Grüner Baum in Flammen von Kenzaburô Ôe, 2000, S. FischerGrüner Baum in Flammen.
Roman von Kenzaburô Oe (
2000, S. Fischer - Übertragung Annelie Ortmannsh).
Besprechung von Marion Löhndorf in Neue Zürcher Zeitung, 2002:

Ermüdender Zickzack
Kenzaburo Oes Roman «Grüner Baum in Flammen»

Wie schon oft zuvor macht Kenzaburo Oe ein kleines Dorf in den Wäldern von Shikoku auch in «Grüner Baum in Flammen», dem ersten Band einer Romantrilogie, zum Ausgangs- und Mittelpunkt seines Erzählens. Die Wahl des Standpunkts gehört zu den plausibelsten – und Disparates verbindenden – Elementen dieses Romans, der sich sonst im Zickzackkurs durchs Hier und Da bewegt. Beim Ausmalen seiner Kulisse ergeht Kenzaburo Oe, japanischer Nobelpreisträger von 1994, sich nicht in weitschweifigen Landschaftsbeschreibungen, sondern zeigt die Natur als etwas Lebensbestimmendes, das die Menschen kleiner erscheinen lässt als Stadt- oder Grossstadtfiguren in ihrem selbst geschaffenen, scheinbar kontrollierbaren Ambiente: Das gelingt ihm ganz federleicht, ohne die allzu vielen Worte, die er sonst gern macht.

Der Blick auf die Metropole, Tokio, wird nicht ausgeklammert, aber es ist ein distanzierter, oft flüchtiger Blick: die Wahl eines zeitloseren, zurückhaltenderen Schauplatzes vor den Toren der grossen Städte erlaubt es, den Erscheinungen der nachmodernen Zivilisation Zeichen aus einer anderen, archaischeren Vergangenheit gegenüberzustellen. Denn Oes Roman beschäftigt sich nicht nur, wie in der japanischen Literatur des 20. Jahrhunderts geläufig, mit den Gegensätzen und Einflüssen moderner westlicher und traditioneller japanischer Kultur. Er erinnert an noch ältere, mythische Überlieferungen und umschreibt nie einlösbare Sehnsüchte nach einer Einheit von Mensch, Natur, den Göttern oder einem Gott.

Dabei erscheint das Dorf, der Ort an der Peripherie, keineswegs als Idyll, in dem die Menschen unverbogener sind und die Natur noch intakt ist. Doch lässt sich von dort aus nicht nur Vergangenes und Versunkenes zutage fördern, auch die Dinge des modernen Lebens können aus der leicht abgerückten Perspektive im Kleinen gespiegelt und aus der Distanz betrachtet werden. Der immer und betont gesellschaftskritische Kenzaburo Oe streift sie reihenweise: Probleme der Umweltverschmutzung, der Globalisierung, der Geschlechterrollenverteilung, des Glaubensverlusts, die Suche nach Ersatzreligionen.

Ein zentraler Charakter, der sich als solcher jedoch erst mit der Zeit erweist, wird schon im ersten Satz eingeführt: Er ist kein simpler Held, nein: ein (fast) Heiliger. Takashi, der sich für Mythen und alte Bräuche interessiert und einer Hundertjährigen nahezu vergessene Überlieferungen ablauscht, wird halb gegen den eigenen Willen von den Dorfbewohnern zu einer Art Medizinmann erkoren. Sie erklären ungewöhnliche, im Grunde natürlich erklärbare Ereignisse zu Wundern und beginnen in Takashi, der sich zunehmend überfordert fühlt, einen Erlöser zu sehen. Er besitzt Sendungsbewusstsein und Aufopferungsbereitschaft, ihm legt Oe seinen Lieblingsgedanken der Philosophie des Moments, der etwas länger als einen Augenblick dauert, in den Mund. Doch wo seine Grenzen sind, sieht Takashi selbst nicht mehr. Man gibt ihm den Namen eines Verstorbenen, Bruder Gii, der einmal im Dorf den Erlöser spielte und auf mysteriöse Weise ums Leben kam. Auch Takashis Leben scheint von Anfang an bedroht, denn es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Dorfbewohner herausfinden, dass er der erwartete Heilsbringer nicht ist. Daraus, ob es zu dem insinuierten Unheil wohl kommen mag oder nicht, bezieht der Text nicht nur seine Spannung: Diese latente Frage oder Sorge verbindet auch das Stückwerk der disparaten Erzählstränge und Einzelszenen und Einzelgedanken.

Denn der Roman konzentriert sich nicht auf Takashis ungewöhnliche Geschichte, sondern schwächt ihre Kraft unablässig, indem er ebenso ungewöhnlichen Nebenhandlungen, Betrachtungen und Figuren viel zu viel Raum gibt. Fast alle erscheinen sie gleichwertig, jede Sache wird zur Hauptsache, jede Figur, von der gerade die Rede ist, zur Hauptfigur. Doch eine Überfülle herrscht nicht nur im Deskriptiven; schwerfällig bewegt sich auch die Sujet-Fracht des Romans vorwärts.

Neben den genannten Zeitthemen, die eher sprunghaft verhandelt werden, und dem allgemeinen religiös-existenziellen Grundraunen geht es auch ständig ums Erzählen selbst. Es erweist sich, wenn auch nur als ein Subthema in Erscheinung tretend, als das Interessanteste und Originellste dieses erzählerischen Gebildes, das stellenweise wie eine überinstrumentierte Versuchsanordnung wirkt. Von mündlicher Überlieferung ist die Rede, die Macht von Gerüchten und Legenden wird wirkungsvoll durchexerziert, und ein Schriftsteller namens Onkel K. absolviert als Oes Alter Ego im Roman ein paar selbstironische Auftritte. Der Autor, dessen kompilatorische Begabung hier einsame Höhen erreicht, bringt es sogar fertig, neben allem anderen auch noch die Einflüsse literarischer Traditionen anhand von Cocteau, Rimbaud und Yeats – mehr oder weniger beiläufig – zu diskutieren. Ferner gibt es neben Takashi oder Bruder Gii, wie er genannt wird, eine Ich-Erzählerin, die sich zwar demütig und passiv im Hintergrund hält, aber viel übers Schreiben (und ihre Doppelgeschlechtlichkeit und ihre Verwandlung vom Mann zur Frau – also auch allerhand) nachdenkt. Sie versteht sich als Dokumentaristin des Geschehens. Onkel K. gibt ihr von Autor zu Autorin den Rat: «Denn die Kunst des Schreibens liegt nicht darin, abgedroschene Authentizität zu produzieren, sondern immer wieder neu geltend zu machen: Diese Geschichte habe ich erlebt.» Doch welche von den vielen Geschichten, die der Roman bruchstückhaft enthält und kaum je zwingend über Kreuz führt, hier eigentlich geltend gemacht werden soll, kann jeder Leser für sich selbst entscheiden, bestenfalls.

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