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1.) - 4.)
Halbschwimmer.
Erzählung von Katja
Oskamp (2003, Ammann).
Besprechung von Hans-Joachim
Neubauer in Rheinischer
Merkur vom 9.10.2003:
Das Buch kommt zurückhaltend daher, auf eine freundliche Art diskret. Das fängt damit an, dass eine Genrebezeichnung fehlt. „Dies ist kein Roman“, scheint das zu bedeuten. Und vielleicht stimmt das auch. So weist am Ende des Bandes ein Inhaltsverzeichnis auf die einzelnen Erzählungen hin. Sie tragen Titel wie „Rolf und Mucki“ oder „Der Brief“, und jede von ihnen lässt sich unabhängig von den anderen lesen. Dennoch zeigt sich bald, dass sie zusammenhängen wie die verschiedenen Kapitel eines Lebens.
Sie erzählen die Geschichte des Mädchens Tanja, sie berichten von ihrem Heranwachsen, von den Eltern und Großeltern, von der ersten Liebe und von der zweiten, von der Arbeit, von den Freunden. So gesehen wäre dieses Buch ein ganz normales und eben das, was allzu oft und allzu salopp als Zeitroman verkauft wird. Doch „Halbschwimmer“ ist alles andere als salopp oder normal. Das liegt an den Geschichten dieses Buches, kleine, scharf pointierte Begebenheiten, in denen jedes mitgeteilte Detail Bedeutung für das Geschehen erhält.
Hier ist nichts gekünstelt, hier wird nichts aus reiner Lust am Kolorit gesagt. Umso kräftiger wirken die sorgfältig gesetzten Details: „Die Milch tropfte auf die Straße, ein Rinnsal zwischen Pflastersteinen“, sieht das Kind, dessen geliebter Großvater soeben gestorben ist. Die Erzählerin Oskamp versteht sich auf die seltene Kunst des Weglassens.
So kreist jede Geschichte um einen szenischen, plastisch vorgestellten Kern. Was erzählt wird, dient nicht einer Behauptung, einer These, einem diskursiven Substrat, sondern entwickelt sich aus der Begegnung der Personen, aus einem genauen Blick auf die Interieurs, die Gerüche, die Geräusche.
So kommt es, dass alles ganz nah, ganz wirklich erscheint. Kein Wort ist überflüssig, alles wirkt geschmeidig, zupackend, wirklichkeitsnah. Wer so erzählen kann, kann erzählen, was er will. Der darf auch schreiben: „Eigentlich waren es immer nur zwei Dinge, vor denen Nina und ich kapitulierten: Das Große und das Ganze.“
Oskamp folgt ihrer Tanja auf dem Weg durch die Jahre der Kindheit und der Jugend. „Manchmal freut er sich einfach so über mich“, sagt Tanja über den Nachbarn mit den pädophilen Neigungen: „Dann nimmt Onkel Rolf meinen Kopf in seine Hände und zerstrubbelt Haare und Ohren und alles.“ Aber Tanja mag ihn, mit seiner fettigen Haut, seinen großen Poren, wie überhaupt ältere Männer lange ihre Träume und Gefühle bestimmen, bevor sie auch das überwindet, hinter sich lässt. Je länger man Tanja folgt, desto lieber hat man teil an ihr, an ihrem fröhlichen, traurigen, bockigen Blick auf die Welt. Weil man nie mehr erfährt als das, was Tanja weiß, spürt man ihre Lebendigkeit in jedem Satz.
Am Ende kommt Tanja nach Jahren wieder mit ihrem Vater zusammen, einem rigiden, ernsten und unsympathischen Ex-DDR-Offizier. Doch die Begegnung wird zum unheimlichen Renkontre mit einem Gespenst. Die Szene spielt auf der Beerdigung von Tanjas erster Liebe. Mit gesenktem Blick folgt die trauernde Frau dem Sarg ihres früheren Geliebten.
Dann tauchen Schuhe auf in ihrem Gesichtsfeld: „Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass in den Schuhen hell bestrumpfte Füße stecken; die dunkelgrünen Hosen mit der Bügelfalte sind ein bisschen zu kurz. Ich kenne den Gang.“ Zu einem Kontakt zwischen den beiden kommt es nicht; schweigend gehen sie nebeneinander her, wortlos trennen sie sich. Nicht die Ursachen sind das Metier des Schriftstellers, sondern die Wirkungen. Alles, was wir sehen, steht im Horizont von Tanjas Erfahrungen. Deswegen auch ist dieses lebendige, subjektive Buch über die achtziger Jahre der DDR, die neunziger im vereinten Deutschland ein politisches. Die große Kunst der Katja Oskamp ist das Zeigen, nicht das Sagen. Hoffentlich wird sie weiter schreiben.
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2.)
Halbschwimmer.
Erzählung von Katja
Oskamp (2003, Ammann).
Besprechung von Sibylle
Birrer in Neue
Züricher Zeitung vom 14.01.2004:
Leichtes aus dem
Zwischenland
Das bemerkenswerte Erzähldébut
von Katja Oskamp
«Fräuleinwunder»: So lautete Ende der neunziger Jahre das Unwort des deutschsprachigen Feuilletons. Als schlechter Scherz für ein beeindruckendes Phänomen hielt es sich in der Folge bestens. Unvermittelt, so schien es, hatte sich eine neue Generation junger Autorinnen zu Wort gemeldet. Ihre Texte, zumeist Erzählungen im Gegenwartsradius des weiblichen Ichs, bestachen durch sprachliche Schlichtheit und die Präzision, mit der Erzählfiguren in ihren Alltag hinein und zugleich darüber hinaus geschrieben wurden.
Inzwischen haben die Autorinnen nachgelegt, Qualität bewiesen und die Ausweitung der stofflichen Reichweite bezeugt. Und neue Stimmen sind hinzugekommen. Ob Judith Hermann, Jenny Erpenbeck, Annette Pehnt, Juli Zeh, Szusza Bánk: Mit einem «Wunder» hat ihre Präsenz kaum zu tun, hingegen mit vorhandenem Potenzial und dessen gezielter Förderung.
Tatsächlich ist auch in der Fülle der neusten Bücherschwemme eine Stimme zu orten, die - auffällig bescheiden, ein bisschen patzig und anmutig zugleich - aufhorchen lässt: «Halbschwimmer» heisst der Prosaband, mit dem die 33-jährige Autorin Katja Oskamp debütiert. Ein adoleszentes weibliches Ich übt sich darin im Erwachsenwerden. Die DDR, Heimat einer vorführtauglichen sozialistischen Kleinfamilie, bildet den Hintergrund, vor dem sich die Individuation beschreiben lässt. Ein weiteres Stück Erinnerungsprosa also? Vergangenheitsbewältigung mit einem Schuss Ostalgie?
Mitnichten. Denn ganz subtil geht Katja Oskamp zu Werk. Ihre Aufmerksamkeit richtet sie auf die Ich-Erzählerin Tanja, die sich nach und nach aus dem Kollektiv der Kleinfamilie pult: Vorab geht die Selbstverständlichkeit der kindlichen Identifikation, hinterher die Entzauberung durch die Differenz im Älterwerden. Für Tanja ist zudem das geschichtsträchtige Jahr 1989 auch das Jahr der ersten grossen Liebe - zeitgleich mit der Kinderwelt kommt ihr das Ordnungssystem der Eltern abhanden. Ganz beiläufig versteht es Katja Oskamp, ihren Erzählungen diese Überschneidung von Individual- und Zeitgeschichte zu unterlegen. «Halbschwimmer» ist kein Roman. «Halbschwimmer» ist aber auch kein eklektischer Erzählband. Vielmehr fügen sich die neun eigenständigen Texte mit ihren Vor- und Rückbezügen zu einer Entwicklungsgeschichte, hinter der zugleich eine Sitten-Miniatur der deutsch-deutschen achtziger und neunziger Jahre aufscheint.
Tanja ist Einzelkind und zahlenversessen, Tanja ist passionierte Enkelin und Schülerin in der Endphase des Sozialismus. Tanjas Vater, einst Offizier der Volksarmee und Held der Kindheit, ist nach der politischen wie persönlichen Wende nur mehr erbärmlich. Tanja lässt sich treiben, beobachtet genau, und vor allem: Tanja sucht die Liebe.
Ganz in diesem Sinne liefert «Halbschwimmer» eine kleine Auslegeordnung unterschiedlich temperierter Zuneigungen, die eine Halbwüchsige den Männern ihres bisherigen Lebens entgegenbringt: Da ist zum Beispiel «Onkel Rolf», der väterliche Freund und Nachbar, der mit den Reizen der Heranwachsenden mehr schlecht als recht zu Rande kommt - die Ambivalenz einer schwelenden Liaison und das Ergreifende einer präpubertären Gefühlsverwirrung zeichnet Oskamp in wenigen Strichen mit leichter Hand. Ein herzwarmes, vielseitiges Porträt schildert den Tauben züchtenden Grossvater. Und geradezu glühend berichtet Tanja von Karl, dem Schauspieler, ersten Freund und Liebhaber: «Karl greift sich den Asphalt mit seinen Schritten, weit, weit ist jede Bewegung. Karl ackert gern, wenn er weiss, wofür. Dann ist er auch gern erschöpft. Er ringt nach Luft, stöhnt, windet sich, flucht und lacht. Bühnentier, sagen sie im Theater zu ihm, oder Spielschwein.» Im Spiegelbild des grossen Karl schwindet der Vater - beiläufig vollzieht sich sein Verschwinden über alle Tanja-Episoden hinweg, himmeltraurig und still zornig in einem.... Fortsetzung
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3.)
Halbschwimmer.
Erzählung von Katja
Oskamp (2003, Ammann).
Besprechung von Jan
Wagner aus der Frankfurter
Rundschau, 21.01.2004:
Kein Organ ist in allen Kulturen und zu allen Zeiten
symbolisch so überhöht und bis hin zum Verspeisen rituell so verehrt worden
wie das Herz, keines legt, vom Mut bis zur Liebe, so viele edle Bedeutungen nahe
- selbst dann, wenn es sich um das einer Taube handelt: "Kam die Suppe auf
den Tisch, fischte meine Oma darin herum, so lange, bis sie das kleine, feste
Taubenherz mit dem Löffel zu fassen bekam. Sie legte es mir auf den Teller. Das
Herz durfte ich essen. Ich hob es auf bis zuletzt, und meine Großeltern
schauten andächtig zu, wie ich es zerkaute".
Vordergründig spielt sich in dieser Szene nichts weiter ab als das traute
Abendessen eines Mädchens namens Tanja und seiner Großeltern - und doch ist es
fast unmöglich, das Taubenherz nicht symbolisch und den Augenblick des Verzehrs
nicht als eine Initiation zu lesen. Trotzdem wirkt die Symbolik nicht
aufdringlich oder gar plakativ. Zu sparsam akzentuiert ist die Prosa, die sich
ihrer bedient und mit einer Reihe weiterer suggestiver Elemente - die
Brieftauben des Großvaters, ihr Flug und ihre rätselhafte Heimkehr - eine
ganze Kindheit und zugleich den unvermeidlichen Abschied von ihr evoziert.
"Ruckedigu", so der Titel, dessen Anspielung auf Märchenmotive
später durch das "Blut im Schuh" des Großvaters ergänzt und
verstärkt wird, ist ein eindringlicher Text über Geborgenheit und Verlust und
das längste der neun Prosastücke im erzählerischen Debüt von Katja Oskamp,
die in Leipzig geboren wurde, am dortigen Literaturinstitut studierte und heute
in Berlin lebt.
Die Gattungsbezeichnung "Roman" wurde bei Halbschwimmer zu
Recht vermieden, wenn auch in der Summe ein ganzheitliches Bild entstehen und
eine Entwicklung deutlich werden mag. Die einzelnen Teile aber sind weniger auf
eine Handlung hin gearbeitet als dass sie eine Atmosphäre einzufangen, einen
Zustand wiederzugeben versuchen. Oskamps singuläre Szenen werden wie die Bilder
eines Fotoalbums aufgeschlagen, wobei die Protagonistin in deren Zentrum stets
dieselbe bleibt; in ihrer Kindheit und Jugend in der DDR und in ihrem späterem
Leben im Berlin der Nachwendezeit lässt sich blättern: So sieht man Tanja
zusammen mit dem großporigen Nachbarn Rolf, der zugleich der Namenspate ihres
Hamsters ist; man begleitet Tanja und ihre Eltern, den unterkühlten,
hochrangigen NVA-Offizier und die heimlich rauchende Schuldirektorin, beim
Ostseeurlaub, erlebt den Lehrer für Wehrerziehung Herrn Oschlies und wird Zeuge
von Tanjas erster großer Liebe zum deutlich älteren Schauspieler und
Gegenvater Karl, der ihr "spät und heftig die Kinderstube
nachgeliefert" hat. Sein Begräbnis, mit dem Desillusionierung und Abschied
von Kindheit und Elternhaus einhergehen, bildet schließlich den Epilog zu Halbschwimmer.
So subjektiv die Szenen geschildert sind, so deutlich bleibt doch stets der
geschichtliche und gesellschaftliche Rahmen: Nicht nur eine Adoleszenz, eine
ganze Ära des Niedergangs und des Neuanfangs wird besichtigt. Einer der wenigen
Einwände gegen diese Erinnerungsprosa rührt von dem Eindruck her, dass gewisse
DDR-Markennamen allzu gewollt und überdeutlich als Reizwörter in die Prosa
eingestreut werden, dass mit ihnen weniger die Atmosphäre einer vergangenen
Alltagskultur heraufbeschworen als bei kundigen Lesern mit ähnlicher
Sozialisation um Wiedererkennen geworben wird: "Ich ging zur Schrankwand
und suchte die Roger-Whittaker-Platte. Ich fand sie. Der Geruch von Duett und
Undine Grüner Apfel stieg mir in die Nase", heißt es, oder später:
"Mitten in der Woche entfaltete sich ein harmonischer Familiennachmittag,
getaucht in den zarten Nebel von Duett und Undine Grüner Apfel." Oskamps
Prosa hat solch ostalgisches namedropping eigentlich nicht nötig, und
tatsächlich verblasst es neben den Vorzügen dieser Texte, neben dem Gespür
der Autorin für das entscheidende Detail, das eine Situation von einem Satz auf
den nächsten kippen lässt und die Erzählrichtung verändert: "Und obwohl
mir die Tränen den Blick verschleierten, sah ich plötzlich, dass die roten
Wangen, die mir so gefielen, gar keine roten Wangen waren. Es waren Hunderte
dunkelroter geplatzter Äderchen, die ihr Gesicht zu beiden Seiten wie ein Netz
überzogen; eine hysterische Krakelei bedeckte Frau Gawiols Gesicht, eine
raffinierte Kriegsbemalung, die den Feind aus der Ferne mit leuchtendem Rot
täuschte, ihn anlockte, um ihn von Nahem das Fürchten zu lehren."
Es gibt viele solcher Beobachtungen - zum Teil so treffend und demaskierend,
dass man Häme unterstellen möchte -, es gibt eine ganze Reihe geschliffener
Sentenzen wie jene, die Identität "als die gemeinsame Reanimation eines
Haarschnitts von vorgestern" definiert. Oft genug schließlich bündeln
sich Katja Oskamps erzählerische Qualitäten zu Passagen und ganzen Texten, die
im Gedächtnis haften bleiben. Dazu gehört die bissige Schilderung eines
Konzertabends, die zugleich die zunehmend sektbefeuerte Analyse einer Ehe ist -
vor allem aber jene wunderbare und völlig zu Recht im Zentrum des Bandes
stehende Prosa über Kindheit, Heimat, Geborgenheit und Abschied, über das Mädchen
Tanja, ihre Großmutter und ihren Großvater, der "seine Tauben
freigelassen hatte, damit sie schöne, unsichtbare Formen in die Luft
malten".
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4.)
Halbschwimmer.
Erzählung von Katja
Oskamp (2003, Ammann).
Besprechung von Klaus
Hübner aus der titel-magazin,
2003:
Am falschen Platz
Ohne viel Aufhebens, aber sehr präzise
erzählt Katja Oskamp, wie ihre Protagonistin sich in der Spätphase des
sozialistischen Realismus mit der Welt der Erwachsenen auseinandersetzt.
Unsicher strampelt das Kind im Wasser,
macht Schwimmbewegungen, die streng genommen gar keine sind, zappelt, jappst,
taucht kurz unter. Typische Aktionen einer Halbschwimmerin, die weder im Wasser
noch sonst wo so richtig vorwärts kommt. Und in der Spätphase des real
existierenden Sozialismus könnte das Mädchen Tanja zu einem Paradebeispiel der
DDR-Gesellschaft heranreifen – sie sperrt sich gegen sozialistische Karrieren
und nennt lieber ihren Hamster nach dem Vater der Nachbarsfamilie: Rolf. Und sie
sucht etwas, was in allen politischen Systemen deren Existenz überdauert: die
Liebe.
Der Schauspieler Karl ist für Tanja der Bär, an den sie sich lehnt. Und
der Mann, der ihre Eltern in helle Aufregung, ja Empörung versetzt. Karl ist
anders, Karl ist das Feindbild im Inneren. Als Karl geht, die Welt für immer
verlässt, geht auch Tanjas Kindheit für immer. Begebenheiten aus einem Leben,
das noch zu jung ist, um daraus einen Roman zu machen. Das bleibt erlebnis- und
erfahrungsreichen Superstern(schnuppen) von küblböckscher Schlichtheit
vorbehalten. Katja Oskamp macht kein besonderes Aufheben aus dem Tanja-Teeny.
Aber sie erzählt präzise, wie ein einfaches Mädchen in einem einfachen Leben
plötzlich mit einer anderen, gefährlicheren Welt konfrontiert wird: dem
Erwachsenenleben.
Textauszug:
Dann bin ich durch den Wald gejoggt. Zwei Stunden lang habe ich mir die
Lunge aus dem Hals gekeucht, gespuckt, gehustet. Ich wusste sofort, dass es
Lungenkrebs war. Fine hat es mir später am Telefon bestätigt. Karls Todestag
und mein Jogging-Rekord fallen zusammen.
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