Gottes kleiner Krieger von Kiran Nagarkar, 2006, A11.) - 2.)

Gottes kleiner Krieger.
Roman von Kiran Nagarkar (2006, A1 Verlag - Übertragung Giovanni und Ditte Bandini).
Besprechung von Dorothea Dieckmann aus Die Zeit, 28.9.2006:

Die Millenniumskrieger
Kiran Nagarkar hat eine Mischung aus Räuberpistole und Politroman geschrieben: Sprachmächtig, opulent und etwas schludrig.

Seit den Romanen Krishnas Schatten und Ravan und Eddie wird Kiran Nagarkar als sprachmächtiger Visionär des historischen und zeitgenössischen Indiens gefeiert. Nun präsentieren sein Verlag A1 und die virtuosen Übersetzer Giovanni und Ditte Bandini den dritten der dickleibigen Erfolgsromane, die Nagarkar auf Englisch verfasst hat. Gottes kleiner Krieger unternimmt nichts weniger als eine Bestandsaufnahme des religiösen Fundamentalismus und der kapitalistischen Globalisierung, und dies im Rahmen einer komplexen Story um eine dämonische Figur, die man getrost als historisches Gesamtsubjekt der Millenniumswende bezeichnen kann. Zehn Jahre lang hat der Autor an dem Opus gearbeitet, hat die Welt bereist und Ereignisse von 9/11 bis zum Afghanistan-Krieg hineingeschrieben. Herausgekommen ist ein Hybrid aus Räuberpistole, Politroman und Religionsthriller, kurz ein süffiger, (ober)flächendeckend gebildeter und literarisch etwas schludriger Schmöker.

Der reiche muslimische Bombayer Architekt Zafar Khan hat zwei ungleiche Söhne, den asthmakranken, kontemplativen Amanat und den hyperaktiven Zia, das »Licht«. Indoktriniert durch eine im Haus lebende Tante, entwickelt der rebellische Jüngere eine hysterische Liebe zu Allah – im Widerspruch zum hedonistischen Familienleben, der väterlichen Liberalität und mütterlichen Freizügigkeit. Als die Eltern ihn auf Bitten ihrer katholischen Freundin Antonia in ein Internat schicken, gibt Zia nicht nur erste Proben seiner fanatischen Gläubigkeit, sondern erweist sich zudem als Mathematikgenie. Als Student im englischen Cambridge beschließt er, die Fatwa gegen Salman Rushdie zu erfüllen. Doch nicht nur wird das Attentat im letzten Moment vom guten Bruder Amanat vereitelt; Antonia pflanzt in Zia den Keim des Zweifels, indem sie ihm mitteilt, er sei auf ihre Veranlassung als Kind katholisch getauft worden.

Und so geht Zia nach 250 Seiten und einigen Jahren als neues »Licht« in einem kalifornischen Trappistenkloster auf. Bruder Lucens, wie er nun heißt, hat eine Vergangenheit als islamistischer Warlord und Chefideologe in Kaschmir und Afghanistan hinter sich, deren blutige Spur in der Rückschau nachgezeichnet wird. Daher findet seine manische Gottsuche und Gottsucht geeignete Nahrung im katholischen Schuldkonzept, obwohl sich seinem Rigorismus zwei Einflüsse entgegenstellen. Der Abt vertritt ein unorthodoxes, tolerantes Christentum und ist zudem Fan eines wegweisenden Buches: Ausgerechnet Amanat hat einen Roman über den indischen Mystiker und Freigeist Kabir geschrieben, der Gott in geradezu blasphemischer Manier auf die Menschenerde zurückholt. Den Vorrang des lebendigen Lebens kann Lucens jedoch nur in der Negation begreifen – als militanter Abtreibungsgegner und Gründer einer Organisation, die Kinder in Jesu züchtet und nicht nur gegen sexuelle Abweichungen, sondern gegen den Sexus selbst zu Felde zieht.

Zu diesem Zweck muss Lucens auf seine exorbitanten Rechenkünste zurückgreifen und spekuliert die nötigen Millionen an der Börse zusammen. Eines Tages aber verlässt ihn sein Glück, und er sucht Hilfe bei einem Tantra-Guru in Bombay, der ihm eine weitere Wiedergeburt beschert. Unter dem Sanskrit-Namen für Licht, Tejas, verfolgt er die christlichen Revolutionspläne weiter, ja er steigt ins Waffengeschäft ein. An dieser Stelle wird unser Antiheld vollends zum James Bond. Auf dem Weg in die Oberliga des Todes-Business begegnet er seinem Widerpart Nawaaz, einem afghanischen Jünger aus Dschihad-Zeiten, der bei ihm die »schmutzige Bombe« ordert. Tejas versucht, den Einsatz der Atomwaffe zugunsten einer friedlichen Einigung in Afghanistan zu hintertreiben, und wird von Nawaaz als Verräter ermordet.

Dass Fanatiker und Verräter komplementäre Verkörperungen desselben tödlichen Purismus darstellen, ist eine der Botschaften des Romans; Judas, Salman Rushdie, Kabir oder der freidenkerische Mogulkaiser Akbar treten als häretische Verführer auf. Eine andere betrifft die Analogie von Weltrettungswahn und Egozentrismus, eine weitere die von moralischem Absolutismus und Obszönität. Diese so fundamentalen wie trivialen Erkenntnisse werden mit ausufernder Motivik und oft burlesker Ironie gestaltet: Wenn etwa Zias Geliebte die Burka anlegt, wird er erst richtig heiß. Das hindert den Autor nicht, seine Aussage predigthaft zu variieren: »Lucens lebt in einem äußerst strengen moralischen Universum. In ihm ist kein Platz für Zweifel und menschliche Schwäche.«

Es zeigt sich, dass die verspielte Opulenz eher eine Überfrachtung ist und die zahllosen Episoden von Bollywood bis zum Sturm, der mal eben das Kloster zerstört, eher Staffage als Elemente einer stringenten Erzählung darstellen. Hinzu kommt ein Wust aus westlichem Bildungsgut à la: »Camus und die anderen Existentialisten waren verzweifelt darauf angewiesen, dem Leben einen Sinn zu geben, nachdem sie die Schrecken des Zweiten Weltkriegs, die Konzentrationslager und die Endlösung erlebt hatten.« Dies weiß Amanat, der in vieler Hinsicht das Alter Ego des Autors darstellt, wiewohl auch der gebildete Terrorist Zia immer wieder zum Sprachrohr für weltpolitische Analysen wird. Auch sprachlich verliert sich Nagarkars bildkühne Eloquenz im Seichten. »Die Ironie der Hure Schicksal kennt keine Grenzen«, heißt es einmal. Kiran Nagarkars überschäumendes Erzähltalent jedenfalls könnte durch Grenzen nur gewinnen.

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Gottes kleiner Krieger von Kiran Nagarkar, 2006, A12.)

Gottes kleiner Krieger.
Roman von Kiran Nagarkar (2006, A1 Verlag - Übertragung Giovanni und Ditte Bandini).
Besprechung von Harald Loch aus den Nürnberger Nachrichten vom 18.10.2006:

Ein mehrfach bekehrter Eiferer bleibt unbelehrbar
Austauschbare Religion: Der Inder Kiran Nagarkar liest in Nürnberg aus seinem Roman „Gottes kleiner Krieger“

Eine der wichtigen indischen Neuerscheinungen auf der Frankfurter Buchmesse war der Roman „Gottes kleiner Krieger“. Der indische Bestseller-Autor Kiran Nagarkar aus Bombay liest am morgigen Donnerstag, 19.10., 20 Uhr, im Nürnberger Zeitungs-Café der Stadtbibliothek aus dem englischen Original seines Romans. Die deutsche Übersetzung trägt Janet Christel vor.

Wer das Menschenmaß an Gottgefälligkeit verlässt, vergeht sich an Gott und den Menschen. So etwa müsste die Botschaft lauten, die Kiran Nagarkar in „Gottes kleiner Krieger“ aussendet. Allein - in seinem Vorspruch nennt er sein Buch, an dem er sieben Jahre lang unter Qualen geschrieben hat, „ein Lehrstück ohne Botschaft“.

Ein Glück für die Literatur, die keine Katechismen, sondern Parabeln zu schreiben, keine Gewissheiten zu verkünden, sondern Zweifel zu säen hat. Nagarkar ist vor allem ein Erzähler. Das heißt nicht, dass er sich nicht um Dinge kümmert, die die Menschen bewegen. Religiöser Fanatismus ist so ein Thema, das der aus einer aufgeklärten Hindu-Familie stammende Autor aufgreift. Sein Großvater hatte in zweiter Ehe eine Jüdin geheiratet, fast Sakrileg. Nagarkar selbst bezeichnet sich als Agnostiker - keine schlechte, aber vielleicht auch nicht die ideale Ausgangsposition, um über fehlgeleitete Religiosität zu schreiben.

Der Held seine Romans, eben „Gottes kleiner Krieger“ ist Zia. Er stammt aus einer liberalen muslimischen Familie in Bombay. Von seiner Tante Zubeida, der jede Lockerung der strengen Vorschriften des Islam ein Dorn im Auge ist, wird ihm der Floh ins Ohr gesetzt, er sei als religiöser Retter auserwählt. Zia glaubt seiner Tante - vielleicht aus einer ödipalen Konkurrenz zu seinem Vater, sicher auch in einem lebenslangen Bruderzwist mit dem kränkelnden Amanat.

Zia ist ein mathematisches Genie, studiert in Cambridge, wird dort muslimischer Gotteskrieger und versucht, die Fatwa gegen Salman Rushdie eigenhändig zu vollstrecken - bis er erfährt, als todkrankes Kind von einer anderen Tante getauft worden zu sein. Also wird er, nunmehr als Bruder Lucens, Trappistenmönch in der kalifornischen Einsamkeit eines Klosters.

Er zieht mit ungebrochenem Eifer gegen Abtreibungskliniken zu Felde. Schließlich wird er unter dem Namen Teja als Hindu zum Waffenhändler aus frommen Gründen. „Gottes kleiner Krieger“ ist eine religiöse Räuberpistole. Das Buch profitiert inhaltlich vom Spannungsverhältnis zwischen der Selbstgewissheit des radikalen Extremisten und der Austauschbarkeit dessen, wofür diese Radikalität steht. Diesem Widerspruch entspringt der den ganzen Roman durchziehende, meist in Briefform ausgetragene Dialog zwischen Zia und seinem Bruder.

Literarisch lebt der Roman nicht von der Spannung eines Terroristenlebens. Die Darstellung eines entwicklungsresistenten jungen Mannes, der mehrfach bekehrt wird und dabei unbelehrt bleibt, ist eine permanente Herausforderung an die Dramaturgie. Sie erfordert rasante Bewegungen im äußeren Ablauf und ein statisches Verharren der Hauptperson auf einer konfessionell changierenden, unreif bleibenden religiösen Radikalität.

Das wäre alles ziemlich unerträglich, könnte Nagarkar nicht aus einem an Bollywood geschulten Geschichtenfüllhorn schöpfen. So entsteht ein fast unterhaltsames Buch über eines der todernsten Themen unserer Zeit. 

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