1.)
- 2.)
Hamburger
Hochbahn.
Roman von Ulf
Erdmann Ziegler (2007, Wallstein).
Besprechung von Wend Kässens aus der Frankfurter Rundschau, 4.4.2007:
Vom Flüchten und vom Bleiben
Ulf Erdmann Zieglers Romandebüt
"Hamburger Hochbahn" erzählt vom Erwachsenwerden eines
selbststilisierten Taugenichts
Vibrierende Automotoren
Der Arbeitsaufenthalt in der amerikanischen
Stadt, in den auch Thomas Schwarz als Architekt bald eingebunden wird, die
Begegnungen, Gespräche und Erlebnisse bis zur Ausstellungseröffnung und zur Rückkehr,
bilden die eine Ebene des Romans. Die andere, immer wieder dazwischen geschoben,
konfrontiert den Leser mit früheren Lebensabschnitten von Thomas Schwarz, von
ihm selbst erzählt. Sie kennzeichnet gleichsam den Weg, wie einer hineinwächst
in eine Epoche des Wohlstands, des anything goes, der sich öffnenden
Welt, zugleich aber auch der Vereinzelung und des Entscheidungsnotstands im
Labyrinth der Möglichkeiten, der Konkurrenten und der Institutionen.
Dabei kommen auch zahlreiche Freunde, Liebschaften, Bekannte und Arbeitskollegen
in den Blick, sie alle buchstäblich unterwegs, busy, zwischen Anpassung
und Veränderungsbereitschaft, im Bemühen den eigenen Lebensweg möglichst
erfolgreich zu behaupten. Bis in die 70er Jahre reicht das Spektrum der
Beobachtung und Wahrnehmung zurück. Aber zentral für diese Einschübe aus der
Vergangenheit sind der Herbst 1989 und das Jahr 1990.
In der Zeit des Mauerfalls und der Wiedervereinigung, zwischen Begrüßungsgeld
und Aufbau Ost lernt Thomas Elise kennen. Er begegnet ihr in Hamburg bei der Präsentation
der Entwürfe für den Neubau des Hamburger Kunstmuseums. Da ist Thomas Schwarz
bereits 30 Jahre alt und ein nicht sehr glücklicher Zeichner im Architekturbüro
von Benthien und Göckjohann, das wenig später in Leipzig eine Dependance eröffnet.
Thomas pendelt in jener Zeit zwischen Leipzig und Hamburg, wo er die Wochenenden
bereits mit Elise verbringt. In den Dachgeschosszimmern ihrer Wohnung
"vibrierten die Automotoren von der Straße her, wenn sie an der großen
Kreuzung hielten und dann nacheinander in unterschiedlichen Lagen von Klang und
Schwingung beschleunigten. An den Abenden kamen die Basstöne dazu, die
hektischen Läufe von Hardrock und der minimierte Swing des frühen Rap, die
Musiksorten sich überlappend, aus den Sechszylindergebrauchtwagen der
Halbzufriedenen. Wenn man gegen ein Uhr nachts die Weite der Stadt erahnen
konnte, ihr Rauschen, wurde auch dieses unterbrochen durch Fetzen von
Unterhaltungsmusik…" Das hört man, das fühlt man, das sieht man vor
Augen! Die lebendige Beschreibung wird zur Sprachmusik und zieht den Leser in
den Text. Es ließen sich problemlos weitere Beispiele für die atmosphärische
Dichte dieses Buches anführen.
Als "Generation, die nach der Revolte kam" hat Reinhard Mohr jene
bezeichnet, die in der zweiten Hälfte der 50er, Anfang der 60er Jahre geboren
wurden, und sie für ihre "qualifizierte Unauffälligkeit" und
"intelligente Mittelmäßigkeit" gescholten. Darum geht es auch Ulf
Erdmann Ziegler. Er ist, wie sein Held, Jahrgang 1959 und zeichnet den Prozess
des Erwachsenwerdens einer Generation nach, die kaum noch an das anknüpfen
kann, was dem Leben in der Vergangenheit Stabilität gab.
"Die Kleinstadtflüchtlinge suchen Ehren, die Daheimgebliebenen schlagen
Wurzeln." Thomas Schwarz und sein Klassenkamerad und Studienfreund Claes
Philip Osterkamp gehören zur ersten Kategorie. Die Etappen ihrer Suchbewegungen
verlaufen eine Zeit lang parallel, bis sie sich im beruflichen Aufwind wieder
aus den Augen verlieren. Man flieht die Elternhäuser, die erotischen Spiele und
die Kleinstadt, die hier Lüneburg heißt; stürzt sich in Braunschweig ins
Leben und ins Studium der Architektur, das man in seiner gestanzten
Theorielastigkeit und Praxisferne mehr verlacht als betreibt; setzt die
Aufhebung der Geschlechtertrennung im Wohnheim durch; und teilt sich auch schon
mal die Lüneburger Freundin Isabella, was dann neun Monate für unklare Verhältnisse
sorgt.
Surreale Dauerläufe
In Hamburg treffen sich die bürgerlichen Söhne Lüneburgs wieder. Isabellas Suche endet erfolgreich in der Person ihres Geburtshelfers, einem Dr. Bethgen. Auch Thomas überwindet die schwierige berufliche Anfangsphase. Fünf Jahre ist er bei Benthien und Göckjohann, mit dem Zeichnen des Interieurs von Vorstadthäusern befasst, als ihn Claes Philip, der nach dem abgebrochenen Studium einen erfolgreichen, satirisch gezeichneten Weg in die grüne Politik gefunden hat, für die Ideenkommission für die bauliche Zukunft der Stadt lanciert. Über die Zusammenarbeit mit dem Architekten des neuen Kunstmuseums Uwe Jens Niehuus ist es dann nur noch ein einziger Schritt, bis er die Position als Communication Director bei der Architektengemeinschaft CSS übernimmt.
Dieser Bildungs- und Erfolgsweg ist alles andere
als gradlinig, und die Erzählungen aus dem Leben des selbststilisierten
Taugenichts auf Karrieretrip loten - zum Vergnügen des Lesers - das Gefälle
aus, das sich zwischen den Möglichkeiten sprachlicher Verkleidung und der
Wirklichkeit auftut. In Lüneburg und auch in beruflichen Zusammenhängen kann
Thomas damit reüssieren. Aber der Leser erfährt auch von den Kämpfen, den
Albträumen, den Irritationen, den Anpassungszwängen, den hypertrophen
Schmeicheleien und der kalten Ignoranz, die den Alltag und die surrealen
beruflichen und privaten Dauerläufe bestimmen.
Und auch Elise, die in St. Louis um das Entstehen ihrer Kunst ringt, ist in
diesem hochtourigen Lebens- und Arbeitsklima "zu einer Preußin des
Kunstbetriebs geworden, ohne Statussymbole, kein Kokain, keine Gelage bis in den
frühen Morgen. Wenn sie nach Hamburg zurückkam, war sie hohlwangig, bleich,
getrieben".
Die St.-Louis-Kapitel, die Gegenwartsebene des Romans, sind durch einen
Perspektivenwechsel auf Distanz gerückt. Dadurch kann der Leser sich der ernüchternden
Tatsache bewusst werden, dass der gemeinsame Trip in die USA in der langjährigen
Beziehung die Ausnahme darstellt, ein der erfolgreichen Arbeit von Thomas
Schwarz geschuldeter (und deshalb genehmigter) Sonderurlaub. "So kam es,
dass Tom Elise in all den Jahren, die sie sich kannten, zum ersten Mal bei jener
Tätigkeit zusah, aus der ihr Ruf gewachsen war: mit leeren Händen zu kommen
und ein Kunstwerk zurückzulassen."
Durch den Roman zieht sich eine verhaltene Ironie. Immer mal wieder gibt es
Stippvisiten und Exkurse in Szenen und Debatten der Künste, der Wissenschaft,
der Architektur, solche, hinter denen sich die Abgründe der Leere auftun, und
solche, in denen ein ernsthaftes und existentielles Interesse zu spüren ist.
Man kann die Stationen dieser sowohl selbst gewählten wie auch fremd bestimmten
Lebensodyssee von Lüneburg über Hamburg nach St. Louis bis in die Straßen,
Kneipen, Arbeitsplätze und Ateliers auf den Stadtplänen nachvollziehen.
Ähnlich genau beobachtet und beschrieben sind die Menschen. Ihr Tun und ihr
Denken lässt Rückschlüsse auf die gesellschaftlichen und sozialen Strukturveränderungen
und deren Auswirkungen zu. In dieser Hinsicht knüpft der Roman durchaus an das
Buch Eigenes Leben. Ausflüge in die unbekannte Gesellschaft, in der wir
leben an, das Ziegler 1995 mit Ulrich Beck und Wilhelm Vossenkuhl gemeinsam
verfasst hat.
Ein paar Verknappungen an der einen oder anderen Stelle hätten dem Roman zwar
gut getan. Auch gibt es gelegentlich einen verzeihlichen Hang zur Überorchestrierung
und zum Insiderwitz. Und mancher Dialog wirkt etwas hölzern. Aber damit ist
schon genug gekrittelt! Insgesamt hat Ulf Erdmann Ziegler, der zwar in Frankfurt
lebt, aber Hamburg kennt wie seine Westentasche, einen anspruchsvollen,
anspielungsreichen und offenbar autobiographisch gefärbten Roman geschrieben,
der deutlich macht, dass die Hamburger Hochbahn auch durch Tunnel fährt.
Die Hamburger wissen es, ihre Hochbahn ist auch eine Untergrundbahn. Und in St.
Louis, unmittelbar am Mississippi, steht nicht zufällig das Tor zur westlichen
Welt, ein 192 m hoher Rundbogen aus Stahl, der Gateway Arch. Wer einmal hoch
gefahren ist, wie Elise und Thomas, steht auf im Wind schwankendem Boden.
Von hier sieht man, dass die westliche Welt einige sehr schöne und lebenswerte
Flecken hat - aber auch solche von größter Ödnis und Verkommenheit.
[...diese und weitere
Besprechungen finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung 0407 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Frankfurter Rundschau
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2.)
Hamburger
Hochbahn.
Roman von Ulf
Erdmann Ziegler (2007,Wallstein).
Besprechung von Martin Lüdke aus Die Zeit,
26.4.2007:
Leute, baut auf dieses Land!
Ulf Erdmann Zieglers erstaunlicher Roman
»Hamburger Hochbahn« erzählt mal eine andere Geschichte der BRD.
Drei Mal hat er angefangen. »Ich, Thomas
Schwarz, bin seit zehn oder elf Jahren Frühstücksdirektor bei&«
»Ich, Thomas, bin der Sohn eines Richters aus einer deutschen Kleinstadt&«
Und dann: »Mein eigentliches
Vorbild ist ein unbekannter Architekt namens Bavendam.« Lebensläufe, um sich
amerikanischen Studenten
vorzustellen. Versuche auch, weit weg von zu Hause, sich über sich klarer zu
werden.
Das Pathos ist weggearbeitet, aber die Leidenschaft bleibt spürbar in jedem
Augenblick. Die große Illusion
aller modernen Kunst, ins Leben einzugreifen, wird hier, noch einmal, wie als
Abgesang beschworen. Der
Held glaubt: »Architekt wird man, wenn man zur Kunst keinen Mut hat und Physik
auf Dauer zu anstrengend
findet.« Der Roman beschreibt aber den Versuch, das, was dazwischen liegt,
auszuloten.
Der Anspruch ist hoch, der Einstieg nicht leicht. Deshalb sei gleich erwähnt,
dass sich das Buch schon viele
Freunde gemacht hat; kaum ausgeliefert, schon schwärmte die Neue Zürcher
Zeitung, sonst, bei der Jagd nach
Neuheiten, eher zurückhaltend, von einem »hinreißenden Début«. Im
Frankfurter Literaturhaus, in dem sich
kürzlich der Debütant präsentierte, jubelte der Dichter und Büchner-Preisträger
Durs Grünbein
derartig
ungehemmt, dass selbst die Senioren im Publikum fast ausnahmslos einen Teil
ihrer Rente opferten, um ein
signiertes Exemplar der Hamburger Hochbahn nach Hause zu tragen. Auf der
Kritiker-Bestenliste des SWR
sprang Ziegler auf Anhieb an die Spitze. Dieser kleine Anschub mag helfen, die
stilistischen Eigenheiten,
besonders auf den ersten Seiten, leichterzunehmen. Sprachwitz, glänzende, auch
treffend böse
Formulierungen, eine umfangreiche Sammlung von Aphorismen bietet das Buch ebenso
wie einige
Manierismen und erstaunliche Verstiegenheiten.
Aus der Kleinstadt Lüneburg, aus den ersten Freundschaften und den ersten
Liebschaften, führt der Weg des
Helden bis in den mittleren Westen der USA, nach St. Louis, und immer wieder
zurück, nach Lüneburg,
Hamburg und Leipzig. Die Perspektive ist ungewöhnlich. Wir sehen die Welt aus
der Sicht eines Architekten.
Wobei wir, umgekehrt, aber auch sehen, wie sich diese Sichtweise entwickelt. Das
heißt: Erst am Ende des
Romans schließt sich der Kreis. Der Anfang ist eingeholt.
Der Roman beginnt und endet im Jahre 2002 in St. Louis. Dort lehrt und arbeitet,
im Rahmen einer
zweimonatigen Gastprofessur an der Washington University, die Hamburger (Installations)Künstlerin
Elise
Katz. Elise ist dafür bekannt, mit leeren Händen zu kommen, wohin auch immer
man sie einlädt. Bei ihrer
Abreise hinterlässt sie ein Kunstwerk, entstanden aus dem, was sie an Ort und
Stelle vorgefunden hat. In St.
Louis soll sie nun aber auch lehren. Für eine Künstlerin, die schon aufgrund
ihrer Herkunft den größten Wert
auf das Handwerkliche legt, keine ganz einfache Aufgabe. Erstmals ist sie nicht
allein unterwegs. Thomas
Schwarz, nur noch Tom genannt, ihr Freund und Lebensgefährte, ein Architekt,
begleitet sie. Für ihn ist es
eine Art Auszeit. Jahrelang hatte er als Detailzeichner gearbeitet (»Ich will
nicht noch einmal zweieinhalb
Jahre Doppelhaustüren zeichnen«), einiges nebenher geschrieben, über Theorie
und Geschichte der
Architektur, auch eine Monografie über einen der bekannteren deutschen
Architekten der Gegenwart. Vor
zehn, elf Jahren wechselte er die Seiten, wurde »Frühstückskellner«, plante
und entwarf nichts mehr, sondern
organisierte und verkaufte, was in einem großen, bekannten Hamburger Büro
entworfen worden war. Er hat
gut verdient, glücklich ist er mit seiner Arbeit nicht geworden.
Während Elise nun in St. Louis mehr und mehr in ihrer Lagerhalle verschwindet,
die sie sich als Atelier
angemietet hatte, gewinnt Tom immer mehr Zeit, über sich und seine Entwicklung
nachzudenken, die
Hamburger Verhältnisse und seine Lüneburger Jugend, seine Vergangenheit und
auch, weil ihm eine
Professur an der Washington University angeboten wird, über seine Zukunft.
Es geht um einen Zeitraum von etwa 25 Jahren. Geschichte löst sich in
Geschichten auf, wobei nicht die
erzählten Episoden, sondern die Entwicklung, die sie bezeichnen, im Vordergrund
stehen. Ziegler arbeitet mit
einer Art von dichter Beschreibung. Der politische Hintergrund, die
gesellschaftlichen Brüche, werden auf
diese Weise selten thematisiert und sind dennoch stets präsent. Etwa derart,
dass wir die Öffnung der
deutsch-deutschen Grenze regelrecht riechen können an den penetranten
Rauchschwaden von
Zweitaktmotoren vor dem Hamburger Rathaus.
Ziegler, als Publizist bekannt geworden, vor allem mit seinen Arbeiten über
Fotografie, versteht, erstaunlich
für ein Debüt, Reflexion in Handlung umzusetzen. Ein Beispiel aus der
Studienzeit: In Braunschweig studiert
Schwarz gemeinsam mit seinem ewigen Rivalen, späteren Freund und Weggefährten
Claes Philip Osterkamp
(CPO) Architektur. Schwarz Vorbilder sind nicht die kühnen Erfinder und
großen Fantasten des 20.
Jahrhunderts. »Mein eigentliches Vorbild ist ein unbekannter Architekt namens
Bavendam. Er hat in meiner
Heimatstadt einige wunderschöne, gemauerte Bungalows gebaut, die weiß
angestrichen sind.« Dieses
scheinbar pragmatisch verkürzte Verständnis von Architektur erklärt sich ihm
richtig erst an der ländlichen
Architektur des amerikanischen Mittelwestens. Er nennt es »vernacular«,
gleichsam bodenständig. Ziegler,
Jahrgang 1959, zählt zu einer Generation, die den großen Ideologien des
vergangenen Jahrhunderts nicht mehr
auf den Leim gegangen ist. Sein Held versteht Architektur als Schaffung von
Lebensräumen. Die beiden
Braunschweiger Studenten wollen sich deshalb auch eher als Baumeister begreifen.
Theorie liegt ihnen fern.
Deshalb parodieren sie gern einen Lehrer, der für sie scheinbar abhebt. Doch
durch die parodistische
Beschäftigung mit der Theorie merken sie plötzlich, dass da etwas dran ist.
Das Denken, das sie damit unwillkürlich aufgenommen haben, erhält auf einer
Heimfahrt nach Lüneburg am
Schild eines ortsbekannten Getränkehandels seinen Namen: »Luhmann«. Es
handelte sich tatsächlich um das
Geschäft der Eltern des berühmten Soziologen. So fügt sich der Verweis auf
Luhmann zwanglos in den
Erzählfluss ein. Und Luhmanns Systemtheorie bleibt, kaum wahrnehmbar und ohne
als Ballast zu wirken, in
der Konstruktion des Romans verborgen. Überhaupt protzt der Autor nicht mit
seinen Kenntnissen, sondern er
setzt sie gezielt ein, um die Entwicklung seiner Figuren voranzutreiben. »Ich
bin selbst angezogen von dem,
was man nicht versteht. Ich muß gar nicht unbedingt verstehen, um etwas gut zu
finden«, sagt Elise, die
Künstlerin, einmal zu Schwarz und bezeichnet damit ihre Form einer materialen
Reflexion, die in einer
diskursiven Beschreibung nicht aufgeht. Verblüffend überhaupt die erstaunliche
Präzision im Detail, der,
wenn man genauer hinsieht, jeweils eine Funktion im Ganzen zukommt. Claes
Philip, der Jugend- und
Studienfreund, hat unterdessen bei den Hamburger Grünen Karriere gemacht und
verschafft auf diese Weise
Schwarz Zutritt zu einer Sphäre, die in den Demokratietheorien gar nicht
vorgesehen ist, aber in der
Verfassungswirklichkeit eine enorme Rolle spielt. Die Gremien und Ausschüsse,
in denen die politischen
Entscheidungen vorbereitet und oft auch umgesetzt, beziehungsweise durch
umfängliche Beratung verzögert
und damit ausgesetzt werden. Die Stadtplaner, Architekten, Unternehmer und
Politbürokraten, die Claes
Philip zusammengebracht hat, planen, so spottet Schwarz einmal, »die weitere
Abschließung der Innenstadt
gegen die Autos ihrer Bewohner«.
Die Sitzungen sind mit dem Witz und der Schärfe beschrieben, die an den besten
Walser der späten sechziger
Jahre erinnert. Die protokollartige Genauigkeit der Dialoge geht dabei ins
Satirische über. Auf diese Weise
versichert sich Tom Schwarz an seinem großen Schreibtisch in St. Louis seiner
Vergangenheit, aber nicht
linear, sondern in einer Reihe von gegenläufigen Bewegungen. Von der Gegenwart
berichtet ein Erzähler in
Er-Form. Das heißt: Erst in der Rekonstruktion des Ichs, das Thomas Schwarz
einmal war, entsteht die Figur,
die heute als Tom Schwarz, vor uns steht.
Ziegler beabsichtigt dabei nicht, eine Entwicklungsgeschichte der späten
Bundesrepublik zu schreiben. Es
geht ihm auch nicht, in der Tradition von Updike oder Martin Walser, um eine
Geschichtsschreibung des
Alltags. Auch wenn, natürlich, die Zeiten noch einmal aufleben, in denen, unter
anderem auch dank der Pille,
Mädchen die Freiheit gewannen, ihre Partner zu wechseln und selbstständig
darüber zu entscheiden, wann sie
mit wem was anstellen wollten. Zeiten, in denen die Studenten erstmals im
eigenen Auto von zu Hause
losfuhren, um in einer Wohngemeinschaft anzukommen.
Zieglers Ehrgeiz reicht weiter. Er möchte am Beispiel seiner Hauptfiguren,
Elise Katz, Claes Philip
Osterkamp und, vor allem, Thomas Schwarz, etwas beschreiben, was nur dadurch,
dass es erzählt wird,
überhaupt konkret zu fassen ist: das Wechselverhältnis von Sozialisation und
Individualisierung. Sichtbar
gemacht auch im Zusammenspiel von ästhetischer Erfahrung und -
gegenständlicher - Reflexion. Mit und
durch Thomas Schwarz sehen wir, wie Tom Schwarz sehen lernte. Wir lernen, die
Welt zu sehen, wie ein
Architekt sie sieht, der mit einer Künstlerin zusammenlebt.
Elise Katz war mit leeren Händen nach St. Louis gekommen. Am Ende lässt sie
eine Installation zurück, die
das gelebte Leben zeigt: als Kunstwerk. Der Inhalt hat seine Form gefunden in
diesem erstaunlichen Debüt, an
dem (fast) alles stimmt. Aber vielleicht muss man, um die Begeisterung zu
teilen, es selbst auch klingeln
hören im Ohr bei solchen Worten wie »Ohio = Oh - hai! - Oh«. Vielleicht muss
man spüren, wie sich
Hoffnung, Sehnsucht und Fernweh in einem großen Traum verbinden: Amerika.
Ziegler zeigt, ohne jede
Verklärung, ein realistisches Bild dieses Landes, und - fantastisch zugleich -
weshalb es zur Chiffre werden
konnte für eine bessere Welt.
Tom Schwarz und Elise Katz kehren am Ende nach Hamburg zurück, in eine
ungewisse, offene Zukunft. Sie
hat ein Werk hinterlassen. Er hat eine Aufgabe bewältigt. Er ist sich klar
darüber geworden, was er nicht will.
Und der Autor hofft sogar, dass es ihm bereits mit seinem ersten Roman gelingen
könnte, einen Begriff (für
sein ästhetisches Programm) ins Deutsche einzuschmuggeln: »vernacular«, das
Bodenständige, das er als
treibende Kraft unseres Lebens begreift. Nicht nur die Architekten, die unsere
Lebensräume bauen, können
sich daran orientieren.
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