tollen Firma bekommt, und die tolle Frau für eine Nacht wird gleich mitserviert, aber der Volltrottel verliebt sich. Man könnte so fortfahren.

Denn das ist leider fast immer zu dick aufgetragen, und dass die Sammlung im Untertitel "dreizehn geschichten in alter manier" heißt, macht die Sache auch nicht besser. Es wirkt wie eine Entschuldigung, die angesichts der biederen Erzähltechnik allerdings angebracht ist. Aber nur, weil einer nett erzählen kann und einen beachtlichen Roman geschrieben hat, ist er noch kein großer Autor. Sagen wir es so: Ein Satz wie "Schicksal ist eine säkularisierte Variante von Gott" setzen den Verfasser nicht der Vermutung aus, er sei ein starker Denker.

Kurz und gut, auf Seite 63 dachte ich erbost: Warum, zum Teufel, soll ich das lesen? Und habe es dann doch zu Ende gebracht; aber nur aus Pflichtgefühl.

Lesen ist ein Gesellschaftspiel. Es gibt schlimmere; Doppelkopf kann Irreparables anrichten. Lesen ist aber zu schade, um vernascht zu werden. Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann wünschte ich: dass Lesen nicht zur Weltflucht diente und nicht als kulinarischer Genuss. Lesen ist Glück im Kopf. Das unterscheidet es von Schokolade.
Lesen als Genuss - natürlich. Aber nicht kulinarisch.

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Handy von Ingo Schulze, 2007, Berlin Verlag3.)

Handy.
13 Geschichten von Ingo Schulze (2007, Berlin Verlag).
Besprechung von Bernhard Windisch aus den Nürnberger Nachrichten vom 21.04.2007:

Die unerträgliche Seichtigkeit des Seins
Ingo Schulzes preisgekrönter Prosaband «Handy» erfüllt die hohen Erwartungen nicht

Der Berliner Schriftsteller Ingo Schulze (45) ist einer der erfolgreichsten deutschen Autoren seiner Generation. Vor kurzem bekam er für sein neues Buch «Handy» den Literaturpreis der Leipziger Buchmesse.

Mag das Handy im Alltag seinen plappernden Platz erobert haben, wenn es in der Literatur auftritt, erregt es Unbehagen. Genau aus diesem Grund wohl hat es Ingo Schulze in seinem Erzählband «Handy» als literarisches Versatzstück eingeführt. Es sind Geschichten über das Unbehagen in einer scheinbar behaglichen Umgebung. Allerdings kommt nicht in jeder Geschichte ein Handy vor. Manchmal wird auch über ein alt-normales Telephon kommuniziert.

Gehandelt wird auf einer Datschen-Anlage im Berliner Umland, in einer schon seit Monaten renovierten Bauruine, in einem Friseurladen in Manhattan, in Kairo, in Umbrien usw. Einen Spannungshöhepunkt erlebt der Leser bei einer vergeblichen Jagd auf eine Maus.

Ein Meister des Banalen

Was bedeutet nun «in alter Manier», wie es der Untertitel suggeriert? Dass Schulze wie die Alten schreibt und man die Erzählungen, nachdem ein Teil der Literaturkritik Schulzes Prosa zu Weltliteratur erklärt hat, mit Tschechow oder Maupassant vergleichen darf? Dazu sollte man sich, des Autors zuliebe, besser nicht verführen lassen. Aber auch modernere Autoren wie Marcel Aymé («Ein Mann geht durch die Wand»), Italo Calvino («Heikle Idyllen») oder der in München geborene Amerikaner Denis Johnson («Jesus Sohn»), allesamt Erzähler von Alltags-Geschichten in «alter Manier», können nicht zum Vergleich herangezogen werden.

Warum? Weil Schulze einfach unvergleichlich ist, das bemerkt man schon bald. Er schreibt eine Literatur, die bei dem begeisterten Zuspruch, der ihm widerfährt, leicht Schule mit internationalem Anspruch machen könnte: eine Art «New East Banalism». Denn Schulze ist ein Meister des Banalen. Es gibt eine Literatur, die die Welt als kaputt und das Leben als elend darstellt – und trotzdem fasziniert und bereichert. Andererseits wird uns eine Literatur aufgedrängt, die in ihrer Belanglosigkeit krank macht. Es ist schon stark, was Schulze dem Leser an selbstgefälligen Nichtigkeiten, an simplen Storys, zumutet. So glanz- und witzlos, so flach über der Oberfläche, dabei so trivial-gefällig – das können und wollen nur wenige.

Der Rezensent, der die Geschichten ja nicht einfach via Papiertonne entsorgen darf, sondern sie bis zu Ende ertragen muss, möchte an dieser Stelle einmal um Mitleid bitten. 280 Seiten! Wenn in den Geschichten wenigstens soviel Licht wäre, wie zwischen den Zeilen des Drucksatzes! Aber nein, sie rinnen und laschen mit ihren blassen Ichs und gesichtslosen Magdas, Mareks und Marcos dahin. Ob sich der Autor einmal gefragt hat, ob das, was er für aufschreibenswert hält, lesenswert ist?

Die vollständige Rezension von Bernhard Windisch finden Sie unter Nürnberger Nachrichten

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