Gottesdiener von Petra Morsbach, 2004, EichbornGottesdiener.
Roman von Petra Morsbach (2004, Eichborn).
Besprechung von Hans Christian Kosler in Neue Zürcher Zeitung vom 13.07.2004:

Hastige Paarungen
Petra Morsbachs Roman «Gottesdiener»

Glaube versetzt bekanntlich Berge, und es soll sogar Fälle geben, in denen er jungen Menschenkindern den Weg ins Leben ebnete. Der Protagonist in dem neuen Roman von Petra Morsbach ist ein solcher Fall. Isidor Rattenhuber, rothaarig und Stotterer, stammt aus einem trostlosen Nest in Niederbayern und verlebt dort als Sohn von Kleinbauern eine nicht weniger trostlose Kindheit. Bis er eines Tages in ein katholisches Pfarrhaus gerät und dort laut aus einem Messbuch zu lesen beginnt, ohne dabei zu stottern oder sich zu versprechen. Isidor gilt plötzlich im Dorf nicht mehr als Depp, bekommt von seiner Tante ein Messbuch geschenkt und weiss, dass er zu Höherem, nämlich zum Gottesdiener, berufen ist. Er besucht ein Benediktiner-Internat, tritt in das Passauer Priesterseminar ein und hält acht Jahre später seine erste heilige Messe ab.

So erfreulich zielstrebig und erfolgreich könnte es weitergehen, doch Petra Morsbach hat diesen Roman keineswegs geschrieben, um dem Leser eine Idylle vorzuführen. Im Gegenteil: Sie macht uns mit zum Teil recht drastischen Mitteln die Gefährdungen und Unzulänglichkeiten des Priesteramts deutlich, das in mancherlei Beziehung dem Martyrium Jesu nicht unähnlich zu sein scheint. Nicht nur, dass auch korrupte Unternehmer zu seinen Schäfchen zählen, dass er sich vor allzu verehrungssüchtigen Gottessucherinnen in acht nehmen muss, auch mit den eigenen Süchten hat Isidor zu kämpfen. Zu dem kalorienreichen niederbayrischen Essen gesellt sich ein beträchtlicher Alkoholkonsum, und in seiner Phantasie hat er schon mit der halben weiblichen Gemeinde geschlafen. Isidor selbst kann den fleischlichen Versuchungen widerstehen, sein Amtsbruder Gregor hingegen muss ihm eines Tages beichten, dass er eine Affäre mit einer Künstlerin hatte, die aus «heimlichen Verabredungen, hastigen Paarungen und verstohlenen Absichten» bestand....Fortsetzung

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