Hamit von Walter Kempowski, 2006, Knaus1.) - 3.)

Hamit.
Tagebuch von Walter Kempowski (2006, Knaus).
Besprechung von Wolfram Schütte aus dem titel-magazin, 13.04.2006:

“Wo ich mich zeige, liegt Mobbing in der Luft”
Während er als Autor des mehrbändigen "Echolots" ganz und gar hinter diese Montage von Stimmen zurücktrat, aus denen Walter Kempowski sein Requiem auf den 2.Weltkrieg komponierte, hat der Schriftsteller in seinen Tagebüchern die nahe und ferne Welt ganz und gar nur durch sein Temperament wandern lassen und intime Einblicke in seine Psyche und Befindlichkeit exponiert. Nun ist, nach "Sirius" und "Alkor", mit "Hamit" das dritte dieser öffentlichen Journale erschienen. Grund genug, auch einmal den Ort dieser solitären literarischen Arbeiten im Werk Kempowskis zu bestimmen.
Das Jahr 1990 hätte für Walter Kempowski ein Glücksjahr werden können: endlich konnte er seine Heimat Rostock wiedersehen; endlich war die verhasste “Ostzone”, die selbst ernannte DDR, an ihr staatliches Ende gekommen, endlich die “Mauer” gefallen, endlich Deutschland vor der Wiedervereinigung.
Endlich war eingetreten, was der Autor seiner “Deutschen Chronik”, mit der er in mehreren erfolgreichen Romanen seiner Familie und seiner Geburtsstadt ein Denkmal gesetzt hatte, das durch Eberhard Fechners TV-Adaptionen auch im anderen Teil Deutschlands wahrgenommen werden konnte, aufs Innigste gewünscht & erhofft hatte: keine innerdeutsche Grenze mehr.

“Dieses Jahr wird uns ein Wiedersehen mit der Heimat bringen”, schrieb er erwartungsvoll in sein Tagebuch am 1. Januar 1990, nicht ohne zugleich an seine achtjährige Haft in Bautzen zu denken. Drei Tage später wird er mit seinem Bruder Robert, “gute o­nkels aus dem Westen mit stark ausatmendem Gemüse und Apfelsinen im Kofferraum”, vom Grenzbeamten am “Antifaschistischen Schutzwall” in seinem Glaskasten “einigermaßen freundlich” durchgewunken, die fremd gewordene Heimat erstmals, seit er sie vor vierzig Jahren verlassen hatte (& in der BRD erst Volksschullehrer, dann Schriftsteller mit DDR-Einreiseverbot geworden war), wieder als freier Mensch besuchen können.

Was für ein unverhofftes Glück & was für eine schöne Erwartung! “Einsperren werden sie uns nicht”, hatte er noch ängstlich gemutmaßt, “aber vielleicht setzen sie Schläger auf uns an”.

Was für ein Irrtum! Wie der Prophet im Vaterlande, so gilt in diesem Fall auch der sehnsüchtige Heimat-Schriftsteller in der Heimat nichts: “Immer bin ich in Rostock gewesen, auch in den Jahren der Trennung. Ich habe die Stadt vor und zurück beschrieben, Fotos gesammelt, ja, ich bin sogar soweit gegangen, sie in Papier nachzubauen! Sehnsucht ist gar kein Ausdruck!” Aber als der Homer des bürgerlichen Rostocks zurückkehrt, erkennt man ihn nicht einmal, mehr noch: man anerkennt ihn als Rostocks literarischen Bewahrer erst recht nicht.

Aber dieser erste deprimierende Besuch in dem kariös heruntergekommenen Rostock (wo sich schon die fremdelnden Deutschen aus Ost & West beschnuppern und bejammern), dem andere in die Ex-DDR folgen werden, ist nur der Anfang einer Reihe von persönlichen Demütigungen, Hintansetzungen und Beleidigungen in der ehemaligen DDR, in der sich für ihn und sein verletztes Selbstwertgefühl fortsetzt, was ihm zuvor schon jahrelang in der Bundesrepublik widerfahren ist: Nur eine Randfigur im literarischen Betrieb, der öffentlichen Wahrnehmung in Presse und TV zu sein & scheel angeblickt, wenn nicht gar ignoriert zu werden, weil der ehemalige “Bautzen-Häftling” dem politischen “Wandel durch Annäherung“ als kommunistisches Opfer im Wege stand, der “betulich-gediegene” Chronist des hanseatischen Bürgertums literarisch nicht “avantgardistisch” genug gewesen sei und der penibel-kleinteilig rekonstruierende “Beschwörer des Imperfekts” (Th. Mann) für einen “affirmativen” Idylliker und humoristischen “Konservativen” gehalten wurde, an dem die Pauken & Trompeten der öffentlichen Anerkennung vorbeizogen, während die große Preis-Musik anderen galt: z.B. Grass und Walser, Christa Wolf und Heiner Müller, Uwe Johnson oder Max Frisch, Stephan Heym oder sogar Max von der Grün.

Angriff auf die literarische Existenz

Nun aber, als der Ex-DDRler Kempowski für das Fernsehen als Zeitzeuge “interessant” & “brauchbar” wird und der WDR mit Kempowski einen Film in & über Rostock vereinbart (die Dreharbeiten sind eine einzige Zumutung & Groteske in seinen Augen) und das holländische Fernsehen mit ihm einen besser gelungenen Film über Bautzen dreht (den keine westdeutsche Sendeanstalt zeigen wird!) - nun aber, als die literarische “Randfigur” ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit gerät, stellt gleich zum Jahresbeginn 1990 ein Journalist des “Stern” mit einem unsinnigen Plagiatsvorwurf Kempowskis gesamte literarische Existenz in Frage!

Zwar kommen ihm manche Kollegen und Kritiker zur Hilfe und weisen die ignoranten Vorwürfe zurück; aber noch am Jahresende bewegt Kempowski die Frage, wer der Denunziant gewesen war, warum er es getan und wer “etwas davon gehabt habe“.

Unbeantwortet bleiben diese Fragen. Aber das Wiedersehen mit der Heimat zu Jahresbeginn - was ist davon am Ende von 1990 geblieben? “Rostock und Bautzen ziehen nicht mehr, ich hab das ausgedacht“ - will sagen: denkerisch als autobiographisches Erleben literarisch ausgeschöpft & wider die realen Veränderungen oder Zerstörungen in Spracherinnerung bewahrt. “Heimat”, resümiert Kempowskis im Pluralis Majestatis, “können wir abhaken. Geblieben ist das Heimweh” (und das Eingedenken an die Toten: “die Swingboys von Warnemünde, das Abschiedswinken des
Vaters“).

Deshalb wohl auch nennt Walter Kempowski sein Tagebuch 1990 nicht “Heimat”, wie er sogleich anfangs überlegt, als ihm der gleichnamige Zarah-Leander-Film einfällt: “eine ziemlich kitschige Sache (...) Setzen wir”, fährt er fort, “ das Wort >Hamit< an die Stelle des abgegriffenen Wortes >Heimat<. >Hamit<, wie die Erzgebirgler sagen. Da fühlt man sich schon ganz anders!“

“Hamit” also. Es ist das dritte der persönlichen Tagebücher Walter Kempowskis - nach “Sirius”, das “Eine Art Tagebuch” hieß und das Jahr 1983 fixierte, und “Alkor”, dessen Zeitspanne (1989) dem jetzigen “Hamit” unmittelbar vorausging. Die Tagebücher erschienen 1990, 2001 und 2006: zuerst 6, dann 12 und nun 16 Jahre nach dem Jahr, als dessen Zeugnis im Leben des Autors sie gelten sollen.

Gelten sollen sage ich, weil im jetzigen “Hamit” (wie schon in “Alkor”) mehrfach die Editionsarbeit am “Sirius” erwähnt und hinzugesetzt wird: “Ausweitung zur Autobiografie“. Das soll heißen: keines der drei “Tagebücher” ist bloß eine Reproduktion oder Reduktion seiner jeweiligen Jahresaufzeichnungen, sondern jedes wurde nachträglich vom Autor aus- & aufgefüttert. (In “Hamit” wird jedem Tageseintrag ein sarkastisches Sprichwort aus verschiedenen deutschen Dialekten und dem Jiddischen vorangestellt). Es sind, wie nicht anders zu erwarten, drei literarische Kompositionen ad se ipsum nicht allein, sondern nach eigenen Wünschen & Vorstellungen zurechtfrisierte literarische Erscheinungsbilder des Autors: in seinem weitläufigen Haus in Nartum, unterwegs zu Lesungen, Lehraufträgen & Urlausbsreisen; bei der Arbeit, unter Besuchern, als TV-Zuschauer, allein oder in Begleitung, solitär & familiär. Die Tagebücher kreieren, wie ein Roman in Fortsetzungen, ein weitgehend identisches Ambiente von Personen, Tieren, Landschaften.

“Tagebücher sind meine Leidenschaft”

Man nimmt ja an (oder weiß man es gar?), dass z.B. Thomas Mann seine erst postum publizierten Tagebuchnotate zumindest auch im Bewusstsein verfasst hat, dass ihm dabei später “die Nachwelt” über die Schulter schauen würde. Umso selbstverständlicher ist der Silberblick zwischen Innerem Monolog und Äußerem Dialog, zwischen intimem Selbstgespräch und öffentlichem Bekenntnis bei einem Tagebuch der Fall, das ein Autor zu Lebzeiten publiziert.

“Tagebücher sind meine Leidenschaft, das muss ich sagen”, sagt Kempowski uns in “Hamit”, ohne das er das sagen müsste, weil doch das, was man als sein monumentales “Alterswerk” bezeichnen muss - das vielteilige “Kollektive Tagebuch” des “Echolots” - , auf der langjährigen Sammlung, Durchforstung und der Collage & Montage zahlloser Tagebücher, Aufzeichnungen und Notate beruht, mit denen er vor allem die unbekannten, namenlosen oder anonymen Zeugen der “deutschen Zeit” von 1933/45 zu einem imaginären Chor im kakophonischen Gespräch vereint. Er selbst ist nur als Schrift-Aufsteller aller anderen präsent, deren Zeugnisse er als literarisches Monumentalgemälde einer historischen menschlichen Welttragöde “inszeniert“

Methodisch erinnert Kempowskis (großflächige) Zitat-Montage des “Echolots” von Ferne an “Die letzten Tage der Menschheit” von Karl Kraus - jedoch ohne den szenisch zugespitzten satirischen Furor & die expressive Apokalyptik des Wiener Polemikers, der im Dialog von “Optimist” & “Nörgler“ ja auch noch selbst in seine Tragödie eingreift & sie kommentiert.

Es sieht nun aber ganz so aus, als habe der leidenschaftliche Sammler und Liebhaber von Tagebüchern seine persönlichen Glossa Continua, in der er “frisch von der Leber weg” die Gegenwart satirisch, polemisch und nicht zu vergessen: auch humoristisch temperamentvoll ins Visier nehmen kann, sich für sein Lieblingsgenre aufgehoben: seine “Tagebücher“.

Wenn der Autor Kempowski in seinem weitgespannten “Ahnen- & Enkeldienst” (Arno Schmidt) an der familiären und der deutschen Historie in seiner Qual verstummt, so gab sich der Mensch Kempowski in seinen “Tagebüchern” die Möglichkeit & den Auslauf, “zu sagen, was ich leide”: woran, wodurch, worüber & wie!

Tendiert das schriftstellerische Oeuvre (in der “Deutschen Chronik” & dem “Echolot” zur epischen Objektivität, in der das gestaltende Subjekt zuletzt als Person verschwindet, so tritt sie in den “Tagebüchern” in monumentaler & auch monomanischer Subjektivität hervor: statt Selbstverleugnung also “Selbstdarstellung”.

Das selbstpublizierte “Tagebuch” eines Schriftstellers ist aber von allen literarischen Genres das für den Autor als lebender Person nicht nur das riskanteste, sondern auch raffinierteste, in dem das “Enthüllen/Verbergen”, das Martin Walser für sein literarisch-fiktionalisiertes Schreiben als konstitutiv behauptet hat, unablässig unabdingbar sein müsste. Denn im selbst geöffneten “Tagebuch” hat es der Autor völlig in der Hand, sich darin so “intim” darzustellen, wie es ihm beliebt - so wie er gesehen, verstanden und vor allem von seinen Lesern geschätzt werden will. Einerseits “verspricht” er als Diarist, alle Kleider abzulegen, andererseits kann er sich dabei in Pose stellen, so dass er in seiner vorgeblichen “Nacktheit” doch alle seine Blößen wieder bedecken und auch noch eine bella figura machen kann.

Die Selbstentblößung eines Menschen

Das Erstaunliche, Bestürzende & Großartige an Walter Kempowskis drei Tagebüchern besteht darin, dass sie zwar auch Tagebücher eines Schriftstellers, aber ebenso Selbstentblößungen eines Menschen sind, der die große & kleine Welt, Politik und persönliche Befindlichkeit nicht als spitzzüngiger Intellektueller seziert oder als feinsinniger Essayist beharkt, sondern mit dem so genannten “gesunden Menschenverstand” betrachtet & beurteilt - jedoch mit dem “ungesunden” auch.

“Die deutsche Literaturgeschichte”, beginnt Kempowski auf seiner Website eine Hommage auf Christian Morgenstern, “besser gesagt, die Deutsche Dichtergalerie, weist bis in ihre neuesten Zeiten die sonderbarsten Individuen auf. Fast über jeden unserer großen Schriftsteller lässt sich Merkwürdiges sagen.(...) Bekanntlich ist jeder menschliche Charakter eine Abweichung von der Norm”.

Wie recht er doch hat. Es könnte aber sein, dass das Merkwürdige an dem sonderbaren Individuum, das uns Walter Kempowski in seinen “Tagebüchern” vor Augen stellt, ein Charakter ist, dessen Abweichung von der “Norm” denkbar gering ist - außer in einem: dass er sich in seinen “Tagebüchern” öffentlich eine schonungslose, tollkühne & -dreiste Rücksichtslosigkeit gegen alles & jedermann aus seinem näheren und ferneren Bekannten- & Sichtkreis erlaubt. Und (oder: aber!) am rücksichtslosesten ist er dabei gegen sich selbst, weil er aus seinem Herzen zwar keine “Mördergrube” macht, aber doch tief in seine Ressentiments, Vorurteile & Aggressionen, die darin kochen, blicken lässt und auch kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn ihm das beleidigte Herz voll davon ist und er sein “Tagebuch” damit füllt - vor allem darüber, dass man ihn und seine literarische Lebensleistung weder unter Literaten und Kollegen, noch auf der Universität und schon gar nicht in der Öffentlichkeit bemerkt: “Einen Moment dachte ich daran, vom 8. Stock des Warnow-Hotels” (in Rostock nach seiner ersten dortigen Lesung) “hinunterzuspringen. Dies war vielleicht ein letzter Versuch, so etwas ähnliches wie Anerkennung zu erzwingen. Über das Wort >Anerkennung< in meinem Lebenslauf müsste ich auch mal nachdenken”.

Dabei tut er es hier, mehr noch als früher, gleich mehrfach: Zu seinem Pädagogik-Seminar in der Universität Oldenburg bemerkt er: “Es fehlt mir das Faszinosum. Wenn ich den Raum betrete, reden die Leute einfach weiter. Kein Mensch dreht sich nach mir um. Dass ich Bücher geschrieben habe, davon wissen sie überhaupt nichts”. Im Speisewagen: “Immer diese Ängste, dass ich nicht bedient werde. Wo ich mich zeige, liegt Mobbing in der Luft”. Oder zum Fernsehen: “In den Fernsehanstalten sitzen zwar richtige Leute, aber nicht die richtigen. Wenn die meinen Namen hören, dann rutschen sie gleich unter den Schreibtisch. Warum bloß“? An einer Tankstelle trifft er den Fernsehansager Wilhelm Wieben, der “neuerdings viel Platt von sich gibt, vor alten Segelschiffen lässt er sich filmen, und dann liest er Düntjes vor. Er erzählte von Damen, die ihm Krawatten schenken. Ich kriege höchstens mal ein Glas Marmelade.“ Als sein Lektor Bittel ihm “besorgt” wegen des Umfangs des “Sirius” schreibt, moniert der Autor: “Man freut sich doch, ein dickes Buch geschrieben zu haben. Bittel hätte doch auch schreiben können :>Es ist fabelhaft, wie viel ihnen immerfort eingefallen ist, und es liest sich gut< oder so. Gelobt werden möchte doch ein jeder”.

Kurioses Subjekt statt Bella Figura

Nun ja, gelobt sein möchte ja vielleicht jeder gerne; aber muss er das auf Schritt & Tritt aller Welt sagen? Man wird sich als Leser gewiss fragen, warum Kempowski dergleichen Eitelkeiten, Mimosenhaftigkeiten & leichte Anflüge von Verfolgungswahn öffentlich notiert. Oder auch Neid & Gehässigkeitsanfälle, wenn er z.B. sich über das “öde, aber zeitgemäße Zeug” Max von der Grüns mokiert (“Die Urteilslosigkeit der Leute, warum sie dem Grün zuhören und weshalb sie ihn lesen, ist mir unverständlich“) & sich fragt, ob der auch schon den “Büchnerpreis” erhalten habe (und nicht Kempowski, darf man assoziieren). Wie man auch einen Rückbezug auf sich vermuten muss, wenn er vermerkt: “Der fleißige Karl Dedecius bekam in der Paulskirche den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Im Publikum Damen mit Hut”.

Das und manches andere wirft ja nicht unbedingt ein schmeichelhaftes Licht auf ihn und seinen Charakter. Warum hat er diese intimen Blößen nicht verdeckt, bzw. unterdrückt, sondern sie en masse geradezu ausgestellt? Eine “bella figura” macht er ja dadurch nicht.

Es gibt zwei Möglichkeiten: Er will sich, koste es, was es wolle, zum Schmerzensmann der deutschen Verhältnisse stilisieren, die allerwege von “den Linken” dominiert wurden & werden, denen er nun seine persönliche Abrechnung präsentiert. Oder er nimmt sich als lebendes, schreibendes, empfindendes, (nach)denkendes Subjekt W.K., das eine Geschichte hat, so wichtig, i.e. “ernst”, dass es für ihn zu einem sich selbst historisch gewordenen literarischen Gegenstand wird, den er mit allen Macken, Eitelkeiten, skurrilen Merkwürdigkeiten & Idiosynkrasien möglichst exakt & penibel in seinen Tagebüchern exponiert. Es trifft wohl beides zu. Statt einer schönen & guten Figur macht er aus sich eine kuriose Merkwürdigkeit, die jedoch sein trockener Humor oft ins Komische, Kauzige wendet, womit zuletzt die Kunst des Diaristen Kempowski über die exhibitionistische Offenbarung seiner weniger sympathischen Charakterseiten: triumphiert.

Denn das ist der Fall, wenn man alles in allem seine Ressentiments als in unserer Literatur <E m>einzigartige Dokumente eines ewig grantelnden Alltagsbewusstseins wahrnimmt und - von seinem deutschen Lieblingsfilmkomiker auf die Fährte gesetzt: als das Herummosern eines eigenbrötlerischen Charakters betrachtet.
Was nicht heißt, Kempowskis Bemerkungen zu “Geist & Zeit” unernst zu nehmen; aber (wie er sich selbst): auch nicht wieder zu ernst. Denn er hat ja nicht selten recht mit seinem Ärger oder Zorn z.B. über desinteressierte Studenten, opportunistische Schriftsteller & Politiker oder über die Unhöflichkeit zudringlicher Briefschreiber und die Arroganz selbstgefälliger “Medienfuzzis“ (K.H. Bohrer); aber bevor seine Stimme schrill wird, dämpft er sie herab und wo er in Gefahr gerät, triumphalistisch zu werden, zieht er ein schüchternes “Siehste!“ vor oder lässt es bei einem Kopfschütteln bewenden.

Ein “Papiertiger” beißt zu

Als er in Dresden über seine Haft in Bautzen gesprochen hatte, notiert er, ”stellte sich am Ende ein ehemaliger Kamerad vor mich hin und hielt den Leuten in elegantem Hochsächsisch einen Vortrag über Bautzen, wie schlimm das da gewesen sei, dem war ich wohl nicht scharf genug. Ich tendiere zur Milde, weil ich selbst auch nicht gern am Kragen gepackt werde. Hatten wir nicht viel Glück, alles in allem?” Dieses Changieren der Gefühlsskala beim Selbstporträtieren ist reinster Kempowski-Stil: sein literarisches Eigentum.

Mag er persönlich auch “ein sentimentaler Hund” sein, so ist er doch, wenn er über sich schreibt & sich als “Mensch, dem nichts Menschliches fremd ist” (Terenz) präsentiert, zugleich “ein zynischer Hund” - und keineswegs nur der brave bürgerliche Papiertiger, als der er von manchen unterschätzt wurde. Er kann auch zubeißen, knurrt aber lieber protestantisch.

So steckt “Hamit”, wie Goethe es von seiner Vaterstadt einmal sagte, “voller Merkwürdigkeiten”: persönlichen und zeitgeschichtlichen, ist ein immer aufs Neue geschütteltes Kaleidoskop von prägnanten Erfahrungen & blitzartig fixierten Beobachtungen unter Unsresgleichen im Jahre 0 der deutschen Wiedervereinigung - und ist neben dem historischen Dokument von Zeit & Mensch auch ein aufregendes, zum Kopfschütteln & -nicken, zum Nachdenken und zum Lachen verführendes Stück provozierender Schöner Literatur.

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Hamit von Walter Kempowski, 2006, Knaus2.)

Hamit.
Tagebuch von Walter Kempowski (2006, Knaus).
Besprechung von Rainer Moritz in Neue Zürcher Zeitung vom 26.04.2006:

Tägliches Duschen
Walter Kempowskis Tagebuch «Hamit»

Vor gut einem Jahr gelang es Walter Kempowski, sein einzigartiges «Echolot»-Projekt abzuschliessen, und spätestens dieses Ereignis war für viele, die Kempowski jahrelang als gemütlichen Unterhaltungsschriftsteller abtaten, Anlass genug, ihre oftmals ideologisch geprägten (Vor-)Urteile zu überdenken. Kempowski – das zeigt sich immer deutlicher – ist nicht nur ein exquisiter Arrangeur historischer Dokumente, dessen Aufklärertum wohl erst in Zukunft angemessen gewürdigt werden wird, sondern auch ein Romancier («Deutsche Chronik»; «Hundstage») und Tagebuchschreiber erster Güte.

Beobachtungen und Kommentare

«Hamit» (wie man im Erzgebirge für «Heimat» sagt) heisst sein neues Tagebuch, das an die Bände «Sirius» und «Alkor» anschliesst. Es umfasst die mitunter nachträglich ergänzten und durchgearbeiteten Aufzeichnungen von 1990 – einem für Deutschland wie für Walter Kempowski schicksalsträchtigen Jahr. Denn die Wiedervereinigung erlaubte es ihm, endlich seine Heimatstadt Rostock wieder zu besuchen und nach Bautzen zu fahren, wo er in den fünfziger Jahren lange Zeit inhaftiert war.

Tagebuchschreiben ist für Kempowski eine Selbstverständlichkeit, ein Sich-selbst-Begleiten, ohne das die Arbeit an anderen Werken undenkbar wäre. Ein Schriftsteller, der kein Tagebuch führe, komme ihm, so Kempowski, vor wie ein Schwimm-Weltmeister, der es ablehne, zu duschen. Kempowskis Vademecum folgt einem wiederkehrenden Strukturprinzip: Genaue Beobachtungen von Land und Leuten wechseln mit galligen Kommentierungen des Zeitgeschehens und von dessen Repräsentanten. Die Reflexionen aus seinem Provinzrefugium im schleswig-holsteinischen Nartum scheuen kein Thema: Sie gelten DDR-Zahnputzbechern, deren Giftanteil erörtert wird, oder den unsäglichen Plagiatsvorwürfen, die der «Stern» ihm seinerzeit machte; sie nehmen sich den Verleger Michael Krüger vor, der Kempowskis Weggang von Hanser nicht verkraftet habe, oder die lieben Kollegen, denen – wie Horst Bienek – schon einmal bescheinigt wird, «etwas dünn im Ganzen» zu sein. Nicht zuletzt kreisen Kempowskis zwischen Selbstmitleid und Selbstbewusstsein schwankende Betrachtungen um das leibliche Wohl: Spiegeleier erscheinen ihm als «einzige Rettung», Chicorée wird erbarmungslos als «Irrtum» der Natur verdammt.

Walter Kempowskis Tagebuch ist ein ungemein witziger Steinbruch scheinbar nebensächlicher Anmerkungen zu Gott und der Welt. Hier registriert ein überwacher Zeitgenosse fast alles, was ihm zugetragen wird, und diese Offenheit bringt es mit sich, dass Banalitäten und Kuriositäten («Autobahnen ohne Leitplanken: angenehm, wohltuend für das Auge») genauso scharf wie die Weltpolitik und die eigene Arbeit (etwa «Sirius» oder «Echolot») bedacht werden. Und dennoch ist dieses Tagebuch nicht das Zeugnis eines kauzigen Autors, der sich mit dem Zeitgeist nicht gemein macht. Immer wieder verrät es, wie Kempowski unter dem «Luftabschneiden aus ausserliterarischen Gründen» litt und wie wichtig es ihm gewesen wäre, «dazuzugehören». Ohne Umschweife notiert er das fehlende «Faszinosum» seines Auftretens und fühlt sich unentwegt übergangen, selbst im Speisewagen: «Immer diese Ängste, dass ich nicht bedient werde. Wo ich mich zeige, liegt Mobbing in der Luft.»

Existenzielle Tiefe

Die Genauigkeit, mit der Kempowski die Welt – nicht zuletzt in ihrer Vermittlung durch die Medien – registriert, bringt es mit sich, dass «Hamit» eine oft peinigende Erinnerung daran ist, was in der «alten» Bundesrepublik nach 1989 an Unsinn zur Wiedervereinigung und ihren Folgen gesagt wurde. Kempowski, der – wer traut sich, dergleichen zuzugeben? – «Ostzone» immer als passende Bezeichnung für die ihm verhasste DDR empfand, lässt sich weder von linken Nebelkerzenwerfern noch von rechten Schönrednern beeindrucken. Er versucht bei sich zu bleiben, auch wenn seine Anschauungen nicht auf Zustimmung stossen und die Ablehnung ihm das Gefühl gibt, wieder einmal als Fremdkörper im literarischen Leben angesehen zu werden.

Schwankungen des Selbstwertgefühls geben «Hamit» eine beeindruckende existenzielle Tiefe, und auch die sehnsuchtsvolle Hoffnung, 1990 im geliebten Rostock und bei sich selbst anzukommen, erweist sich – wie nicht anders zu erwarten – als Täuschung. «Heimat können wir abhaken. Geblieben ist das Heimweh» – so schliesst dieses famose Buch.

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Hamit von Walter Kempowski, 2006, Knaus3.)

Hamit.
Tagebuch von Walter Kempowski (2006, Knaus).
Besprechung von Franziska Nau im Münchner Merkur, 9.8.2006:

Bewegende Reise in die Heimat
Walter Kempowskis Tagebuch von 1990

"Hamit" - "Heimat". Dieses altmodische Wort beherrscht das Leben Walter Kempowskis im Jahr eins nach dem Mauerfall. 1990 kehrt er in seine Geburtsstadt Rostock zurück - eine langsame, quälende und zugleich tief bewegende Reise in die eigene Vergangenheit, zu verdrängten Schrecken und verloren geglaubten Gefühlen. Zurück an den Ort, an dem der Schriftsteller einst als junger Mann nach dem Krieg verhaftet und zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt wurde.

Mit dieser Annäherung an seine ganz eigene DDR-Geschichte verknüpft Kempowski die Annäherung der beiden deutschen Staaten - hin- und hergerissen zwischen Angst und Aufbruchsstimmung - und analysiert den politischen Eiertanz auf dem Parkett der Weltpolitik, begleitet von entmutigenden Zweifeln, ob die große Umwälzung der Wiedervereinigung von den "kleinen Leuten" überhaupt bewältigt werden kann.

Aber mit "Hamit", dem dritten Band seiner persönlichen Tagebücher nach "Sirius" und "Alkor", den Sternenbildern, schildert Kempowski nicht nur seine eigene Reise zu dem fernsten Stern seines Lebens, in die Heimat: Das Buch erscheint als Synonym für die Sehnsucht und Suche des Menschen nach seinen Wurzeln. An seinem Beispiel verdeutlicht Walter Kempowski, dass man vor seinen Erinnerungen nicht weglaufen kann. Irgendwann muss man sich ihnen stellen ebenso wie den Menschen, die man längst hinter sich glaubte.

Doch nicht nur das politische Klima in Deutschland zu Beginn der 90er-Jahre ruft Kempowski dem Leser von heute ins Gedächtnis zurück, sondern auch am "Stimmt, so war das damals"-Gefühl, an ganz banalen Alltagsgeschehnissen lässt der Autor den Leser teilhaben. Wenn er in bester Thomas-Mann-Manier seine täglichen Wehwehchen notiert, sich über das Mittagessen mokiert oder mit beißenden Worten seiner Kritiker gedenkt, bestätigt Kempowski zum wiederholten Mal seinen Ruf als großer deutscher Humorist, bei dem unter der Heiterkeit mehr Ernst liegt als bei manch vorgeblichem Humor. Kempowski zielt nicht auf Mitleid - das Wort Leid fehlt in seinem Bericht. Und er klagt nicht an, weil die Dinge selbst anklagen.

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