aus:Hamburger Hochbahn von Ulf Erdmann Ziegler, 2007, Wallstein1.) - 2.)

Hamburger Hochbahn.
Roman von Ulf Erdmann Ziegler (2007, Wallstein).
Besprechung von Wend Kässens aus der Frankfurter Rundschau, 4.4.2007:

Vom Flüchten und vom Bleiben
Ulf Erdmann Zieglers Romandebüt "Hamburger Hochbahn" erzählt vom Erwachsenwerden eines selbststilisierten Taugenichts

Elise Katz und Thomas Schwarz, beide um die 40, auf dem Flug von Hamburg über New York nach St. Louis im Mittleren Westen der USA. Es ist Anfang Januar 2002. Sie folgt einer Einladung der dortigen Universität, und er begleitet sie. In der Universitätsgalerie soll sie, die aus Hamburg stammt und am berühmten Londoner Goldsmith's College ihr Kunststudium abgeschlossen hat, ein Ausstellungsprojekt vorbereiten und an der Kunst- und Architekturakademie für zwei Monate Nachwuchskünstler unterrichten. Im sechsten Stock der Dorchester Apartments am Skinker Boulevard bezieht das Paar Quartier.

Mit der Ankunft in St. Louis, im Dunstkreis der Ereignisse vom 11. September 2001, beginnt ein Romanerstling, der auf subtile Weise von der Ab- und Auflösung bürgerlicher Werte, Traditionen, konventioneller Raum- und Zeitvorstellungen erzählt und Einblicke gibt in die Dynamisierung, Individualisierung und Globalisierung des Lebens: Was auf den ersten Blick wie der Höhepunkt einer künstlerischen Karriere aussieht, ist nur die weitere Etappe einer Gratwanderung auf unsicherem Terrain zwischen Erfolg und Absturz.

Vibrierende Automotoren

Der Arbeitsaufenthalt in der amerikanischen Stadt, in den auch Thomas Schwarz als Architekt bald eingebunden wird, die Begegnungen, Gespräche und Erlebnisse bis zur Ausstellungseröffnung und zur Rückkehr, bilden die eine Ebene des Romans. Die andere, immer wieder dazwischen geschoben, konfrontiert den Leser mit früheren Lebensabschnitten von Thomas Schwarz, von ihm selbst erzählt. Sie kennzeichnet gleichsam den Weg, wie einer hineinwächst in eine Epoche des Wohlstands, des anything goes, der sich öffnenden Welt, zugleich aber auch der Vereinzelung und des Entscheidungsnotstands im Labyrinth der Möglichkeiten, der Konkurrenten und der Institutionen.

Dabei kommen auch zahlreiche Freunde, Liebschaften, Bekannte und Arbeitskollegen in den Blick, sie alle buchstäblich unterwegs, busy, zwischen Anpassung und Veränderungsbereitschaft, im Bemühen den eigenen Lebensweg möglichst erfolgreich zu behaupten. Bis in die 70er Jahre reicht das Spektrum der Beobachtung und Wahrnehmung zurück. Aber zentral für diese Einschübe aus der Vergangenheit sind der Herbst 1989 und das Jahr 1990.

In der Zeit des Mauerfalls und der Wiedervereinigung, zwischen Begrüßungsgeld und Aufbau Ost lernt Thomas Elise kennen. Er begegnet ihr in Hamburg bei der Präsentation der Entwürfe für den Neubau des Hamburger Kunstmuseums. Da ist Thomas Schwarz bereits 30 Jahre alt und ein nicht sehr glücklicher Zeichner im Architekturbüro von Benthien und Göckjohann, das wenig später in Leipzig eine Dependance eröffnet.

Thomas pendelt in jener Zeit zwischen Leipzig und Hamburg, wo er die Wochenenden bereits mit Elise verbringt. In den Dachgeschosszimmern ihrer Wohnung "vibrierten die Automotoren von der Straße her, wenn sie an der großen Kreuzung hielten und dann nacheinander in unterschiedlichen Lagen von Klang und Schwingung beschleunigten. An den Abenden kamen die Basstöne dazu, die hektischen Läufe von Hardrock und der minimierte Swing des frühen Rap, die Musiksorten sich überlappend, aus den Sechszylindergebrauchtwagen der Halbzufriedenen. Wenn man gegen ein Uhr nachts die Weite der Stadt erahnen konnte, ihr Rauschen, wurde auch dieses unterbrochen durch Fetzen von Unterhaltungsmusik…" Das hört man, das fühlt man, das sieht man vor Augen! Die lebendige Beschreibung wird zur Sprachmusik und zieht den Leser in den Text. Es ließen sich problemlos weitere Beispiele für die atmosphärische Dichte dieses Buches anführen.

Als "Generation, die nach der Revolte kam" hat Reinhard Mohr jene bezeichnet, die in der zweiten Hälfte der 50er, Anfang der 60er Jahre geboren wurden, und sie für ihre "qualifizierte Unauffälligkeit" und "intelligente Mittelmäßigkeit" gescholten. Darum geht es auch Ulf Erdmann Ziegler. Er ist, wie sein Held, Jahrgang 1959 und zeichnet den Prozess des Erwachsenwerdens einer Generation nach, die kaum noch an das anknüpfen kann, was dem Leben in der Vergangenheit Stabilität gab.

"Die Kleinstadtflüchtlinge suchen Ehren, die Daheimgebliebenen schlagen Wurzeln." Thomas Schwarz und sein Klassenkamerad und Studienfreund Claes Philip Osterkamp gehören zur ersten Kategorie. Die Etappen ihrer Suchbewegungen verlaufen eine Zeit lang parallel, bis sie sich im beruflichen Aufwind wieder aus den Augen verlieren. Man flieht die Elternhäuser, die erotischen Spiele und die Kleinstadt, die hier Lüneburg heißt; stürzt sich in Braunschweig ins Leben und ins Studium der Architektur, das man in seiner gestanzten Theorielastigkeit und Praxisferne mehr verlacht als betreibt; setzt die Aufhebung der Geschlechtertrennung im Wohnheim durch; und teilt sich auch schon mal die Lüneburger Freundin Isabella, was dann neun Monate für unklare Verhältnisse sorgt.

Surreale Dauerläufe

In Hamburg treffen sich die bürgerlichen Söhne Lüneburgs wieder. Isabellas Suche endet erfolgreich in der Person ihres Geburtshelfers, einem Dr. Bethgen. Auch Thomas überwindet die schwierige berufliche Anfangsphase. Fünf Jahre ist er bei Benthien und Göckjohann, mit dem Zeichnen des Interieurs von Vorstadthäusern befasst, als ihn Claes Philip, der nach dem abgebrochenen Studium einen erfolgreichen, satirisch gezeichneten Weg in die grüne Politik gefunden hat, für die Ideenkommission für die bauliche Zukunft der Stadt lanciert. Über die Zusammenarbeit mit dem Architekten des neuen Kunstmuseums Uwe Jens Niehuus ist es dann nur noch ein einziger Schritt, bis er die Position als Communication Director bei der Architektengemeinschaft CSS übernimmt.

Dieser Bildungs- und Erfolgsweg ist alles andere als gradlinig, und die Erzählungen aus dem Leben des selbststilisierten Taugenichts auf Karrieretrip loten - zum Vergnügen des Lesers - das Gefälle aus, das sich zwischen den Möglichkeiten sprachlicher Verkleidung und der Wirklichkeit auftut. In Lüneburg und auch in beruflichen Zusammenhängen kann Thomas damit reüssieren. Aber der Leser erfährt auch von den Kämpfen, den Albträumen, den Irritationen, den Anpassungszwängen, den hypertrophen Schmeicheleien und der kalten Ignoranz, die den Alltag und die surrealen beruflichen und privaten Dauerläufe bestimmen.

Und auch Elise, die in St. Louis um das Entstehen ihrer Kunst ringt, ist in diesem hochtourigen Lebens- und Arbeitsklima "zu einer Preußin des Kunstbetriebs geworden, ohne Statussymbole, kein Kokain, keine Gelage bis in den frühen Morgen. Wenn sie nach Hamburg zurückkam, war sie hohlwangig, bleich, getrieben".

Die St.-Louis-Kapitel, die Gegenwartsebene des Romans, sind durch einen Perspektivenwechsel auf Distanz gerückt. Dadurch kann der Leser sich der ernüchternden Tatsache bewusst werden, dass der gemeinsame Trip in die USA in der langjährigen Beziehung die Ausnahme darstellt, ein der erfolgreichen Arbeit von Thomas Schwarz geschuldeter (und deshalb genehmigter) Sonderurlaub. "So kam es, dass Tom Elise in all den Jahren, die sie sich kannten, zum ersten Mal bei jener Tätigkeit zusah, aus der ihr Ruf gewachsen war: mit leeren Händen zu kommen und ein Kunstwerk zurückzulassen."

Durch den Roman zieht sich eine verhaltene Ironie. Immer mal wieder gibt es Stippvisiten und Exkurse in Szenen und Debatten der Künste, der Wissenschaft, der Architektur, solche, hinter denen sich die Abgründe der Leere auftun, und solche, in denen ein ernsthaftes und existentielles Interesse zu spüren ist. Man kann die Stationen dieser sowohl selbst gewählten wie auch fremd bestimmten Lebensodyssee von Lüneburg über Hamburg nach St. Louis bis in die Straßen, Kneipen, Arbeitsplätze und Ateliers auf den Stadtplänen nachvollziehen.

Ähnlich genau beobachtet und beschrieben sind die Menschen. Ihr Tun und ihr Denken lässt Rückschlüsse auf die gesellschaftlichen und sozialen Strukturveränderungen und deren Auswirkungen zu. In dieser Hinsicht knüpft der Roman durchaus an das Buch Eigenes Leben. Ausflüge in die unbekannte Gesellschaft, in der wir leben an, das Ziegler 1995 mit Ulrich Beck und Wilhelm Vossenkuhl gemeinsam verfasst hat.

Ein paar Verknappungen an der einen oder anderen Stelle hätten dem Roman zwar gut getan. Auch gibt es gelegentlich einen verzeihlichen Hang zur Überorchestrierung und zum Insiderwitz. Und mancher Dialog wirkt etwas hölzern. Aber damit ist schon genug gekrittelt! Insgesamt hat Ulf Erdmann Ziegler, der zwar in Frankfurt lebt, aber Hamburg kennt wie seine Westentasche, einen anspruchsvollen, anspielungsreichen und offenbar autobiographisch gefärbten Roman geschrieben, der deutlich macht, dass die Hamburger Hochbahn auch durch Tunnel fährt.

Die Hamburger wissen es, ihre Hochbahn ist auch eine Untergrundbahn. Und in St. Louis, unmittelbar am Mississippi, steht nicht zufällig das Tor zur westlichen Welt, ein 192 m hoher Rundbogen aus Stahl, der Gateway Arch. Wer einmal hoch gefahren ist, wie Elise und Thomas, steht auf im Wind schwankendem Boden.

Von hier sieht man, dass die westliche Welt einige sehr schöne und lebenswerte Flecken hat - aber auch solche von größter Ödnis und Verkommenheit.

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aus:Hamburger Hochbahn von Ulf Erdmann Ziegler, 2007, Wallstein2.)

Hamburger Hochbahn.
Roman von Ulf Erdmann Ziegler (2007,Wallstein).
Besprechung von Martin Lüdke aus Die Zeit, 26.4.2007:

Leute, baut auf dieses Land!
Ulf Erdmann Zieglers erstaunlicher Roman »Hamburger Hochbahn« erzählt mal eine andere Geschichte der BRD.

Drei Mal hat er angefangen. »Ich, Thomas Schwarz, bin seit zehn oder elf Jahren Frühstücksdirektor bei&«
»Ich, Thomas, bin der Sohn eines Richters aus einer deutschen Kleinstadt&« Und dann: »Mein eigentliches
Vorbild ist ein unbekannter Architekt namens Bavendam.« Lebensläufe, um sich amerikanischen Studenten
vorzustellen. Versuche auch, weit weg von zu Hause, sich über sich klarer zu werden.
Das Pathos ist weggearbeitet, aber die Leidenschaft bleibt spürbar in jedem Augenblick. Die große Illusion
aller modernen Kunst, ins Leben einzugreifen, wird hier, noch einmal, wie als Abgesang beschworen. Der
Held glaubt: »Architekt wird man, wenn man zur Kunst keinen Mut hat und Physik auf Dauer zu anstrengend
findet.« Der Roman beschreibt aber den Versuch, das, was dazwischen liegt, auszuloten.
Der Anspruch ist hoch, der Einstieg nicht leicht. Deshalb sei gleich erwähnt, dass sich das Buch schon viele
Freunde gemacht hat; kaum ausgeliefert, schon schwärmte die Neue Zürcher Zeitung, sonst, bei der Jagd nach
Neuheiten, eher zurückhaltend, von einem »hinreißenden Début«. Im Frankfurter Literaturhaus, in dem sich
kürzlich der Debütant präsentierte, jubelte der Dichter und Büchner-Preisträger Durs Grünbein derartig
ungehemmt, dass selbst die Senioren im Publikum fast ausnahmslos einen Teil ihrer Rente opferten, um ein
signiertes Exemplar der Hamburger Hochbahn nach Hause zu tragen. Auf der Kritiker-Bestenliste des SWR
sprang Ziegler auf Anhieb an die Spitze. Dieser kleine Anschub mag helfen, die stilistischen Eigenheiten,
besonders auf den ersten Seiten, leichterzunehmen. Sprachwitz, glänzende, auch treffend böse
Formulierungen, eine umfangreiche Sammlung von Aphorismen bietet das Buch ebenso wie einige
Manierismen und erstaunliche Verstiegenheiten.
Aus der Kleinstadt Lüneburg, aus den ersten Freundschaften und den ersten Liebschaften, führt der Weg des
Helden bis in den mittleren Westen der USA, nach St. Louis, und immer wieder zurück, nach Lüneburg,
Hamburg und Leipzig. Die Perspektive ist ungewöhnlich. Wir sehen die Welt aus der Sicht eines Architekten.
Wobei wir, umgekehrt, aber auch sehen, wie sich diese Sichtweise entwickelt. Das heißt: Erst am Ende des
Romans schließt sich der Kreis. Der Anfang ist eingeholt.
Der Roman beginnt und endet im Jahre 2002 in St. Louis. Dort lehrt und arbeitet, im Rahmen einer
zweimonatigen Gastprofessur an der Washington University, die Hamburger (Installations)Künstlerin Elise
Katz. Elise ist dafür bekannt, mit leeren Händen zu kommen, wohin auch immer man sie einlädt. Bei ihrer
Abreise hinterlässt sie ein Kunstwerk, entstanden aus dem, was sie an Ort und Stelle vorgefunden hat. In St.
Louis soll sie nun aber auch lehren. Für eine Künstlerin, die schon aufgrund ihrer Herkunft den größten Wert
auf das Handwerkliche legt, keine ganz einfache Aufgabe. Erstmals ist sie nicht allein unterwegs. Thomas
Schwarz, nur noch Tom genannt, ihr Freund und Lebensgefährte, ein Architekt, begleitet sie. Für ihn ist es
eine Art Auszeit. Jahrelang hatte er als Detailzeichner gearbeitet (»Ich will nicht noch einmal zweieinhalb
Jahre Doppelhaustüren zeichnen«), einiges nebenher geschrieben, über Theorie und Geschichte der
Architektur, auch eine Monografie über einen der bekannteren deutschen Architekten der Gegenwart. Vor
zehn, elf Jahren wechselte er die Seiten, wurde »Frühstückskellner«, plante und entwarf nichts mehr, sondern
organisierte und verkaufte, was in einem großen, bekannten Hamburger Büro entworfen worden war. Er hat
gut verdient, glücklich ist er mit seiner Arbeit nicht geworden.
Während Elise nun in St. Louis mehr und mehr in ihrer Lagerhalle verschwindet, die sie sich als Atelier
angemietet hatte, gewinnt Tom immer mehr Zeit, über sich und seine Entwicklung nachzudenken, die
Hamburger Verhältnisse und seine Lüneburger Jugend, seine Vergangenheit und auch, weil ihm eine
Professur an der Washington University angeboten wird, über seine Zukunft.
Es geht um einen Zeitraum von etwa 25 Jahren. Geschichte löst sich in Geschichten auf, wobei nicht die
erzählten Episoden, sondern die Entwicklung, die sie bezeichnen, im Vordergrund stehen. Ziegler arbeitet mit
einer Art von dichter Beschreibung. Der politische Hintergrund, die gesellschaftlichen Brüche, werden auf
diese Weise selten thematisiert und sind dennoch stets präsent. Etwa derart, dass wir die Öffnung der
deutsch-deutschen Grenze regelrecht riechen können  an den penetranten Rauchschwaden von
Zweitaktmotoren vor dem Hamburger Rathaus.
Ziegler, als Publizist bekannt geworden, vor allem mit seinen Arbeiten über Fotografie, versteht, erstaunlich
für ein Debüt, Reflexion in Handlung umzusetzen. Ein Beispiel aus der Studienzeit: In Braunschweig studiert
Schwarz gemeinsam mit seinem ewigen Rivalen, späteren Freund und Weggefährten Claes Philip Osterkamp
(CPO) Architektur. Schwarz Vorbilder sind nicht die kühnen Erfinder und großen Fantasten des 20.
Jahrhunderts. »Mein eigentliches Vorbild ist ein unbekannter Architekt namens Bavendam. Er hat in meiner
Heimatstadt einige wunderschöne, gemauerte Bungalows gebaut, die weiß angestrichen sind.« Dieses
scheinbar pragmatisch verkürzte Verständnis von Architektur erklärt sich ihm richtig erst an der ländlichen
Architektur des amerikanischen Mittelwestens. Er nennt es »vernacular«, gleichsam bodenständig. Ziegler,
Jahrgang 1959, zählt zu einer Generation, die den großen Ideologien des vergangenen Jahrhunderts nicht mehr
auf den Leim gegangen ist. Sein Held versteht Architektur als Schaffung von Lebensräumen. Die beiden
Braunschweiger Studenten wollen sich deshalb auch eher als Baumeister begreifen. Theorie liegt ihnen fern.
Deshalb parodieren sie gern einen Lehrer, der für sie scheinbar abhebt. Doch durch die parodistische
Beschäftigung mit der Theorie merken sie plötzlich, dass da etwas dran ist.
Das Denken, das sie damit unwillkürlich aufgenommen haben, erhält auf einer Heimfahrt nach Lüneburg am
Schild eines ortsbekannten Getränkehandels seinen Namen: »Luhmann«. Es handelte sich tatsächlich um das
Geschäft der Eltern des berühmten Soziologen. So fügt sich der Verweis auf Luhmann zwanglos in den
Erzählfluss ein. Und Luhmanns Systemtheorie bleibt, kaum wahrnehmbar und ohne als Ballast zu wirken, in
der Konstruktion des Romans verborgen. Überhaupt protzt der Autor nicht mit seinen Kenntnissen, sondern er
setzt sie gezielt ein, um die Entwicklung seiner Figuren voranzutreiben. »Ich bin selbst angezogen von dem,
was man nicht versteht. Ich muß gar nicht unbedingt verstehen, um etwas gut zu finden«, sagt Elise, die
Künstlerin, einmal zu Schwarz und bezeichnet damit ihre Form einer materialen Reflexion, die in einer
diskursiven Beschreibung nicht aufgeht. Verblüffend überhaupt die erstaunliche Präzision im Detail, der,
wenn man genauer hinsieht, jeweils eine Funktion im Ganzen zukommt. Claes Philip, der Jugend- und
Studienfreund, hat unterdessen bei den Hamburger Grünen Karriere gemacht und verschafft auf diese Weise
Schwarz Zutritt zu einer Sphäre, die in den Demokratietheorien gar nicht vorgesehen ist, aber in der
Verfassungswirklichkeit eine enorme Rolle spielt. Die Gremien und Ausschüsse, in denen die politischen
Entscheidungen vorbereitet und oft auch umgesetzt, beziehungsweise durch umfängliche Beratung verzögert
und damit ausgesetzt werden. Die Stadtplaner, Architekten, Unternehmer und Politbürokraten, die Claes
Philip zusammengebracht hat, planen, so spottet Schwarz einmal, »die weitere Abschließung der Innenstadt
gegen die Autos ihrer Bewohner«.
Die Sitzungen sind mit dem Witz und der Schärfe beschrieben, die an den besten Walser der späten sechziger
Jahre erinnert. Die protokollartige Genauigkeit der Dialoge geht dabei ins Satirische über. Auf diese Weise
versichert sich Tom Schwarz an seinem großen Schreibtisch in St. Louis seiner Vergangenheit, aber nicht
linear, sondern in einer Reihe von gegenläufigen Bewegungen. Von der Gegenwart berichtet ein Erzähler in
Er-Form. Das heißt: Erst in der Rekonstruktion des Ichs, das Thomas Schwarz einmal war, entsteht die Figur,
die heute als Tom Schwarz, vor uns steht.
Ziegler beabsichtigt dabei nicht, eine Entwicklungsgeschichte der späten Bundesrepublik zu schreiben. Es
geht ihm auch nicht, in der Tradition von Updike oder Martin Walser, um eine Geschichtsschreibung des
Alltags. Auch wenn, natürlich, die Zeiten noch einmal aufleben, in denen, unter anderem auch dank der Pille,
Mädchen die Freiheit gewannen, ihre Partner zu wechseln und selbstständig darüber zu entscheiden, wann sie
mit wem was anstellen wollten. Zeiten, in denen die Studenten erstmals im eigenen Auto von zu Hause
losfuhren, um in einer Wohngemeinschaft anzukommen.
Zieglers Ehrgeiz reicht weiter. Er möchte am Beispiel seiner Hauptfiguren, Elise Katz, Claes Philip
Osterkamp und, vor allem, Thomas Schwarz, etwas beschreiben, was nur dadurch, dass es erzählt wird,
überhaupt konkret zu fassen ist: das Wechselverhältnis von Sozialisation und Individualisierung. Sichtbar
gemacht auch im Zusammenspiel von ästhetischer Erfahrung und - gegenständlicher - Reflexion. Mit und
durch Thomas Schwarz sehen wir, wie Tom Schwarz sehen lernte. Wir lernen, die Welt zu sehen, wie ein
Architekt sie sieht, der mit einer Künstlerin zusammenlebt.
Elise Katz war mit leeren Händen nach St. Louis gekommen. Am Ende lässt sie eine Installation zurück, die
das gelebte Leben zeigt: als Kunstwerk. Der Inhalt hat seine Form gefunden in diesem erstaunlichen Debüt, an
dem (fast) alles stimmt. Aber vielleicht muss man, um die Begeisterung zu teilen, es selbst auch klingeln
hören im Ohr bei solchen Worten wie »Ohio = Oh - hai! - Oh«. Vielleicht muss man spüren, wie sich
Hoffnung, Sehnsucht und Fernweh in einem großen Traum verbinden: Amerika. Ziegler zeigt, ohne jede
Verklärung, ein realistisches Bild dieses Landes, und - fantastisch zugleich - weshalb es zur Chiffre werden
konnte für eine bessere Welt.
Tom Schwarz und Elise Katz kehren am Ende nach Hamburg zurück, in eine ungewisse, offene Zukunft. Sie
hat ein Werk hinterlassen. Er hat eine Aufgabe bewältigt. Er ist sich klar darüber geworden, was er nicht will.
Und der Autor hofft sogar, dass es ihm bereits mit seinem ersten Roman gelingen könnte, einen Begriff (für
sein ästhetisches Programm) ins Deutsche einzuschmuggeln: »vernacular«, das Bodenständige, das er als
treibende Kraft unseres Lebens begreift. Nicht nur die Architekten, die unsere Lebensräume bauen, können
sich daran orientieren.

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