Graffiti 2001.
Gedichte von Mariusz Grzebalski (2002, Edition Korrespondenzen - Übertragung Doreen Daume).
Besprechung von Hauke Hückstädt in der Frankfurter Rundschau, 9.11.2002:

Melancholische Additionen
Ein Großereignis: Der polnische Autor Mariusz Grzebalski erscheint erstmals auf Deutsch

Auf legitime Weise katapultiert uns das Lesen von Gedichten nicht nur auf Blickebenen, von denen wir nichts wussten, sondern es macht uns auch schwindelig für die Vorstellung von denjenigen, die sie geschrieben haben. Vorausgesetzt, dass die Gespräche, die ihre Gedichte mit uns führen, unmittelbar in die Vertikale schießen - Das Foto von Mariusz Grzebalski ist Gegenbewegung dazu. Der Blick, ein horizontales Messer. Sanftmütig, aber scharf. Geschärft für Schnitte in untröstlich weltliche Epiphanien.

Kindheit, Schule, Jugend im sozialistischen Polen. Mariusz Grzebalski ist 1969 in Lodz geboren. Später das Studium: Philosophie und Polonistik in Poznan. Das sind dann schon die Öffnungsjahre zum Westen hin. Zusammenbruch aller volkseigentümlichen wie maroden Wirtschaftsstrukturen und daneben das Wuchern neuer Ökonomien. Man liest das in seinen Gedichten so nicht. Dazu sind sie auch nicht da. Aber beim Nachlesen schnappen die Verse nach solch beißender Luft: "Meine ganze Zukunft sollte / die ans Fenster gedrückte Nase sein (mir fallen / in der Luft flirrende Splitter ein, / als hätte jemand über der Stadt eine Decke / voller Reste ausgeschüttelt - ich weiß nicht, warum / gerade das)." Schon dieser Auszug aus dem "Archeologia 1994" betitelten Gedicht lässt das Elementare an Grzebalskis Dichtung hervortreten. Dass alles hervorsticht, was stumpf ist! Dass uns das Unreine, in der Sprache wie vor dem Auge, zu Klarheiten führt. "Das Leben hatte keinen Grund gebraucht, / keine Rechtfertigung gesucht", resümiert das Gedicht schon im Beginnen. Dieser Utopie-entlassene Archäologe gräbt nicht. Weil die Dinge, die Verhältnisse offen liegen: "Wir sind zusammen reif geworden: // Der Stein, die Blume, der im Gras stecken gebliebene Waggon / mit dem rostenden Dach, die trockene / Leinwand eines berstenden Baumes - nirgendwohin / wollte man zurückkehren."

Einen Dichter stellen wir uns immer ganz anders vor. Sehen wir ihn, empfinden wir es möglicherweise als überraschend, dass seine physische Präsenz noch nicht überwältigt, überprägt ist von der Idealhaftigkeit seiner Verse. - Ich nehme mir das Foto von Grzebalski vor: der schwarze windschiefe Rachen einer Schuppentür, ein rostiges Schloss, der faustgroße Schlüssel darin. Davor der Urheber: Tranchier-Blick, die Brille eher Visier, mehr Fadenkreuz als Brille. Und darüber die vergnügliche Ewigkeit von Jeans. Das ist vielleicht schon ein Sujet. Oder genauso gut: nichtsnütze Mystik der Neugier.

Ich rufe bei dem Lyriker Lutz Seiler (geb. 1963) an. Von ihm erschien zuletzt der Gedichtband pech & blende (Suhrkamp 2000). Seiler lebt in Wilhelmshorst bei Berlin, im Peter-Huchel-Haus, mitten im märkischen Treibsand. Die beiden, Grzebalski und Seiler, hatten gemeinsam eine Lesung - im weit gefassten Veranstaltungsrahmen von "Leipzig liest" während der Buchmesse diesen Frühjahres. Jedenfalls las ich das irgendwo. Lutz Seilers Gedichten ist etwas eigen, was nur Hingabe zur Beobachtung, was nur eine Art Wahrnehmungstraining hervorrufen kann. Man habe nicht viel miteinander gesprochen, sagt mir Seiler. Ein auf Englisch angeregtes Gespräch verebbte. Beide gehören einer Generation an, die auf eine Schulbildung zurückgreift, die das Englische als Weltsprache wohl akzeptierte, jedoch auf Russisch pochte. Aber einen Polen auf Russisch anzusprechen, würde einen Gesprächsverlauf nie beflügeln. Ich frage Seiler, was bei ihm hängen geblieben ist, wenn er an die Begegnung mit Grzebalskis Gedichten denkt: Heute, sagt er, gäbe es viele gut gemachte Gedichte, die uns epochale Koordinaten, gewaltige Bildstrecken, eine Menge Material präsentieren, aber dabei wenig vergegenwärtigen. Bei Grzebalski habe er das angenehme Gefühl, dass sich die Sache umgekehrt verhält. Wenn der Begriff von der Aura nicht schon so verschlissen sei, meint Seiler, müsse man ihn verwenden für die Räume, die Grzebalskis Gedichte erschließen: "Weniger Ambition, mehr Aura!"

Seiler blättert offensichtlich in dem Buch und macht mich auf Grzebalskis Gedicht "Anfang" aufmerksam: "Von der Siedlung her rückte Dunkelheit vor, / drängte das Licht der Lampen zurück. // . . ." Ich lese das später noch und noch einmal nach. Ein Text von fünf zweizeiligen Strophen. Alles knapp und sachlich gemacht, alles unter dem Eindruck einer dunkel dämmerigen Bugwelle, die die Eingangsstrophe vor sich herschiebt. Die zweite Strophe setzt das Gedicht so fort: "Hinter den Bunkern erhob sie sich aus dem hohen Gras, / richtete sich das zerdrückte Kleid. // Ihre grünen Knie - warum fand er sie so zum Lachen? / Und woher kam die Schwermut, die uns minderjährige Voyeure befiel, // als sie sich bald danach zum Gehen wandten? / Bei unserer Rückkehr hob der Wind fremde Flüche über die Bäume, // man hörte betrunkenes Gelächter aus im Dunkeln unsichtbaren Gräben / und eine Scheibe des ausgeraubten Kiosks ging zu Bruch." - Was ist das? Ein offen gelassenes Militärgelände am Siedlungsrand vielleicht? Ein Fick im Gras - aus der grasumzingelten Sicht "Minderjähriger". Das unnütze Klirren einer unnützen Scheibe eines ohnehin geschliffenen Kiosks. Kein Arrangement, das Weltbühne zu sein vorgibt. Und doch: die unheilvollen, eine irgend beschädigte Atmosphäre herbeiführenden Eingangs- und Schlussverse umklammern die von den Voyeuren unbegriffene Situation beinahe schmerzhaft liebevoll. Der evozierte Raum, um Seilers Gedanken fortzuführen, ist nicht so sehr das dämmerige Gelände. Der Raum, die Aura, das ist die Ahnung, die hier zum Ausdruck kommt, die Ahnung von einer offenbar ganz gewiss zunehmenden Abwesenheit von Licht - dem Licht hinter den Fragen, von denen dieses Gedicht gleich zwei stellt.

Mariusz Grzebalski war: Briefträger, Museumswärter, Gerichtsprotokollant. Das sind Jobs eines Chronisten: Bote, Hüter, Schriftführer. Schwer vorzustellen, dass der Verfasser solcher Gedichte seine Aufträge nicht loyal und dennoch nicht stets mit dem nötigen Gleichmut ausgeführt hätte. Die ärgste Sendung mit dem gleichen messenden Schritt an die Tür getragen wie die elektronische Glückwunschpostkarte. Den Kunstgrapscher ebenso im Anschlag seines Blicks wie die Venus im Pelz. Das Stottern der Aussage ebenso vernichtend für die Nachwelt stenografiert wie die Larmoyanz des Klägers. - Man muss gar nicht die Resignation aus dem Gedicht "Schlachthof" ausbreiten ("Wir haben keine Hemmungen, wir stinken nach Fleisch. / Weder morgen noch sonst wann erwartet uns etwas Interessantes."), um sehr bald festzustellen, dass alles, was die Blicke dieser Gedichte erfassen, und sei es noch so schön, irgendwann zu faulen, zu schmoren anfangen wird. Diese abartig genaue Blickkunst kommt einem vor wie die Lupe unter der sengenden Sonne in der ruhigen Hand des Kindes, wie es die Ameise stellt.

- Miniaturhafte Rauchsäulen. Liebesgedichte sind ein guter Indikator für den Aggregatzustand von Dichtung. In der Regel verkraftet das Liebesgedicht keine größeren Klassiker-Einkäufe, keine Zutaten an Wissen oder Wissenschaft, kein Plastik und keine Bombastik. Nur die Glut des entzündeten Gefühls, wie sie schließlich in die kühlere Luft hinaufsteigt. Es geht immer um Aufwärmen, Durchbrennen, Abkühlen. Das Unreine qualmt. Grzebalskis Liebesgedichte sind gnadenlos schön. Sie sind sprunghaft wie Puls, prosaisch wie Erkenntnis und bereits ab der ersten Zeile ganz und gar süßer, hinuntergesungener Epilog. "Prognose" heißt eines davon, und man möge die narrative Intelligenz und die Ökonomie dieser drei Strophen jeder Liebeserzählung die mehr als hundert Seiten verbraucht aufs Vorsatzblatt drucken: "Der Herbst ist zurück in den Sommer geschlüpft - / er macht sich nichts aus den heiligen / Verboten, die unumkehrbare Ordnung / der Dinge vernachlässigt er aus Pflicht. // Doch schau - uns, nicht die anderen, / hat ein böser Schatten in dieser / Festtagszeit lieb gewonnen. Bald werden uns / all unsere Unterlassungen einholen, die schlechten // Taten der anderen werden sich in unseren / Taten spiegeln, simple Fakten werden / mehr über uns aussagen, als wir bereit wären / vor uns selbst zu enthüllen."

Zwei Wochenzeitungen, namentlich zwei Rezensenten, Benedikt Erenz und Michael Braun, haben dieses Buch, diesen Autor überaus würdigend zur Kenntnis genommen. Und der Autor und Zeitschriftherausgeber Alfred Kolleritsch hat lange davor in den manuskripten einige erste Gedichte Grzebalskis gedruckt. Aber ansonsten ist uns dieser Dichter noch kaum vorgestellt worden. Dabei sollten wir ihn kennen lernen. Seine Verse würde man ohnehin bald auswendig wissen: "Das Gesicht - eine Landkarte früherer Begebenheiten." - Solch ein Rhyme erscheint uns allerdings sofort als zu glatt und gefällig: Ja, so kann man das sagen. Aber: Na und?

Die Addition, das einfachste mathematische Instrumentarium, die murmelbunte Rechenschiebetafel des Beobachtens, das ist die Stärke, die Vitalität von Grzebalskis Poesie. Das Gedicht, aus dem dieser Vers stammt, ist mit "Stunden" betitelt und es porträtiert den Porträtierenden in dem kratzend schürfenden Auf- und Abtragen von Kontur mit. Eine Frau, ein Leben wird festgehalten, auf die Leinwand geschmettert: "Sie kann nicht schlafen, / sitzt vor dem Monitor, starrt auf die / Patience, die nicht aufgegangen ist." Einige Verse später das Gleiche: Melancholischste Addition, nichts entgeht dem Blick, nichts kommt davon, alles wird zusammengerechnet: "Die Fußnägel - / kahle Schädel kleiner Geier. Ihre Gedanken sind wie Watte. / Regnete es, würde sie sagen ,Regen'." Das Fazit, der Schlussstrich des Gedichts, der unerbittliche letzte Rahmen einer jeden Biografie fällt dann auch so aus: "Sollte man ihr befehlen das Haus zu verlassen und sie / in eine unbekannte Richtung fortbringen, würde sie keinen Widerstand leisten."

Die Schärfe der Betrachtung hängt von Nähe ab. - Liest man Grzebalskis Gedichte, glaubt man einmal mehr daran. Greifvogelaugen, die aus einem sanften Schädel schauen. Der Augenblick der Beschreibung fällt in eins mit dem des Zugriffs. Das mag grausam sein, übertrieben klingen, aber Dichtung ist Übertreibung. Das so schön besondere ist, dass sie dabei so spricht wie wir und dennoch leicht entrückt ist. Sie ist uns, im besten Falle, immer voraus, dem Leser wie dem Verfasser.

Wenn ich an gleichem Ort vor einiger Zeit schreiben durfte ("Gedichtblindheit", FR vom 29. Juni 2002, Anm. d. Red.), dass es in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur eine tendenziell übersehene, ignorierte, aber vollends spannende und im Vergleich zu den jugendlichen Storytellern keinesfalls auch nur annähernd angemessen gewürdigte Lyrik gibt, die zu großen Teilen von jungen und jüngeren Autoren geschrieben wurde, so stimmt das sicherlich. Man kann dem aber mühelos und ohne Abbruch hinzufügen, dass es offenbar die osteuropäischen Literaturen sind, die junge Stimmen hervorbringen, die von weltliterarischem Rang zu werden versprechen. Mit dem Slowenen Alas Steger (Kaschmir) und eben Mariusz Grzebalski hat der österreichische Verlag Edition Korrespondenzen zwei von ihnen versammelt und in sehr guten Übersetzungen für uns zugänglich gemacht.

Grzebalskis Gedichte sind roh. Manchmal versperren sie die Sicht des Lesers, aber selbst, wo sie das tun, blitzt irgend messerscharf etwas durch, was wir noch nicht gesehen haben. Man darf das strapazieren, diese Dichtung hält dem Stand: Mariusz Grzebalski ist ein großartiger Dichter. Sollte man sein Werk, von dem in polnischer Sprache schon vier Bände erschienen sind und die mit einem Verlegerpreis sowie 1994 mit dem Preis für das beste Debüt ausgezeichnet wurden, sollte man also sein Werk auch zukünftig in Übersetzungen lesen können, wird sich zeigen, ob der Prosaschriftsteller Grzebalski von eben solcher Durchdrungenheit ist. Er selbst war, lässt sich noch nachlesen, zeitweilig als Leiter einer Elektrotechnik-Großhandelsfirma tätig. Ich versuche mir das vorzustellen. Jemand, der auf dem Weg ist, noch die feinsten Splitter eines gerade berstenden Europas in seinen strotzend trotzigen Versgebilden aufzuheben, als Filialleiter einer Art Media-Marktes. Und er sagt ihnen: "Angenehm verletzen diese schmutzigen Bilder unsere Augen." Sie zucken zusammen, sie fragen sich, warum er wagt, das zu sagen, wo er sie doch gar nicht kennt. Und sein Gedicht "Ziel" würde antworten: "Vielleicht nicht verwandt, aber irgendwie miteinander verbunden, / füreinander bestimmt. Doch dann, eines Tages, stieß das lang / und insgeheim gewetzte Messer durch - schwer zu sagen durch was. Und es gab kein Zurück." - Das ist nicht unser Schlussbild von diesem Dichter. Denn wir werden mehr von ihm hören. Aber ein Media-Markt, "Ich bin doch nicht blöd!", das ist ein guter Ort für Zerstreuung.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung 1102 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau