Große Erwartungen von Charles Dickens, 2011, Hanser1.) - 2.)

Große Erwartungen.
Roman von Charles Dickens (2011, Hanser - Übertragung Melanie Walz).
Besprechung von Peter Pisa aus der Kurier, Wien, 14.10.2011:

Charles Dickens: "Große Erwartungen" -
Pips Ende kann man sich hier aussuchen

Da fragt man sich schon, warum man so gierig auf das Neue wartet, zuletzt Umberto Eco und Murakami, wenn es doch Dostojewski gibt und Tolstoi und Dickens, für die man sich immer Zeit nehmen will, aber kaum nimmt. Vieles ist entstaubt, neu übersetzt worden; jetzt soeben "Große Erwartungen" mit dem Waisenkind Pip aus einem Dorf an der Themse-Mündung, das in London zum verschwenderischen Gentleman wird, einem eitlen, eisigen Stern namens Estella hinterherlaufend.

Wobei das Ende gut für den nun 23-Jährigen aussieht. So war es Charles Dickens nämlich eingeredet worden. Melanie Walz - bekannt und preisgekrönt für ihre Arbeiten, z. B. Lily Brett, Annie Proulx und Patricia Highsmith betreffend - hat auch den ursprünglichen abrupten Schluss übersetzt, der besser passt. Und Arbeitsnotizen, in denen die Möglichkeit eines späten Glücks nicht einmal angedeutet wird. - P.P.

KURIER-Wertung: ***** von *****

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Große Erwartungen von Charles Dickens, 2011, Hanser2.)

Große Erwartungen.
Roman von Charles Dickens (2011, Hanser - Übertragung Melanie Walz).
Besprechung von Bettina Gutiérrez aus dem titel-magazin vom 30.1.2012:

Charles Dickens in seiner Welt
Viel ist über Charles Dickens, den britischsten Schriftsteller aller Briten, geschrieben worden. Eine Biographie und leserfreundliche Ausgabe seines Romans Große Erwartungen rücken ihn ins richtige Licht.

Während der amerikanische Schriftsteller Henry James ihn als den »Oberflächlichsten aller Romanciers« bezeichnete und Franz Kafka im Zusammenhang mit seinen Romanen von einem »unsinnigen Ganzen« sprach, bezeichnete er sich selbst als »der Unnachahmliche«. Gemeint ist Charles Dickens, der allseits bekannte Verfasser der ergreifenden Geschichte des Waisenjungen Oliver Twist, dessen zweihundertster Geburtstag sich in diesem Jahr jährt.

Davon, dass Charles Dickens jedoch zu den »größten Prosadichtern der englischen Sprache« gehört, ist Hans-Dieter Gelfert – ein ausgewiesener Kenner der angelsächsischen Literatur und Kultur – überzeugt, weshalb er ihm eine ausführliche Biographie mit dem Titel Charles Dickens: Der Unnachahmliche widmet.

In seiner lesenswerten Biographie rollt Gelfert das Leben und Werk eines Autors auf, der nicht nur zu seinen Lebzeiten, sondern auch heutzutage noch als Populist und sentimentaler Sozialkritiker verkannt wurde und wird. So erfährt man, dass Dickens aufgrund der wirtschaftlichen Nöte seiner Eltern als Kind in einer Schuhwichsfabrik arbeiten musste, dass er als Jugendlicher ein begeisterter Theatergänger war und dass er schon vor seinem literarischen Durchbruch von seiner journalistischen und schriftstellerischen Arbeit leben konnte.

Gelfert schildert ihn als einen prototypischen Vertreter seiner Zeit – des viktorianischen Zeitalters –, das ganz der Kultur des »Gentry« – des Landadels – verpflichtet und entgegen den landläufigen Meinungen von Weltoffenheit und dem Streben nach »wirtschaftlichem Fortschritt und Verbesserung der sozialen Verhältnisse« geprägt war. Dickens selbst sprach sich für einen ökonomischen Fortschritt im Sinne des englischen Liberalismus aus und engagierte sich gleichzeitig für soziale Belange wie die Armenfürsorge, die Einrichtung von Bildungsanstalten für Arbeiter und eine Reform des Schulwesens.

Als arrivierter Schriftsteller reiste Dickens in die USA, nach Italien und nach Frankreich – Paris wurde zu einem seiner bevorzugten Reiseziele, das er meist in Begleitung seines Freundes Wilkie Collins besuchte. Sein unermüdlicher Schaffensdrang bescherte ihm Wohlstand und ein sorgenfreies Leben, was sich allerdings nicht durchgängig in seinen Werken niederschlägt. So weisen einige seiner Romane, die Gelfert in kurzen Kapiteln vorstellt, autobiographische Bezüge auf, die an seine Kindheit mit all den materiellen Entbehrungen erinnern; seine Romane Oliver Twist und David Copperfield sind die bekanntesten Beispiele hierfür.

Doch auch wenn es sich hierbei um eher düster gefärbte Anklänge handelt, schmälert dies nach Ansicht des Biographen keineswegs Charles Dickens literarische Qualität. Überwiegend positiv beurteilt Gelfert sein Œuvre, das sich für ihn vor allem durch komische und groteske Elemente, eine leicht melodramatische Sozialkritik, einen »diagnostischen Blick auf die conditio humana« und cineastische Bildhaftigkeit auszeichnet. Schon in seinen ersten Erzählungen, den Skizzen von Boz sieht er Dickens' Weltrang als Autor begründet. Es sind Geschichten, die den Alltag der so genannten kleinen Leute in London widerspiegeln und die die wichtigsten Komponenten seiner späteren Werke, zu denen er Sprachvirtuosität, eine präzise Beobachtungsgabe, stimmungsvolle Schilderungen und einen gewissen Humor zählt, enthalten.

Wie angemessen diese Beurteilung der dickensschen Erzählkunst ist, lässt sich anhand der äußerst gelungenen Neuübersetzung seines Romans Große Erwartungen, der nun in einer bibliophilen Ausgabe vorliegt, feststellen. Hier schildert Dickens den Läuterungsprozess seines Protagonisten Pip, der aus ärmlichen Verhältnissen stammt und dank eines Wohltäters zu großem Wohlstand und luxuriösem Lebensstil kommt. Mit leichter Feder, grandiosen Dialogen und atmosphärischen Szenen führt der Autor dem Leser Pips Entwicklung vom jungen Schmied zum Gentleman und seine durch Widrigkeiten verursachte Rückkehr zu bescheideneren Verhältnissen vor Augen, sodass man unversehens in das Geschehen hineingezogen wird.

Aber nicht nur die Handlung, sondern auch die Gestaltung der Protagonisten lassen diesen Roman als Kunstwerk erscheinen: Sowohl Pips gutmütiger Adoptivvater Joe, seine harsche Schwester Mrs. Joe Gargery und die hochmütige Estella als auch die in Trauer versunkene Miss Havisham oder der waghalsige Ex-Sträfling Abel Magwitch werden eindrücklich dargestellt – der englische Lyriker T.S. Eliot bringt es auf den Punkt: »Dickens' Figuren gehören der Poesie an, wie die Figuren bei Dante und Shakespeare, indem ein einziger Satz von ihnen oder über sie bereits genügen kann, um sie uns völlig gegenwärtig zu machen.« Ein Urteil, das den Literaten Charles Dickens rehabilitiert und den Großen Erwartungen in jeder Hinsicht gerecht wird.

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