Gute Mädchen haben's schwer.
Roman von Scott Bradfield (2005, Ammann - Übertragung
Manfred Allié).
Besprechung von Carsten Hueck in Neue Züricher Zeitung vom 21.9.2005:

Moralischer Satiriker
Scott Bradfield lässt die Männer auf «gute Mädchen» los

Delilah ist ein Busenwunder mit langen Beinen – jung, bezaubernd naiv, von umwerfender Erotik. Ein fröhliches Mädchen mit positiver Lebenseinstellung, das es gut meint mit den Männern. Sie weiss, was sich gehört und wie man sich Freunde macht. Nur für schlechtes Benehmen hat Delilah kein Verständnis. Das mag daran liegen, dass schon Vater und Klassenlehrer sich nicht ganz comme il faut um die damals Elfjährige bemüht haben. Inzwischen ist sie Anfang zwanzig. Wird nun ein Mann aufdringlich, kann es passieren, dass er spurlos verschwindet – oder nach Wochen als verstümmelte Leiche aus irgendeiner Abfallgrube gezogen wird.

Delilah ist die Protagonistin des neuen Romans von Scott Bradfield. Wie ihre alttestamentliche, auch von Tom Jones in den 1960er Jahren besungene Namensvetterin ist sie ein Verhängnis für allzu leidenschaftliche Männer. Deshalb sitzt sie in der Todeszelle eines texanischen Frauengefängnisses. Die Bezeichnung «Serienmörderin» wehrt sie indigniert ab: «Zunächst einmal habe ich ja nicht so viele umgebracht, zwei vielleicht; obwohl einer Reihe von Männern aus meiner Bekanntschaft Unfälle zugestossen sind.» – In «Gute Mädchen haben's schwer» desavouiert Bradfield zum wiederholten Mal Amerikas Selbstverständnis als «land of hope and glory». Die Pointen sind matter als in «Unzweifelhaft der Beste», seiner bissigen Kurzgeschichtensammlung aus dem Jahr 2001. Nichtsdestoweniger ist der Roman eine unterhaltsame Satire über Recht, Ordnung, Sex und Moral made in USA.

Der fünfzigjährige promovierte Literaturwissenschafter bleibt sich inhaltlich und stilistisch treu. In seinen Kurzgeschichten und Romanen, inspiriert von Pop und Postmoderne, kommt Bradfield, der seit zwanzig Jahren in London ansässig ist, nicht los von der alten Heimat. Sie ist Humus auch der Romane, die in den 1990er Jahren in deutscher Übersetzung erschienen («Geschichte der leuchtenden Bewegung», 1993; «Was läuft schief mit Amerika», 1996, «Planet der Tiere», 1997). Literarisch siedelt Bradfield in einem Grenzgebiet. Er bezieht Motive gleichermassen aus Weltliteratur und Schundroman, aus den Mythen des amerikanischen Alltags und des Kinos. Vorzugsweise hantiert er mit Stereotypen. Bis zur Karikatur baut der Autor sie auf, um sie daraufhin zu zerstören. Klischees werden benutzt und demontiert, billige Gewissheiten entlarvt. So bleibt auch offen, ob Delilah tatsächlich die ihr zur Last gelegten Taten begangen hat.

Im ironischen Spiel mit unterschiedlichen Textformen – Tagebuchaufzeichnung, Therapieprotokoll, Tonbandmitschnitt und Brief – zeichnet Bradfield seine Antiheldin vor allem als grosszügige Projektionsfläche jener Spielart männlicher Sexualität, die aggressive Beutegier als Samaritertum tarnt. Im Mikrokosmos der Todeszelle spiegelt er die Enge der Gesellschaft «draussen». Nichts, was den amerikanischen way of life ausmacht, ist vor Scott Bradfields galligem Humor sicher. Sardonisch charakterisiert er die neurotische Mischung von Egoismus, Sexismus, Populärpsychologie und vermeintlich positivem Denken. Wie sein schreibender Kollege T. C. Boyle oder der Filmemacher Michael Moore ist Scott Bradfield ein grosser Moralist. Witz und Wut verbindet er mit Polemik sowie einem gerüttelt Mass an handwerklichem Können – und vermittelt so Mitleid und Furcht, Erkenntnis und Vergnügen. Solange Bradfield schreibt, gibt es Hoffnung für Amerika.

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