Habseligkeiten.
Roman von Richard
Wagner (2006 - Aufbau).
Besprechung von Carsten Hueck aus der Frankfurter Rundschau, 31.5.2006:
"Habseligkeiten", so erfuhren wir bei
der Wahl dieses Wortes zum schönsten des Jahres 2004, haben nichts mit
Seligkeit, vielmehr mit Besitztümern zu tun. Genauer: mit den Resten davon, dem
was erinnert an Ver- und Zergangenes. Habseligkeiten ist der schmerzlich
passende Titel von Richard Wagners autobiografischer Familiengeschichte, die -
gleichwohl paradigmatisch für das 20. Jahrhundert - kaum mehr eine ist. Indem
der Autor versucht, mehr als zweihundert Jahre entlang einer Generationsfolge zu
erzählen, beschreibt er ohne Sentimentalität die Lückenhaftigkeit des Erzählbaren
selbst. Er fügt unvollständige Erinnerungsstücke aneinander. Wagner erforscht
die Geschichte der Familie Zillich und damit die eigene Herkunft. Er hält nach
Fundamenten Ausschau und findet Zerfall, verkümmerte Wurzeln dort, wo ein
Stammbaum sich ausbreiten soll.
Wie er selbst stammt Wagners Hauptfigur Werner Zillich aus dem rumänischen
Banat. In den 1980er Jahren in die Bundesrepublik ausgewandert, hat sich Zillich
als Bauingenieur eine Existenz aufgebaut. Nach dem Tod des Vaters kehrt er zu
Besuch in die alte Heimat zurück. Die Mutter lebt noch im Haus der Vorfahren.
Im rumänischen Dorf wie in der süddeutschen Provinzstadt ist Zillich
bindungslos. Er lebt in Scheidung, zu seiner Tochter hat er keinen Kontakt. Auf
seiner Reise rekonstruiert der Heimatsucher die Geschichte der Ahnen. Sie führt
vom 18. Jahrhundert, der Zeit schwäbischer Auswanderung ins östliche
Habsburgerreich, über die Deportation des Vaters in ein sowjetisches
Arbeitslager bis zur eigenen Auswanderung. Mit den klassischen narrativen
Mitteln des Familienromans kann diese Geschichte nicht erfasst werden. Lineare
Ordnung ist nicht vorhanden, epische Vollständigkeit der Schauplätze nicht
gegeben. Der Autor kaschiert das keineswegs. Er macht die Not zum
Gestaltungsprinzip, verknüpft Motivkreise, sprengt sie, springt zwischen den
Zeitebenen hin und her. Das Verbindende der Generationen erkennt er in ihrer
Ruhelosigkeit, im Zerfall der Familienzusammenhänge. Zillichs Vorfahren und
Verwandte sind sogenannte kleine Leute, zumeist Handwerker. Ihnen gemeinsam sind
die Fluchtversuche aus materieller Enge, das Leben als Minderheit, Streben nach
Glück ohne Gewinn von Freiheit. Sie erleiden Geschichte, vor allem im 20.
Jahrhundert.
Wagners traurig-abgeklärter Ich-Erzähler, vorletzter Spross seines
Geschlechts, hat kein Konzept für's Leben und lässt sich treiben. In einer
satirischen Drehung der Geschichte, verhilft genau das ihm aber zum Glück:
mithilfe ungarischer Mafiosi und einer jungen Prostituierten schafft sich
Zillich eine neue Familie.
Mit seiner Banater Fassung einer "Recherche du temps perdu" kratzt
Richard Wagner souverän, rührend und humorvoll, letzte Habseligkeiten zusammen
und erfindet damit eine schräge, zeitgemäße Mischung von Heimat- und
Familienroman.
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