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Guantánamo.
Roman von Dorothea
Dieckmann (2004, Klett-Cotta).
Besprechung von Hans-Jürgen Heinrichs in der Frankfurter Rundschau, 20.10.2004:
Botschaften aus dem Käfig
Das Barbarische inmitten der Zivilisation:
Dorothea Dieckmanns Roman "Guantánamo" bewegt sich mutig am Rande des
Scheiterns
Angst ist das dominierende Gefühl, das der
Gefangene Rashid im Lager Guantánamo empfindet. Bewältigen lässt sich die
Angst nur durch die Ausblendung totaler Trostlosigkeit und Unmenschlichkeit und
durch den Versuch, zu vergessen. Aber das ist kaum zu schaffen: "Die
dauernde Übelkeit, Atemnot und Schwindel, das Schwitzen, Jucken und
Herzklopfen, alles stört ihn beim Vergessen."
Dorothea Dieckmann stellt ihren Roman Guantánamo unter ein Motto von Kafka, in dem das Gefühl des Versunkenseins in die Nacht beschrieben und die
Notwendigkeit benannt wird, dass einer da ist, der wacht. Und sie fügt eine
Vorbemerkung hinzu, in der sie ihr Vorgehen, von außen ins Innere der
Gefangenen und deren Leben in völliger Dunkelheit, zu rechtfertigen versucht:
Ins Innere könne nur die Vorstellung schauen, und das einzige zugängliche
Innere sei das eigene.
Der erste Eindruck, den man schon bei der bloßen Ankündigung eines Romans
namens Guantánamo gewinnt, ist geprägt von Skepsis, ja, dem Gefühl,
dass die Frage nur darin bestehen kann, auf welchem Niveau der Autor, in diesem
Fall die 1957 geborene Schriftstellerin Dorothea Dieckmann, scheitert. Hat denn
ein Roman die Chance, ein Drama von derartigen Ausmaßen, wie es das
Gefangenenlager auf dem kubanischen Stützpunkt darstellt, ohne jede
Zeugenschaft erzählerisch zu erfassen? Kann denn ein Dichter anstelle der
Holocaust-Zeugen Primo Levi,
Liana Millu, Jorge Semprun,
Andrzej Szczypiorski
oder Elie Wiesel erzählen,
was das Lager aus den Menschen macht, wie sie sich Ersatzwelten in einer
unaushaltbaren Realität erschaffen und darin zu überleben hoffen?
Dieckmanns Roman ist nicht weniger als der Versuch, eine existentielle
Grenzerfahrung in der Gegenwart und wiederum inmitten der Zivilisation zu
beschreiben; die Erfahrung des Barbarischen in den Tiefen der Gefühle und des
Leidens auszuloten. Das Lager sei Dunkelheit, Leere, ja, noch weniger, hatte Szczypiorski
von Hitlers Konzentrationslagern und Stalins Gulag gesagt, und Elie Wiesel
bemerkte, dass sie sich nicht vorstellen konnten, was sie in Zukunft mit
ihrem Leben anfangen sollten, in solcher Nähe zur Gegenwart des Todes. Genau
dieses Gefühl will uns Dorothea Dieckmann ohne jede Beschwichtigung, in einem
Ton nahezu unaushaltbarer Dichte, Schärfe und Atemlosigkeit vorführen, man könnte
auch sagen: einhämmern.
Man fühlt, wie es sich anhört, wenn der Gefangene "im Schädel
feststeckt" und "die Stille lärmt"; wenn es dumpf im Kopf
klopft, nichts abfließt, alles in einem "brodelnden Stau" festhängt;
der ganze Mensch "betäubt, gelähmt, und... blind" ist. Der Gefangene
lernt, wenn er überleben will, unter den abwegigsten Bedingungen, eine Form der
Normalität zu entwickeln, sich einzurichten und sich eine, wenn auch noch so
minimalistische, Lebenswelt zu schaffen. Der Käfig erweist sich nach einer
gewissen Zeit als Gestaltungsraum mit extremen Einschränkungen. So erlaubt zum
Beispiel nur die Südostecke des Käfigs dem Insassen, wie dies Rashid, die
Hauptfigur, erkennt, die Beine im Sitzen auszustrecken.
Das ist eine äußerliche Begrenzung, mit der umzugehen sich lernen lässt. Die
größere Tortur spielt sich im Inneren ab. "Erinnerungen sind gefährlich",
lernt Rashid sehr schnell. "Sie bringen die Zeit in den Käfig, und dafür
ist der Käfig zu klein." Rashid lernt, Zeit damit zu verbringen, gegen die
Zeit zu arbeiten. Weder im Inneren - in seinen Erinnerungen, Gedanken und Gefühlen
- noch im Äußeren der Bewegungen und des damit verbundenen Schwitzens darf er
zu viel Energie verbrauchen.
Sein Leben wird zur Einübung in den Stillstand, zur bewussten Lähmung des
Kopfes, des Körpers und der Seele. Wie anders sollte er verkraften, was er
sieht: dass der Eimer für das Wasser und der Eimer für die Exkremente täglich
ihre Funktion ändern können und dass jegliche Intimität und Individualität
systematisch zerstört werden.
Muss da nicht Allahs Wort und die Chimäre eines Kollektivs wie ein
Heilsversprechen erscheinen und das Lagerleben in die Wolke einer fernen Erlösung
einhüllen? Trance und Terror. Terror im Namen der radikal-islamistischen
Ideologie, und Terror und Folter unter dem Deckmantel der von der Regierung Bush
verkündeten zivilisatorischen Mission.
Rashid lebte in Hamburg, reiste nach dem Afghanistan-Krieg nach Indien und
Pakistan, wo er in eine antiamerikanische Demonstration geriet. Der Roman setzt
sofort ein mit der Beschreibung der verzweifelten Lage Rashids nach seiner
Festnahme, zuerst im Gefängnis, dann im Laderaum eines Flugzeuges nach Guantánamo
und schließlich in einem Drahtkäfig, gefesselt, jeder Menschlichkeit beraubt.
Fortan durchkreuzen die verschiedenen Erinnerungsebenen seine Übungen im
Vergessen und im raum- und zeitlosen Stillstand, im Durchkreuzen des Albtraums
dessen, was mit ihm geschehen ist. Panisch versucht er die Erfindung einer
anderen Vergangenheit voranzutreiben. Er nennt dies auch das Begehen einer
"Lügenstrecke": wie alles hätte anders kommen können.
Aber nicht nur er ist damit beschäftigt, eine andere Spur zu legen und eine
virtuelle Ebene in seinem Lebensweg einzurichten. Auch die, die ihn gefangen
halten, versuchen seine Geschichte neu zu schreiben. Sie entreißen ihm sein
Drehbuch des Lebens und setzen an die Stelle des "Ich, Rashid":
"Der islamistische Terrorist Rashid". Das Verhör tritt an die Stelle
des Gesprächs. Alles ist darauf angelegt, ihn als Täter zu überführen. Aus
dem Mund seiner Bewacher und Richter hört er vertraute Wörter (beispielsweise
"Die Straße von Peshawar nach Jalalabad ist der Nachschubweg für die
Taliban, sie führt direkt nach Tora-Bora... "), Wörter, die aber etwas
Comichaftes im Mund der Gefängniswärter bekommen, angelernte Versatzstücke
eines sogenannten Antiterrorkrieges.
Eine verbrannte Hülle
Am Ende spricht nicht mehr er; es redet aus ihm
heraus. "Jihad, sagt er. Er hat das Wort noch nie benutzt. Er versteht ihre
Sprache, und sie verstehen ihn. Er ist ausgeleert. Alles ist gesagt,
herausgezischt wie aus einem heißen Überdruckventil. Übrig ist eine
verbrannte Hülle, löchrige, verwelkte Haut, Asche." Auch der zu Tode Gequälte
- der den Tod im Leben erfährt - hört noch das Ticken der Halsschlagader, spürt
das Fließen oder Stocken des Bluts und sucht sich neue Haltepunkte in der tödlichen
Leere: zum Beispiel den Schattenriss eines anderen Gefangenen, eines
Gegenstandes, einer Mücke oder eine Eidechse - und das Phantom eines heiligen
Kriegs, gemeinsam mit anderen Kriegern, ein Krieg, der hier wie im Wahn oder
Fiebertraum, hier in dieser Zelle, allererst als Szenario produziert wird.
Guantánamo ist in uns. Wir hätten es - als Ort maßloser Demütigung und
Erniedrigung - nicht erfinden können, wenn es dafür nicht ein Muster in uns gäbe,
so etwas wie eine universelle Konstante der "Guantánamoisierung" der
Gesellschaft. Und noch etwas kommt hinzu: Kein Mensch könnte es wagen, eine
solche Praxis durchzusetzen, wenn er nicht durch die Gesellschaft und den Staat
gedeckt wäre. Die zivilisierte Welt - das ist das Skandalon - duldet inmitten
ihrer Praxis von Menschenrechten, Menschenwürde und Demokratie das Barbarische
im Exzess.
Dem hat Dorothea Dieckmann eine zeitgenössische Stimme gegeben. Ihr vom Scheitern bedrohtes Unternehmen kann als gelungen, ja als notwendig bezeichnet werden. Aharon Appelfeld sagt in Philip Roth' Shop Talk: "Die Wirklichkeit des Holocausts übersteigt jede Vorstellungskraft. Hielte ich mich an die Fakten, würde mir niemand glauben." Dies rechtfertigt auch die "Erfindungen" in Dieckmanns Buch und rechtfertigt grundsätzlich die Form des "Romans". Um das Buch in der kürzestmöglichen Form zu charakterisieren: ein Bericht aus dem barbarischen Herzen der Zivilisation.
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2.)
Guantánamo.
Roman von Dorothea
Dieckmann (2004, Klett-Cotta).
Besprechung von Andreas
Langenbacher in Neue
Zürcher Zeitung vom 21.12.2003:
Innenansichten der
Erniedrigung
Dorothea Dieckmanns Roman «Guantánamo»
Mit einer hintersinnigen Installation haben zwei Künstler unlängst den Vorschlag gemacht, den Standort Guantánamo dereinst in ein Kulturzentrum umzugestalten. Sogleich und unerwartet aber erwies sich dieser Vorschlag als doppeldeutig. Denn inzwischen werden auch die Bilder aus Abu Ghraib als Teile künstlerischer Strategeme wiederverwertet, und sogar die Modefotografie hat den Gürtel als Hundeleine entdeckt.
Je mehr wir uns mit solchen mehrdeutigen künstlerischen Interventionen befassen und uns verunsichert fragen, ob wir dabei zu engstirnigen Moralisten oder zynischen Avantgardisten beliebiger Bildlektüren werden, desto mehr wird im Gegenzug von der Literatur erwartet, dass sie sich mit dem authentischen Dahinter, dem im Erleben verbürgten Realen befasst. So wird der Literatur vor der längst aus den Angeln kippenden Drehtüre des iconic turn gerne der Platz eines Türwächters zugewiesen. Und gerade im Leitmedium Fernsehen, das einiges zur rasenden Indifferenz unserer Bilderwelt, wenn nicht unseres Weltbildes, beiträgt, wird immer wieder gerne und mit Nachdruck festgehalten, was Literatur in diesem neuen Anstellungsverhältnis soll, darf oder kann. Gefragt ist meistens echte Zeugenschaft.
Erborgte Tragödie?
Wir erinnern uns: Bei der Diskussion um Dorothea Dieckmanns Ende Juni beim Klagenfurter Literaturwettbewerb gelesenen Text ging es nicht nur um die ästhetische Beurteilung eines Ausschnitts aus einem Roman, der «Guantánamo» heisst und sich mit der fortschreitenden Dissoziation des Innenlebens eines jener über 600 ohne Anwalt und Anklage als feindliche Kämpfer festgehaltenen Gefangenen in der amerikanischen Lager-Enklave auf Kuba befasst. Es ging auch sehr schnell und grundsätzlich um die Frage, ob sich Literatur eines solchen Themas annehmen darf, ob sie sich damit nicht schon a priori dem Verdacht eines «Benetton-Kalküls» aussetzt. Ein Verdacht, der merkwürdigerweise gegenüber den visuellen Künsten weniger auftaucht, vielleicht weil Kunstkritiker und Kuratoren stärker in die Medienstrategien des künstlerischen Auftrittes «eingebettet» sind.
Nach Dorothea Dieckmanns Lesung aber war von erborgter Tragödie und Authentizität die Rede, von Innerlichkeit am falschen Objekt, von Anverwandlung eines Themas, über das man noch viel zu wenig Faktisches weiss, als dass es zum Inhalt eines fiktiv identifizierenden Erzählens gemacht werden darf. Dem damals zu Recht konsternierten Einwand der Autorin, dass man, wenn man nur will und entsprechend recherchiert, sehr viel über die Zustände in Guantánamo wissen kann, wurde entgegengehalten, dass es unzulässig sei, aus dem Internet Rückschlüsse auf die Seele zu ziehen.
Nun, da der gute 150 Seiten starke Roman «Guantánamo» vorliegt, stellt man fest, dass Literatur eigentlich alles soll, darf und kann, wenn das wie hier mit existenzieller und zugleich experimenteller Ernsthaftigkeit geschieht. In ihrem gleichermassen durch exakte Recherche und emphatische Nähe geprägten Roman gelingt es Dorothea Dieckmann nämlich, uns unsern distanziert emblematischen Blick zu entziehen, uns ins Innere eines jener unter den Rastern der Käfiggitter längst zum anonymen Bild erstarrten roten Overall-Menschen zu verstossen. Und uns dabei aus dem Innersten einer ausweglosen und unmenschlichen Situation auf einen Menschen hin in Bewegung zu setzen... Fortsetzung
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