Grimms Wörter von Günter Grass1.) - 3.)

Grimms Wörter.
Eine Liebeserklärung von Günter Grass, (2010, Steidl).
Besprechung
von Lars von Gönna in der WAZ vom 17.08.2010:

Günter Grass verabschiedet sich mit Grimm
Günter Grass hat seinen letzten großen Roman geschrieben. „Grimms Wörter“ erzählt vom größten Projekt des gelehrten Brüderpaares. Aber Grass nutzt seinen Blick in die LIteraturgeschichte leider auch, um sich selbst ein Denkmal zu setzen. Und das berührt peinlich.

Am Anfang war das Wort. Und das Wort waren viele: Aal und Aas, Abschied und Apfel. Es waren die Brüder Grimm, die mit der linguistischen Botanisiertrommel loszogen - und dabei das berühmteste Wörterbuch der Deutschen schufen. Ihm gilt Günter Grass’ Roman. Es soll „Grimms Wörter” Grass’ letztes großes Buch sein, ein Abschied vom Autoren-Leben. Und leider: eine unbescheidene Selbstdarstellung.

„Eine Liebeserklärung” ist der Untertitel. Wem sie wirklich gilt, darüber wird später noch zu reden sein. Denn nur fürs erste ist Jacobs (1785-1863) und Wilhelms (1786-1859) Werk, der Stoff, aus dem der Traum von einem Roman zu sein scheint. Ein kluger Coup: Günter Grass versucht nicht etwa eine komplette Biografie des gelehrten deutschen Doppels. Er steigt erst in ihr Schicksal ein, als der größte Auftrag ihres nun schon über 50 Jahre währenden Lebens ruft - das Wörterbuch.

Grass muss nicht nach Worten ringen

Und eben dieser Zugriff ist Garant dafür, das Grass in diesem Roman niemals nach Worten ringen muss. Dass er springen darf, dass im Kapitel „C“ die Curtisane dem Cherubim dicht auf den Fersen ist, dass er nach F eine Pause macht, weil Jacob bekanntlich über das Wort „Frucht“ starb.

Grass legt seinen Finger in die ersten der 32 Bände und schon spritzt ihm - und damit uns - die Masse an Fundstücken entgegen, mit denen die Grimms (und jene, die ihr Werk vollendeten) erklärten, woher die Wörter kommen - und ein Wunderwerk anstießen, erst 1960 vollendet.

Wörter - „manche sind Zungenbrecher, andere lassen erkennen, verschleiern, leugnen ab, decken zu oder auf.” Günter Grass, der gelernte Steinmetz, schuftet sich mit Zorn und Lust seit bald 60 Jahren durch den Steinbruch Sprache. Aus ihm hat er wütende Polemik geschlagen, unerreicht meisterliche frühe Lyrik, wuchtige Erzähl-Monolithen. Nun ist er ein alter Mann von 82 - und wenn in „Grimms Wörter” das erste Mal ein „Ich” das Wort ergreift, dann gibt es keinen Zweifel, dass Erzähler und Autor eins sind.

Ehrenwert pingelig

Günter Grass verabschiedet sich mit diesen Roman auf seine Weise. „Seine”, das heißt, das er es vielgesichtig tut. Schwärmerisch schön, liebe-, teilnahmsvoll und affirmativ, wenn er das Los der Grimms beschreibt. Als Minderheit deutscher Gelehrter begehrten sie auf. Grass blickt fasziniert auf diese Welt, in der Demokratie ein Lichtstreif am Horizont ist, aber die Wolke der Zensur schwer und grau. „Fortan”, desgleichen”, „des Krieges Schrecken”: Grass taucht in die Sprache der Zeit, um nah zu sein bei Jacob und Wilhelm, bei ihrer ehrenwerten Pingeligkeit, ihrer Demut vor der Herkulesaufgabe.

Doch Demut ist das Problem: Beklemmend unangenehm berührt, wie der Schriftsteller (der sich bereits im „weiten Feld” aufdringlich selbstbewusst beim wehrlosen Fontane einhakte) das große Grimm-Vehikel für eine eitle autobiografische Skizze ausbeutet. Diese eingestreuten Reflexionen sind nicht wegen ihrer erzählerisch deutlich schwächeren Ausführung ärgerlich. Auch wenn es schmerzt, wie Grass in Konkurrenz zu den Grimms sein eigenes B-Bestiarium aufmacht und beim Stichwort Böll etwa Brot, Billard, Blum, Belagerung im Handumdrehen zum System erklärt oder im Kapitel „C“ in mutwillig gedrechselten Polit-Rhythmen Contergan und CIA vertont.

Nein, viel trauriger ist der Charakter der Inszenierung: Grass macht eine Liebeserklärung - an Grass. Und so werden (trotz quantitativer Überlegenheit) die Grimms immer wieder zu Kronzeugen degradiert. Zur Eskorte eines wahren Grass’schen Heldenlebens, in dem alle seine Kritiker bloß blöde „Claqueure“, versippte Zeitungsfritzen oder kapitalistische Schurken sind.

Auf der Räuberleiter

Wir lesen, von Grass, dem begabten „Willy“-Wahlkämpfer. Von Grass, der Reclam-Hefte an Gewerkschafter verteilt. Grass, der die RAF-Verwerfungen, die Fehler der Wiedervereinigung, den Wirtschafts-Crash selbstredend allesamt vorausgesehen hatte. Grass, der - dann doch nur ein ganz kurzes Absätzchen für seinen Führer-Eid übrig hat. Grass, der aber immer Opfer ist: „bespuckt und verhöhnt und mißachtet, wie vormals der biblische Sündenbock...“.

Das Ich ist groß in diesem Roman und ausgeliefert sind ihm zwei Universalgelehrte, die das nicht verdienen. Ohne Hemmung verbrüdert Grass sich mit Geistesgrößen von Ausnahmerang. Seltsam: Er sieht sich auf Augenhöhe. Wo doch jeder weiß, dass das nicht ohne Räuberleiter geht.

So anfechtbar sein wahrscheinlich letzter großer Roman ist, so unbestritten muss man die Sogwirkung von „Grass liest Grass“ bescheinigen. Das starke Hörbuch „Grimms Wörter“ ist wie der Roman (380 S., 29,80 Euro) auf zehn CDs bei Steidl erschienen (39,90 Euro)

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Grimms Wörter von Günter Grass2.)

Grimms Wörter.
Eine Liebeserklärung von Günter Grass, (2010, Steidl).
Besprechung von Peter Pisa im Kurier, Wien, 22.8.2010:

Grimm kam nicht zu Grass aufs Bankerl
Ein Buch von Günter Grass über die Gebrüder Grimm - das wär's gewesen. Aber Grass ist halt mehr an Grass interessiert.

Man musste ja schon vor Monaten skeptisch sein, als Günter Grass in einem Interview erwähnte, sein nächstes Buch werde über die Gebrüder Grimm sein und seine eigene Autobiografie fortsetzen.
Die Märchensammler hatten im Jahr 1838 den Auftrag bekommen, ein Wörterbuch der deutschen Sprache zu erstellen. Damals war Grass, sagen wir es zur Sicherheit, noch nicht auf der Welt. Setzt er sich trotzdem zu ihnen? Schaut ihnen über die Schulter? Nicht nur das: Er holt Wilhelm Grimm sogar auf sein Bankerl ...
"Grimms Wörter", vergangene Woche erschienen, hat den Untertitel "Eine Liebeserklärung".
... an die deutsche Sprache, so ist das gemeint. Die Süddeutsche hat bereits gespottet: Es sei eher eine Liebeserkärung an sich selbst. Was nicht verwundern kann, denn der Nobelpreisträger mag sich ja wirklich gern. Die Welt spricht sogar von einer "gnadenlosen Selbstfeier".
Schauen wir einmal ...
Erster Eindruck: Wenn man solche Buchkunst in Händen halten darf, wird man sich Literatur doch wohl nicht aufs Handy laden wollen! Der Schutzumschlag (von Grass gestaltet), die Schrift (Bodoni Old Face), 115 Gramm schweres Papier, Vignetten (schon wieder Grass) ...
Zweiter Eindruck: Die Sprache ist gewöhnungsbedürftig antiquiert. Soll sein, es passt ja irgendwie. Die Kapitel heißen A und B bis Z. Grass nimmt sich jeweils ein Stück Leben der Brüder vor sowie Wörter mit den passenden Anfangsbuchstaben.
Das hat etwas. Dass sich Jacob Grimm dagegen sträubte, "Apfelbaum" ins Wörterbuch aufzunehmen, weil es zu überladen sei (man sagt ja auch nicht Eichelbaum!) - das liest sich gut. So könnte es weitergehen.
Aber schon auf Seite 34 im Kapitel A, erzählt Günter Grass von sich, von Gelsenkirchen 1969: Als er vor Arbeiterfrauen eine Rede hielt und derart toll war, dass diese Arbeiterfrauen "vom Kuchen abließen" und sich ihm widmeten.

Redselig

Bei B fällt ihm ein Brief aus dem Jahr 1966 ein. Bei F ist man überhaupt arm dran, weil nun kann er Fotos erwähnen, die ihn mit langem Haar zeigen und mit kurzem Haar und mit Pfeife und mit offenem Mund.
Und bei U, da wünscht er sich tatsächlich einen Grimm auf die Parkbank in Berlin. Man staunt: Der Jacob sperrt sich! Wahrscheinlich ist er enttäuscht, weil es zu wenig um ihn geht in "Grimms Wörter".
Jedenfalls setzt sich Wilhelm neben Grass. Dann plaudern sie über den Däumling; und er, Grass, redet über seinen Kleinen in der "Blechtrommel".

Tödlich

Es gibt auch eine Hörbuch-Fassung. Eine Live-Aufnahme, Günter Grass liest vor. Er kann das großartig. 14 Stunden liest er vor. Er kann das noch so großartig können: Das geht einfach nicht, das ist tödlich.
"Grimms Wörter" ist - wahrscheinlich - sein letztes Buch. Am 16. Oktober wird der Schriftsteller 83. Zurzeit fühlt er sich "leergeschrieben" und möchte das Werkzeug wechseln: Zeichnen möchte er.

Zitiert:

"Einerseits geben Wörter Sinn, andererseits sind sie tauglich, Unsinn zu stiften. Wörter können heilsam oder verletzend sein. Das Wort als Waffe. Sich spreizende, auftrumpfende, mit Bedeutung gemästete Wörter. Manche sind Zungenbrecher, andere lassen erkennen, verschleiern, leugnen ab, decken zu und auf."

"Alles heißt, hat seinen Namen, will bestimmt sein. Wörter nageln jeden Gegenstand, plappern jeglichen Blödsinn nach, züngeln, werden gemischt zu Salat, sind, weil geheiligt und gezählt, die sieben Worte am Kreuz."


aus "Grimms Wörter" von Günter Grass

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Grimms Wörter von Günter Grass3.)

Grimms Wörter.
Eine Liebeserklärung von Günter Grass, (2010, Steidl).
Besprechung
von Steffen Radlmaier aus den Nürnberger Nachrichten vom 24.08.2010:

Verzweifeln an Deutschland
„Grimms Wörter“: Eine Liebeserklärung von Günter Grass an sich selbst

Ein neues Buch von Günter Grass (82) ist immer noch ein (Medien-)Ereignis: Nach den Jugenderinnerungen „Beim Häuten der Zwiebel“ (2006) und der Familienchronik „Die Box“ (2008) legt Grass nun mit „Grimms Wörter“ den letzten Teil einer autobiografischen Trilogie vor.

Am Anfang war das Wort: „Es waren einmal zwei Brüder, die Jacob und Wilhelm hießen, für unzertrennlich und landesweit als berühmt galten, weshalb sie ihres Nachnamens wegen die Brüder Grimm, Grimmbrüder, auch Gebrüder Grimm, von manchen die Grimms genannt wurden.“ In diesem märchenhaften Ton beginnt Günter Grass seinen Roman, der die Lebensgeschichte der beiden Brüder als Folie für seine eigene Biografie benützt. Ein literarischer Trick, den Grass schon in dem Fontane-Roman „Ein weites Feld“ angewendet hat. Auf diese Weise kommt er den historischen Figuren nahe und kann zwischen den Zeiten hin- und herspringen, wie es ihm beliebt.

 

Bis zum heutigen Tag sind die Brüder Grimm den meisten Deutschen bekannt. Allerdings wohl nur als Märchenonkel und nicht als Sprachgelehrte. Dabei haben Jacob Grimm (1785—1863) und sein Bruder Wilhelm (1786—1859) mit dem Wörterbuch die Grundlage der deutschen Philologie geschaffen. Ihr gewaltiges Pojekt begannen sie im Jahr 1838, nachdem sie ihre Professorenstellen in Göttingen verloren hatten. Sie hatten es nämlich zusammen mit fünf Kollegen gewagt, sich gegen einen Willkürakt des Königs aufzulehnen. Fortan sammelten die Brüder, die zeitlebens eng verbunden waren, Wörter für ein „Heiligtum der Sprache“: Streng alphabetisch geordnet sollte der deutsche Wortschatz erfasst und durch literarische Zitate belegt werden. „Von A wie Anfang bis Z wie Zettelkram.“

Chaotisch ging es bei dem Forschungsprojekt, das sich allmählich zur alles bestimmenden Lebensaufgabe ausweitete, häufig zu. Finanzielle Sorgen, Krankheiten, politische Unwägbarkeiten, familiäre Probleme waren ständige Begleiter. Der erste Band erschien 1854, doch erst 1960, also über hundert Jahre später, wurde das „Deutsche Wörterbuch“ abgeschlossen. Die Brüder selbst hatten es nur bis zum Buchstaben F wie Frucht geschafft. (Grass listet überdies noch K, U und Z auf.) Weit mehr als ein reines Lexikon ist das Nachschlagewerk eine unerschöpfliche Fundgrube und Zitatensammlung — heute auch im Internet frei zugänglich.

Doch belässt es Grass natürlich nicht bei der historischen Recherche – ungeniert pfuscht er den Brüdern ins Handwerk, ergänzt ihre Auflistungen mit modernen Begriffen, zieht Parallelen zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert und bringt sich immer wieder selbst ins Spiel. Dazwischen streut er seltsame Prosagedichte zu den einzelnen Buchstaben ein. Kunstvoll vermischen sich Sprachgeschichte, Lebensgeschichte und politische Geschichte. Grass mit seiner Vorliebe für Barockdichter schweift ab, wiederholt sich, schlägt Haken, verirrt sich im Wörtersee und trifft auch manchen wunden Punkt.

Es ist bewundernswert, mit welcher Liebe zum Detail Grass Leben und Werk der Grimmbrüder beschreibt. Doch wird der Leser schon bald das ungute Gefühl nicht los, dass die Sprachforscher hier nur als Mittel zum Zweck dienen. Statt den deutschen Gelehrten ein literarisches Denkmal zu bauen, rückt sich der deutsche Literatur-Nobelpreisträger selbst ins rechte Licht. Das hätte der selbsternannte Praeceptor Germaniae aber eigentlich doch gar nicht nötig. Seine Verdienste sind unbestritten.

Für Grass lösen viele Ereignisse im Leben der Grimms eigene Erinerungen aus. Viel Neues erfährt man dabei jedoch nicht. Wenn
Jacob Grimm als Abgeordneter an der Versammlung in der Frankfurter Paulskirche teilnimmt, liest Grass wenige Zeilen und ein Jahrhundert später am gleichen Ort der versammelten Machtelite die Leviten. Er erinnert sich an die Studentenunruhen in Berlin und eine Wahlkampfveranstaltung für Willy Brandt in Nürnberg, er kritisiert (wieder einmal) die übereilte deutsche Wiedervereinigung, geißelt den ungezügelten Kapitalismus und das Auseinanderdriften der Gesellschaft.

Keiner hört auf den Rufer in der Wüste, der an Deutschland schier verzweifelt. „Mich schmerzt und ekelt mein Land, dessen Sprache ich anhänglich liebe. Es kommt mir abhanden, wird fremd.“ Da wirft sich Grass in dieselbe Pose, die schon der alte Goethe gegenüber seinen lieben Deutschen einnahm.

Und so kommt es, dass einem auch die zweifellos richtigen Analysen und Zustandsbeschreibungen in ausführlichen Selbstzitaten im Laufe der Lektüre sauer aufstoßen. Grass inszeniert mit einer Mischung aus Dichtung und Wahrheit den eigenen Abschied und gefällt sich in der Rolle des ungeliebten Dichters und politischen Denkers, dessen Worte in den Wind geschlagen wurden. Die Verbitterung ist überdeutlich.

Zum Schluss ergeht sich der berühmte Schriftsteller in Selbstmitleid: „Verschrien als Rechthaber, Besserwisser, Moralapostel sehe ich mich, bespuckt und verhöhnt und missachtet, wie vormals der biblische Sündenbock.“ Daher hinterlässt dieses aufwendig und leserfreundlich gestaltete Wörterbuch auch einen schalen Nachgeschmack. „Eine Liebeserklärung“ nennt Grass sein „wahrscheinlich letztes“ Buch im Untertitel, doch das ist nur die halbe Wahrheit. Es handelt sich auch um die grimmige Abrechnung eines Schriftstellers, der spürt, dass seine Zeit abgelaufen ist. Wer das alles nicht lesen will, kann sich die Geschichte anhören. Denn als Märchenerzähler und Vorleser in eigener Sache nimmt es der alte Grass immer noch mit jedem auf.

Die vollständige Rezension von Steffen Radlmaier finden Sie unter Nürnberger Nachrichten

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