Graphit von Marcel Beyer, 2014, Suhrkamp1.) - 2.)

Graphit.
Gedichte von Marcel Beyer (2014, Suhrkamp).
Besprechung von Beate Tröger in freitag vom 10.12.2014:

Störrisch, sperrig, gut
Lyrik Die wichtigsten deutschsprachigen Neuerscheinungen haben viel mit dem Jahrhundertdichter Georg Trakl zu tun
 
„Poesie war Widerstand“, lautet der vielleicht meistzitierte Satz aus Kruso, Lutz Seilers Debütroman, der in diesem Jahr mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Seiler ist bislang vor allem als Lyriker hervorgetreten, seine Hauptfigur, Ed Bendler, verehrt besonders den Dichter Georg Trakl, „der am unerbittlichsten tönte mit seinen Versen aus Laub und Braun“.

Die Verse Trakls, dessen Todestag sich am 3. November zum 100. Mal jährt, zählen in der Tat zum Widerständigsten, was die deutschsprachige Lyrik des 20. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Obwohl ihr Vokabular überschaubar und eingängig ist, sperren sich diese so fremdartig wirkenden Gedichte gegen ihre Vereinnahmung. Das kann man an dem soeben erschienenen Band Trakl und wir. Fünfzig Blicke in einen Opal gut nachvollziehen. Unter dem Dach der Münchner Stiftung Lyrik Kabinett und herausgegeben von Mirko Bonné und Tom Schulz haben sich 50 Lyrikerinnen und Lyriker mit einem bestimmten Gedicht Trakls auseinandergesetzt, unter ihnen so bekannte wie Friederike Mayröcker und Durs Grünbein. Herausgekommen ist eine anregende, nicht selten zum Widerspruch reizende Aktualisierung von Trakls Dichtung, deren Wucht nicht nur Ed in Kruso, sondern auch der Leser von Trakl und wir umso heftiger spürt, je blasser der zeitgenössische Gegenentwurf ausfällt.

Aber es gibt genauso die Begegnung auf Augenhöhe. Das Renitente in Trakls Sprache findet sich in anderer, nicht minder wuchtiger Gestalt in den Versen des 1965 geborenen Romanciers und Lyrikers Marcel Beyer. Von „Verklirrter Herbst“, Beyers schräger Anverwandlung von Trakls „Verklärter Herbst“, die 1997 in Beyers Band Falsches Futter erschien, führt eine Linie zu Graphit, dem neuen Lyrikbuch von Beyer. Er enthält das in Trakl und wir abgedruckte Gedicht „An die Vermummten“, das auf Trakls „An die Verstummten“ antwortet. Doch auch das dreiteilige „Alphabet Oberlippe“ bezieht sich vermittelt auf den Jahrhundertdichter, genauer: auf eine Fotografie, die Georg Trakl im Sommer 1913 auf dem Lido von Venedig zeigt. Trakl war mit dem Herausgeber der Zeitschrift Der Brenner, Ludwig von Ficker, sowie dessen Frau und Karl Kraus nach Venedig gereist. Venedig, mutmaßt Trakls Biograf Gunnar Decker, muss Trakl ambivalent gestimmt haben. Auf besagtem Foto jedenfalls schaut er ziemlich grimmig drein.

Gnocchi mit Hummel

In Beyers Gedicht wird die Fotografie zur Vorlage, ein Verfahren, das sich bei ihm häufiger findet. „Das Leibchen. Ein Salzwasser, / ein Kälteschockgesicht am / Strand, das Schwimmkleid / schwarz. Die Beine und sein / Hals: ein Bauer, der mit Sand / nichts anzufangen weiß. / Schwimmkleid Venedig. Hat / ihn nicht dauerhaft aufheitern / können, dieser Ausflug, nein. / Das Schwimmkleid Limanowa. / Das Schwimmkleid Krakau. / Und das Schwimmkleid Salz.“

Dass Trakl nach seinem Venedigaufenthalt in einen Rausch des Dichtens geriet, ehe er 1914 als Militärapotheker ins Heer einberufen wurde und die Schlacht bei Grodek miterlebte, beschreibt Beyer im dritten Teil des lyrischen Triptychons. In Grodek musste Trakl viele Verwundete allein versorgen. Zwei Tage und zwei Nächte arbeitete er im Lazarett. Bei Beyer liest sich das so: „Vers für Vers kroch ich durch den Saal, man kratzte sich, man hing in Scheiben, es wurde operiert. Alphabet Oberlippe, Alphabet Unterleib, und das Gejammer“. Dichten, Wahrnehmen, Bezeugen verschmelzen zu einer Bewegung.

Die imaginierte Wahrnehmung Trakls überlagert sich mit dem erlebten Kriegsszenario und mit der inneren Bewegung seines Dichtens. Beyers Band Graphit verweist schon im Titel, abgeleitet aus dem altgriechischen Wort graphein für „schreiben“, direkt auf die dichterische Arbeit und auf die Materialität der Sprache.

Widerständig wie das Sprachmaterial können auch die Dinge sein, die in der Lyrik Gestalt annehmen sollen. In den Regentonnenvariationen, dem nunmehr sechsten Gedichtband des 1971 in Hamburg geborenen Jan Wagner, konzentriert sich der Autor auf die Gegenkraft im Marginalisierten und Geringgeschätzten, etwa im „Giersch“, jenem Unkraut, das „bis hoch zum giebel kriecht bis giersch schier / überall sprießt, im ganzen garten giersch / sich über giersch schiebt, ihn verschlingt mit nichts als giersch“.

Man muss diese Verse laut sprechen, um das Insistierende, Renitente der Pflanze in den Konsonanten zischeln zu hören, das Wachsende, sich Dehnende in den Vokalen. Wagners Gedichte sind eingängig und unaufgeregt in ihrem Gestus. Es gibt bei ihm häufig ein lyrisches Wir, das nicht genauer bestimmt ist, den Leser aber in eine freundliche Vertrautheit lockt und ihm dort, mit meist munterem Unterton, Phänomene neu zu zeigen weiß.

Bei aller Freundlichkeit versteht Wagner auch zu irritieren. Das Gedicht auf den Cremoneser Cellisten Giovanni Gnocchi mit dem Titel „giovanni gnocchi am violoncello“ schildert die akustisch-genussvollen Eindrücke beim Besuch einer hochsommerlichen musikalischen Darbietung in der Stadt, die durch eine Hummel gestört werden. Eine kurze Irritation. Heraus kommt eine szenisch-narrativ-lyrische Miniatur, wie Jan Wagners Werk viele kennt. Sie machen süchtig.

Am gelungensten zeigt sich Widerständiges in „drei esel, sizilien“. Prosaisch ausgedrückt: Drei Esel stehen auf einer sizilianischen Straße, und es dauert eine Weile, bis das Hindernis, das sie bilden, überwunden ist. Poetisch wirkt die Erinnerung an die Szene so: „und sie noch immer regungslos, ein riegel / aus grau, wir selbst mehr narren als heroen / und längst vergessen und verdrängt, während im spiegel / jenes beharrlich sanfte V der ohren noch serpentinenlang zu sehen war, / ein victory, vittoria, victoire.“

Jenes „beharrlich sanfte V der Ohren“ ist nicht nur eine Hommage an die Gattung der Esel. Man kann das Gedicht auch lesen als Verbeugung vor der Lyrik selbst, wo nicht selten eine bestimmte Anordnung weniger Worte sich dem Leser recht sperrig in den Weg stellt und noch lange Zeit nachwirkt.

Auch in Silke Scheuermanns neuem Lyrikband Skizze vom Gras ist Widerständigkeit ein zentrales Thema. Mehrere der zumeist in freien Versen geschriebenen Gedichte widmen sich ausgestorbenen Tieren, wie dem Dodo, dem Höhlenlöwen oder der Wandertaube. Martha, die letzte ihrer Art, starb 1914 in einem Zoo von Cincinnati, zufällig im gleichen Jahr wie Georg Trakl. Und wie Trakls Verse lebt Martha 100 Jahre später fort.

Nach Marjana Gaponenko, die mit ihrem Roman Wer ist Martha? (2012) dieser Taube ein Denkmal setzte, lässt auch Silke Scheuermann sie noch einmal auferstehen, hinein in eine Welt, in der das Überleben noch schwieriger geworden ist: „Hundert Jahre später ist diese Welt eine andere. Erstickender Waldduft ist Chemiegerüchen gewichen, die singende Liebe der Flüsse dem Kreislauf von Kraftwerken, unsichtbar. Wenn du, wie jeher, der brennenden Sonne entgegengleitest, wirst du die neue Gegenwart spüren – ohne hinabzugleiten in Trauer?“

Wer hier den leicht ranzigen Muff von Ökolyrik wittert, sei beruhigt. Scheuermanns Gedicht wächst darüber hinaus, wird zu einer melancholischen Reflexion über die Zeit. Der Dodo dagegen schafft es, anders als die Taube, nicht zurück auf diese Welt, ihm steht in Scheuermanns Versen die Wiederkehr erst noch bevor.

Am Alltäglichen reiben sich die Arbeiten von Katharina Schultens, die 2013 in Darmstadt den Leonce-und-Lena-Preis gewann. Nach ihrem Erstling gierstabil (2011) ist in diesem Frühjahr der Band gorgos portfolio erschienen. Schultens’ Gedichte sind angesiedelt in der heutigen Arbeits- und Finanzwelt, schildern die modernen Arbeitssklavinnen, die müde Laborantin taucht ebenso auf.

Sich Luft machen

Die Frau in diesen Werken ist nicht selten eingepfercht zwischen den Idealbildern der Weiblichkeit, sie erscheint mal als coole Wilde (in „crude“), dann als väterliche Grabpflegerin (in„vater“). Das sprechende Ich bleibt dabei stets kühl und entlarvt in seiner Coolness die Hohlheiten und Absichten des Betrachters: „ich kann sehen wann du mich liest“.

Zugleich bleibt das sprechende Ich von einer Unsicherheit gezeichnet, die stärker ist als der Verstand, chaotischer als die mühsam etablierten, hart verteidigten Ordnungen. Sie kann sich Luft machen in einer Zeile wie dieser: „So lass mich dennoch nicht allein“ oder in den Versen aus dem Gedicht „insider trading“, in dem es heißt: „ich kann was ich sagen will verschlüsseln damit mans sicher findet im großen netz. es gibt eine technik für alles es gibt auch eine der unterlassung bitte entlass mich in methodenlosigkeit bitte erlaube mir ein ungewaschnes kind missversteh meine bilder zu identität finde mich: bitte finde mich nicht“.

Seltsam, dass Katharina Schultens’ Lyrik noch keine breitere Resonanz gefunden hat. Es mag an ihrer Widerständigkeit liegen. Wer gute Gedichte will, muss sie auch aushalten können.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Freitag]

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2.)

Graphit von Marcel Beyer, 2014, SuhrkampGraphit.
Gedichte von Marcel Beyer (2014, Suhrkamp).
Besprechung von Ronald Pohl aus Der Standard, Wien vom 5.12.2014:

Marcel Beyers neuer Gedichtband: Schneebild mit Naphtalin und Kreide
Dem in Dresden lebenden Romancier und Dichter ist mit dem Band "Graphit" ein großes Kunststück gelungen. In seinen Gedichten wird das Wissen um die Kniffe der poetischen Moderne mit wacher Zeitgenossenschaft verquickt

Romanschriftsteller Marcel Beyer (49) besitzt beste Autorenreferenzen. In Neuss am Niederrhein aufgewachsen, gehört der heute in Dresden Lebende zu denjenigen Dichtern, die Natur und Kultur auf unerhörte Weise ineinander verschränken.

Wer Beyer sagt, musste bis vor kurzem auch Kling sagen. Thomas Kling (2005 an Krebs verstorben) und sein geringfügig jüngerer Kollege sind bzw. waren Archäologen. Gedichte wie die 37 meist langen in dem Band Graphit markieren, um mit Brecht zu sprechen, technisch höchsten Standard. Vorbei die Zeiten des Experiments. Beyer, der Kleist-Preisträger, behilft sich mit der einfachsten Form des Strophenbaus. Vier Verse bilden einen Abschnitt.

Der Zusammenhang, der die einzelnen Bild- und Lautströme vorantreibt, wird nicht metrisch hergestellt, sondern durch knappe Fügung. In Sankt Petersburg herrscht, wie Beyer schreibt, etwas wie "Endreimstimmung". Das ist natürlich ein Witz, weil sich hier - mit wenigen, gut versteckten Ausnahmen - gar nichts reimt. "Komm ins Offene", ist man versucht zu sagen, weil Marcel Beyer die Geheimniskrämerei nicht scheut. Dichter sind natürlich Schamanen, die mit okkultem Wissen Schabernack treiben. Wer kennt schon die Lebensgeschichte der Heiligen Wilgefortis, der bärtigen Jungfrau, die hier auf kurzen Versfüßen den Rhein hinauf bis in die Schweiz und weiter nach Südtirol wandert (im Gedicht Timide, timide)?

Der Schnee, schreibt Beyer im titelgebenden Eröffnungstext, ist ein "schwindendes Objekt". Wer sein Vorkommen bezeugen will, muss sich rätselhafter Artefakte bedienen. Als Regisseur Sergej Eisenstein 1938 Alexander Newski dreht, braucht er Schnee, viel Schnee, und "einen zugefrornen See". Mit Schneekanonen kann die stalinistische Kulturbürokratie nicht dienen. Also lässt Eisenstein einen ganzen Wald roden. Die kahle Landschaft wird asphaltiert, den Schneeauftrag bildet ein "lichtaufsaugendes Gemisch / aus Naphtalin und Kreide".

Auf Newskis Spuren

Beyer aber spricht die Spur an, die der Präparator Newski hinterlässt. Der Dichter zeichnet sie mit dem Graphitstift nach: "Durch einen Schneesturm keucht / sie hier, die Schrift? Auf der / Leinwand sehen wir Newskis / Truppen, Lumpenproletariat // durch Mottenpulverwolken waten". Newskis Filmgesicht ist "eisern". Noch fehlt der Vision das Wichtigste: der Atem. Vor Newskis Mund kein Hauch. "Hier werden Winterschlachten / grundsätzlich auf die Musik / geschnitten. Sollen Guderians / Panzerdivisionen kommen." Das ist atembenehmend klug gedichtet. Man hat die Musik von Sergej Prokofjew augenblicklich im Ohr. Die tote Landschaft - das Waste Land des Sowjetkommunismus - wird durch die deutschen Invasoren einer neuerlichen Verwüstung ausgesetzt, einer solchen, die alle vorherigen aufhebt.

Die Lyrik darf sich von allen Literaturgattungen den geringsten Zuspruch erwarten. Magier wie Beyer fallen keineswegs hinter den Stand der Dinge zurück. Sie überschreiben zum Beispiel Georg Trakl lautlich (An die Vermummten) und finden plötzlich Platz für Osama Bin Laden und dessen Tötung: "RASEND PEITSCHT GOTTES ZORN den Heli übers Anwesen, / Stroboleuchten ertasten zwei braune Augen, mehr nicht." Es ist die Poesie, die die Spuren sichert.

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