Grund zu Schafen von Marion Poschmann, 2004, FVA1.) - 2.)

Grund zu Schafen.
Gedichte von Marion Poschmann (2004, Frankfurter Verlagsanstalt).
Besprechung von Michael Braun in der Frankfurter Rundschau, 24.11.2004:

Ohren voll Abendrot
Eine große Hoffnungsträgerin: Marion Poschmann schreibt die zartesten Naturgedichte

Die Verheißungen der traditionellen Naturlyrik transportieren in unserer Spät-Moderne keine Glücksversprechen mehr. Das Basisvokabular des Naturgedichts ist mittlerweile derart von Ambivalenzen durchkreuzt und von Negativität dekonstruiert worden, dass sich daraus kaum noch ein Glücksraum der Idylle bauen lässt.

Die 1969 geborene Dichterin Marion Poschmann, eine der größten Hoffnungsträgerinnen der jungen Lyrik, weiß um diese Selbstzweifel und strukturellen Aporien der Naturpoesie. Wenn sie nun in ihrem zweiten Gedichtband Grund zu Schafen unter den fünf Rubriken "Oden nach der Natur", "Et in Arcadia Ego", "Idyllen", "Waldinneres" und "Wiese sein" die Traditionsbestände der Naturlyrik aufruft, dann unter dem Aspekt einer zeitgemäßen Rekonstruktion des Naturgedichts. Zeitgemäß meint hier nicht nur die variationsreiche Auslotung formaler Möglichkeiten, sondern auch die Neuakzentuierung bewährter Motive aus der Literaturhistorie.

So demonstriert Poschmann im ersten Teil ihres Bandes, wie ein Naturgedicht in klassischer Odenstrophe unter modernen Erkenntnisbedingungen aussehen könnte. Hier werden nämlich die einzelnen Verse und Motive in fluktuierende Beziehungen zueinander gebracht, in Schwebezustände, in denen technische, profanierende Details den alten Gestus der Verschmelzung von Subjekt und Natur verhindern.

Schon das erste Gedicht dieser Abteilung, das von der strengen Kartographierung eines "kleinen Rasenstücks" handelt, beginnt mit einer kalkulierten Abweichung von einer ehrwürdigen Grundvokabel der Naturpoesie. Das "Gras" wird in Zusammenhang mit einem numerischen Wert gebracht, mit der Welt der Vermessungen und Kalkulationen: "100g Gras, wie Licht, das sich bewegte".

Mit einer strengen Geometrisierung von Natur und Landschaft haben wir es auch im folgenden zu tun, wenn im Kapitel "Et in Arcadia ego" der Kontext antiker Hirtendichtung aufgerufen wird. Auch hier wird die kühle Distanz spürbar, aus der heraus Landschaft vermessen wird, wobei Bildimpulse der modernen Malerei (etwa von Cy Twombly) eine große Rolle spielen.

Zwischen Kausalität und Kreatur

Auch das Titelgedicht des Bandes, das einige Rätsel aufgibt, markiert programmatisch eine Abweichung von einem identifikatorischen Naturverhältnis: "Grund zu Schafen" - das signalisiert den Zusammenprall von Kausalität und Kreatur, das stellt seltsamerweise ein Tier in Begründungszusammenhänge. Und dieser "Grund" ist wohl nicht nur der agrarische, auf dem das Schaf weidet, sondern auch ein metaphysischer. Das friedliche "Schaf" aus der antiken Hirtendichtung ist in zwei weiteren Gedichten mutiert zu einem vielfältig schimmernden Geschöpf von intensiven Farbwerten, ein Sprach-Wesen, auf surreale Weise legiert aus unterschiedlichsten Materialien: Da begegnet man den "Schafen aus Wachs" oder den "Schafen, geföhnt" mit "Ohren voll Abendrot".

Wie hier, so wird auch in den übrigen Abteilungen des Bandes der einfühlend-romantisierende Zugriff auf Naturdinge bewusst vermieden. Im Fortgang des Bandes wird der Begriff von Landschaft immer extensiver ausgelegt: Es kommen Industrielandschaften in den Blick, bis hin zum "Unter-Tagewasser" der Ruhrgebiets-Zechen oder den "Depots der Geschichte" in der ehemaligen "Stalinstadt" Kloppitz.

Es ist die Kunst der Marion Poschmann, die aus ihren syntaktischen Verankerungen gelockerten Wörter immer wieder in suggestiven Fügungen und in überraschenden Bild-Kombinationen um einen semantischen Kern zu ordnen, so dass scheinbar vertraute Dinge in neuem, nie gesehenem Licht aufstrahlen. Ob das nun ein "kleines Rasenstück" ist, ein "deutscher Nadelbaum" oder ein unscheinbarer "Siefmütterchenhain" - man sieht die Naturphänomene plötzlich mit anderen Augen. Der skeptisch-kühle Blick auf die Dinge, der immer auch den Modus der eigenen Wahrnehmung überprüft, lässt die Naturfrömmigkeit der romantischen Tradition hinter sich.

Immer wieder werden die vertrauten Kräfteverhältnisse zwischen Ich und Natur ins Wanken gebracht - durch Vertauschungen und Anthropomorphisierungen. Die "Märchenwälder" kehren - entgegen der Behauptung eines Gedichttitels - nicht mehr zurück. Denn die Natur bleibt das Fremde und ganz Andere des Ich, und dieses Fremde hat etwas Bedrohliches: "Gras überwog uns schon - wuchs Gras darüber, / hob sich, senkte sich, wimmelnd, flimmernd, Gras, so / haltlos wurzelnd über dem hellen Abgrund / unserer Hirne."

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Grund zu Schafen von Marion Poschmann, 2004, FVA2.)

Grund zu Schafen.
Gedichte von Marion Poschmann (2004, Frankfurter Verlagsanstalt)
Besprechung von Rainer Stolz im tip Berlin Nr. 21/04:

Hügelrücken und Fußabdrücke zu drei Gedichtbände
(Marion Poschmann/Andreas Altmann/Crauss)

„es war / die Bewegung einer Landschaft / die jede Vertrautheit löschte / es war ein Hügelrücken und / der Augenblick des Abwendens / des Zuwendens“ – In der Lyrik von Marion Poschmann, die 2002 mit einem Roman antrat („Baden bei Gewitter“) und nun schon ihren zweiten Gedichtband vorlegt, verschränken sich die Areale der inneren und äußeren Welt. Natur und Subjekt betten sich wechselseitig ein, zeigen und verdecken sich – „in Wäldern gewandert (...) im mächtigen Schatten der Mutter: Tannen und Untertannen“. Ob Poschmann Kindheitsorte aufsucht oder alte Fotografien neu belichtet, ob sie Körper als „Depots der Geschichte“ sichtbar werden lässt oder ein „abgehalftertes Land“ betrachtet: stets sind es Akte der Sprachkunst auf hohem Niveau. Dabei wirken sie kaum darauf getrimmt, da in den Kräfteverhältnissen dieser Gedichte verschiedene Gegengewichte mitwirken: ein Augenzwinkern, ein Wortwitz, ein Stolperstein wie „Blumenstau“, eine Wendung ins Magische oder Absurde („in dieser Nacht erschlug ich mehrere knallblaue Wichtel“). Wer sich dem Rhythmus dieser Gedichte, rastlos, aber ohne Hast, überlässt, entdeckt mancherlei „Wertgegenstände / für Leute die selten zuhause sind“.

Andreas Altmann bescheidet sich eher mit einfachen Worten wie Baum, Schatten, Stimmen, Wege, Schnee, die neben und mit dem lyrischen Ich agieren: „nachts / hängt sich der teich an das fenster, / schwimmt blätter vom baum. / ich seh ihm ins wasser, er / taucht mich ein.“ Seine Sprache ist schlicht und komplex zugleich. Bilder entfalten sich in aller Kürze („fenster sortieren den wind“). Gut justierte Mehrdeutigkeit („wir verschreiben uns die kindheit“), raffinierte Zeilenbrüche, Verkehrungen und Verschiebungen des gängigen Wortgebrauchs geben den Gedichten ihren Schliff, ihren unverkennbaren Duktus. Eine Auswahl aus den bisherigen drei Bänden Altmanns, die gerade in der Lyrik-Reihe des Rimbaud Verlags erschienen ist, zeigt das deutlich. Bei dieser Lektüre wird man ruhig, sammelt sich und geht den Pfaden der Worte und ihrer Bedeutungen bereitwillig nach. Auch wenn die Gegenden oft traurig wirken – verfallene Häuser, Abschiedsszenerien – hält man gern inne und setzt auch mal einen Schritt zurück, bevor man weiterschreitet, mit geweiteten Augen: „blind / stechen blitze ins tageslicht. wir suchen / den passenden stand in den schritten. wo die luft / klar in den worten steht.“

Die Gedichte von Crauss dagegen ziehen einen mit, ihr liedhafter Rhythmus, ihr Sprachfluss. Doch wo man landet, ist es anfangs recht unheimlich, bei Schwarzen Witwen etwa. Bis das Hauptthema des Buches sich durchsetzt: Momentaufnahmen von Freund- und Liebschaften, die meist vorbei sind – „mein liebster platz war später / der abdruck deines nassen nackten fusses / kurz hinter der wohnungstür“. Fast „alles reimt sich / auf sehnsucht“ in den Stimmungsbildern dieser Sammlung, auch Sex: „ein traum: wenn man sie rumkriegt, / knacken die ärsche. alles frisch, / alles frisch, ruft ein melonenverkäufer kurz / vor feierabend“. Im Vergleich zum ersten Band „Crausstrophobie“, der ebenfalls in der Lyrikedition 2000 herauskam, scheint Crauss seine Experimente hier weitgehend zurückzustellen. Zwar spielt er manchmal noch mit eigenen und auch mit fremden Motiven, virtuos wie gewohnt, aber vorwiegend erzählt er sehr direkt und nahezu ungebrochen: „die liebe ist ein scheiss hör ich mich fluchen / der morgen muss irgendwann dämmern. / der horizont verschwimmt mir in tränen / es regnet verzweifelt.“ Man kann das als Rückschritt verbuchen oder es mutig nennen. Aber vielleicht sind die Grenzbereiche zum Banalen, zur Privatnotiz, zum Kitsch auch sein jetziges Experimentierfeld. Überschreitungen kommen schließlich nur vereinzelt vor, wie bei „enno spielt wieder gitarre“ – und darüber lässt sich dann immer noch streiten.

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