Handel der Gefühle von Leonardo Padura, 2004, Unionsverlag1.) - 2.)

Handel der Gefühle.
Roman von Leonardo Padura (2004, Unionsverlag).
Besprechung von Michaela Schmitz aus Rheinischer Merkur, 25.11.2004:

Endlich auf Deutsch: Leonardo Paduras zweiter Band seines Detektiv Epos „Havanna, Quartett“
Heiße Stürme über Kuba 
Einzig Krimis unterliegen im Castro Paradies nicht der Zensur. Deshalb ist das Genre ein beliebtes Mittel, die raue Wirklichkeit unverfälscht darzustellen.

Der gebürtige Kubaner Leonardo Padura ist in seiner Heimat als Journalist, der auch politisch unbequeme Themen aufgreift, bekannt. Seine Reportagen gehören zu den meistgelesenen. Als Autor hat er sich mit seinem Kriminalromanzyklus „Havanna-Quartett“ weit über die Insel hinaus einen Namen gemacht. Der zweite, 1994 erstmals publizierte Band ist jetzt auf Deutsch erschienen. „Handel der Gefühle“ ist nach „Ein perfektes Leben“ der „Frühling“ der nach Jahreszeiten geordneten vier Romane, die alle im kubanischen Wendejahr 1989 spielen. Padura wählt ganz bewusst das Format des Krimis, um an der Zensur vorbei seine Sicht über das Ende der Illusionen der kubanischen Revolutionsgesellschaft zu erzählen.

Oberstleutnant Mario El Conde ermittelt in einem Mordfall, bei dem illegale Devisengeschäfte und Drogenhandel im Spiel sind und der seine Kreise bis in höchste Gesellschaftsschichten zieht. Opfer ist eine junge, nur scheinbar vorbildliche Genossin: die Chemielehrerin Lissette Delgado. Die kriminalistischen Untersuchungen sind jedoch eher Nebensache. Im Zentrum der Erzählung steht die fiebrige Atmosphäre des politischen Umbruchs, der sich bis in die kleinsten Alltagsdinge hinein auswirkt. Durchgängiges Symbol dieses nahezu unerträglichen geistigen Klimas ist der apokalyptische Frühlingssturm, unter dessen Staub und Hitze das Atmen für alle zur Qual und die Ermittlungen für den Teniente zur Hölle werden.

Jenseits der Idylle

Der eigenwillige und sensible Mario El Conde, den die Untersuchungen quer durch alle Gesellschaftsschichten führen, nimmt dabei die Rolle des perfekten Beobachters ein. Er beschreibt die Auswirkungen der beginnenden ökonomischen und ideologischen Krise nicht polizeilich nüchtern, sondern höchst emotional. Denn der melancholische Polizist und sentimentale Erinnerungsfetischist, der lieber Schriftsteller geworden wäre, zeichnet sich durch eine ausgeprägte Neigung zur Poesie und zum Philosophieren aus. Teniente Condes Sprachstil ist dabei so kontrastreich wie sein Charakter. Mit seinen umgangssprachlich pointierten Dialogen und hochreflexiven inneren Monologen nimmt er die Tradition seines Großvaters Rufino auf, der ihm als lakonischer Dichter des Hahnenkampfes das Gespür für die überzeitlichen Dimensionen des Alltags vererbt hat.

Durch die präzisen und mit kräftigen Bildern untermalten Situationsanalysen El Condes entsteht ein facettenreiches Bild des sich verändernden Kubas jenseits der karibischen Idylle, zu der die heitermelancholischen Rhythmen des Buena Vista Social Club in der westlichen Rezeption geronnen sind. Die abblätternden Fassaden Havannas und deren verfallender Charme, die kubanischen Requisiten der Hahnenkampfplätze, zigarrenrauchgeschwängerten Cafés, Rum und Zuckerrohrpressen bilden nur die vordergründig idyllische Kulisse für eine tatsächlich immer stärker auseinander driftende Gesellschaft. Die Kluft zwischen den Reichen, die wie die Mutter der Ermordeten im Viertel Casino Deportivo im westlichen Überfluss leben, und den armen Bewohnern im Santo Suarez, die, wie Condes Freund Candito, der Rote, von der Produktion handgefertigter Sandalen leben, wird immer größer. Alles, was über das Lebensnotwendigste hinausgeht, fehlt. Der landestypische Rum wird rar, mit dem Conde und sein an den Rollstuhl gefesselter Freund Carlos regelmäßig ihren Weltschmerz ertränken. Die Zutaten für Mutter Josefinas madrilenischen Eintopf sind nur noch auf dem Schwarzmarkt zu besorgen. Sogar Kubas Luxus-Zigarren für Condes gutmütigen Vorgesetzten Mayor Antonio Rangel sind nicht mehr aufzutreiben. Und das Begräbnis von Marios Kollegen Capitán Jorrín findet fast ohne Blumen statt.

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Leseprobe I Buchbestellung 0505 LYRIKwelt © Rheinischer Merkur/Michaela Schmitz

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Handel der Gefühle von Leonardo Padura, 2004, Unionsverlag2.)

Handel der Gefühle.
Roman von Leonardo Padura (2004, Unionsverlag).
Besprechung von Michaela Grames aus Rezensionen-online *bn*:

Stimmungsvoller kubanischer Roman um einen Kriminalpolizisten im Havanna der späten 1980er Jahre. (DR)

Mario Conde ist 35 und Polizist in Havanna. Auf der Suche nach der Frau fürs Leben trifft er auf die sinnliche Karina, in die er sich Hals über Kopf verliebt. Gleichzeitig wird eine junge Lehrerin ermordet und Mario soll in einem Sumpf aus Drogen und Bestechung den Mörder finden. Leonardo Padura hat einen sehr stimmungsvollen Roman geschrieben, der - spannender Kriminalfall und emotionsgeladene Liebesgeschichte zugleich -, die LeserInnen in die schwüle Atmosphäre der kubanischen Hauptstadt eintauchen lässt. Im Mittelpunkt steht der tiefgründige Charakter eines Mannes Mitte Dreißig, der Bilanz zieht und erkennt, dass sein Leben nicht so geworden ist, wie er es sich einst erträumt hat, seine Wünsche auf der Strecke geblieben sind und der Alltag ihn zu ersticken droht. Der Autor stellt die Frage nach dem Sinn des Lebens, er versteht es, ohne je schwülstig zu werden, die traurigen Abgründe einer einsamen Seele auszuleuchten und bedient sich einer Sprache, die voller starker Bilder ist und die Phantasie der LeserInnen beflügelt. Gleichzeitig zeichnet Padura ein Sittenbild der Gesellschaft Havannas, übt feinsinnige Gesellschaftskritik und überlässt es seinem Publikum, ein Urteil zu fällen. Ein nahegehender Roman voller Atmosphäre, der Krimispannung und große Gefühle geschickt vereint und Lesekost bietet, die bis zuletzt nicht an Spannung verliert.

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