1.) - 4.)
Guerickes
Sperling.
Gedichte von Jan
Wagner (2004, Berlin-Verlag).
Besprechung von Lars Reyer aus dem titel-magazin,
2004:
Betäubung und Rausch
Jan Wagner macht unbeirrt dort weiter, wo er mit
seinem Lyrik-Erstling Probebohrung im Himmel aufgehört hat und verwandelt unter
der Hand Alltägliches in Ungeheuerliches.
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2.)
Guerickes
Sperling.
Gedichte von Jan
Wagner (2004, Berlin-Verlag).
Besprechung von Martin Krumbholz in Neue
Zürcher Zeitung, 5.7.2004:
Fallbeil oder Beifall?
Ein Gedichtband von Jan Wagner
Die Gedichte des 1971 geborenen Jan Wagner scheinen auf nichts Bestimmtes hinauszuwollen. Unscheinbare Reiseimpressionen sind ihre Sujets, Früchte einer Amerikareise, Landschaftsbilder, Schnappschüsse. Unspektakulär, beiläufig. Mit unaufdringlichen Mitteln erzeugt Wagner einen Ton, dem man gern lauscht. Überraschende Metaphern fesseln die Aufmerksamkeit des Lesers: «vorm fenster wird die nacht vorbeigetragen, / die schwere dunkle kiste, reisst der wind / die luftschubladen auf und wühlt darin, / um nichts zu finden.» Ja, so lässt sich eine stürmische Nacht beschreiben, originell, aber nicht gesucht.
Zuweilen präsentiert sich Wagners zweiter Gedichtband als Gratwanderung zwischen Lakonie und Banalität. «und in den gärten, hinter allen hecken / verkündeten die rasenmäher den mai», endet eine «Kleinstadtelegie». Könnten sie nicht etwas mehr, etwas anderes verkünden? Aber nein, dieser Dichter will nicht mehr behaupten, als er auf seinen Reisen und Ortserkundungen gesehen oder erfahren hat. Jedenfalls auf den ersten, in der Regel zuverlässigen Blick. Kommt ein gewisser Überschuss an dichterischer Phantasie hinzu, beginnt «der abgetrennte schweinskopf hinter glas» auf dem «Smithfield Market» zu sprechen: «in seinen zügen auf den zweiten blick / zufriedenheit und so etwas wie glück.» Tatsächlich?
Der Umgang mit der Form ist höchst souverän. Wagner liebt den Reim, aber er scheut sich keineswegs, «tupfern» auf «rupfe» zu reimen oder «rosé» auf «rinderzäh-» (von «rinderzähnen»). Das Matterhorn wird durch einen Zeilensprung geköpft, solchermassen das Adjektiv «matt» - ein wenig zu auffällig - exponiert. Auch das Wortspiel, in dem ein Gedicht über Saint-Just gipfelt, ist für Wagners Verhältnisse fast schon effektsüchtig zu nennen: «ein falsches wort, / ein laut zuviel nur, und der beifall rauscht / als fallbeil herab.»
Einige dieser Verse schenken dem Leser in ihrer Verbindung von Minimalismus und Eleganz so etwas wie Glück - oft schon auf den ersten Blick: «wer abends müde heimkehrt aus den bergen, / dem eilt der dunkle zwilling auf stelzen voraus.»
[...diese und weitere
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3.)
Guerickes
Sperling.
Gedichte von Jan
Wagner (2004, Berlin-Verlag).
Besprechung von Alexander
von Bormann aus der Frankfurter
Rundschau, 25.8.2004:
Kleine Nachtmusik
der Ambulanzen
Souverän, taktvoll: Jan
Wagners neue Gedichte schweben zwischen den Zeilen der Tradition
Probebohrung im
Himmel hatte Jan Wagner,
Jahrgang 1971, seinen ersten Gedichtband genannt, und an die poetische Seite der
Physik erinnert auch der neue Titel. Otto von Guericke, Magdeburger Ratsherr und
bedeutender Physiker, ist der Erfinder der Vakuumpumpe, welche er auf dem
Regensburger Reichstag von 1654 vorführte. Zwei gläserne Halbkugeln wurden um
einen Sperling geschlossen, an welchem man das Abpumpen der Luft verfolgen
konnte: eine Demonstration, die dem Tierchen nicht bekam. Wagners Pointe ist
genau und weitreichend: "dieser tote sperling", flüstert einer,/
"wird noch durch einen leeren himmel fliegen". Der Sturz der
Metaphysik war durch die frühen Naturwissenschaften zwar vorbereitet, vollendet
aber erst durch Kant und Nietzsche, deshalb das Futur. Schön, dass der Sperling
nun ein Grab in den Lüften erhielt, so fliegt er immer noch, verewigt in der
Poesie. So lange jedenfalls, wie Jan Wagners Gedichte halten. Einige davon haben
eine gute Chance.
Jan Wagner schreibt gepflegte Jamben, man könnte das Leipziger
Literaturinstitut als Hintergrund vermuten, er war aber nicht dort. Gleich das
Eingangsgedicht zollt gekonnt der gegenwärtig angesagten Rückkehr zum hohen
Stil seinen Tribut. Es nimmt den Ton aus Stefan Georges "Jahr der
Seele" auf, und einige Zeilen lang denkt man: ein geschicktes Remake. Doch
dann folgt die dekonstruktive Geste: Zum Rückgriff auf diesen Ton und sein
Ambiente gehört auch die Erfahrung des Vorbei - "aristokratisch fahl wie
wachs". Und das Gewächshaus ("seine weißen rippen") erscheint
wie "walskelette", nun in Museen aufgehängt, Ungetüme aus
Urzeittiefen, "erstickt an ihrem eigenen gewicht". Genauer wurde
selten über die Aussichten des Neoklassizismus gesprochen, und gleich im ersten
Gedicht verabschiedet Jan Wagner also den möglichen Verdacht, er könnte auf
diesen Zeittrend einschwenken.
Jahreszeiten, Erwartungen-Enttäuschungen-Erfüllungen, Reisen und Landschaften,
Kunsterfahrungen und historische Reminiszenzen und immer wieder überraschende
Bildeinfälle bestimmen diese Gedichte. Manchmal kann es fast schon etwas zu
viel des Guten werden: "an den hängen fielen die spatzen als flauschige
salven/ über die kirschbäume her und ihre winzigen bojen". Während man
noch zu tun hat, Salven und Bojen zusammen zu bringen, geht es höchst
konzentriert weiter, Satz um Satz, Bild um Bild: "ohne unterlass
buchstabierte das meer seine bläue./ möwen glitten auf ihrem gelächter an uns
vorüber,/ kiesel rollten die augen unter der brandung - wir füllten / unsere
sommertaschen mit ihren geschliffenen blicken."
Wagners Verse buchstabieren uns sozusagen auch ihre Entstehung vor. Das
Bildarchiv des Zitats ist nur allzu bekannt, ein Ferienklischee, doch höchst
gekonnt wird jeder Bezug auf Schlagerseligkeit vermieden. Fast unmerklich sind
die Verfremdungen: Der altgriechische Hexameter trägt kulturell die Naturbilder
(es gibt sie als Wirklichkeit und als Erinnerungswissen) und entspricht zugleich
dem Rollen der Brandung. Die Natur wird mehrfach als Subjekt berufen (Meer, Möwen,
Kiesel), bevor auch das Wir als solches hervortritt. Doch es tritt nicht
herrscherlich auf, sondern mit metaphorischen Gesten, die das Handeln auf
Mimesis, auf das Muster Natur einstellen, also taktvoll dialogisch bleiben.
Die Zeiten der Parlando-Lyrik, der weitgehend ungeformten Herzensergießungen,
scheinen endgültig vorbei. Formwissen ist wieder in, und es ist erfreulich, wie
souverän und taktvoll die jüngeren Autoren damit umzugehen wissen. Die
sapphische Ode kommt vor, ebenso die Terzine, das Haiku, natürlich der freie
Vers und (un)gereimte Strophen, und Jan Wagner bietet uns auch einen veritablen
Sonettenkranz, der zu den schwierigsten Formen gehört und hier erscheint, um
einen Besuch in Görlitz historisch tiefgestaffelt in Bild und Vers zu bringen.
[...diese und weitere
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4).
Guerickes
Sperling.
Gedichte von Jan
Wagner (2004, Berlin-Verlag).
Besprechung von Rainer
Stolz im tip Berlin Nr. 16/04:
Morsche Idyllen zu Jan Wagners zweitem Gedichtband "Guerickes Sperling"
In „Guerickes Sperling“ führt uns Jan Wagner, wie schon in seinem ersten Gedichtband, an viele Orte der Welt, in die Geschichte und durch die Jahreszeiten. Das geschieht bildreich – „blaue abende, in die wir stiegen / wie in keller voller alter weine. / der mond, das helle artischockenherz / der jahresmitte“ – und formsicher in traditionellen sowie freien Versen. Ein spielerischer Drang ist ebenfalls am Werk und kommt in einem Sonettenkranz auch keinesfalls zu kurz. Erfrischend: die augenzwinkernde Form des unreinen Reims.
Einige Gedichte genügen sich darin, eine Abfolge reizvoller Metaphern und Klänge zu liefern, was höchstens dann stört, wenn der Band das dritte Mond- oder Möwenbild erreicht. Oft jedoch wird die Oberfläche durchbrochen und der Blick auf Düsteres und Fragwürdiges gelenkt, werden Idyllen als morsch spürbar. Manch motivischer Unterstrom kündet von Unheil oder Tod, wie in „Weihnachten in Huntsville, Texas“, wo Todesstrafen vollstreckt werden: „als der strom an diesem abend / zusammensackte, flackerten die lampen / am weihnachtsbaum, erloschen“.
Verblüffend endet ein Besuch des „Smithfield Market“ damit, dass „so etwas wie glück“ in den Zügen eines abgetrennten Schweinskopfs aufscheint. In dem Gedicht „Saint-Just“ überrascht dagegen bloß ein famoses Wortspiel. Zu naheliegend sind auch die Gefahrenmotive im Porträt einer Seiltänzerfamilie. Doch wenn Kolumbus als Schüler auftaucht, der sich eine Kopfnuss einfängt, oder ein toter Sperling, Versuchstier des Physikers Guericke, „durch einen leeren Himmel“ fliegt, dann lotet Wagner originell und hintersinnig die Höhen und Tiefen des Daseins aus – und unsere Sinne laben sich nicht nur an satten Bildern, sondern beginnen selbst zu schwanken und zu flattern.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rainerstolz.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0206 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Rainer Stolz