Guerickes Sperling von Jan Wagner, 2004, Berlin-Verlag1.) - 4.)

Guerickes Sperling.
Gedichte von Jan Wagner (2004, Berlin-Verlag).
Besprechung von Lars Reyer aus dem titel-magazin, 2004:

Betäubung und Rausch
Jan Wagner macht unbeirrt dort weiter, wo er mit seinem Lyrik-Erstling Probebohrung im Himmel aufgehört hat und verwandelt unter der Hand Alltägliches in Ungeheuerliches.

Im letzten Herbst fungierte Jan Wagner, zusammen mit Björn Kuhligk, als Herausgeber der bei DuMont erschienenen und viel beachteten Gedichtanthologie Lyrik von JETZT. Die darin versammelten vierundsiebzig Stimmen der jungen und nicht mehr ganz so jungen deutschen Dichter sollten weniger einem dirigierten Orchester denn einem selbst organisierten Ensemble gleichen. Die unterschiedlichen Tonlagen und Stimmungen sollten aufzeigen, in welchen (Traditions-) Linien und Spielräumen sich die Gedichte der jüngeren Lyrikergeneration bewegen. Dass dieses Unternehmen der Vielstimmigkeit mehr oder weniger zu einem großen Unisono geriet, ist sowohl den Herausgebern als auch den Autoren anzulasten – oder eben auch nicht, denn schließlich kann man nur schreiben, was die Zeit, die Epoche hergibt. Und nur was vorhanden ist, lässt sich auch veröffentlichen. Die ungeschriebenen Gedichte gehen selten in Druck.

Sog der Sprache

Nun liegt mit Guerickes Sperling der zweite eigenständige Gedichtband Jan Wagners vor. Der im Jahre 2001 erschienene Vorgänger Probebohrung im Himmel rief bei der Kritik allgemeines Wohlwollen hervor und der Autor, dessen perfekte Beherrschung des literarischen Handwerkszeugs und der verschiedensten Stillagen Bewunderung fand, wurde sogleich als „neuer Götterliebling auf dem lyrischen Königsweg“ apostrophiert.

Schon wird man hellhörig, denn was als Lob gemeint ist, könnte sich nur allzu schnell in eine Last verwandeln. Doch Wagner macht da weiter, wo er aufgehört hat. Man könnte sagen: unbeirrt. Zu den Stärken dieses Autors gehört sicherlich sein Sinn für den geraden Weg, den er, einmal eingeschlagen, so schnell nicht wieder verlassen zu wollen scheint. Und tatsächlich findet man im neuen Band vieles von dem, was im vorherigen bewundert und beklatscht wurde. Wie z.B. die Alltäglichkeiten, die sich unter der Hand in Ungeheuerliches auswachsen, wenn es etwa am Ende des Gedichts „Vorsaison“ heißt: „... oh das fließband/ am flughafen, oh die kreisenden taschen/ der golfer, stolz und schwer wie sarkophage.“ Der Autor besitzt ein unzweifelhaftes Gespür für Szenerien, er öffnet leichthändig und mit einer Sprache, die ihm völlig untertan ist, Räume, die man als Leser so bald nicht wieder verlassen möchte. Und man kann sie auch gar nicht mehr verlassen, denn einmal im Sog, liest man immer weiter.

Verführt und vorgeführt

Der gewissermaßen betäubende Effekt, der von den Gedichten ausgeht, ist allerdings ein zweischneidiges Schwert. Nicht mit geschärften Sinnen und erhöhter Aufmerksamkeit liest man, eher wird man getragen, man rutscht in einen Rausch hinein und erwacht am Schluss mit dem unheimlichen Gefühl, verführt und auch ein wenig vorgeführt worden zu sein. Doch was ist so schlimm an Verführung, an Vorführung? Es kommt auf die Mittel an, die benutzt werden, um diese Effekte zu erzielen. Und so macht sich – nach mehrmaliger, aufmerksamer Lektüre – ein stilles Pathos bemerkbar, das sich als Patina über beinahe alle Gedichte des Bandes legt.

Vielleicht tragen die häufig (und für manch einen wohl zu häufig) auftretenden Genitiv-Metaphern – ein altes Thema im Lyrikdiskurs – zum pathetischen, rauschenden Grundton bei. Vielleicht holen die des öfteren statt Metaphern gesetzten Wie-Vergleiche manches Mal zu weit und groß aus. Letztendlich muss das unter den allseits beliebten Geschmacksfragen verbucht werden. Was vor allem aber bleibt, ist die verblüffende Formbeherrschung des Autors. Ob er sich in freien Rhythmen austobt, ob er dem fünfhebigen Jambus frönt, ob er dem japanische Haiku eine Gestalt in der deutschen Sprache zu geben versucht: er bleibt immer sicher und zugleich unbeschwert. Und so ist es nur folgerichtig, dass im Zentrum des Buches ein „Görlitz“ betitelter Sonettenkranz seinen Platz gefunden hat, der mit der beeindruckenden Strophe anhebt: „’das haus des letzten henkers, steht noch heute/ in manchem buch, sei einer jener orte/ der ruhelosigkeit, die eingangspforte/ so kalt, daß selbst der frost sie nicht durchschreite ...’.“

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Guerickes Sperling von Jan Wagner, 2004, Berlin-Verlag2.)

Guerickes Sperling.
Gedichte von Jan Wagner (2004, Berlin-Verlag).
Besprechung von Martin Krumbholz in Neue Zürcher Zeitung, 5.7.2004:

Fallbeil oder Beifall?
Ein Gedichtband von Jan Wagner

Die Gedichte des 1971 geborenen Jan Wagner scheinen auf nichts Bestimmtes hinauszuwollen. Unscheinbare Reiseimpressionen sind ihre Sujets, Früchte einer Amerikareise, Landschaftsbilder, Schnappschüsse. Unspektakulär, beiläufig. Mit unaufdringlichen Mitteln erzeugt Wagner einen Ton, dem man gern lauscht. Überraschende Metaphern fesseln die Aufmerksamkeit des Lesers: «vorm fenster wird die nacht vorbeigetragen, / die schwere dunkle kiste, reisst der wind / die luftschubladen auf und wühlt darin, / um nichts zu finden.» Ja, so lässt sich eine stürmische Nacht beschreiben, originell, aber nicht gesucht.

Zuweilen präsentiert sich Wagners zweiter Gedichtband als Gratwanderung zwischen Lakonie und Banalität. «und in den gärten, hinter allen hecken / verkündeten die rasenmäher den mai», endet eine «Kleinstadtelegie». Könnten sie nicht etwas mehr, etwas anderes verkünden? Aber nein, dieser Dichter will nicht mehr behaupten, als er auf seinen Reisen und Ortserkundungen gesehen oder erfahren hat. Jedenfalls auf den ersten, in der Regel zuverlässigen Blick. Kommt ein gewisser Überschuss an dichterischer Phantasie hinzu, beginnt «der abgetrennte schweinskopf hinter glas» auf dem «Smithfield Market» zu sprechen: «in seinen zügen auf den zweiten blick / zufriedenheit und so etwas wie glück.» Tatsächlich?

Der Umgang mit der Form ist höchst souverän. Wagner liebt den Reim, aber er scheut sich keineswegs, «tupfern» auf «rupfe» zu reimen oder «rosé» auf «rinderzäh-» (von «rinderzähnen»). Das Matterhorn wird durch einen Zeilensprung geköpft, solchermassen das Adjektiv «matt» - ein wenig zu auffällig - exponiert. Auch das Wortspiel, in dem ein Gedicht über Saint-Just gipfelt, ist für Wagners Verhältnisse fast schon effektsüchtig zu nennen: «ein falsches wort, / ein laut zuviel nur, und der beifall rauscht / als fallbeil herab.»

Einige dieser Verse schenken dem Leser in ihrer Verbindung von Minimalismus und Eleganz so etwas wie Glück - oft schon auf den ersten Blick: «wer abends müde heimkehrt aus den bergen, / dem eilt der dunkle zwilling auf stelzen voraus.»

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Guerickes Sperling von Jan Wagner, 2004, Berlin-Verlag3.)

Guerickes Sperling.
Gedichte von Jan Wagner (2004, Berlin-Verlag).
Besprechung von Alexander von Bormann aus der Frankfurter Rundschau, 25.8.2004:

Kleine Nachtmusik der Ambulanzen
Souverän, taktvoll: Jan Wagners neue Gedichte schweben zwischen den Zeilen der Tradition

Probebohrung im Himmel hatte Jan Wagner, Jahrgang 1971, seinen ersten Gedichtband genannt, und an die poetische Seite der Physik erinnert auch der neue Titel. Otto von Guericke, Magdeburger Ratsherr und bedeutender Physiker, ist der Erfinder der Vakuumpumpe, welche er auf dem Regensburger Reichstag von 1654 vorführte. Zwei gläserne Halbkugeln wurden um einen Sperling geschlossen, an welchem man das Abpumpen der Luft verfolgen konnte: eine Demonstration, die dem Tierchen nicht bekam. Wagners Pointe ist genau und weitreichend: "dieser tote sperling", flüstert einer,/ "wird noch durch einen leeren himmel fliegen". Der Sturz der Metaphysik war durch die frühen Naturwissenschaften zwar vorbereitet, vollendet aber erst durch Kant und Nietzsche, deshalb das Futur. Schön, dass der Sperling nun ein Grab in den Lüften erhielt, so fliegt er immer noch, verewigt in der Poesie. So lange jedenfalls, wie Jan Wagners Gedichte halten. Einige davon haben eine gute Chance.

Jan Wagner schreibt gepflegte Jamben, man könnte das Leipziger Literaturinstitut als Hintergrund vermuten, er war aber nicht dort. Gleich das Eingangsgedicht zollt gekonnt der gegenwärtig angesagten Rückkehr zum hohen Stil seinen Tribut. Es nimmt den Ton aus Stefan Georges "Jahr der Seele" auf, und einige Zeilen lang denkt man: ein geschicktes Remake. Doch dann folgt die dekonstruktive Geste: Zum Rückgriff auf diesen Ton und sein Ambiente gehört auch die Erfahrung des Vorbei - "aristokratisch fahl wie wachs". Und das Gewächshaus ("seine weißen rippen") erscheint wie "walskelette", nun in Museen aufgehängt, Ungetüme aus Urzeittiefen, "erstickt an ihrem eigenen gewicht". Genauer wurde selten über die Aussichten des Neoklassizismus gesprochen, und gleich im ersten Gedicht verabschiedet Jan Wagner also den möglichen Verdacht, er könnte auf diesen Zeittrend einschwenken.

Jahreszeiten, Erwartungen-Enttäuschungen-Erfüllungen, Reisen und Landschaften, Kunsterfahrungen und historische Reminiszenzen und immer wieder überraschende Bildeinfälle bestimmen diese Gedichte. Manchmal kann es fast schon etwas zu viel des Guten werden: "an den hängen fielen die spatzen als flauschige salven/ über die kirschbäume her und ihre winzigen bojen". Während man noch zu tun hat, Salven und Bojen zusammen zu bringen, geht es höchst konzentriert weiter, Satz um Satz, Bild um Bild: "ohne unterlass buchstabierte das meer seine bläue./ möwen glitten auf ihrem gelächter an uns vorüber,/ kiesel rollten die augen unter der brandung - wir füllten / unsere sommertaschen mit ihren geschliffenen blicken."

Wagners Verse buchstabieren uns sozusagen auch ihre Entstehung vor. Das Bildarchiv des Zitats ist nur allzu bekannt, ein Ferienklischee, doch höchst gekonnt wird jeder Bezug auf Schlagerseligkeit vermieden. Fast unmerklich sind die Verfremdungen: Der altgriechische Hexameter trägt kulturell die Naturbilder (es gibt sie als Wirklichkeit und als Erinnerungswissen) und entspricht zugleich dem Rollen der Brandung. Die Natur wird mehrfach als Subjekt berufen (Meer, Möwen, Kiesel), bevor auch das Wir als solches hervortritt. Doch es tritt nicht herrscherlich auf, sondern mit metaphorischen Gesten, die das Handeln auf Mimesis, auf das Muster Natur einstellen, also taktvoll dialogisch bleiben.

Die Zeiten der Parlando-Lyrik, der weitgehend ungeformten Herzensergießungen, scheinen endgültig vorbei. Formwissen ist wieder in, und es ist erfreulich, wie souverän und taktvoll die jüngeren Autoren damit umzugehen wissen. Die sapphische Ode kommt vor, ebenso die Terzine, das Haiku, natürlich der freie Vers und (un)gereimte Strophen, und Jan Wagner bietet uns auch einen veritablen Sonettenkranz, der zu den schwierigsten Formen gehört und hier erscheint, um einen Besuch in Görlitz historisch tiefgestaffelt in Bild und Vers zu bringen.

Wagners Bilder sind immer wieder überraschend, und er scheut auch nicht vor starken Akzenten zurück. Frühherbst, das war nicht nur für Rilke eine bedrohende Jahreszeit. Der jugendliche Wagner greift stark in die Tasten: "der wachsende abgrund unter deinen sohlen", so beginnt das Gedicht "Miniatur im Frühherbst", ein Bild, das man fast nur mit van Gogh verstehen kann, dessen Bildgründe am Schluss überwiegend tiefblau, abgründig und nicht eben verlässlich waren. Die Schlusszeile kündigt Zukunft auf: "der tag, der seine kreide nimmt und geht", da wird nichts mehr angeschrieben. Und es ist schon erstaunlich, wie es aufs neue gelingt, Herbstgefühle zu bebildern, ohne dass je ein déjà-vu-Gefühl aufkommt: "die bäume liefern ihre früchte aus./ die kinderspiele, von den straßen gefegt,/ und alle häuser in geordneter flucht". Bei den Reisegedichten gibt Wagner nirgends dem Modell Touristenlyrik nach. Er versucht auch in der Fremde, "die stumme sprache der dinge" zu vernehmen, oder in Berlin-Neukölln den Sirenenlärm als "kleine nachtmusik der ambulanzen" zu kodieren, indes der Herbstregen in Wendisch-Rietz ihm eine schöne Ghasele wert ist.

Es ist eine Lyrik, in der Form, Ton und Gegenstand einander geistvoll informieren. Die Gedichte sprechen Kopf und Sinne zugleich an und sind nicht schnell ausgelesen, nicht so bald ausbuchstabiert. Die Leser werden sich finden.

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Guerickes Sperling von Jan Wagner, 2004, Berlin-Verlag4).

Guerickes Sperling.
Gedichte von Jan Wagner (2004, Berlin-Verlag).
Besprechung von Rainer Stolz im tip Berlin Nr. 16/04:

Morsche Idyllen zu Jan Wagners zweitem Gedichtband "Guerickes Sperling"

In „Guerickes Sperling“ führt uns Jan Wagner, wie schon in seinem ersten Gedichtband, an viele Orte der Welt, in die Geschichte und durch die Jahreszeiten. Das geschieht bildreich – „blaue abende, in die wir stiegen / wie in keller voller alter weine. / der mond, das helle artischockenherz / der jahresmitte“ – und formsicher in traditionellen sowie freien Versen. Ein spielerischer Drang ist ebenfalls am Werk und kommt in einem Sonettenkranz auch keinesfalls zu kurz. Erfrischend: die augenzwinkernde Form des unreinen Reims.

Einige Gedichte genügen sich darin, eine Abfolge reizvoller Metaphern und Klänge zu liefern, was höchstens dann stört, wenn der Band das dritte Mond- oder Möwenbild erreicht. Oft jedoch wird die Oberfläche durchbrochen und der Blick auf Düsteres und Fragwürdiges gelenkt, werden Idyllen als morsch spürbar. Manch motivischer Unterstrom kündet von Unheil oder Tod, wie in „Weihnachten in Huntsville, Texas“, wo Todesstrafen vollstreckt werden: „als der strom an diesem abend / zusammensackte, flackerten die lampen / am weihnachtsbaum, erloschen“.

Verblüffend endet ein Besuch des „Smithfield Market“ damit, dass „so etwas wie glück“ in den Zügen eines abgetrennten Schweinskopfs aufscheint. In dem Gedicht „Saint-Just“ überrascht dagegen bloß ein famoses Wortspiel. Zu naheliegend sind auch die Gefahrenmotive im Porträt einer Seiltänzerfamilie. Doch wenn Kolumbus als Schüler auftaucht, der sich eine Kopfnuss einfängt, oder ein toter Sperling, Versuchstier des Physikers Guericke, „durch einen leeren Himmel“ fliegt, dann lotet Wagner originell und hintersinnig die Höhen und Tiefen des Daseins aus – und unsere Sinne laben sich nicht nur an satten Bildern, sondern beginnen selbst zu schwanken und zu flattern.

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