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Grübelei im Rinnstein von Charles Simic, 2000, HanserGrübelei am Rinnstein.
Gedichte von Charles Simic (2000, Hanser - Übertragung
Hans Magnus Enzensberger, Michael Krüger, Rainer G. Schmidt und Jan Wagner).
Besprechung von
Richard Pietraß aus Die Welt vom 3.3.2001

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Grübelei im Rinnstein von Charles Simic, 2000, Hanser2.)

Grübelei am Rinnstein.
Gedichte von Charles Simic (2000, Hanser - Übertragung
Hans Magnus Enzensberger, Michael Krüger, Rainer G. Schmidt und Jan Wagner).
Besprechung von Timo Brandt für Amazon.de, 28.01.2013:

"Die Seele hat viele Bräute."
Ein Querschnitt durch das Werk eines großen modernen Dichters
 
"Fenster, bespritzt von Regentropfen,
Die einander abwechselnd dabei zuhören
Wie sie in regelmäßigen Abständen fallen
Und dabei Erinnerungen auflesen
Die nicht ihnen gehören"

Dichtung als etwas Virtuoses und zugleich Handliches, dass ist das Credo, unter dem viele moderne Dichter ihre zwischen Elegie und Erzählung pendelnden Verse schreiben. Tomas Tranströmer, Nobelpreisträger 2011, ist dafür ein gutes Beispiel, aber auch andere große Dichter des zwanzigsten Jahrhunderts wie Zbigniew Herbert, Adam Zagajewski, Lars Gustafsson und eben auch Charles Simic, der hoffentlich einmal als Nobelpreiskandidat gehandelt werden wird. Allen diesen Autoren ist eine eher unauffällige, unlancierte Sprache gemein, die aber durchdrungen ist von der Magie des Poetischen selbst, von überraschenden Schnitten, aneinander gelegten Bildern und unverhofften Eindrücken und einer eingreifenden Erzählkunst, die aus den Mustern dieser scheinbar tief fliegenden Verse eine Silhouette zeichnet, so fern und bewegend wie sonst nur die Verheißung der eigenen Erlebnisse und Wünsche.

"Irgendwo liegen vielleicht die Liebenden
Unter den dunklen Zypressen
Und beben vor Glück,
Doch hier gibt es nur deinen Vieletagebart
Und einen zitternden Nachtfalter
Unter der Hand, die du gegen die Brust gedrückt hast.

Ältestes Kind, Prometheus
Eines kalten und dir unbenennbaren Feuers
Für das du eine lange Zeit absitzt
Während der dir die Angst des Falters Gesellschaft leistet."

Gute Poesie kommuniziert immer auf mehreren, ganz verschiedenen Ebenen mit uns. Sie kann uns Bilder schenken, die dann tief in uns nach Erinnerungen greifen - und doch kann sie auch Sinnbild sein für etwas ganz Allgemeines, wie im Text über diesem Abschnitt z.B. für Einsamkeit, Mensch sein oder einfach für das Leben, das keine Ausnahmen kennt von sich selbst.

"So viele Krücken. Jetzt braucht sogar
das Tageslicht eine, sogar der Rauch,
wenn er aufsteigt."

Simic hat eine starke Bildsprache, eine inhärente Geduld und lässt lyrische Waghalsigkeit so sehr vermissen, dass man sie gar nicht mehr vermisst. Und doch ist seine Hauptattraktion oft der zweite Eindruck seiner Gedichte, der Schalk, die Botschaft, der Schlüssel zu einem Spiegelbild, das das Gedicht in dir entwirft. Und er hat eine so lakonische und doch gleichsam lebendige Art, die Dinge zu verfremden und sie uns doch oder gerade auf diese Weise näher zu bringen, das beinahe jedes Gedicht eine Entdeckung ist.

"Mitternacht ist lange vorbei, meine Taube, mein Engel!
Wir sollten auf der Hut sein, dachte ich.
An der Straßenecke standen junge Schläger herum
mit Kreuzen und Nieten an ihren Lederjacken.
Sie sahen aus, als hätten sie Darwin gelesen und Pawlow,
diesen Verrückten. Gleich würden sie uns um Feuer bitten."

"Ich sah einen alten Apfelbaum,
Mit einem Schal aus Wind über den Schultern,
Wie er Zoll um Zoll seinen einsamen Weg
Auf die kahlen Hügel nahm."

In diesem Band findet sich ein beeindruckend breiter Querschnitt durch Simic poetisches Werk. Ein paar frühe Gedichte und andere sind auch in Ein Buch von Göttern und Teufeln enthalten, wo ebenfalls eine Rezension von mir ist. Ansonsten sind aus den meisten wichtigen Publikationen ein paar Texte vertreten. Da Simic nur ganz, ganz selten Gedichte schreibt, die länger als eine oder allerhöchstens anderthalb Seiten sind, konnte der Band auch großzügig eine entsprechende Menge an Texten aufnehmen.

"Nach einem Mittagessen mit gegrilltem Lamm
Und vielen schweren Gläsern schweren Rotweins
Schlief ich ein in einem Ruderboot,
Das ich einfach nie losmachte
Von seinem Liegeplatz unter den Weiden,
Die weiter Wirbel über meinem Kopf machten,
Als wollten sie meinen Schatten noch vertiefen."

Für alle Poesiefreunde und Leute, die gerne ansprechende, moderne Lyrik kennenlernen wollen, ist Simic mit seinen eher lockeren und nichtsdestotrotz erstklassigen Gedichten wirklich einen Blick wert. Seine größte Stärke ist sicherlich der beinahe vollkommen in die Sprache der Lyrik getauchte, einfache Augenblick, wo alle Welt sich der Sprache zu vergewissern scheint und sich dann zart und unbestimmt auf genau die Weise auflöst, die sie prägend ist für das eigene Empfinden von Zeit Leben und und und

"Ich saß gegen einen Briefkasten gelehnt
In den ich vor Jahren einen Liebesbrief geworfen hatte.
Er war noch immer darin und flüsterte mir zu
Und war es doch nicht.
Eine stille, sonnenbeschienene Ecke, leer
Bis auf eine schwarze Katze auf dem Sprung
DIe eine Tatze erhoben hatte
Als taste sie nach den tückischen Fäden
An denen auch ihr Leben festgeknüpft ist."

"Dass der Schnee weißer wird,
nachdem eine Krähe darübergeflogen ist."

"Und die Flasche auf dem Tisch, in Gedanken versunken."

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