Grasblätter von von Walt Whitman, 2009, Hanser1.) - 2.)

Leaves of Grass/Grasblätter.
Gedichtzyklus von Walt Whitman (
1891/92, 2009, Hanser, nach der Ausgabe von 1891/92, erstmals vollständig übertragen und herausgegeben von Jürgen Brôcan)
Besprechung von Brigitte Helbling aus dem titel-magazin, 3.1.2010:

Kopulation ist nicht geiler als der Tod
Walt Whitmans „Ich“ fliegt über Amerika. Und was sollen wir damit, wir Nichtamerikaner? Whitmans Grasblätter sind auch uns zugeeignet, den Bewohnern „fremder Länder“:

Ich hörte, daß ihr etwas erbittet, dieses Rätsel der Neuen Welt zu bekunden / und Amerika zu erklären, seine athletische Demokratie,/Deshalb sende ich euch meine Gedichte, damit ihr in ihnen erblickt, was ihr verlangt.

Lange her! 1855 erschien die erste Ausgabe der Grasblätter, zwölf Gedichte auf 95 Seiten. Sie sangen das Lied „von der Einheit, die von Allen gestaltet ist“, und alle sollten sie lesen, vor allem Whitmans Landsleute, die „Americanos“, die gemeinsam an der Vision von Demokratie wirkten. Whitman war 36 Jahre alt, Sohn eines New Yorker Zimmermanns, er hatte mit elf die Schule verlassen und als Druckerlehrling, Lehrer, Journalist und Zimmermann gearbeitet, bevor er sich aus der Öffentlichkeit zurückzog, um sich ganz den Grasblättern zu widmen. Die Vereinigten Staaten waren gerade mal 43 Jahre älter als er.

Hoffnung lag in der Luft, man stellt sich das beinah greifbar vor. Alles in dem jungen Land sollte anders werden als in der Alten Welt, auch die Literatur. Das Land brauchte Dichter und Sänger, die ihm mit einer neuen, „originalen“ Sprache den Weg wiesen, so lautete die Losung, die Whitman für sich aufgriff. Bis zu seinem Tod 1892 revidierte, ergänzte und erweiterte er seine Grasblätter auf einen Umfang von 383 Gedichten. Am Ende seines Lebens erklärte er sein Projekt für gescheitert: „Aus einer weltlichen und geschäftlichen Sicht“ seien „die Grasblätter Schlimmeres als ein Fehlschlag“ schrieb er 1889 in einem Brief an seine Leser zu seinem 70sten Geburtstag.

120 Jahre später gilt Whitman unbestritten als einer der Väter einer originär amerikanischen Literatur. Die freie Versform, sein unverblümtes Reden und die enorme Spannweite des Unterfangens haben zahllose nachkommende Dichter inspiriert. Die breite Allgemeinheit allerdings, nach deren Anerkennung er sich sehnte, las und liest ihn kaum. Man kennt einzelne Gedichte und mehr noch einzelne Zeilen, oft aus dritter Hand. „Den elektrischen Körper sing ich“ als Titel eines Science-Fiction-Erzählbands. „Ich höre Amerika singen“ in zahllosen Songs, die in Whitmanscher Manier vom Projekt USA berichten. „Ich bin groß, ich enthalte Vielheiten“ – nachschlagen muss man, um sich zu erinnern, dass das Whitman war, der das gesagt hat.

Kann man Whitman lesen?

Der Hanser Verlag mit seinem Leiter Michael Krüger hat sich nun eine Ausgabe der Grasblätter geleistet, die als Übersetzung der allerletzten Fassung das Werk erstmals in vollem Umfang auf Deutsch präsentiert: die frühen, kraftstrotzenden Gedichte in letzter Revision, die Bürgerkriegsbeschreibungen der mittleren Jahre und die deutlich ruhigeren, zuweilen auch melancholischen Altersverse. Dazu kommen besagter „Brief an den Leser“, gestrichene Passagen, unveröffentlichte Gedichte und Fragmente. Das ist eine Menge, 774 Seiten, und gibt willkommenen Anlass zur Frage: Was ist Whitman heute? Was kann er uns noch sein?

Dem muss eine andere Frage vorangehen: Kann man Whitman heute noch lesen? Man kann – aber es ist Arbeit (das war schon zu seiner Zeit so), und das liegt nicht an der beeindruckenden Übersetzungsleistung von Jürgen Brôcan, der sich, wo vorhanden, auf früheren Fassungen abstützt, alte und neue Verse zwingend in die Umgangssprachlichkeit zurückführt, die sie im Original kennzeichnet, und in seiner Fassung die Modernität des Unterfangens eindrücklich vor Augen führt. Brôcans Grasblätter geben den Einstieg in Whitman, den man sich besser nicht wünschen kann.

Die Arbeit beginnt mit der Form. Das ins Auge springende Prinzip der Grasblätter ist dasjenige der Listen – Listen der Bewohner, ihrer Berufe, Listen der Naturschönheit, der Tierwelt bis in den Mikrokosmos hinein, das Leben in Städten, die ländliche Vielfalt, die Schiffer auf Seen, Meeren, Flüssen und immer wieder die Klänge der Neuen Welt (die Gerüche sind weniger vertreten). Getrieben – geradezu beflügelt – wird diese Listenbildung von Begeisterung für jedes denkbare Element im Kosmos der klassenlosen und „reinen“ Gesellschaft, die hier entstand – oder doch entstehen sollte (die Vision entfernt sich, je älter Whitman wird).

Beides, Listen und Begeisterung, ermüden. Diesen Tatbestand gilt es zu überwinden. Zweierlei (mindestens) bietet dann dem Whitman-Leser ein Gegengewicht.

Der Dichter des Melodrams

Das eine ist Whitmans Sinn für die dramatische, man kann oft auch sagen: melodramatische Miniatur. Neben den Listen mit ihrer repetitiven Variation eines Grundmotivs gibt es eine Vielzahl von spannungsgeladenen Bildern, die jedes für sich zum Abstract für eine Kurzgeschichte, einen Roman oder einen Film taugen könnte.

Meist ist es das „Ich“ des Dichters, das die Miniaturen umklammert – dieses seltsam exozentrische „Ich“ Whitmans, das Alles sein will, „Vielheiten“ enthält und sich letztendlich als Abbild eines ausdrücklich zwiegeschlechtlichen „Modernen Menschen“ versteht („Das Weibliche dem Männlichen gleich sing ich“).

Ich bin ein Freischärler, ich biwakiere an Wachtfeuern der Eindringlinge,
Ich wälze den Bräutigam aus dem Bett und bleibe selbst bei der Braut,
Ich presse sie die ganze Nacht an meine Schenkel und Lippen.

„Ich“ in den Grasblättern ist das demokratische en-masse Amerikas. En-masse – in der Masse – ist ein französischer Begriff, den Whitman umdefinierte, liebte und oft wiederholte.

Ich bin der gehetzte Sklave, ich zucke beim Biß der Hunde,
Hölle und Verzweiflung liegen auf mir, die Scharfschützen lassen es knallen und knallen,
Ich umklammere die Latten des Zauns, mein Blut tröpfelt, verdünnt vom Schweiß meiner Haut…

Die Bilder sind effektvoll. Sie halten stand. Nicht immer für das moderne Amerika, aber manchmal gerade auch für das moderne Amerika:

Ich bin der zerquetschte Feuerwehrmann mit gebrochenem Brustbein,
Einstürzende Mauern begruben mich unter ihren Trümmern,
Hitze und Rauch atmete ich ein, ich hörte die gellenden Schreie meiner Kameraden…

Das Ungestüm der ersten Schaffenszeit förderte die konzise Miniaturbildung. In späteren Passagen werden die Bilder breiter, ihre Abfolge in Grasblätter entspricht dabei nicht notwendig der Zeitfolge ihrer Entstehung. „Schläfer“ zum Beispiel, weit hinten, überrascht (das Gedicht gehört zu den frühen Werken Whitmans): Ein energisch-sinnlicher Rundgang durch die Betten der Nation, bei dem sich der Betrachter gerne zu seinen Schläfern dazulegt, als wollte er sein Land auch in der Bewusstlosigkeit spüren – und in seinen Lüsten.

Der Dichter des Leibes

Wäre Whitman heute noch so präsent, wenn er nicht auch ganz entschieden ein Dichter des „Leibes“ wäre? Neben dramatischen Miniaturen sind es Whitmans Porträts von Geschlecht und Geschlechtlichkeit, die den von Listen eingelullten Leser wieder wachrütteln. Nicht anders operiert das Hollywood-Kino (nur beschränkt es sich zunehmend darauf): Will man den Leser gewinnen, gibt man ihm Gewalt – und Sex.

Eine Frau erwartet mich, sie enthält alles, nichts fehlt,

Doch würde alles fehlen, wenn Geschlecht fehlte, wenn die Feuchte des richtigen Mannes fehlte.

Whitmans Bild der Frau bleibt konventionell: Die Frau taucht in Grasblätter vor allem als Mutter, Tochter, Gattin und Geliebte auf, ferner in Frauenberufen wie die Spinnerin, die „Cantatrice“, die Bäuerin oder die Prostituierte. Aber Whitman gesteht der Frau, wie sich selbst, ein lustvolles Verhältnis zur Sexualität zu (wenn auch gerichtet auf den Mann, der den „Stoff“ ergießt, „um Söhne und Töchter zu beginnen“):

Ohne Scham kennt und bekennt der Mann, den ich mag, die Köstlichkeit seines Geschlechts,
Ohne Scham kennt und bekennt die Frau, die ich mag, das ihre.

Solche Stellen reichten aus, um den Dichter schon zu Lebzeiten dem Vorwurf der Obszönität auszusetzen und die Grasblätter in den ersten Jahrzehnten vor allem in der Alten Welt ausschließlich in bereinigten Ausgaben erscheinen zu lassen.

Sex ja. Aber Masturbation? Für Whitman war sie ein ebenso würdiger Teil seines Kosmos’ und Gegenstand eines ganzen Gedichts, „Mein impulsives Ich“. Selbstbefriedigung erklärt Whitman darin für gut, gesund und dem neuen Amerika mithin vollkommen angemessen.

Der junge Mann, der mitten in der Nacht aufwacht, seine heiße Hand versucht zurückzuhalten, was ihn beherrschen will,
Die mystische Liebesnacht, die Schmerzen, Visionen, Schweißausbrüche, seltsam halbwillkommen …

Auch „Das impulsive Ich“ fehlte oft in den frühen Ausgaben. Als unproblematisch dagegen erachteten die Zeitgenossen die Darstellung von Liebe zwischen Männern, die bei Whitman unter den Begriff der „Kameradschaft“ fällt. Erst spätere Leser weisen darauf hin, dass in diesen Passagen die Intensität der Leidenschaft diejenige weit übersteigt, die Whitman der Heterosexualität zugesteht. 

Bei einem manchmal, den ich liebe, bin ich zornerfüllt aus Furcht, daß ich unerwiderte Liebe verströme,
Doch nun denke ich, es gibt keine unerwiderte Liebe, der Lohn kommt gewiß auf die eine oder andere Weise,
(Ich liebte eine bestimmte Person glühend, aber meine Liebe wurde nicht erwidert,
Daraus habe ich diese Gesänge geschrieben).

Im Privatleben, das ist bekannt, zog Whitman intime Freundschaften mit Männern den Beziehungen zu Frauen vor (er war nie verheiratet oder liiert). Solche Freundschaften, versichert die Forschung, waren in seiner Zeit nichts Ungewöhnliches. Das „Ich“ der Grasblätter scheint dies in der Nonchalance zu belegen, mit der es Küsse, Liebkosungen und gemeinsame Nächte mit dem „umarmenden, liebenden Bettgenossen“ beschwört.

Denn der eine, den ich am meisten liebe, lag schlafend neben mir unter derselben Decke in der kühlen Nacht …
Und sein Arm lag sacht um meine Brust – und in dieser Nacht war ich glücklich.

Für die Zensur galt Whitmans lyrische Persona jahrzehntelang, wenn überhaupt, als Ausdruck eines allzu virilen Kerls. Erst in den 1970ern rücken die Grasblätter in den Fokus der Gay und Queer Studies. Whitman selbst nimmt für sein „Ich“ vor allem eins in Anspruch: Ungebundenheit. Ich singe, was immer und wie immer ich will:

Ich presse mir den Finger nicht auf den Mund,
Ich bin beim Gedärm ebenso feinfühlig wie bei Kopf und Herz,
Kopulation ist für mich nicht geiler als der Tod.

Ein Dichter für die Dichter

So lassen sich die Grasblätter gut lesen. Erst geködert von Sex und Gewalt, und dann – denn das bleibt nicht aus – zunehmend gefesselt von der merkwürdigen Sammelorgie, die Whitmans Streifzüge kennzeichnen, als wäre er mit einer endlos aufnahmefähigen Botanisierbüchse unterwegs, deren Inhalt zu Hause ausgekippt, in Versen angerichtet und setzkastenartig geordnet wird. Durch Grasblätter weht ein gleichzeitig pedantischer und ungeheuer freier Geist, und wer ihm standhält, dem fällt neben „Genie“ hin und wieder auch Wahnsinn ein: allerdings ein erlesener Wahnsinn, etwa in der grenzsprengenden Art eines Adolf Wölfli, in dessen akribischen Bilduniversen sich der Betrachter auf ähnliche Weise verlieren kann.

Wenn er sich darauf einlässt. Die Grasblätter sollten nach Whitman für Amerika den Stellenwert einer säkularen Bibel einnehmen. Eine Bibel braucht jedoch eine breite Leserschaft, und in Whitmans Fall bleiben die Exegeten unter sich. Der gemeine Leser zog zu seiner Zeit die Gruselgeschichten von Edgar Allan Poe vor, heute ist es Stephen King, darin steckt eine Lehre für Literaturschaffende, die Whitman allerdings liebten.

Ihrer kritischen Aufnahme des Whitmanschen Eigensinns ist, vielleicht mehr noch als der Akademie, der Fortbestand des Werkes zu verdanken. Im Schreiben von Thomas Wolfe, Willa Cather, Allen Ginsberg, Langston Hughes und vielen andern lebt Whitman fort, nicht als Kopie, sondern in der Weiterführung. Er war kein vollendeter Dichterfürst, den es einzuverleiben oder vom Thron zu stürzen galt: In den Grasblättern steht Lächerliches und Erhabenes Seite an Seite. Whitman war seinen Nachfolgern etwas Besseres: Ein verirrter Prophet. Die Lust am radikalen Wagnis machte er den Nachkommenden in allen Punkten vor. Jedem neuen Sänger „Amerikas“ bleibt nun die Aufgabe, den Gegenstand von Whitman weg ins rechte Licht zu rücken. An die Monstrosität seiner Grasblätter reicht kaum einer heran.

Mit einem Gesang gelang es Whitman, das Herz der „Arbeiter und Arbeiterinnen“, denen er ein Denkmal gesetzt hatte und die ihn nicht lesen mochten, doch noch zu erobern. „O Käpt’n! mein Käpt’n!“ ist eins der konventionellsten Gedichte in Grasblätter. Drei kurze Strophen, Reime, expressiver Refrain: Es betrauert den Tod von Präsident Lincoln. Bei seinen öffentlichen Auftritten wurde es so oft verlangt, dass Whitman sich später wünschen sollte, er hätte die Verse nie geschrieben.

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Grasblätter von von Walt Whitman, 2009, Hanser2.)

Leaves of Grass/Grasblätter.
Gedichtzyklus von Walt Whitman (
1891/92, 2009, Hanser, nach der Ausgabe von 1891/92, erstmals vollständig übertragen und herausgegeben von Jürgen Brôcan).
Besprechung
von Timo Brandt
auf lyrikpoemversgedicht, 5.10. 2015:

Walt Whitmans großartige Grashalme
 
“Bleibe nur diesen Tag und diese Nacht bei mir, und du
sollst den Ursprung aller Gedichte erfassen!
Du sollst das Gut der Erde und der Sonne haben (Millionen
von Sonnen sind noch übrig),
du sollst die Dinge nicht mehr aus zweiter oder dritter
Hand nehmen, auch nicht durch die Augen der
Toten sehen und dich nicht nähren von den
Gespenstern in Büchern;
Du sollst auch nicht mit meinen Augen sehen, noch die
Dinge von mir empfangen,
Du sollst Horchen nach allen Seiten und sie alle durch dich selbst filtrieren!”

Ein Freund von mir (danke Holger!) brachte mich dazu noch einmal nach langer Zeit zu diesem Werk zu greifen.

Borges meinte einmal, dass jeder große Schriftsteller ein Symbol geprägt habe und auch prägen müsse, weil es ansonsten ganz unerheblich sei, ob er gut schriebe oder nicht, er würde dann die Zeit nicht überdauern: Kafkas Labyrinthe; Cervantes Gestalt Don Quijote, mitsamt Gefährte Sancho Pansa und den Windmühlen; Melvilles weißer Wal Moby Dick. Doch Borges nennt stets auch ein Ausnahme: Wald Whitman, der kein Symbol geprägt habe (außer vielleicht das Bild der Grashalme), sondern selbst zu einem geworden sei.

“Ochsen, die ihr mit dem Joch und der Kette rasselt oder
unter schattigem Blätterdach haltet, was ist es, das
ihr in euren Augen ausdrückt?
Es scheint mir weit mehr als alles Gedruckte, das ich in
meinem Leben gelesen.”

Whitman ist ein Rufer des Lebens. Dies, was uns durchpulst, unser Maß, doch aus der Aufmerksamkeit geputzt, oft verbannt aus unserer Mitte, benutzt, analysiert, systematisiert und verbogen, will er uns wieder nahebringen. “Das Alles” ruft er uns aus seinen Zeilen zu, ist das Leben, alles was an Wunderbarem zu greifen ist, in unser Nähe geschieht, jedes noch so kleine Wunder, das uns kurz umgibt, jede noch so einfache oder schwierige Tätigkeit, jeder Name, jede Periode unseres Lebens und der Ewigkeit. Whitman steht außerhalb jeder literarischen Tradition, weil er in der Tradition des Lebens wandelt.

“Alle Wahrheiten harren in allen Dingen,
sie haben’s nicht eilig mit ihrer Befreiung, noch
widerstehen sie ihr,
Sie bedürfen nicht der Zange des Geburtenhelfers.
Das Unbedeutende ist mir so wichtig wie irgendetwas.
(Was ist weniger oder was ist mehr als eine Berührung?)”

Die Grashalme sind Musik, sind Hymne, aber auch philosophischer Sturm, in dessen Wind das Flüstern der kleinen Wahrheiten und die große Potenz der Wirklichkeit an unser Ohr schwebt: “Die Uhr zeigt die Minute – aber was zeigt die Ewigkeit?”
Pathos ist bei solchen Gesängen ja eigentlich schwer zu umgehen; aber, o Wunder, gerade das würde man nie über die Grashalme sagen, dass sie pathetisch seien, zu sehr erkennt man sich selbst in der einen oder anderen Liebe, in dem ein oder anderen Halm. Es bleibt das Gefühl einer natürlichen, nie zu schnellen, nie zu langsamen Bewegung, die immer in die eigene Erweckung schreitet, hierhin zeigt, dies aufdeckt, jenes nacherzählt.

“Meinst du, ich möchte Erstaunen erregen?
Erregt denn das Tageslicht Erstaunen? Oder der
frühmuntere Rotschwanz, der durch die Wälder
zwitschert?
Errege ich mehr Erstaunen als diese?”

Die von mir zuletzt gelesene Ausgabe beim Anaconda Verlag umfasst einige Gedichte aus den “Trommelschlägen” (dies Impressionen aus den Jahren des Bürgerkriegs, z.B. ein in Worten gemaltes Bild von Kavallerie, die ein Furt durchquert); dann, über 60 Seiten, also ein Drittel des Buches, einen Ausschnitt aus dem gewaltigen “Gesang von mir”, einem Text, halb Gesang, halb Erzählung, voller Ansichten und Verherrlichungen, voller Schönheit und immer wieder sinnlich-geistreich; des Weiteren noch viele andere, auch kleine Gedichte, meist ein-zwei Seiten lang, aus dem Spätwerk, die meist neben dem “Gesang von mir” entstanden.

“Hier oder fortan, mir ist es gleich, ich vertraue der Zeit unbedingt.
Sie allein ist ohne Unterbrechung, sie allein rundet und
vollendet alles,
Dies Mystisch verwirrende Wunder allein vollendet alles.”

Vielleicht ist dies die letzte Botschaft Whitmans: Alles vollendet sich von selbst, es hat keinen Sinn Krieg zu führen, zu hetzten, sich von irgendetwas auffressen zu lassen. Letztendlich geht das Leben seine Wege und man sollte ihnen folgen, man sollte sein Glück machen, die Augenblicke haben – seine Stimme flüstert: Das Leben ist dies alles, was versuchte außerhalb zu sein, sich davor zu retten, sich darin zu verstecken, es gibt nur dies und das ist das Großartige! Es gibt die Welt, die Welt als das Ding, dass sie ist, Geheimnis ist sie und doch so wach, so wach ist das Geheimnis, das sollten wir erkennen: und wir gehören dazu.

“Seht ihr, o meine Brüder und Schwestern?
Es ist nicht Chaos oder Tod, es ist Form, Einheit,
Bestimmung, ist ewiges Leben – ist Glückseligkeit.”

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter ]

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