Gustavs Traum von Christian Zehnder, 2008, AmmannGustavs Traum.
Erzählung von Christian Zehnder (2008, Ammann).
Besprechung von Rainer Moritz in Neue Züricher Zeitung vom 13.8.2008:

Phantasielose Wirklichkeit
Christian Zehnders verträumtes Début

Was für eine merkwürdige, was für eine couragierte Prosa! Da legt ein junger Berner Autor, Jahrgang 1983, sein Début, eine schmale Erzählung, vor, und kaum etwas scheint dieser Text mit den Themen zu verbinden, die seine Kollegen gegenwärtig für behandelnswert halten. Hier geht es nicht um Single-Haushalte und Beziehungskrisen in Zeiten steigender Scheidungsraten; hier spielt die (Welt-)Politik keine Rolle, und hier agieren weder Kriminalkommissare noch Taxifahrerinnen. Kühn entzieht sich Christian Zehnder mit «Gustavs Traum» allen Zuordnungen und präsentiert stattdessen eine hochreflektierte, bisweilen ironisch gebrochene Prosa, die auf festem literarhistorischem Fundament steht. In einem surreal verspielten, kunstvoll verklärten Ton, der Wendungen wie «So begab es sich» einstreut und bald an Legenden, bald an Märchen erinnert, breitet Zehnder eine Familiengeschichte aus, die zeitlich schwer zu fixieren ist. Wiewohl von Neubausiedlungen, Fussballplätzen und Autohäusern die Rede ist, tut sich schon nach wenigen Seiten ein mit Anachronismen besetztes Niemandsland auf, das hier mittelalterliche, da biedermeierliche und plötzlich sehr zeitgenössische Züge annimmt.

Gustav, der den Restauratorenberuf seines Vaters nicht fortführen will, und Veronika waren, wie eine Binnenerzählung nachträgt, einander einst in tiefer Liebe verbunden – eine Leidenschaft, die nach und nach abkühlte. Bis hin zu Gustavs Tod am Ende des ersten Teils begleiten wir das Heranwachsen des Sohnes Dominik. Unfähig, den Verlust des Vaters angemessen zu betrauern, macht dieser sich danach mit seiner Mutter auf Wanderschaft. Man durchquert Landstriche und Städte, sucht nach den poetischen Tiefenschichten des Gesehenen und lernt schliesslich neue Verbündete – Paul und Juliane – kennen. Am Ende setzt starker Regen ein; eine Barke trägt die Protagonisten übers Wasser, und man scheint als Leser aus einem flüchtigen, melancholisch angehauchten und doch heiter stimmenden Schlummer zu erwachen.

«Gustavs Traum» ist eine Erzählung, die ihre Romantik- und Fin-de-Siècle-Wurzeln nicht verleugnet. Das Entsetzen über die «geringe Phantasie der Wirklichkeit», das die Figuren auf ihrem Weg empfinden, führt zu einer Entgrenzung, zu einem Nichtakzeptieren der herkömmlichen Kausalität. Mit «Blütenduft in der Nase» nehmen die Akteure die Aussenwelt wahr und laden diese mit ihren Empfindungen auf. Christian Zehnders fragile Helden haben literarische Ahnen, die man beispielsweise in Hugo von Hofmannsthals frühen Prosaarbeiten oder in Leopold Andrians Erzählung «Der Garten der Erkenntnis» finden könnte, wo Fürstensohn Erwin nach dem «Geheimnis des Lebens» fahndet. «Geheimnis» ist auch ein Schlüsselwort in Zehnders Buch: «Als er unterwegs war ins Umland und sie in der eingefrorenen Wohnung über der Altstadt standen, traten Dominik Tränen in die Augen. <Die Welt ist ein grosses Geheimnis!>, sprach er in die wächserne Luft, <wehe, wir decken es auf!>»

Wer sich als junger Autor derart selbstbewusst vom Mainstream entfernt, riskiert sein Scheitern, wenn auch auf hohem Niveau. Nicht alle Einfälle Christian Zehnders sind frei von überdrehtem Ästhetizismus. Die Grenze zwischen suggestiver Sprache und Gefühlskitsch wird nicht nur einmal überschritten, so wenn uns das Schlagen kleiner Schwalbenherzen von einer permanenten Sehnsucht «nach Süden» überzeugen soll. Trotz diesen in einem ambitionierten Erstling nicht überraschenden Ausreissern verblüfft die Erzählung, aufs Ganze gesehen, durch ihre spielerisch-selbstgewisse Art, Verwandtschafts- und Liebeskonstellationen versiert in einen magischen Rahmen einzubetten und sinnliche Nuancen fasslich zu machen. Dass Peter Handke, den der Verlag freudig zitiert, Gefallen an diesem Autor findet, verwundert nicht. Manche Sätze aus «Gustavs Traum» – kein schlechtes Zeichen – prägen sich sofort ein, Sätze wie «Ich erinnere mich, wie ich dir ansah, dass ich dich liebe» oder «Wenn ich dich nicht berühre, weiss ich nicht, wo ich bin».

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