1.) - 3.)
Grenzgang.
Roman von Stephan Thome (2009,
Suhrkamp).
Besprechung von Roland Mischke aus der
WAZ vom
21.08.2009:
Als Stephan Thome, 37, bei Suhrkamp in Berlin las, saß am ein Tisch ein jung wirkender Mann mit den wissenden Augen eines Kindes, das graue Haare hat. Ein genetisches Erbe, aber auch symbolisch für diesen Autor. Wer seinen Roman "Grenzgang" liest, ein furioses Werk zur Geschlechterproblematik unserer Zeit, stockt manchmal und fragt sich: Woher weiß der junge Mann das alles? Wie kann er Gefühle so gut schildern, als habe er sie schon viele Male erlebt und durchlitten?
Jagd nach Glück
Ein Debüt von solcger Reife hat es lange nicht gegebn, punktgenau platziert vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Situation, mit Arbeitslosigkeit für Akademiker, serielle Beziehungen und Scheidungen und fortwährender Jagd nach Glück.
Thomas fühlt sich in Berlin zu Höherem auserkoren, doch seine Karriere als Historiker scheitert. Er flieht aus der Stadt, verlässt seine überlegen-spöttische Geliebte, kehrt nach Bergenstadt an der Lahn zurück. Dort wird der Gymnasiallehrer, ein Schüler seiner Klasse ist der 16-jährige Daniel, Sohn von Kerstin. Die ist noch nicht lange alleinerziehende Mutter, gerät immer neu in Konflikt mit dem heftig Pubertierenden und versorgt nebenher noch mit hohem Zeitaufwand ihre demenzkranke Mutter. Wer die Realität nicht langweilig findet, nur weil sie wahr ist, bekommt in dem Roman viel davon geboten.
Die Anäherung von Thomas und Kerstin ist unaufhaltsam, die Zuneigung wächst, doch sie machen es sich nicht leicht. Die Frau wagt den entscheidenden Schritt, nachdem er ihr heimlich Veilchen vor die Tür gelegt hat. Aber ob es sich um ein Happy End handelt, bleibt offen. Was an dem Buch ungemein gefällt, ist die Genauigkeit, mit der diese zwei Menschen, beide mit dem Rücken zur Wand und vom Leben frustriert, geschildert werden. Wie leicht ist es, in die Depression abzurutschen, aber weiter zu funktionieren. Wie schwer ist es, zielgerichtet zu handeln, selbst wenn man es will. Die Gefühle funken dazwischen, das reduzierte Selbstwertgefühl blovkiert, Ängste setzen sich drauf. Beide müssen cool sein, obwohl sie es gar nicht wollen. Aber die emanzipierten Rollen erfordern es. Thome, im hessischen Biedenkopf aufgewachsen, hat das präzise erfasst.
Schöner Sprachstil
Dieser Roman hat eine Schwäche: er ist zu lang geraten. Stephan Thome, der als Sinologe in Taiwan arbeitet, hat mehrere Jahre daran geschrieben. Das ist seinem schönen Sprachstil zugute gekommen, aber die Spannung mitunter arg strapaziert. Dennoch: kraftvolle Literatur, wirklichkeitsgesättigt, berührend.
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2.)
Die Frage, ob das Leben misslingen kann, stellt sich uns allen, wenn auch erst nach einigem Vorlauf. Die Antwort bleibt (noch länger) offen. Von Menschen, die auf dieser Strecke mitlaufen und vorzeitig müde zu werden drohen, erzählt Stephan Thomes erster Roman. Es ist ein schönes, ein trauriges, ein erstaunlich reifes, und sogar ein großes Buch von all den Sehnsüchten und Hoffnungen, mit denen sich die Menschen auf den Weg machen, von den Enttäuschungen, die sie erfahren, dem kurzen Glück, das sie erleben.
Und von der langen Einsamkeit, die dann oft kommt, und jener kleinen Chance, die manchmal bleibt. Es geht vorderhand um das Leben in der Provinz, die aber auch nicht mehr ist, was sie mal war. Ihre Grenzen scheinen durchlässiger, oder gar, wie durch das Internet, aufgehoben. Damit verschärfen sich aber nur die Bedingungen, weil dort immer noch jeder jeden kennt und alle über alle alles wissen. Man sieht sich, beobachtet sich, kontrolliert sich.Jeden Sonntagabend tauscht Kerstin im Gemeindehaus die Kassetten um, die ihre Mutter dann in den folgenden Tagen hört, jeweils den letzten Gottesdienst. Zwei, drei, vier Mal hört sie ihn, in einer Lautstärke, "als gälte es das Evangelium dem gesamten Rehsteig zu verkünden". Die Mutter, dement in einem fortgeschrittenen Stadium, die sonst ganztags hinter Kerstin herdackelt, sitzt dann in einem Sessel am Fenster. Sie hält ihre Augen geschlossen und begleitet die Lieder und Gebete inbrünstig mit lauter Stimme. "Kerstin hat es ein paar Mal beobachtet und nicht gewusst, ob der Anblick sie rührt oder ihr unheimlich ist."
Tatsächlich handelt es sich hier um eines der Merkmale jener Katastrophe, die zum alltäglichen Leben geworden ist. Thome erzählt mit verblüffender Souveränität. Bereits mit den ersten Worten ist die passende Tonart angeschlagen: "Trotz allem: denkt sie, der Garten ist ein Traum." So beginnt der Roman. Die versäumten Möglichkeiten, von denen er handelt, werden damit schon einmal angedeutet. In dem "Trotz allem" erklingt das Leitmotiv des Buches. Das Geschehen scheint von einer zwar immer präsenten, doch oft kaum noch spürbaren Melancholie verhüllt. Die Figuren dieses Romans sind sich sicher, in einer komfortablen und dennoch "beschissenen Falle" zu sitzen. "Wir sind", meint Kerstin, "Mitte vierzig und das Leben läuft an uns vorbei."[...diese und weitere Besprechungen
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3.)
Grenzgang.
Roman von Stephan Thome (2009,
Suhrkamp).
Besprechung von Tom Thelen aus dem titel-magazin
vom 26.10.2009:
Die Ordnung der öden Orte
Irgendwo mitten in der deutschen Provinz wird alle sieben
Jahre ein Dorffest namens „Grenzgang“ gefeiert. In seinem gleichnamigen
Debütroman seziert Stephan Thome die Beschaulichkeiten und Normalitäten des
Alltags.
Der Bergenstädter Bürgermeister definiert es:
„Denn der Grenzgang ist Vergegenwärtigung und die Feier all dessen, was wir als
das Besondere an unserer Heimat empfinden, das was wir bewusst pflegen, worauf
wir stolz sind, was uns die Gewissheit gibt, dass wir Mitglieder einer
Gemeinschaft sind, in der Mitglied zu sein sich lohnt.“ Mal abgesehen davon,
dass wir seit Groucho Marx nur noch Mitglieder in Clubs sein wollten, die
unsereiner nicht aufnehmen würden, ist in diesen Worten viel von dem enthalten,
was von vermeintlich aufgeklärten Menschen in Hinblick auf Provinz und Brauchtum
gerne ins Lächerliche gezogen wird. Doch die Wahrheit ist wohl, dass Bergenstadt
überall ist. Denn die Protagonisten dieses Romans sind eine ganze Riege Normalos,
sind Lehrer, Hausfrauen, Journalisten, Swinger-Club-Besitzer und Mittelständler.
Die verlieben sich, betrügen sich, lassen sich scheiden und leiden. Verhinderte
„Kleinstadt-Kantianer“: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit als
Prinzip einer langweiligen Ehe gelten könnte.“
Eine Kritik der Provinz hat literarische Tradition. Mit dem Säbel wird sie oft
kabarettistisch vorgetragen, werden Spießig- und Biederkeit angeprangert. Mit
dem Florett agierte etwa die Neuere Frankfurter Schule, aus deren Umkreis sich
die Schreiber der Reader über Öde Orte rekrutierten. Auch Eckard Henscheids
Provinz-Idylle Maria Schnee sei hier genannt und auf Pedro Lenz’ nicht ganz
ernst gemeintes schweizerisches Lexikon der Provinzliteratur verwiesen. Doch all
diese Formen der aufklärerisch und zuweilen überheblich daherkommenden
Beschreibungen greifen kurz angesichts der messerscharfen bis mikroskopischen
Vermessung der provinziellen Gegenwart, die Thome in Grenzgang gelingt.
Grandiose Konstruktion
Zuvorderst ist es eine grandiose Konstruktion des Romans, die es erlaubt, ganze
Lebensentwürfe am Ende exemplarisch aufgeblättert zu sehen. Der siebenjährige
Turnus des Festes strukturiert das Buch; wir sehen das Leben der Protagonisten
so einerseits im extremen Zeitraffer, andererseits in entscheidenden
Momentaufnahmen und Lebenswendepunkten. Im Zentrum steht Kerstin Werner,
geschieden, alleinerziehend und kreuzunglücklich. Selbst im Badezimmer einer
Bekannten fällt das „Strahlen der Armaturen wie ein Schatten auf ihr eigenes
Leben (…)“. Ihr Pendant ist der Lehrer Thomas Weidmann, ehemals hoffnungsvoller
Akademiker an der Humboldt-Universität, der frisch geschasst das Bürofenster
seines Professors attackiert, ehe er zurück in seine Heimat (noch so ein
Begriff!) fährt. So schnell kann es gehen in Deutschland: „Zwölf Stunden war es
her, dass er sich wie ein Idiot benommen und einen Stein durch das Fenster des
Historischen Seminars der Humboldt-Universität geschmissen hatte, aber jetzt
erfreute er sich der körperlichen Anstrengung, der kaltfeuchten Waldluft und dem
eigen Schweiß. Den Blick auf den Boden gerichtet zogen die Bergenstädter den
Hang hinauf, dickköpfig engagiert im Kampf gegen sich selbst. (…) in den Adern
dieser Grenzgänger schien ein dunkler, schwerer Most zu fließen, der sich in
Momenten der Anstrengung bewährte.“ Zwischen diesem Larmoyanzexperten und der
überforderten Pflegerin von Pubertät und Rebellion (Sohn) und Demenz und Vorwurf
(Mutter) entwickelt sich eine Beziehung, die psychologisch unglaublich präzise
darüber berichtet, wie Liebe jenseits der Dreißig wohl vermutlich aussieht in
unseren Zeiten. Sogar einen in einem derartig gegenwärtigen Roman nicht
unriskanten Blick in die Zukunft erlaubt sich Thome, so stark und sicher ist
sein Romanfundament.
Einnehmender Realismus
Neben den beiden Hauptpersonen erschafft er eine ganze Kleinstadtgemeinde, deren
Charaktere zwar den Vorgaben der Gesellschaftspanoramen von den Buddenbrooks bis
zur Verbotenen Liebe entsprechen, doch mittels Andeutungen und Verästelungen
über die Jahrzehnte fein geschnitzt sind. Entsprechend weit mehr Mann als Soap.
Der einnehmende Realismus des Romans fußt besonders auf Thomes Fähigkeit,
Dialoge zu schreiben und Perspektiven psychologisch zu erleuchten. Ob im Kopf
des Halbwüchsigen, der die elterliche Welt nicht versteht, oder durch die Augen
seiner Mutter, deren Versuch, eine Ehe zu retten, brutal endet: Thome versteht
sich auf exemplarische Szenen, kurze Wortwechsel und lakonische Andeutungen. Und
er hat sogar Humor.
Ein weiterer – in der Literaturkritik ungewöhnlicher – Aspekt nur zur
Anschauung: Jedes alkoholische Getränk passt als Attribut perfekt zu seinen
Konsumenten, nicht nur hier treffen Beobachtungsgabe und Wissen um Wirkung
trefflich zusammen.
Thomes Roman ist sicherlich eines der erstaunlichsten Debüts der letzten Jahre
und hat definitiv Format. Wer es gelesen hat, versteht mehr davon, wie die
Provinz und wie dieses Land funktioniert und was es zusammenhält. Dieser Kitt,
das kleine Glück und die Jagd danach, sollte nicht mehr unterschätzt werden.
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