Gräser der Nacht von Patrick Modiano, 2014, HanserGräser der Nacht.
Roman von Patrick Modiano
(2014, Hanser - Übertragung Elisabeth Edl).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 21.11.2014:

Auf der Suche nach dem verlorenen Paris

Ein Mädchen, das sich falsche Namen gibt. Ein Erzähler, der in seinem Notizbuch blättert und sich erinnert: an einen Pariser Herbst in den 60er-Jahren. Ein Hauch diffuser Gefahr, zwielichtige Nachtbars voller junger Männer, die ein Geheimnis haben. Und natürlich die Straßen und Plätze von Paris, diese klingenden Namen: Der neue Roman des diesjährigen Literaturnobelpreisträgers Patrick Modiano erinnert so sehr an frühere Werke, dass er beim Leser genau jene Déjà-vus hervorruft, die seinen Erzähler in „Gräser der Nacht“ auf die Spur der einst Geliebten bringen.

Dannie nennt sie sich. Jean lernt sie an der Uni kennen, aber schon bald kommen ihm Zweifel, ob sie dort wirklich Studentin ist. Sie streifen durch Paris, wohnen im Hotel oder in Wohnungen und Häusern, zu denen sie die Schlüssel besitzt – ohne dies je zu erklären. Später, nachdem Dannie verschwunden ist, wird Jean von einem Polizisten verhört, der alles wissen will über die Bar „66“, das Hotel Unic und den Studenten Aghamouri. Und wiederum Jahre später erhält Jean von ihm die Akte: weiterer Teil eines Puzzles rund um die historisch verbriefte Entführung eines Politikers.

Doch weder steht die „üble Geschichte“, in die Dannie verwickelt ist, noch sie selbst im Zentrum. Eher sind es die Boulevards und Viertel der Stadt, die beinahe Protagonisten sind. „Das Viertel hatte seine Seele verloren“, heißt es einmal über Montparnasse. „Da war kein Talent mehr und kein Herz.“ Andere Stadtteile werden zum Synonym für Verruchtheit, ihre Nennung zur Mutprobe: „Ich habe das Wort ,Pigalle’ wiederholt und musste laut lachen. Sie auch.“ Doch die Stadt, die Modiano beschreibt, gibt es nicht mehr, die Gassen sind unter Neubauten verschwunden, die Fassaden heller, harmloser. „Und selbst wenn die meisten Häuser dieselben waren, so hatte man doch den Eindruck, vor einem ausgestopften Hund zu stehen, einem Hund, der dir früher einmal gehörte und den du geliebt hast, als er noch lebte.“ Die Akribie, mit der Modiano die Metropole vermisst, ist Ausdruck der Trauer. Das schöne Mädchen mit den vielen Namen, das an einem melancholischen Herbstabend verschwindet, ist die Stadt selbst: auf der Suche nach dem verlorenen Paris.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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