Grüner Engel, blaues Land von Dagmar Leupold, 2007, Beck

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Grüner Engel, blaues Land.
Roman von Dagmar Leupold (2007, Beck).
Besprechung von Tim Slagman im Münchner Merkur, 15.3.2007:

Nachtmusik ohne Musik
Zur Lesung: Dagmar Leupolds Roman „Blauer Engel, grünes Land”

Gute Literatur spricht nicht nur zum Leser, sondern auch über ihn, sucht das Allgemeine im Besonderen. „Alles an mir ist für dich wohl symptomatisch für die Malaise der Welt?”, wirft die frisch vom verheirateten Geliebten verlassene Archäologin Sophia denn auch ihrer Reisebegleitung Johannes vor und deutet damit schon an, dass die Münchner Autorin Dagmar Leupold in ihrem neuen Roman „Grüner Engel, blaues Land” manchmal ein wenig zuviel des Guten tut.

Dieser Johannes, den Sophia eigentlich kaum kennt, nimmt sie mit nach Belgien, in ein Gebiet, aus dem einmal der erste Esperanto-Staat der Welt werden sollte.

Vor den Ruinen der Utopie

Dort will er, der nach einem Kindheitstrauma aufgehört hat zu sprechen, für ein Buch recherchieren; sie will dem Alltag entfliehen, der sie immer und überall an ihren Verflossenen erinnert.

Diese intime Situation, natürlich wird eine Liebesgeschichte daraus, entfaltet Leupold vor den Ruinen einer gesellschaftlichen Utopie. Ihre Sprachbilder zerredet sie dabei schon im Moment des Entstehens. Jede Sinnlichkeit, die sie schafft, verpufft in der anschließenden Analyse. „Ein überaus sanftes Kitzeln, bei dem man auf der Stelle jede Fassung verlor, ein Schlaflied, eine Nachtmusik ohne Musik. Streng rationiert das Angebot: So blieb die Nachfrage gewaltig”, erzählt Sophia einmal von den Liebkosungen ihrer Großmutter.

In Formulierungen wie dieser, aber auch in der Gegenüberstellung mit anderen Reisenden, dem russischen Mädchen Annika etwa oder einem lebenslustigen deutschen Pärchen, wird die Stagnation zweier Menschen greifbar, die vor lauter Reflexion nicht mehr zum Erleben kommen. Die eine neue Unmittelbarkeit erlernen müssen, ohne die eine synthetisch erzeugte Weltsprache zugrunde ging und die bürokratisch herbeigezwungene Einheit Europas in Gefahr sein mag.

Leupold, die das „Studio für Literatur und Theater” an der Universität Tübingen leitet, konstruiert perfekt, charakterisiert sauber, passt ihren Stil sinnfällig der Thematik an - und zahlt für all das einen hohen Preis: Um Johannes‘ und Sophias Verkopfung augenscheinlich zu machen, muss sie verkopft schreiben. Am Ende lässt sie einen Schuss fallen, der Befreiung verheißt wie ein platzender Knoten.

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Grüner Engel, blaues Land von Dagmar Leupold, 2007, Beck2.)

Grüner Engel, blaues Land.
Roman von Dagmar Leupold (2007, Beck).
Besprechung von Gerd Berghofer aus den Nürnberger Nachrichten vom 8.12.2007:

Die Sprache des Herzens
Dagmar Leupolds Roman «Grüner Engel, blaues Land»

Da ist ein Mann, der seine Sprache als Kind durch einen Schock verloren hat und eine andere Sprache sucht, nämlich Esperanto. Und da ist eine Frau, die sich von ihrem Geliebten, einem verheirateten Mann, getrennt hat. Beide knabbern an ihren tiefen unterirdischen Wunden.

Aus einer Laune heraus und mit Zuwurf eines grünen Apfels sagt die liebeskranke Sophia zu, Johannes, den stummen Historiker, auf seiner Fahrt nach Ostbelgien zu begleiten. Nach Moresnet in der Nähe von Liège geht die Reise, wo es über 100 Jahre lang ein neutrales, staatsähnliches Gebiet gab, das fast zum ersten Esperanto-Staat geworden wäre.

Sophia verdient ihr Geld damit, Markennamen für Parfums zu erfinden. Johannes schreibt an der Biografie des Esperanto-Erfinders Ludwig Lazarus Zamenhof. Das ist die Ausgangssituation in Dagmar Leupolds leisem Roman «Grüner Engel, blaues Land», den sie ruhig und bildintensiv charismatisch erzählt.

Sehr einfühlsam schildert Leupold, wie behutsam die beiden sich aneinander herantasten, damit einer den anderen nicht noch mehr verletzt. Im selben Maß, wie das Gefühl für den früheren Geliebten ausbleicht, beginnt Sophia sich in Johannes zu verlieben, der dies ja längst erwidert.

In einer schäbigen Wohnanlage in ihrem Zielgebiet, die niemand mehr zu brauchen scheint, lernen sie das nicht gerade hübsche kleine Mädchen Annika kennen, das, wenn überhaupt, nur Russisch spricht. Annika entwickelt ein ganz besonderes Verhältnis zu Johannes auf der Ebene der Sprachlosigkeit, was (hinreißend erzählt) Sophia fast ein wenig eifersüchtig macht.

Sieben Tage lang währt diese grotesk zusammengeschachtelte Ferienidylle am vermutlich hässlichsten Ort der Welt, der ehemals als Paradies galt. In diesem ehemaligen Paradies finden Johannes und Sophia behutsam zueinander. Sie entdecken ihre eigene Sprache jenseits von Wörtern, eine Herzsprache.

Menschlich und pfiffig

Nur das Ende des Buches kommt ein wenig zu dick. Aber vielleicht brauchen wir in der Nüchternheit unseres Daseins eben die phantastisch anmutenden Lebenslösungen. Dagmar Leupold hat ein warmes, menschliches Buch geschrieben, pfiffig in der Idee, interessant in der Handlung und sprachlich tadellos.

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