Grand Tour von Steffen Kopetzky, 2002, Eichborn1.) - 2.)

Grand Tour oder Die Nacht der Großen Complication.
Roman von Steffen Kopetzky (2002, Eichborn).
Besprechung von Petra Kohse in der Frankfurter Rundschau, 23.3.2002:

Die Nacht ist groß und kompliziert
Macht den Eindruck bedrohlicher Formvollendung und Entschlossenheit: Steffen Kopetzky hat nicht nur seinen dritten, sondern auch einen großartigen Roman geschrieben

Es könnte einen jungen Autor auch kränken, dass sein dritter Roman vom Verlag bereits als "Hauptwerk" gehandelt wird. Aber der 31-jährige Steffen Kopetzky ist nicht empfindlich. Er macht auf der Einbandklappe des neuen Buches selbst den Eindruck bedrohlicher Formvollendung und Entschlossenheit. Ein kahl geschorener Herr im dunklen Dreiteiler mit weißem Hemd und dezent gestreifter Krawatte, das ausgeprägte Kinn vorgestreckt, die überraschend geschwungenen Lippen fest geschlossen und den Blick unverwandt in die Kamera gerichtet. Sieht man etwas länger hin, erkennt man das überirdische Leuchten auf der Stirn allerdings als Schweißglänzen, und der konzentriert-gepresste Ausdruck wirkt plötzlich, als hätte der Dichter für dieses Foto die Luft angehalten. Der Bruch ist nicht so stark, dass aus Kopetzkys seriöser Haltung plötzlich der Junge aus Pfaffenhofen herauszuwinken begänne, der er auch ist. Aber stark genug, um einen anrührenden Willen zur Pose deutlich zu machen.

Steffen Kopetzky, gebürtiger Oberbayer, der nach Aufenthalten in Zürich, München und Paris seit einigen Jahren in Berlin lebt, schreibt viel. Rund 740 Seiten umfasst das neue Werk Grand Tour oder die Nacht der Großen Complication, vier Jahre hat er daran gearbeitet. 1997 und 1998 sind bei Volk & Welt seine ersten beiden Romane erschienen (Die uneigentliche Reise und Einbruch und Wahn), und seither veröffentlichte er auch mehrere, teils schon uraufgeführte Theaterstücke, dazu ein Hörspiel, ein Libretto und etliches für Zeitungen.

Im Wechsel mit weiteren jungen Autoren ist Kopetzky derzeit Kolumnist der "Leben"-Redaktion der Zeit. Anders als in seinen Büchern, ergreift er hier allerdings als Ich das Wort und nimmt Stellung zu dem, was ihn unmittelbar umgibt. Das ist natürlich kein kluger Ansatz für einen, der beim Schreiben ein weißes Hemd trägt und Gleichaltrige gerne siezt. Eine chronische Düpiertheit ist vorprogrammiert, deren Analyse sich aus kolumnistischer Selbsterhaltung verbietet, weswegen der sonst geschliffen formulierende Autor sprachlich in Nöte gerät und zum Floskelhaften und Halbwahren Zuflucht nimmt. So lästerte er ungeniert über die vielen Sonnenbrillen auf der Beerdigung des "Weltstars" Hildegard Knef, obwohl er natürlich selbst oft eine trägt.

Neulich, auf der stilvollen Berliner Pressevorstellung des Romans in einem historischen Speisewagen der Mitropa, hatte Kopetzky zum Bespiel fast die ganze Zeit über eine Sonnenbrille auf. Wobei das Sonnenbrillentragen prinzipiell und zumal in diesem Fall absolut in Ordnung ist. Der Autor, der selbst eineinhalb jahrelang in Schlafwagen geschaffnert hat, muss sich schließlich davor schützen, mit seinem Protagonisten Leo Pardell verwechselt zu werden, dessen Weg als Schlafwagenschaffner eine der beiden Hauptschienen des opulenten Buches ist.

Tatsächlich ist Grand Tour nichts weniger als authentisch. Und das, obwohl es anders als in Kopetzkys vorangegangenen, eher atmosphärisch flanierenden Romanen reichlich Handlung gibt und auch viel Selbsterlebtes einfließt. Trotz aller Detailtreue ist es ein gebauter und damit so künstlicher wie in sich stimmiger Entwurf von Wirklichkeit, in dem eine Fülle von Anfängen ihre konsequente und sorgfältige Fortführung, verblüffende Engführung und schlussendliche Lösung erfahren.

Leo Pardell, ein achtundzwanzigjähriger Student der Architektur, dient sich aus innerer und äußerer Not der Münchner Sektion der "Compagnie des Wagons-Lits" als Aushilfsschaffner an. Er will sein Leben ändern und hatte sich entschlossen, einen Spanischkurs in Argentinien mit anschließendem Praktikum in einem innovativen Unternehmen zu absolvieren. Die stattlichen Kosten waren bereits beglichen, die Koffer gepackt und alle Lieben informiert, als Pardell am vermeintlichen Abflugsort Madrid erfahren musste, dass er einer Betrügerannonce aufgesessen ist. Da er keine Lust hat, in sein bisheriges Leben zurückzukehren, heuert er mit einer Spanischgrammatik unter dem Arm bei der Compagnie an. Buenos Aires-Romane aus den fünfziger Jahren versorgen ihn mit den Stadtkenntnissen, die er braucht, um gegenüber seiner Mutter in Hannover, mehr aber noch seiner Ex-Geliebten in München die Argentinientäuschung aufrechtzuerhalten.

Pardell begibt sich richtungslos auf die Reise. Er ist unterwegs, um nicht da zu sein und lässt die Welt mit interesseloser Offenheit auf sich wirken. Das Komplement dieser Figur ist Friedrich Jasper Baron von Reichhausen, Erbe und erfolgreicher Erbschaftsanwalt um die sechzig, schwerer Alkoholiker und Menschenfeind. Seine ganze Leidenschaft gilt seiner Sammlung mechanischer Uhren, zu deren Krönung er nur noch die "Ziffer à Grande Complication 1924" braucht, die sensationellerweise eine Jahrtausendanzeige besitzt. Als er durch die Arbeit seiner eigenen Kanzlei zufällig auf die Spur des Schmuckstücks kommt, setzt er sein bisheriges Leben aus, um sich ganz der, in seiner Position illegitimen, Jagd danach zu widmen, die ihn in die Welt der Schlafwagen führt. Die Wechselbeziehung von Zwanghaftigkeit und Ohnmacht, die Reichhausens Suche bestimmt, knüpft an Kopetzkys Romanstudie Einbruch und Wahn an. Diesmal folgt dem äußeren Niedergang aber die innere Befreiung.

Pardell und Reichhausen treffen sich nicht. Aber am Anfang, in der Mitte und am Ende des Buches, das zwischen April 1999 und der Nacht zum Jahr 2000 spielt, kreuzen sich ihre Wege. Dass dieses Kreuzen für nichts anderes steht als die Verflechtungsabsicht des Autors, und dass es zwischen den Figuren keinen inneren Zusammenhang gibt, ist die Schwäche des Romans. Dass das Fehlen einer solchen Ursache, wenn überhaupt, erst nach der Lektüre auffällt, ist seine Stärke.

Denn Grand Tour oder die Nacht der Großen Complication ist so weitläufig, verzweigt und elegant wie die Welt der Wagons-Lits selbst. Es geht Kopetzky nicht nur um die Wege der Protagonisten, sondern mit gleicher liebevoller Hingabe auch um die vieler anderer Personen, die sie begleiten, kreuzen oder ihnen die Weichen stellen - sei es in der Direktionsetage oder im Magazin des (real existierenden und nur in Deutschland nicht mehr tätigen) Schlafwagenkonzerns, sei es an einem der vielen Orte, die Pardell und Reichhausen via Schienennetz passieren, oder auf den Schienen selbst.

Ursprünglich hatte der Autor nur einen Krimi schreiben wollen, der im Schlafwagenmilieu spielt. Dann aber kamen immer weitere Figuren hinzu. Pardells erotisch erfahrener Kollege Poliakov. Die schöne russische Trickbetrügerin Oxana, die in Baden-Baden zusteigt. Der dortige Taxifahrer Balger, der Fahrgäste hasst und am liebst barfuß läuft. Die Wiener Gauner, die Reichhausens Weg nach unten beschleunigen. Der neapolitanische Dümmling Sergy Alpin, der, weil er Pardell bestahl, einen Konflikt mit der Mafia überlebt und sein Glück in Innsbruck findet. Oder Reginald Bowie. Um einem an die Wagons-Lits angedockten Drogenring auf die Spur zu kommen, baut er selbst einen solchen auf.

Zuweilen geht es auf die Nerven, dass immer neue Gesichter um die Ecke biegen und mit allen, die bereits da sind, zu tun haben wollen. Dann aber betört wieder der Reichtum an Leben, Orten und Details, ja überhaupt dieses orchestral Fachmännische. Grand Tour ist nicht nur ein Abenteuer-, Liebes- und Kriminalroman, sondern auch eine Kulturgeschichte der Eisenbahn und der Uhrmacherkunst sowie das Handbuch zur Sonnenfinsternis, zur Mafia oder zum Highlanderspiel. Wobei Kopetzky eine eigene Kunst daraus macht, die Erklärung der Dinge so weit zu treiben, dass die Grenzen zwischen Wirklichem und Fiktivem verschwimmen.

Nicht nötig gewesen wäre, dass er, einem nachgerade enzyklopädischen Auftrag folgend, nebenbei auch Nazizeit, Beutekunst und Verbrechen der Wehrmacht streift, in botanischen und kriminalistischen Fragen Zuständigkeit suggeriert und mit einer gleich zweimal erzählten Anekdote nicht weniger als die ganze DDR erklären will. Aber auf die Länge gesehen stört das auch nicht wirklich.

Und auf die Länge kommt es bei Kopetzkys Roman unbedingt an. Werden im Rahmen einer Lesung nur Ausschnitte vorgestellt - wie Anfang März in der Berliner Volksbühne, wo der Autor mit Corinna Harfouch und Herbert Fritsch auf dem Podium saß - so erfreut die rhythmisch insistierende, sorgfältig ausgearbeitete und in ihrer liebevollen Genauigkeit immer ironiefähige Sprache, doch der Eindruck bleibt episodisch.

Das Ganze, in Gänze: Anmaßung, Sorgfalt und Bangigkeit gehören zum schriftstellerischen Projekt des Steffen Kopetzky genauso wie der Dreiteiler und das Luftanhalten auf dem Foto. Dass diese Haltung bei einem Einunddreißigjährigen nicht dazu dient, die ganz großen Themen zu bändigen, sondern sich eher für sie bereitzuhalten, wird nur bedauern, wer Grand Tour tatsächlich schon für das Hauptwerk hält. Wahrscheinlicher ist aber, dass es sich um einen großartigen, dritten Roman handelt.

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Grand Tour von Steffen Kopetzky, 2002, Eichborn2.)

Grand Tour oder Die Nacht der Großen Complication.
Roman von Steffen Kopetzky (2002, Eichborn).
Besprechung von Christiane Schrott in der Neue Zürcher Zeitung, 24.7.2002:

Kosmos der kolossalen Kerle
Steffen Kopetzky geht auf «Grand Tour»

Bescheidenheit zählt nicht zu seinen Stärken. Mit weit ausholender Geste grüsst der 31-jährige Steffen Kopetzky aus dem Pool der Jungschriftsteller, reiht sich gern kurz hinter James Joyce und Thomas Mann ein und strebt nach strahlender Grösse. Darum präsentiert auch der Titel seines angeblichen «Hauptwerkes» und jüngsten Romans, «Grand Tour oder die Nacht der Grossen Complication», das Attribut «gross» gleich in doppelter Ausführung. Kopetzkys Helden wollen weit weg und hoch hinaus: kosmopolitische Streuner allesamt, die auf Europas Hauptbahnhöfen zu Hause sind. Ihr Leben ist eine lange Reise auf der Suche nach dem Sinn zwischen Nordsee und Mittelmeer.

Der Hang des Autors zur Megalomanie paart sich mit der etwas altmodischen, doch durchaus edlen Lust an Eisenbahnfahrten erster Klasse. Als Passagiere oder Schlafwagenschaffner in nachtblauer Uniform pendeln die Romanfiguren zwischen den Metropolen. Und schon der Prolog verrät ihre Bewunderung für das Erhabene: «Kolossal» öffnen sich die Bahnhöfe zu den «grossen» Boulevards, bergen «kolossale» Treppenhäuser, protzen in Helsinki mit «riesigen Granitfiguren», die «gewaltig leuchtende Kugeln in die nordische Nacht hineinhalten», suggerieren in Florenz «atemberaubende Weltläufigkeit.

Abenteurer im Schlafwagen

Klotzig wie ein Kursbuch liegt Kopetzkys «Grand Tour» in der Hand. Hochgestochen fällt der literarische Anspruch aus: den Lauf der Welt in 740 Seiten packen; auf eingefahrenen Gleisen, aber mit Abenteuerlust unter der Mütze durch die letzten neun Monate des verflossenen Jahrhunderts vagabundieren - von Paris bis Klagenfurt, von Madrid bis Amsterdam. Zwei Haupt- und etwa vierzig Nebenhelden vorwiegend männlichen Geschlechts schleust der Autor durch Zeit und Eisenbahnnetz. Facettenreich lässt er seinen Mikrokosmos der Kerle schillern, den er aus eigener Erfahrung kennt, steckte Kopetzky doch einst selbst in der nachtblauen Uniform des Schlafwagenschaffners, um Geld zu verdienen und literarisch verwertbare Impressionen zu sammeln.

Leo Pardell heisst sein 28-jähriges Alter Ego im Roman: ewiger Student der Kunstgeschichte mit Torschlusspanik, dem plötzlich dämmert, dass «er etwas geworden war. Nämlich nichts.» Dann platzt noch der geplante Karrierestart in Argentinien, und Pardell steht nicht nur als Versager, sondern auch als Pechvogel da, ohne Geld und Dach überm Kopf. Da beschliesst er, in den geordneten Verhältnissen der Schlafwagengesellschaft «Compagnie des Waggons-Lits» als Springer vom Dienst eine Doppelexistenz zu führen.

Seiner Mutter und der immer noch begehrten Ex-Freundin Juliane gaukelt er ein Praktikum in Buenos Aires vor, während er in Wirklichkeit ein Praktikum für das richtige Leben im falschen absolviert. «Am Abend auf Reisen zu gehen hat etwas unabweisbar Beglückendes», findet Pardell und schwärmt vom «Gleichgewicht seliger Abende, an denen Nachdenken und Beobachten, Sehen und Verstehen zusammengefallen waren». Er erfährt, was Freundschaft im Kollegenkreis bedeutet, und probt die schnelle Liebe zwischendurch im Nachbarabteil. Er lässt sich ein auf eine späte Education sentimentale, gibt sich kulinarischen Genüssen hin und den kleinen Tricksereien der Kontrolleure. Im geregelten System der Bahn kommt Freiheit auf. Das Glück liegt auf der Schiene.

Würger im Nachtzug

Nicht jedoch für Friedrich Jasper Baron von Reichenhausen, der als Pardells Antipode im Reich des Bösen verkehrt. Mit Verve entwickelt Kopetzky den Charakter seines «Würgers» - ein reicher Anwalt im permanenten Alkoholrausch: fett, alt und aggressiv. Mit dem Schlachtruf «Es muss mehr getrunken werden!» torkelt der eingefleischte Misanthrop von Spielkasinos in Luxusquartiere. Sein einziger Antrieb besteht darin, noch 1999 die «Grande Complication» zu erwerben, das Unikat einer antiken Armbanduhr mit Jahrtausendanzeige. Der Würger scheut weder Geld noch kriminelle Machenschaften auf seiner Jagd nach technischer Perfektion. Und steigt dabei auch mal auf den Nachtzug um, in dem er fast den Schlafwagenschaffner Leo Pardell getroffen hätte. Aber eben nur fast.

Bei Kopetzky nähern sich viele Lebenswege einander an, kreuzen sich, laufen eine Weile lang parallel, um dann wieder auseinander zu driften - wie die Gleise. Mit Akribie und ausschweifender Phantasie entwirft der Autor einen Tummelplatz für skurrile Gestalten. Abgesehen von der überwältigenden Themenvielfalt, die Elemente des Kriminal-, Schelmen-, Liebes- und Entwicklungsromans miteinander verknüpft, werden die ohnehin schon schrägen Hauptfiguren von einem überspannten Personal umschwirrt, etwa der Frau mit essbarer Unterwäsche....Fortsetzung

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