Handbuch für
Friedensstifter.
Gedichte von Robert
Lax (2002, Pendo-Verlag - Übertragung Alfred Kuoni).
Besprechung von Lutz Hagestedt in der Frankfurter Rundschau, 27.11.2002:
Lieber Hund
frisst liebe Katze
Kontemplativer Pazifismus: Zwei letzte Bände
mit Kolumnen-Gedichten von Robert Lax
Der Kontext ist von einsilbiger Art, denn Robert Lax, der unlängst verstorbene amerikanische Poet (1915-2000), war ein Minimalist, ein Dichter der Reduktion. Kein Gedichtband könnte dies anschaulicher zeigen als peacemaker's handbook, der zweite nachgelassene Band, den der Zürcher Pendo Verlag binnen zwei Jahren vorgelegt hat. Die Sätze in dieser Auswahl zerfallen in Worte, die Worte in Wörter und die Wörter in Silben, die dann schlanke Kolumnen bilden: "how / to / start / the / day / right".
So beginnt die erste Strophe des ersten Gedichts. Und die zweite lautet (ebenfalls senkrecht vorzustellen und zu lesen): "tips / from / the mas / ters". Und was empfehlen die Meister? Nichts, was einem Minimalisten nicht auch gefallen würde: "bleib // ei / ne // wei / le // im // bett // & // schau // an die // de / cke". Der größere oder kleinere Abstand zwischen den Zeilen (hier durch Schrägstriche angedeutet) signalisiert, ob an eine Silben-, Wort- oder Strophengrenze gedacht ist (wobei der Setzer bereits in der ersten Kolumne einen Fehler produziert hat). Leerzeilen, zwei Spiegelstriche oder ein Fragezeichen am Ende einer Kolumne bezeichnen die Textgrenzen.
Die schmalen Kolumnen lassen es zu, dass mehrere Strophen und ihre Übersetzungen im Paralleldruck erscheinen können, so dass die Lektüre eine kopfnickende ist. Die Verse sind als Frage-Antwort-Spiel ("Wie / ist / man / Kind? // Sei / du / selbst -") organisiert und erinnern mit ihren einfachen Wahrheiten an die fernöstliche Meditationskultur, der sich Robert Lax verpflichtet wusste. So lesen sich diese Texte wie Besinnungen auf Besinnliches, wie Formen sozialer Lyrik, die es gut meint und schon beim Aufruf zur Selbsterkenntnis damit anfängt: "know // thy / self". Somit ist auch hier kopfnickende und etwas eintönige Kenntnisnahme vonnöten, denn wer hat schon etwas gegen "ge / walt // frei / e // lö / sun / gen // für / all / tags / prob / le / me"?
Der Peacemaker in der Colt-Tradition kommt hier eindeutig zu kurz. Wesentlich spannender macht es da der zweite, moments - höhe / punkte genannte Gedichtband: "liebenswerter hund / frisst liebenswerte katze". Sekundentexte wie dieser, oft nur zwei Zeilen lang, umfassen eine ganze Welt, an Konfliktstoffen fehlt es hier nicht, und man fragt sich, wie dieser offenkundige Widerspruch zu erklären ist, hie der kontemplative Pazifismus, der als Geschenktext auf den Verkaufstischen der großen Warenhäuser ausliegen könnte, dort die formal wie inhaltlich farbigere und packendere Lakonik und Drakonik der Gedichte. Für die deutsche Übertragung ("Version") beider Bände zeichnet Alfred Kuoni verantwortlich, und Kuoni arbeitet nicht nur vorzüglich, sondern liefert bereits auch die erste Interpretation. An ihm also kann es nicht liegen. Vielleicht aber daran, dass es sich bei "peacemaker's handbook" um eine von Judith Emery besorgte Auswahl handelt, um eine vom Autor zwar autorisierte, aber nicht streng organisierte Komposition. Das war bei "moments" noch anders, und der Titel, von Kuoni mit höhe / punkte wiedergegeben, könnte angesichts der Kürze der hier versammelten 68 Texte auch "Eingebungen" bedeuten, und angesichts ihrer schwarzen Komik auch "Tiefpunkte": "weiss nicht, was ich ihm gesagt haben mag, / sagte das orakel, / aber er schien überhaupt nicht glücklich".
Das Gedicht ist komisch, weil man es vor dem Schema der Orakel-Anfragen und -Antworten lesen muss, und sein Witz liegt darin, dass es das Orakel selber zum Subjekt der Geschichte und zum Träger der Perspektive macht. Indem aber das Orakel nur die Folgen seines Tuns wahrnimmt, nicht aber sich selber versteht und daher auch nicht wissen kann, was die Trauer oder die Bestürzung beim Befrager ausgelöst hat, eröffnet Lax eine schlagend neue und einleuchtende Variante jener Rätsel und Mythen, die seit 2000 Jahren zum Kanon des Abendlandes gehören.
Die Kürze der Texte lenkt die Aufmerksamkeit des Lesers automatisch auf das Gemachte, auf die Sprache und ihren Hallraum. Die Leser, die mit beiden Versionen etwas anfangen können, der deutschen wie der amerikanischen, profitieren vom Spannungsfeld, das zwischen den Fassungen entsteht: "he wasn't very hot on crime, / but how he loved organization" (auf das verbrechen gab er nicht viel, / aber er liebte das organisieren).
Beide, das Original wie die Übersetzung, unterscheiden sich um Nuancen, wobei mir die deutsche Fassung fast besser gefällt, denn sie repräsentiert in nuce die Wortbildungsgeschichte der Fügung "Organisiertes Verbrechen": der vorangestellte Determinant ("organisiertes") und das Nomen ("Verbrechen") sind als feste Verbindung geläufig, fast so wie das - pardon - "Rote Kreuz"; ihre Auflösung erzeugt die Fallhöhe und ergibt den Witz. Alfred Kuonis Lösung, "das organisieren", erscheint so akzentuierter und zugleich vieldeutiger als das originale "the organization"; vor allem aber wird an diesem Beispiel sichtbar, in welch produktives Verhältnis Original und Übersetzung eintreten können, indem sie sich wechselseitig Farbe und Relief geben. Die deutschen Versionen sind dabei wie gute Interpretationen, die eine Perspektive anbieten und zu weiteren Interpretationen und alternativen Lösungen anregen.
Die "moments", die "höhe / punkte" des Bandes sind von sehr heterogener Natur, manche weiten sich zu kleinen Dialogen und Mini-Dramen aus, andere verkürzen sich zum Aphorismus, wieder andere tendieren zum Witz oder zur Kurzprosa. Nicht wenige Texte repräsentieren kleine Apokalypsen, und die besten umfassen in drei, vier Zeilen die ganze Schöpfungsgeschichte. So lässt sich die Welt umarmen: "O welt / ich kann dich nicht fest genug an mich drücken, / aber mein vetter Stanley kann's".
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