Grunewaldsee.
Roman von Hans-Ulrich
Treichel (2010, Suhrkamp).
Besprechung von Christoph Schröder aus der Frankfurter Rundschau, 15.3.2010:
Die Welt ist ein Schrebergarten
Wer die Schriftstellerkarriere Hans-Ulrich Treichels von Beginn an verfolgt hat, vom überragenden Debüt "Der Verlorene" bis hin zum im Jahr 2008 erschienenen Roman "Anatolin", der musste spätestens nach letzterem das ungute Gefühl haben, dass hier ein Autor an einem Punkt angekommen sein könnte, an dem er ausgeschrieben hat. Was noch den Roman "Menschenflug" geprägt hatte - der Witz, die Leichtigkeit, mit der ernsthafte biografische Friktionen literarisiert wurden - erwies sich in "Anatolin" nur noch als ein lauer Aufguss, aufgepeppt mit durchschaubaren Verwirrungseffekten.
Nun hat sich Treichel zumindest vorerst verabschiedet von dem Bryschtsche-, Flucht- und Verlorenem-Bruder-Komplex. "Grunewaldsee", der neue Roman, ist fest verankert im Treichel-Universum. Manches kommt einem bekannt vor; ärgerlich ist das jedoch nicht. Vor allem der Anti-Held ist in seiner Disposition eine geradezu klassische Treichel-Figur, die durch die Welt ihrer akademischen Existenz stolpert und alles dafür tut, um bloß nicht erwachsen zu werden. Ein Mensch, der sich selbst nicht für sonderlich originell hält, in diesem Daseinszustand und gerade deswegen aber zu umso tieferen Einsichten kommt. Wenn es zwei Sorten von Gelehrten gäbe, so denkt er, der Geschichtsstudent, dann die wahrhaften Denker und die Denker von bereits Gedachtem. Zu jenen zählt er sich selbst. Kein Genie also, aber einer, der sich im Berlin der frühen 80er Jahre ohne Probleme durch das universitäre und durch das Leben überhaupt schlagen kann.
Das Berlin der Vorwendezeit und das uncoole, nicht schicke
Kreuzberg im Schatten der Mauer sind heimliche Helden von "Grunewaldsee". Als
der Eiserne Vorhang fällt, ist für Paul der Zauber der Stadt verflogen. Da kann
man auch zurück nach Braunschweig gehen. Von dort kommt Paul, aus streng
sozialdemokratischen, kleinbürgerlichen Verhältnissen. Der Vater bewahrt in
einem eigenen Zimmer sämtliche je erhaltenen Quittungen und Belege auf, weil man
sie irgendwann ja noch einmal brauchen könnte; die Mutter stopft das Haus mit
Nippes voll - "idyllenkrank", so nennt das ein Bekannter. In der Beschreibung
seiner Milieus, sei es Pauls Braunschweiger Heimat oder sei es der Kreuzberger
Kiez, ist Treichel ein Meister wie eh und je. In ihnen spiegelt sich das
Deutschland der Bonner Republik in all seinen Facetten, in all seiner Beengtheit
und Beschränktheit einerseits, aber auch in all seinem Charme und seiner wenig
selbstbewussten Genügsamkeit.
Das zeigt sich im Übrigen auch im Hinblick auf den Sex. Paul lernt Birgit
kennen, und mit ihr zu schlafen fühlt sich für ihn in etwa so wohlig an, wie in
einem Schrebergarten zu sitzen: "Paul erklärte sich mit allem einverstanden und
bestätigte Birgit, dass Sex schließlich nicht alles sei, es gebe ja auch noch
die menschliche Bindung. Allerdings glaubte er kein Wort von dem, was er da
sagte. Er war vielmehr überzeugt davon, dass Sex doch alles war." Weil Paul, der
selbst eingestandene Erotomane, keinen Referendariatsplatz findet (ja, es gab
einmal so etwas wie eine Lehrerschwemme), geht er nach Spanien, um Sprachkurse
zu geben und trifft dort, in einem Land nicht allzu bald nach Franco, auf María.
Die ist verheiratet und schwanger und wird zu Pauls zunächst erfüllter, dann zu
seiner unerfüllbaren großen Liebe.
Das ist dann kein Schrebergarten mehr, eher Wildwuchs. So verhält es sich auch
mit dem gesamten Roman, der ein gezieltes strukturelles Chaos darstellt, eine
höchst amüsante Assoziationsverkettung, die einzig und allein Pauls Bewusstsein
folgt, angetrieben von verschiedenen Motoren. Einer davon ist der Eros. Ein
anderer, mindestens ebenso bedeutender, ist das, was man im Fußball "Zeitspiel"
nennt: Pauls Weigerung, weiterzumachen, sich festzulegen, etwas zu werden.
Hinauszukommen aus der Kreuzberger Hinterhofidylle, die zwar der türkische
Bäcker mit seinem Abluftrohr zustinkt, aber ansonsten beinahe ein
Paradiesgärtlein ist. Eine kalkulierte Reifeverzögerung ist es, die Paul an sich
selbst vornimmt, und es ist genau jene Sorte von Charakter, für die Treichel
seine Sprache erfunden hat - eine so geschmeidige wie lakonische, hüpfende und
springende Diktion, hinter der sich ein unausgesprochener Ernst verbirgt.
In Wahrheit wartet Paul auf alles Mögliche. Vor allem auf María. "Permanecemos
juntos", "wir bleiben zusammen", hat die ihm beim Abschied zugerufen. Das war,
wie sich herausstellen soll, eher symbolisch gemeint. Bei allem nostalgischen
Potenzial ist Treichels wenig spektakulärer, aber unterhaltsamer Roman
glücklicherweise nicht von der Idyllenkrankheit befallen.
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