1.) - 3.)
Hamit.
Tagebuch von Walter
Kempowski (2006, Knaus).
Besprechung von Wolfram Schütte aus dem titel-magazin,
13.04.2006:
“Wo ich mich zeige, liegt Mobbing in
der Luft”
Während er als Autor des mehrbändigen "Echolots" ganz und gar hinter diese
Montage von Stimmen zurücktrat, aus denen Walter Kempowski sein Requiem auf
den 2.Weltkrieg komponierte, hat der Schriftsteller in seinen Tagebüchern
die nahe und ferne Welt ganz und gar nur durch sein Temperament wandern
lassen und intime Einblicke in seine Psyche und Befindlichkeit exponiert.
Nun ist, nach "Sirius" und "Alkor", mit "Hamit" das dritte dieser
öffentlichen Journale erschienen. Grund genug, auch einmal den Ort dieser
solitären literarischen Arbeiten im Werk Kempowskis zu bestimmen.
Das Jahr 1990 hätte für Walter Kempowski ein Glücksjahr
werden können: endlich konnte er seine Heimat Rostock wiedersehen;
endlich war die verhasste “Ostzone”, die selbst ernannte DDR, an
ihr staatliches Ende gekommen, endlich die “Mauer” gefallen,
endlich Deutschland vor der Wiedervereinigung.
Endlich war eingetreten, was der Autor seiner “Deutschen Chronik”, mit der
er in mehreren erfolgreichen Romanen seiner Familie und seiner Geburtsstadt
ein Denkmal gesetzt hatte, das durch Eberhard Fechners TV-Adaptionen auch im
anderen Teil Deutschlands wahrgenommen werden konnte, aufs Innigste
gewünscht & erhofft hatte: keine innerdeutsche Grenze mehr.
“Dieses Jahr wird uns ein Wiedersehen mit der Heimat bringen”, schrieb er
erwartungsvoll in sein Tagebuch am 1. Januar 1990, nicht ohne zugleich an
seine achtjährige Haft in Bautzen zu denken. Drei Tage später wird er mit
seinem Bruder Robert, “gute onkels aus dem Westen mit stark ausatmendem
Gemüse und Apfelsinen im Kofferraum”, vom Grenzbeamten am
“Antifaschistischen Schutzwall” in seinem Glaskasten “einigermaßen
freundlich” durchgewunken, die fremd gewordene Heimat erstmals, seit er sie
vor vierzig Jahren verlassen hatte (& in der BRD erst Volksschullehrer, dann
Schriftsteller mit DDR-Einreiseverbot geworden war), wieder als freier
Mensch besuchen können.
Was für ein unverhofftes Glück & was für eine schöne Erwartung! “Einsperren
werden sie uns nicht”, hatte er noch ängstlich gemutmaßt, “aber vielleicht
setzen sie Schläger auf uns an”.
Was für ein Irrtum! Wie der Prophet im Vaterlande, so gilt in diesem Fall
auch der sehnsüchtige Heimat-Schriftsteller in der Heimat nichts: “Immer bin
ich in Rostock gewesen, auch in den Jahren der Trennung. Ich habe die Stadt
vor und zurück beschrieben, Fotos gesammelt, ja, ich bin sogar soweit
gegangen, sie in Papier nachzubauen! Sehnsucht ist gar kein Ausdruck!” Aber
als der Homer des bürgerlichen Rostocks
zurückkehrt, erkennt man ihn nicht einmal, mehr noch: man anerkennt
ihn als Rostocks literarischen Bewahrer erst recht nicht.
Aber dieser erste deprimierende Besuch in dem kariös heruntergekommenen
Rostock (wo sich schon die fremdelnden Deutschen aus Ost & West beschnuppern
und bejammern), dem andere in die Ex-DDR folgen werden, ist nur der Anfang
einer Reihe von persönlichen Demütigungen, Hintansetzungen und Beleidigungen
in der ehemaligen DDR, in der sich für ihn und sein verletztes
Selbstwertgefühl fortsetzt, was ihm zuvor schon jahrelang in der
Bundesrepublik widerfahren ist: Nur eine Randfigur im literarischen Betrieb,
der öffentlichen Wahrnehmung in Presse und TV zu sein & scheel angeblickt,
wenn nicht gar ignoriert zu werden, weil der ehemalige “Bautzen-Häftling”
dem politischen “Wandel durch Annäherung“ als kommunistisches Opfer im Wege
stand, der “betulich-gediegene” Chronist des hanseatischen Bürgertums
literarisch nicht “avantgardistisch” genug gewesen sei und der
penibel-kleinteilig rekonstruierende “Beschwörer des Imperfekts” (Th.
Mann) für einen “affirmativen” Idylliker und humoristischen
“Konservativen” gehalten wurde, an dem die Pauken & Trompeten der
öffentlichen Anerkennung vorbeizogen, während die große Preis-Musik anderen
galt: z.B. Grass und
Walser,
Christa Wolf und
Heiner Müller,
Uwe Johnson oder
Max Frisch,
Stephan Heym oder sogar
Max von der Grün.
Angriff auf die literarische Existenz
Nun aber, als der Ex-DDRler Kempowski für das Fernsehen als Zeitzeuge
“interessant” & “brauchbar” wird und der WDR mit Kempowski einen Film in &
über Rostock vereinbart (die Dreharbeiten sind eine einzige Zumutung &
Groteske in seinen Augen) und das holländische Fernsehen mit ihm einen
besser gelungenen Film über Bautzen dreht (den keine westdeutsche
Sendeanstalt zeigen wird!) - nun aber, als die literarische “Randfigur” ins
Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit gerät, stellt gleich zum
Jahresbeginn 1990 ein Journalist des “Stern” mit einem unsinnigen
Plagiatsvorwurf Kempowskis gesamte literarische Existenz in Frage!
Zwar kommen ihm manche Kollegen und Kritiker zur Hilfe und weisen die
ignoranten Vorwürfe zurück; aber noch am Jahresende bewegt Kempowski die
Frage, wer der Denunziant gewesen war, warum er es getan und wer “etwas
davon gehabt habe“.
Unbeantwortet bleiben diese Fragen. Aber das Wiedersehen mit der Heimat zu
Jahresbeginn - was ist davon am Ende von 1990 geblieben? “Rostock und
Bautzen ziehen nicht mehr, ich hab das ausgedacht“ - will sagen: denkerisch
als autobiographisches Erleben literarisch ausgeschöpft & wider die realen
Veränderungen oder Zerstörungen in Spracherinnerung bewahrt. “Heimat”,
resümiert Kempowskis im Pluralis Majestatis, “können wir abhaken. Geblieben
ist das Heimweh” (und das Eingedenken an die Toten: “die Swingboys von
Warnemünde, das Abschiedswinken des
Vaters“).
Deshalb wohl auch nennt Walter Kempowski sein Tagebuch 1990 nicht “Heimat”,
wie er sogleich anfangs überlegt, als ihm der gleichnamige
Zarah-Leander-Film einfällt: “eine ziemlich kitschige Sache (...) Setzen
wir”, fährt er fort, “ das Wort >Hamit< an die Stelle des abgegriffenen
Wortes >Heimat<. >Hamit<, wie die Erzgebirgler sagen. Da fühlt man sich
schon ganz anders!“
“Hamit” also. Es ist das dritte der persönlichen Tagebücher Walter
Kempowskis - nach “Sirius”, das “Eine Art Tagebuch” hieß und das Jahr 1983
fixierte, und “Alkor”, dessen Zeitspanne (1989) dem jetzigen “Hamit”
unmittelbar vorausging. Die Tagebücher erschienen 1990, 2001 und 2006:
zuerst 6, dann 12 und nun 16 Jahre nach dem Jahr, als dessen Zeugnis im
Leben des Autors sie gelten sollen.
Gelten sollen sage ich, weil im jetzigen “Hamit” (wie schon in
“Alkor”) mehrfach die Editionsarbeit am “Sirius” erwähnt und hinzugesetzt
wird: “Ausweitung zur Autobiografie“. Das soll heißen: keines der drei
“Tagebücher” ist bloß eine Reproduktion oder Reduktion seiner jeweiligen
Jahresaufzeichnungen, sondern jedes wurde nachträglich vom Autor aus- &
aufgefüttert. (In “Hamit” wird jedem Tageseintrag ein sarkastisches
Sprichwort aus verschiedenen deutschen Dialekten und dem Jiddischen
vorangestellt). Es sind, wie nicht anders zu erwarten, drei literarische
Kompositionen ad se ipsum nicht allein, sondern nach eigenen Wünschen &
Vorstellungen zurechtfrisierte literarische Erscheinungsbilder des Autors:
in seinem weitläufigen Haus in Nartum, unterwegs zu Lesungen, Lehraufträgen
& Urlausbsreisen; bei der Arbeit, unter Besuchern, als TV-Zuschauer, allein
oder in Begleitung, solitär & familiär. Die Tagebücher kreieren, wie ein
Roman in Fortsetzungen, ein weitgehend identisches Ambiente von Personen,
Tieren, Landschaften.
“Tagebücher sind meine Leidenschaft”
Man nimmt ja an (oder weiß man es gar?), dass z.B.
Thomas Mann seine erst postum
publizierten Tagebuchnotate zumindest auch im Bewusstsein verfasst
hat, dass ihm dabei später “die Nachwelt” über die Schulter schauen würde.
Umso selbstverständlicher ist der Silberblick zwischen Innerem Monolog und
Äußerem Dialog, zwischen intimem Selbstgespräch und öffentlichem Bekenntnis
bei einem Tagebuch der Fall, das ein Autor zu Lebzeiten publiziert.
“Tagebücher sind meine Leidenschaft, das muss ich sagen”, sagt Kempowski uns
in “Hamit”, ohne das er das sagen müsste, weil doch das, was man als sein
monumentales “Alterswerk” bezeichnen muss - das vielteilige “Kollektive
Tagebuch” des “Echolots” - , auf der langjährigen Sammlung, Durchforstung
und der Collage & Montage zahlloser Tagebücher, Aufzeichnungen und Notate
beruht, mit denen er vor allem die unbekannten, namenlosen oder anonymen
Zeugen der “deutschen Zeit” von 1933/45 zu einem imaginären Chor im
kakophonischen Gespräch vereint. Er selbst ist nur als Schrift-Aufsteller
aller anderen präsent, deren Zeugnisse er als literarisches
Monumentalgemälde einer historischen menschlichen Welttragöde “inszeniert“
Methodisch erinnert Kempowskis (großflächige) Zitat-Montage
des “Echolots” von Ferne an “Die letzten Tage der Menschheit” von
Karl Kraus - jedoch ohne den szenisch
zugespitzten satirischen Furor & die expressive Apokalyptik des Wiener
Polemikers, der im Dialog von “Optimist” & “Nörgler“ ja auch noch selbst in
seine Tragödie eingreift & sie kommentiert.
Es sieht nun aber ganz so aus, als habe der leidenschaftliche Sammler und
Liebhaber von Tagebüchern seine persönlichen Glossa Continua, in
der er “frisch von der Leber weg” die Gegenwart satirisch, polemisch und
nicht zu vergessen: auch humoristisch temperamentvoll ins Visier nehmen
kann, sich für sein Lieblingsgenre aufgehoben: seine “Tagebücher“.
Wenn der Autor Kempowski in seinem weitgespannten “Ahnen- &
Enkeldienst” (Arno Schmidt) an der
familiären und der deutschen Historie in seiner Qual verstummt, so gab sich
der Mensch Kempowski in seinen “Tagebüchern” die Möglichkeit & den
Auslauf, “zu sagen, was ich leide”: woran, wodurch, worüber & wie!
Tendiert das schriftstellerische Oeuvre (in der “Deutschen Chronik” & dem
“Echolot” zur epischen Objektivität, in der das gestaltende Subjekt
zuletzt als Person verschwindet, so tritt sie in den “Tagebüchern” in
monumentaler & auch monomanischer Subjektivität hervor: statt
Selbstverleugnung also “Selbstdarstellung”.
Das selbstpublizierte “Tagebuch” eines Schriftstellers ist aber von allen
literarischen Genres das für den Autor als lebender Person nicht
nur das riskanteste, sondern auch raffinierteste, in dem
das “Enthüllen/Verbergen”, das Martin
Walser für sein literarisch-fiktionalisiertes Schreiben als konstitutiv
behauptet hat, unablässig unabdingbar sein müsste. Denn im selbst geöffneten
“Tagebuch” hat es der Autor völlig in der Hand, sich darin so “intim”
darzustellen, wie es ihm beliebt - so wie er gesehen, verstanden und vor
allem von seinen Lesern geschätzt werden will. Einerseits
“verspricht” er als Diarist, alle Kleider abzulegen, andererseits kann er
sich dabei in Pose stellen, so dass er in seiner vorgeblichen “Nacktheit”
doch alle seine Blößen wieder bedecken und auch noch eine bella figura
machen kann.
Die Selbstentblößung eines Menschen
Das Erstaunliche, Bestürzende & Großartige an Walter Kempowskis drei
Tagebüchern besteht darin, dass sie zwar auch Tagebücher eines
Schriftstellers, aber ebenso Selbstentblößungen eines
Menschen sind, der die große & kleine Welt, Politik und persönliche
Befindlichkeit nicht als spitzzüngiger Intellektueller seziert oder
als feinsinniger Essayist beharkt, sondern mit dem so genannten “gesunden
Menschenverstand” betrachtet & beurteilt - jedoch mit dem “ungesunden” auch.
“Die deutsche Literaturgeschichte”, beginnt Kempowski auf seiner Website
eine Hommage auf Christian Morgenstern,
“besser gesagt, die Deutsche Dichtergalerie, weist bis in ihre neuesten
Zeiten die sonderbarsten Individuen auf. Fast über jeden unserer großen
Schriftsteller lässt sich Merkwürdiges sagen.(...) Bekanntlich ist jeder
menschliche Charakter eine Abweichung von der Norm”.
Wie recht er doch hat. Es könnte aber sein, dass das Merkwürdige an dem
sonderbaren Individuum, das uns Walter Kempowski in seinen “Tagebüchern” vor
Augen stellt, ein Charakter ist, dessen Abweichung von der “Norm” denkbar
gering ist - außer in einem: dass er sich in seinen “Tagebüchern”
öffentlich eine schonungslose, tollkühne & -dreiste Rücksichtslosigkeit
gegen alles & jedermann aus seinem näheren und ferneren Bekannten- &
Sichtkreis erlaubt. Und (oder: aber!) am rücksichtslosesten ist er dabei
gegen sich selbst, weil er aus seinem Herzen zwar keine “Mördergrube” macht,
aber doch tief in seine Ressentiments, Vorurteile & Aggressionen, die darin
kochen, blicken lässt und auch kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn ihm das
beleidigte Herz voll davon ist und er sein “Tagebuch” damit füllt - vor
allem darüber, dass man ihn und seine literarische Lebensleistung weder
unter Literaten und Kollegen, noch auf der Universität und schon gar nicht
in der Öffentlichkeit bemerkt: “Einen Moment dachte ich daran, vom 8. Stock
des Warnow-Hotels” (in Rostock nach seiner ersten dortigen Lesung)
“hinunterzuspringen. Dies war vielleicht ein letzter Versuch, so etwas
ähnliches wie Anerkennung zu erzwingen. Über das Wort >Anerkennung< in
meinem Lebenslauf müsste ich auch mal nachdenken”.
Dabei tut er es hier, mehr noch als früher, gleich mehrfach: Zu seinem
Pädagogik-Seminar in der Universität Oldenburg bemerkt er: “Es fehlt mir das
Faszinosum. Wenn ich den Raum betrete, reden die Leute einfach weiter. Kein
Mensch dreht sich nach mir um. Dass ich Bücher geschrieben habe, davon
wissen sie überhaupt nichts”. Im Speisewagen: “Immer diese Ängste, dass ich
nicht bedient werde. Wo ich mich zeige, liegt Mobbing in der Luft”. Oder zum
Fernsehen: “In den Fernsehanstalten sitzen zwar richtige Leute, aber nicht
die richtigen. Wenn die meinen Namen hören, dann rutschen sie gleich unter
den Schreibtisch. Warum bloß“? An einer Tankstelle trifft er den
Fernsehansager Wilhelm Wieben, der “neuerdings viel Platt von sich gibt, vor
alten Segelschiffen lässt er sich filmen, und dann liest er Düntjes vor. Er
erzählte von Damen, die ihm Krawatten schenken. Ich kriege höchstens mal ein
Glas Marmelade.“ Als sein Lektor Bittel ihm “besorgt” wegen des Umfangs des
“Sirius” schreibt, moniert der Autor: “Man freut sich doch, ein dickes Buch
geschrieben zu haben. Bittel hätte doch auch schreiben können :>Es ist
fabelhaft, wie viel ihnen immerfort eingefallen ist, und es liest sich gut<
oder so. Gelobt werden möchte doch ein jeder”.
Kurioses Subjekt statt Bella Figura
Nun ja, gelobt sein möchte ja vielleicht jeder gerne; aber muss er das auf
Schritt & Tritt aller Welt sagen? Man wird sich als Leser gewiss fragen,
warum Kempowski dergleichen Eitelkeiten, Mimosenhaftigkeiten & leichte
Anflüge von Verfolgungswahn öffentlich notiert. Oder auch Neid &
Gehässigkeitsanfälle, wenn er z.B. sich über das “öde, aber zeitgemäße Zeug”
Max von der Grüns mokiert (“Die
Urteilslosigkeit der Leute, warum sie dem Grün zuhören und weshalb sie ihn
lesen, ist mir unverständlich“) & sich fragt, ob der auch schon den
“Büchnerpreis” erhalten habe (und nicht Kempowski, darf man assoziieren).
Wie man auch einen Rückbezug auf sich vermuten muss, wenn er vermerkt: “Der
fleißige Karl Dedecius bekam in der
Paulskirche den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Im Publikum Damen
mit Hut”.
Das und manches andere wirft ja nicht unbedingt ein schmeichelhaftes Licht
auf ihn und seinen Charakter. Warum hat er diese intimen Blößen nicht
verdeckt, bzw. unterdrückt, sondern sie en masse geradezu ausgestellt? Eine
“bella figura” macht er ja dadurch nicht.
Es gibt zwei Möglichkeiten: Er will sich, koste es, was es wolle, zum
Schmerzensmann der deutschen Verhältnisse stilisieren, die allerwege von
“den Linken” dominiert wurden & werden, denen er nun seine persönliche
Abrechnung präsentiert. Oder er nimmt sich als lebendes, schreibendes,
empfindendes, (nach)denkendes Subjekt W.K., das eine Geschichte hat, so
wichtig, i.e. “ernst”, dass es für ihn zu einem sich selbst historisch
gewordenen literarischen Gegenstand wird, den er mit allen Macken,
Eitelkeiten, skurrilen Merkwürdigkeiten & Idiosynkrasien möglichst exakt
& penibel in seinen Tagebüchern exponiert. Es trifft wohl beides zu.
Statt einer schönen & guten Figur macht er aus sich eine kuriose
Merkwürdigkeit, die jedoch sein trockener Humor oft ins Komische,
Kauzige wendet, womit zuletzt die Kunst des Diaristen Kempowski
über die exhibitionistische Offenbarung seiner weniger sympathischen
Charakterseiten: triumphiert.
Denn das ist der Fall, wenn man alles in allem seine Ressentiments als in
unserer Literatur <E m>einzigartige Dokumente eines ewig grantelnden
Alltagsbewusstseins wahrnimmt und - von seinem deutschen
Lieblingsfilmkomiker auf die Fährte gesetzt: als das Herummosern
eines eigenbrötlerischen Charakters betrachtet.
Was nicht heißt, Kempowskis Bemerkungen zu “Geist & Zeit” unernst zu nehmen;
aber (wie er sich selbst): auch nicht wieder zu ernst. Denn er hat ja nicht
selten recht mit seinem Ärger oder Zorn z.B. über desinteressierte
Studenten, opportunistische Schriftsteller & Politiker oder über die
Unhöflichkeit zudringlicher Briefschreiber und die Arroganz selbstgefälliger
“Medienfuzzis“ (K.H. Bohrer); aber bevor seine Stimme schrill wird, dämpft
er sie herab und wo er in Gefahr gerät, triumphalistisch zu werden, zieht er
ein schüchternes “Siehste!“ vor oder lässt es bei einem Kopfschütteln
bewenden.
Ein “Papiertiger” beißt zu
Als er in Dresden über seine Haft in Bautzen gesprochen hatte, notiert er,
”stellte sich am Ende ein ehemaliger Kamerad vor mich hin und hielt den
Leuten in elegantem Hochsächsisch einen Vortrag über Bautzen, wie schlimm
das da gewesen sei, dem war ich wohl nicht scharf genug. Ich tendiere zur
Milde, weil ich selbst auch nicht gern am Kragen gepackt werde. Hatten wir
nicht viel Glück, alles in allem?” Dieses Changieren der Gefühlsskala beim
Selbstporträtieren ist reinster Kempowski-Stil: sein literarisches
Eigentum.
Mag er persönlich auch “ein sentimentaler Hund” sein, so ist er doch, wenn
er über sich schreibt & sich als “Mensch, dem nichts Menschliches fremd ist”
(Terenz) präsentiert, zugleich “ein zynischer Hund” - und keineswegs nur der
brave bürgerliche Papiertiger, als der er von manchen unterschätzt wurde. Er
kann auch zubeißen, knurrt aber lieber protestantisch.
So steckt “Hamit”, wie Goethe es von
seiner Vaterstadt einmal sagte, “voller Merkwürdigkeiten”: persönlichen und
zeitgeschichtlichen, ist ein immer aufs Neue geschütteltes Kaleidoskop von
prägnanten Erfahrungen & blitzartig fixierten Beobachtungen unter
Unsresgleichen im Jahre 0 der deutschen Wiedervereinigung - und ist neben
dem historischen Dokument von Zeit & Mensch auch ein aufregendes, zum
Kopfschütteln & -nicken, zum Nachdenken und zum Lachen verführendes Stück
provozierender Schöner Literatur.
[...diese und
weitere Besprechungen finden Sie unter
]
***
2.)
Hamit.
Tagebuch von Walter
Kempowski (2006, Knaus).
Besprechung von Rainer
Moritz in Neue
Zürcher Zeitung vom 26.04.2006:
Tägliches Duschen
Walter Kempowskis Tagebuch «Hamit»
Vor gut einem Jahr gelang es Walter
Kempowski, sein einzigartiges «Echolot»-Projekt abzuschliessen, und spätestens
dieses Ereignis war für viele, die Kempowski jahrelang als gemütlichen
Unterhaltungsschriftsteller abtaten, Anlass genug, ihre oftmals ideologisch geprägten
(Vor-)Urteile zu überdenken. Kempowski – das zeigt sich immer deutlicher –
ist nicht nur ein exquisiter Arrangeur historischer Dokumente, dessen Aufklärertum
wohl erst in Zukunft angemessen gewürdigt werden wird, sondern auch ein
Romancier («Deutsche Chronik»; «Hundstage») und Tagebuchschreiber erster Güte.
Beobachtungen und Kommentare
«Hamit» (wie man im Erzgebirge für
«Heimat» sagt) heisst sein neues Tagebuch, das an die Bände «Sirius» und «Alkor»
anschliesst. Es umfasst die mitunter nachträglich ergänzten und
durchgearbeiteten Aufzeichnungen von 1990 – einem für Deutschland wie für
Walter Kempowski schicksalsträchtigen Jahr. Denn die Wiedervereinigung erlaubte
es ihm, endlich seine Heimatstadt Rostock wieder zu besuchen und nach Bautzen zu
fahren, wo er in den fünfziger Jahren lange Zeit inhaftiert war.
Tagebuchschreiben ist für Kempowski
eine Selbstverständlichkeit, ein Sich-selbst-Begleiten, ohne das die Arbeit an
anderen Werken undenkbar wäre. Ein Schriftsteller, der kein Tagebuch führe,
komme ihm, so Kempowski, vor wie ein Schwimm-Weltmeister, der es ablehne, zu
duschen. Kempowskis Vademecum folgt einem wiederkehrenden Strukturprinzip:
Genaue Beobachtungen von Land und Leuten wechseln mit galligen Kommentierungen
des Zeitgeschehens und von dessen Repräsentanten. Die Reflexionen aus seinem
Provinzrefugium im schleswig-holsteinischen Nartum scheuen kein Thema: Sie
gelten DDR-Zahnputzbechern, deren Giftanteil erörtert wird, oder den unsäglichen
Plagiatsvorwürfen, die der «Stern» ihm seinerzeit machte; sie nehmen sich den
Verleger Michael Krüger
vor, der Kempowskis Weggang von Hanser nicht verkraftet habe, oder die lieben
Kollegen, denen – wie Horst
Bienek – schon einmal bescheinigt wird, «etwas dünn im Ganzen» zu sein.
Nicht zuletzt kreisen Kempowskis zwischen Selbstmitleid und Selbstbewusstsein
schwankende Betrachtungen um das leibliche Wohl: Spiegeleier erscheinen ihm als
«einzige Rettung», Chicorée wird erbarmungslos als «Irrtum» der Natur
verdammt.
Walter Kempowskis Tagebuch ist ein
ungemein witziger Steinbruch scheinbar nebensächlicher Anmerkungen zu Gott und
der Welt. Hier registriert ein überwacher Zeitgenosse fast alles, was ihm
zugetragen wird, und diese Offenheit bringt es mit sich, dass Banalitäten und
Kuriositäten («Autobahnen ohne Leitplanken: angenehm, wohltuend für das Auge»)
genauso scharf wie die Weltpolitik und die eigene Arbeit (etwa «Sirius» oder
«Echolot») bedacht werden. Und dennoch ist dieses Tagebuch nicht das Zeugnis
eines kauzigen Autors, der sich mit dem Zeitgeist nicht gemein macht. Immer
wieder verrät es, wie Kempowski unter dem «Luftabschneiden aus
ausserliterarischen Gründen» litt und wie wichtig es ihm gewesen wäre, «dazuzugehören».
Ohne Umschweife notiert er das fehlende «Faszinosum» seines Auftretens und fühlt
sich unentwegt übergangen, selbst im Speisewagen: «Immer diese Ängste, dass
ich nicht bedient werde. Wo ich mich zeige, liegt Mobbing in der Luft.»
Existenzielle Tiefe
Die Genauigkeit, mit der Kempowski die
Welt – nicht zuletzt in ihrer Vermittlung durch die Medien – registriert,
bringt es mit sich, dass «Hamit» eine oft peinigende Erinnerung daran ist, was
in der «alten» Bundesrepublik nach 1989 an Unsinn zur Wiedervereinigung und
ihren Folgen gesagt wurde. Kempowski, der – wer traut sich, dergleichen
zuzugeben? – «Ostzone» immer als passende Bezeichnung für die ihm verhasste
DDR empfand, lässt sich weder von linken Nebelkerzenwerfern noch von rechten
Schönrednern beeindrucken. Er versucht bei sich zu bleiben, auch wenn seine
Anschauungen nicht auf Zustimmung stossen und die Ablehnung ihm das Gefühl
gibt, wieder einmal als Fremdkörper im literarischen Leben angesehen zu werden.
Schwankungen des Selbstwertgefühls
geben «Hamit» eine beeindruckende existenzielle Tiefe, und auch die
sehnsuchtsvolle Hoffnung, 1990 im geliebten Rostock und bei sich selbst
anzukommen, erweist sich – wie nicht anders zu erwarten – als Täuschung. «Heimat
können wir abhaken. Geblieben ist das Heimweh» – so schliesst dieses famose
Buch.
[...diese und weitere
Besprechungen finden Sie unter
]
Leseprobe
I Buchbestellung 0506
LYRIKwelt © NZZ
***
3.)
Hamit.
Tagebuch von Walter
Kempowski (2006, Knaus).
Besprechung von Franziska Nau im Münchner
Merkur, 9.8.2006:
Bewegende
Reise in die Heimat
Walter Kempowskis Tagebuch von 1990
"Hamit" - "Heimat". Dieses
altmodische Wort beherrscht das Leben Walter Kempowskis im Jahr eins nach dem
Mauerfall. 1990 kehrt er in seine Geburtsstadt Rostock zurück - eine langsame,
quälende und zugleich tief bewegende Reise in die eigene Vergangenheit, zu
verdrängten Schrecken und verloren geglaubten Gefühlen. Zurück an den Ort, an
dem der Schriftsteller einst als junger Mann nach dem Krieg verhaftet und zu
acht Jahren Zuchthaus verurteilt wurde.
Mit dieser Annäherung an seine ganz eigene
DDR-Geschichte verknüpft Kempowski die Annäherung der beiden deutschen Staaten
- hin- und hergerissen zwischen Angst und Aufbruchsstimmung - und analysiert den
politischen Eiertanz auf dem Parkett der Weltpolitik, begleitet von
entmutigenden Zweifeln, ob die große Umwälzung der Wiedervereinigung von den
"kleinen Leuten" überhaupt bewältigt werden kann.
Aber mit "Hamit", dem dritten Band seiner persönlichen Tagebücher
nach "Sirius" und "Alkor", den Sternenbildern, schildert
Kempowski nicht nur seine eigene Reise zu dem fernsten Stern seines Lebens, in
die Heimat: Das Buch erscheint als Synonym für die Sehnsucht und Suche des
Menschen nach seinen Wurzeln. An seinem Beispiel verdeutlicht Walter Kempowski,
dass man vor seinen Erinnerungen nicht weglaufen kann. Irgendwann muss man sich
ihnen stellen ebenso wie den Menschen, die man längst hinter sich glaubte.
Doch nicht nur das politische Klima in Deutschland zu Beginn der 90er-Jahre ruft
Kempowski dem Leser von heute ins Gedächtnis zurück, sondern auch am
"Stimmt, so war das damals"-Gefühl, an ganz banalen
Alltagsgeschehnissen lässt der Autor den Leser teilhaben. Wenn er in bester Thomas-Mann-Manier
seine täglichen Wehwehchen notiert, sich über das Mittagessen mokiert oder mit
beißenden Worten seiner Kritiker gedenkt, bestätigt Kempowski zum wiederholten
Mal seinen Ruf als großer deutscher Humorist, bei dem unter der Heiterkeit mehr
Ernst liegt als bei manch vorgeblichem Humor. Kempowski zielt nicht auf Mitleid
- das Wort Leid fehlt in seinem Bericht. Und er klagt nicht an, weil die Dinge
selbst anklagen.
[...diese und weitere
Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]
Leseprobe
I Buchbestellung 0806 LYRIKwelt © Münchner Merkur