Grünschnabel von Monica Cantieni, 2011, SchöfflingGrünschnabel.
Roman von Monica Cantieni (2011, Schöffling&Co.).
Besprechung von Sibylle Birrer in Neue Zürcher Zeitung vom 7.04.2011:

Ein Strauchelgang ins Leben
«Grünschnabel» – das Romandebüt von Monica Cantieni

Es ist ein sonderbares Kind, denken die anderen. Das Kind aber denkt sich die Welt – wie sie ist, wie sie funktioniert, wie alles um es herum miteinander in Beziehung steht. Und gerade das ist ein kompliziertes Unterfangen. Denn das Kind stammt aus dem Heim und soll in einem Schweizer Haushalt heimisch werden. Eingliederung heisst das Zauberwort, Sozialisation ist das Ziel. Für das Mädchen türmt sich dazwischen ein Berg aus Nichtwissen einerseits und ihm entgegengebrachter Verständnislosigkeit andererseits. Tapfer macht es sich auf den Weg: ein kleiner Candid in der Schweiz Anfang der 1970er Jahre, für den es umständehalber das Paradies nie gab. Dafür aber eine Akte, die das Kind auf seinem Lauf ins Leben begleitet.

Sprachfindung

Begleitet wird das Kind – ein namenloses Mädchen, vom verschrobenen Grossvater «Grünschnabel» genannt – auch von ein paar Menschen. Das sind zum einen die Adoptiveltern. «Mein Vater hat mich für 365 Franken von der Stadt gekauft. Das ist viel Geld für ein Kind, das keine Augen im Kopf hat», gibt das Kind als ersten Satz des Buchs zu bedenken. Von Anfang an ist zudem klar: Die Eltern haben ihre eigene Kinderlosigkeit nicht überwunden; das Heimkind ist ein notdürftiges Pflaster, das ihre beschädigte Ehe trotzdem nicht zusammenzuhalten vermag. Immer wieder muss die Mutter «Tabletten gegen ihr Himmelelend» schlucken, und gelegentlich fliegen Teller an die Wand, bis die Mutter beim benachbarten Saisonnier ein bisschen Ruhe und ein temporäres Glück findet. Der Vater hingegen ist dem Kind zugewandt und um sein Ankommen im Familienleben bemüht. Zur Sprach- und damit auch zur Identitätsfindung beginnt er mit dem Kind eine Wörtersammlung in Streichholzschachteln. Denn ins Leben und damit auch in die Gemeinschaft zu finden, bedingt, der Sprache mächtig zu sein. Umso mehr übt dies das Kind mit einer handfesten Akribie, die dem Roman sein eigenes Gepräge verleiht: seinen Stil, seinen Duktus und damit ganz grundsätzlich seine Sprache.

Doch wie kann sich Identität entwickeln, wenn sie auf lauter Bruchstellen der Gesellschaft wurzeln soll? Tatsächlich ist die Welt des Grünschnabels voller Brüche und Verwerfungen. So bilden Kinderheim und Familie unvereinbar den Grundstock der Biografie. Nur gut, gibt es für das Kind noch den «Tat», den Bündner Grossvater, der sich immer kauziger mit der Realität der andern anlegt. Szenisch eindrucksvoll, so grotesk wie liebevoll-komisch arrangiert, spiegeln sich in Tats altersbedingtem Rückzugsgefecht aus den Konventionen die Mühen des Kindes, mit Normen und Setzungen zu Rande zu kommen – diesseits wie jenseits der Sprache.

Es ist ein eigenwilliger, vereinnahmender Roman, den Monica Cantieni, 1965 im Kanton Zürich geboren, mit «Grünschnabel» vorlegt. Und es ist zugleich ihr erster. Zwar gehört die Autorin seit mehr als 15 Jahren zur Literaturszene, aber abgesehen von der Erzählung «Hieronymus' Kinder» (1996) sind Cantienis Texte bis anhin lediglich verstreut erschienen. Mit der Wahl der literarischen Kinderperspektive reiht sie sich nun in die wachsende Zahl von Schreibenden, die auf der reduzierten Augenhöhe den Reiz des anderen Blickwinkels und der sprachlichen Gestaltungsfreiheit suchen. Das Risiko der manieristischen Ausbeutung und symbolischer Überfrachtung inklusive.

Doch Monica Cantieni gelingt es in «Grünschnabel», einen eigenen Ton und Rhythmus anzuschlagen, indem sie das kindliche Ringen um Verständnis und Verständigung zu einer eigentlichen Kunstsprache verdichtet – oder besser: zusammenschnürt. Vermeintlich leichtfüssig, aber mit zielgenauer Prägnanz dringt die Autorin bis in die hintersten Bedeutungswinkel vor, um von dort aus das Kind radebrechend kombinieren und schnurgerade den Wortsinn transferieren zu lassen. Erzählend wird hier «Stringenz» beim Wort genommen und entwickelt sich dadurch zur poetisch-komischen, unterschwellig jedoch schneidenden, schmerzhaften Ansichtssache. So wird aus der im Schrank versteckten Tochter des Saisonniers eine leibhaftige, festsitzende Überfremdung, bei Streitereien der Eltern ist der Haussegen bis auf die Strasse hörbar, und die eben noch deprimierte Mutter macht sich mit einem Brief (des Geliebten) im Handumdrehen frisch.

Lakonischer Ton

Das Geschick, banale Alltäglichkeiten und schmerzhafte Erfahrungen in gleichermassen lakonischem, humoreskem Ton zum Besten zu geben, erinnert zuweilen an osteuropäisches Literatur- und Filmschaffen. Zugleich aber hat vor kurzem Melinda Nadj Abonji in «Die Tauben fliegen auf» das Fremdsein und Befremden in der Schweiz mit einem ähnlichen Gestus zur Sprache gebracht. Ganz anders ist jedoch die Ausgangslage des «Grünschnabels», denn die kindliche Immigration ereignet sich im Schweizer Binnenland, vom Heim ins verordnet Heimische. Und für einmal erhält dadurch das Thema «Adoption» im zeitgeschichtlichen Kontext der helvetischen 1970er Jahre eine literarische Pointierung, der man sich nicht so schnell entziehen kann: «Wir waren froh um jeden, der nicht wusste, dass ich aus dem Heim war und meine Eltern kinderlos, ich ein Bastard und meine Eltern naiv, ich ohne Stammbaum und mit einer Menge Akten, sie verzweifelt und ich ein hoffnungsloser Fall, unser Verhältnis in jedem Fall ein ziemliches Ding war und vor allem eins: eine einzige Tragödie.»

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