Hagenwil-leus-deux-Eglises.
Ein Gespräch mit Niklaus Meienberg von Klemens Renoldner (2003, Limmat, mit einem Fotoessay von Michael Graffenried und einem Aufsatz von Erich Hackl).
Besprechung von Lothar Baier aus der Wochenzeitung, Zürich, 18.09.2003:

Klemens Renoldner über Niklaus Meienberg
Bärendienst. Ein Buch versucht dem vor zehn Jahren aus dem Leben geschiedenen Niklaus Meienberg zu gedenken.

Nachdem der Limmat-Verlag vor wenigen Jahren mit einer umfangreichen, zweibändigen Werkauswahl die Erinnerung an den literarischen Reporter Niklaus Meienberg verdienstvollerweise mit viel nachlesbarem Stoff versehen hatte, war dort offenbar die Idee aufgekommen, zum zehnten Todestag des am 22. September 1993 in Oerlikon aus dem Leben geschiedenen Schriftstellers ein weiteres Zeichen der Erinnerung zu setzen. «Hagenwil-les-deux-Eglises» - nach Meienbergs zeitweiliger Thurgauer Retraite Hagenwil - ist das Büchlein überschrieben, das Limmat jetzt herausgebracht hat. Eine zündende Idee, wie Meienbergs unverwechselbare intellektuelle Physiognomie heute, gerade auch jüngeren ZeitgenossInnen, nahe zu bringen sei, ist seinem einstigen Verlag leider nicht gekommen.

Der Hauptteil des Bändchens besteht aus der Niederschrift eines Gesprächs, das der Wiener Publizist Klemens Renoldner im Mai 1991 für den österreichischen Rundfunk mit Meienberg führte. Der Interviewer hat sich schon redlich Mühe gegeben mit seinen Fragen, doch hat er im Blick auf das Medium Radio nicht der Versuchung widerstehen können, Meienberg um solche Auskünfte zu ersuchen, von denen er sich eine gewisse mediale Resonanz versprach, auch wenn sie beileibe nicht zum ersten Mal gegeben wurden. Etwa: Hat der junge Meienberg sehr unter der mönchischen Internatserziehung im Bündner Kloster Disentis gelitten? Hat er nicht, wie Marianne Fehr in ihrer 1999 ebenfalls bei Limmat erschienenen ausgezeichneten Biografie bekannt geben konnte. Vom Informationsgehalt her ist das Renoldner-Gespräch reichlich redundant.

Der Schriftsteller Meienberg mit dem ihm eigenen, aus zärtlich-feinen Tönen und aus schneidendem Sarkasmus zusammengesetzten Sound bleibt in dem Gespräch wiederum enttäuschend blass. Daran war er aber auch selbst beteiligt, weil er, in das Mikrofon eines ausländischen Radios sprechend, glaubte, die Gelegenheit benützen zu müssen, helvetische Dinge historisch erklärend ins rechte Licht zu rücken. «La Suisse, racontée aux enfants, mais d’une manière critique» - das mag für ein österreichisches Publikum wissenswert sein, einer Schweizer LeserInnenschaft, die sich noch an den Kulturboykott von 1991 erinnert, erzählt man jedoch nichts Neues.

Einen intensiven Dialog mit dem schreibenden Kollegen Meienberg versucht dagegen der Wiener Schriftsteller Erich Hackl, der Meienberg im wirklichen Leben nie begegnet ist, in seinem für den Band geschriebenen Essay zu führen. Herausgekommen ist ein literarisches und intellektuelles Glanzstück, das die Schwächen des Rests des Bändchens mehr als aufwiegt. Hackl sieht Meienberg nicht wie üblich als nimmermüden Kämpfer gegen Herrschende aller Kategorien, sondern spricht ihn als Schriftsteller an, dem das Schreiben dem Anschein schwungvoller Leichtigkeit zum Trotz vermutlich gar nicht leicht von der Hand ging. Gefragt, schreibt Hackl, hätte er Meienberg gern, «ob der erste Satz erzwungen ist oder sich irgendwann von selbst schreibt, ob er sich gleich von Anfang an um die Feinstruktur kümmert, also nicht weiterkommt, solange er sich des bisher Geschriebenen nicht sicher ist, oder ob er erst einmal, im Groben, die Geschichte aufs Papier wirft und dann, in immer neuen Durchgängen, strafft und präzisiert». Dass Meienbergs Schreiben solche Fragen des Handwerks, die für einen Berufsautor zugleich existenzielle Fragen sind, immer noch heraufruft, bleibt, solange geschrieben wird, Meienbergs kaum verderbliches Vermächtnis.

In grausamem Kontrast zu Hackls fragendem Essay steht die Fotoillustration des Bandes. «Fotoessay» hat der Schweizer Fotograf Michael von Graffenried seinen Beitrag überschrieben. Was ist ein «Fotoessay»? Wenn einer weder einen Roman noch ein Theaterstück schreiben kann, meinte einmal Kurt Tucholsky, dann möge er doch eine «Aufstellung der Börsenbaissen in New York machen ... Versuch, versuch alles. Und wenn es gar nichts geworden ist, dann sag, es sei ein Essay.» Wirf die Fotos, die du gemacht hast, in einen Topf, und kleb dann das Etikett «Fotoessay» drauf. Was ist zu sehen? Der Klischee-Meienberg auf der BMW und mit Helm, aber bitte gleich mehrmals.

Ein Desaster sind die in Meienbergs Pariser Marais-Viertel aufgenommenen Porträts. Als hätte Meienberg selbst zu seinen Lebzeiten nicht den Einzug der Schickeria mit ihren Galerien und Bars in dem von ihm seit Ende der sechziger Jahre bewohnten Marais beklagt, wird er vorzugsweise, so als sei alles noch beim Alten, vor koscheren Läden und Restaurants abgelichtet, möglichst zusammen mit vorbeihuschenden orthodoxen Juden. Gerade vor dem Hintergrund der im Renoldner-Gespräch erwähnten, um seine Golfkriegs-Artikel aufgetretenen Differenzen Meienbergs mit jüdischen Organisationen (und mit der WOZ) nehmen diese folkloristisch verrahmten Aufnahmen etwas fatal Beschwörendes und Demonstratives an. Der als Philosemit posierende Meienberg - das hätte der Limmat-Verlag seinem Autor nicht antun dürfen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in der WOZ]

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