Hammerstein
oder der Eigensinn.
Eine deutsche Geschichte von Hans
Magnus Enzensberger (2008, Suhrkamp Verlag).
Besprechung von Erhard Schütz in freitag
04 vom 25.1.2008:
Legendärer Faulpelz
Magnus
Enzensberger hat das Leben Kurt von Hammersteins ziemlich trocken rekonstruiert
Warum dieses Buch kein Roman ist - unter dem
Titel erklärt H. M. Enzensberger, wie er bereits in den fünfziger Jahren mit
dem Stoff des Buchs in Kontakt geriet. Das bietet selbst Stoff zu einem weiteren
Buch - mit so unterschiedlichem Personal wie dem Schriftsteller und Abenteurer
Franz Jung, dem "Torpedokäfer", Ruth Fischer, Schwester von Hanns und
Gerhart Eisler, zusammen mit Arkadi Maslow verantwortlich für den zeitweilig
"ultralinken Kurs" der KPD, Walter Maria Guggenheimer, jüdischer
Emigrant und Lektor bei Suhrkamp, auch Alfred Andersch, damals Rundfunkredakteur
und Lehrmeister von Enzensberger.
Was hier schon verwirren kann, tut es erst recht in der Geschichte, die
Enzensberger nicht erzählt, sondern eher montiert. Deren Personal und dessen
Schicksale, zwischen Reichswehr und Kommunistischer Internationale, quer durch
die Lager der Weimarer Republik und des Dritten Reichs und selbst noch quer
durch Bundesrepublik und DDR, ist entschieden noch verworrener. Ein spannendes
Vexierspiel mehr denn ein gemütliches Panorama des deutschen 20. Jahrhunderts.
Beginnen wir mit General Kurt von Hammerstein-Equord, der den ehrenwerten, aber
für so viele leider nicht zutreffenden Leitspruch prägte: "Angst ist
keine Weltanschauung." Beginnen wir mit seiner Beerdigung 1943. Ursula von
Kardorff notierte in ihr Tagebuch, dass die Feier privat und unsentimental
gewesen sei, obgleich mit einem "Riesenkranz von Hitler". Die Familie
freilich hatte die daran hängenden Schleifen zuvor verschwinden lassen wie sie
es mit Hartnäckigkeit schaffte, die Hakenkreuzflagge vom Sarg fern zu halten.
"Er erzählte jedem, der es hören wollte, daß wir Rußland niemals
besiegen könnten, und sagte schon 1939 voraus, daß wir den Krieg verlieren
würden." So erinnerte sich von Kardorff an den, der aus seiner Verachtung
gegenüber dem Regime kein Hehl gemacht hat und darum auch 1934 schon in den
Ruhestand ging.
Hammerstein, Jahrgang 1878, aus altem Westfalenadel und seiner Prägung nach ein
Wilhelminer, seit 1915 ununterbrochen im Generalstab, bis er 1930 Chef der
Heeresleitung wurde, war 1918 zum getreuen Republikaner geworden, nicht eben
selbstverständlich für die Führung der Reichswehr. Auch sonst scheint er
recht außergewöhnlich. Alle Zeugnisse und Memoiren bescheinigen ihm Brillanz,
eine phänomenale Fähigkeit, aus größten Komplikationen schnell den Kern der
Lage zu erkennen. Noch mehr aber überbieten sie sich im Blick auf seine wohl
geradezu legendäre Faulheit. Geradezu exzessiv ging er lieber zur Jagd als an
den Schreibtisch. Und als er 1934 retirierte, gab er an, nunmehr Jagd und
Fischerei zu seinem Hauptberuf zu machen. Ein Nachbar soll gesagt haben, dann
ändere sich ja nichts gegenüber seinem bisherigen Leben. Der aristokratische
Militär als Lebemann des Marxschen Traums vom Kommunismus?
Die Jagdleidenschaft mag auch Flucht vor der unorthodoxen Haushaltsführung
seiner Frau, dem Lärmen seiner sieben Kinder und den finanziellen Nöten
gewesen sein. "Jagdeinladungen", so Tochter Helga, waren "die
einzige Möglichkeit, wegzukommen. Sonstige Reisen konnte er sich nicht
leisten." Viel mehr ist über ihn nicht zu sagen, außer, dass er während
der Weimarer Republik sich in der Sowjetunion umtat und enge und nach dem
Versailler Vertrag illegale Kontakte zwischen Reichswehr und Sowjetarmee
knüpfte. Seine Position: Man müsse die Kommunistische Internationale
bekämpfen, aber auch dem Russischen Reich als Machtfaktor Rechnung tragen.
Entschieden mehr als von diesem gewiss eigenwilligen Militär handelt das Buch
von seinen Kindern, deren Freunden und Partnern. Das sind nicht nur Biographien
des Eigensinns, sondern fast durchweg auch von Mut und Gesinnungsstärke. Vor
allem die Töchter. Die drei ältesten, Marie Luise, Maria Therese und Helga,
die mit jüdischen Kommunisten liiert und für die Komintern aktiv waren, unter
anderem indem sie die Akten des Vaters im Bendlerblock ausspionierten. Doch
damit gerieten sie auch in die stalinistische Paranoia. Helgas Partner zum
Beispiel, Leo Roth, als Informant und Organisator aktiv, wurde 1937 in Moskau
ermordet. Darauf wandte sie sich einem anthroposophisch geprägten Sozialismus
zu. Marie-Luise, mit Werner Scholem, dem kommunistischen Bruder von Gershom
befreundet, ging nach dem Krieg als Rechtsanwältin in die DDR, wo sie
beschnüffelt wurde und, so der "Auskunftsbericht" 1976,
"Verbindung zu Personenkreisen um Havemann und Biermann
unterhielt".
Maria Therese wiederum hatte gegen den Rat des befreundeten Carl Schmitt den
Sohn von Hans Paasche, der als "halbjüdischer" Pazifist von
Freikorpsleuten ermordet worden war, geheiratet. Einer der Trauzeugen war Klaus
Mehnert. Das Paar wanderte nach Palästina aus, kehrte wieder zurück und
emigrierte schließlich nach Japan. Zum Umfeld gehören aber noch mehr bewegte
oder zerbrochene Biographien, etwa Hans Kippenberger, Ruth von Meyenburg, aber
auch - wenig rühmlich - Wehner und Ulbricht. Die Söhne Hammersteins kommen
zwar etwas kürzer weg, deren Weg ist aber kaum weniger bemerkens- und mindest
ebenso achtenswert. Kunrat, der als Zehnjähriger noch jüdischen Bekannten ein
Hakenkreuz auf die Tür gemalt hatte, gehörte ebenso aktiv zum Widerstand des
20. Juli wie sein Bruder Ludwig.
Man kann hier nur eine Ahnung von den Abenteuern der Biographien geben, die
Enzensberger recherchiert und collagiert hat. Bewundernswerte Biographien des
Eigensinns, der Zivilcourage und des politischen Engagements wie Widerstands -
die Biographie der Mutter Maria, einer Geborenen von Lüttwitz, keinesfalls zu
vergessen! Man ist froh, dass es so etwas gab. Aber gerne hätte man auch
gewusst: Wie wird denn einer, wie wird man so? Dazu leider kein Wort und kein
Gedanke. Wie überhaupt Enzensbergers eigene Beiträge jenseits von Recherche
und Montage arg karg bleiben. Es gibt lexikalisch-trockene Referate, die
eingefügten "Totengespräche" wirken hölzern und von den bei ihm
früher funkelnden Aperçus und Sottisen keine Spur. Stattdessen statuarische
Kommentare, als kämen sie von Helmut Schmidt - manchmal treffend, oft ins
Leere. Gleichwohl liest sich durch die Reichhaltigkeit seiner Aspekte, durch die
Vielfalt der Facetten und die Bewegtheit der Schicksale darin das Buch
spannender als jeder Roman, vor allem als der, den Enzensberger aus guten
Gründen nicht hat schreiben wollen.
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