1.) - 2.)

Gordon.
Roman von Edith Templeton (2004, Claassen - Übertragung Giovanni Bandini).
Besprechung von Dante Andrea Franzetti in Der Standard, Wien vom 21.2.2004:

Edith Templetons großer Roman "Gordon" über Macht und Selbstverlust erscheint nun auf Deutsch
Kaum eine Autorin schreibt so eindrücklich über Liebe, Gewalt, Macht und Selbstverlust wie Edith Templeton. Nun erscheint ihr großer Roman "Gordon" auf Deutsch.

Am Anfang steht - ja, was denn nun: eine Vergewaltigung? Ein Liebesakt im Freien? Ein Raptus? "Er fasste mich um die Taille und bog mich zurück ... Er legte mich hin; eine Kante schnitt mir in die Kniekehlen, während meine Füße noch immer den Boden berührten, und sobald ich ausgestreckt lag, war er in mir ... Ich hatte mich in meinem Leben noch nie so hilflos gefühlt. Und er machte weiter, ohne mich zu umarmen ... Dann hoffte ich, er würde weitermachen, und hatte Angst, er könnte aufhören."

So beginnt die Geschichte der jungen Louisa mit ihrem "Mephisto", dem um zwanzig Jahre älteren Psychiater Richard Gordon, den sie immer beim Nachnamen nennen wird. Es ist die Geschichte einer psychischen und physischen Abhängigkeit bis zum Tod. Es ist die Geschichte von männlicher Gewalt gegenüber der Frau, aber auch vom Paradox weiblicher Gewalt durch das Spiel von Duldung und Verweigerung. Louisas Ausgeliefertsein an den brutalen, sadistischen Gordon ist das Thema des Romans, der die Gewalt- und Liebesszenen zwischen dem Paar ungeschminkt schildert. Louisa allerdings - dies war das Stoßende, das 1966 und 1969 zum Publikationsverbot in England und Deutschland führte - empfindet am gewaltsamen Akt Lust und verkehrt daher das Machtverhältnis ins Gegenteil: Keine Erniedrigung reicht tief genug, um sie von der Liebe zu ihrem Peiniger abzubringen, und dies wiederum ist die Pein des Liebhabers, der diese Frau nie besitzen wird - es sei denn, er tötet sie.

Der Schluss des Buchs, das man in zwei Nächten verschlingt, sei hier nicht verraten. Nur so viel: Edith Templeton, die Autorin, die kurioserweise darauf besteht, ihre Literatur sei "wörtlich autobiographisch", sie selbst niemand anderes als Louise, und Gordon niemand anderes als ihr Liebhaber Ende der 40er-Jahre in London - nun Frau Templeton lebt als lebensfrohe alte Dame mit ihren 88 Jahren in Ligurien, hat alle ihre Liebhaber und die zahlreichen Männer überlebt und fragt jeden Journalisten, der bei ihr vorbeischaut, ob dieses oder jenes Werk überhaupt Literatur sei, wenn der Autor den Inhalt doch offensichtlich erfunden habe.

Ein naiver Standpunkt? Vielleicht, doch Frau Templeton gehört zu den Vitalisten der Literatur (wie Boris Vian, Jack London, Ernest Hemingway), und sie glaubt eben, hinter allem Geschriebenen müsse eine Erfahrung sein. Dem New York Times Magazine erzählte sie vor zwei Jahren: "Missverstehen Sie mich nicht. Ich bin sexuell nicht pervers. Der Schmerz hat mir nicht Vergnügen bereitet. Es war nicht einmal das Physische, es war psychologische Versklavung." Wer spricht hier? Man kann Mrs. Templeton weder von Louisa im Roman Gordon noch von der Heldin Eve in der Erzählung The Darts of Cupid trennen. Und das war Skandalon Nummer zwei in den 60er-Jahren: Die Autorin verweigert ihren Figuren die Opferrolle. Louise weiß im Roman Gordon genau, worauf sie sich einlässt, wenn sie sich hinlegt und den Geschlechtsakt ohne Umarmung über sich ergehen lässt. Sie weiß, dass Weigerung Strafe zur Folge hat, und sie kehrt zu ihrem Geliebten noch dann zurück, als er sie mit einem medizinischen Hammer bearbeitet und mit einer Schere bedroht hat.

Der Roman ist nach dem Muster einer Psychotherapie aufgebaut, Louise durchleidet real, was Patienten in der Regel aus ihrem Unbewussten hervorkramen und als Erinnerung wieder erleben. Die Therapie ist schmerzhaft, unter ihr zerbröselt die Identität. Erst dann kann ein neues Eigenbild aufgebaut werden. Gordon wird nach unzähligen Übergriffen zu Louisa sagen: "Worüber beklagen Sie sich eigentlich? Sie haben eine Therapie im Wert von dreihundert Guineen erhalten." Hier wird der Widerspruch offensichtlich - vielleicht aber auch das kluge Arrangement des Romans: Louisa hält sich durchaus für normal, doch es ist für den Leser ganz offensichtlich, dass die Sexualität dieser Frau pathologische Züge trägt (wie die Gordons) und dass sie im Mann nicht den gleichwertigen Partner, sondern den strafenden Vater sucht. Und natürlich wird sie gegen diesen Vater mit den Mitteln des Mädchens rebellieren: stumme Verweigerung, willkürliche Launen, Spott, Provokation. Die schlimmste Verweigerung, so schildert es Edith Templeton, ist aber das Dulden und Zusehen, das in der Heldin deutlich voyeuristische Züge trägt. Schließlich weiß man nicht mehr, wer Opfer und Täter ist, wer hier mit wem spielt, wer als normal gelten kann und wer nicht, wer den anderen mehr liebt, wer sich ausliefert und wer die Kontrolle behält.

Am Ende von Gordon ist die gegenseitige Abhängigkeit so groß, dass nur der Bruch hilft. Gordons Übervater, der ältere Psychiaterkollege Dr. Crombie, wird es der Heldin zu erklären versuchen: "Was glauben Sie wäre am Ende passiert?", fragt er. "Er hätte mich getötet", sagt sie, "oder ich ihn."

Wir sind es heute nicht mehr gewohnt, in einem Buch die große, romantische Liebe serviert zu bekommen. Wir zucken die Schultern, wenn wir bei Rilke lesen, das Schöne sei der Anfang vom Schrecklichen. Wir halten das für Kitsch. Edith Templetons Roman Gordon erfüllt sämtliche Anforderungen eines "höheren Kitsches", das ist gewiss, aber in seiner Konsequenz und in seiner diabolischen Überdrehung, in seiner Detailversessenheit und in seiner ästhetischen Welt, in der das Soziale verschwindet, hinterlässt die Lektüre einen Schauer und ungläubiges Staunen.

Hier wird der Abgrund des Paarlebens besichtigt, und man folgt der Heldin wie in einem Abenteuerroman von Etappe zu Etappe auf dem Passionsweg ihrer zerstörerischen Verstrickung. Edith Templeton war ein kleines Mädchen, das in Prag in einem Schloss wohnte, als Arthur Schnitzler seine Traumnovelle (1926) und sein Spiel im Morgengrauen (1927) schrieb. Am ehesten noch kann man diese völlig unterschätzte und den so genannten Literaturbetrieb mit der Nonchalance einer Aristokratin verabscheuende Autorin mit Schnitzler vergleichen.

Edith Templeton, die im englischen Sprachraum seit zwei Jahren als ernst zu nehmende Erzählerin (dank Ausgaben bei Pantheon, Random House) rehabilitiert ist, beweist, dass Freud die psychoanalytische Literatur nicht hinwegzufegen vermocht hat. Diese Qualifikation dürfte Mrs. Templeton allerdings missfallen, denn sie will nur das Leben - oder vielmehr die Liebe im Leben - beschrieben haben.

"Wenn Sie eine Schriftstellerin sein wollen, müssen Sie bösartig sein. Sie müssen da hingehen, wo das Leben traurig und kompliziert ist", erklärte Edith Templeton der New York Times. Ihr Roman Gordon und einige in den 50er- und 60er-Jahren im New Yorker veröffentlichte Erzählungen sind in dieser Hinsicht kleine Meisterwerke.

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2.)

Gordon.
Roman von Edith Templeton (2004, Claassen - Übertragung Giovanni Bandini).
Besprechung von Inge Rauh aus den Nürnberger Nachrichten vom 6.03.2004:

Fachmann für geheimes Begehren
Wiederentdeckung eines einst indizierten Romans: Obsessionen in Ediths Templetons „Gordon“

Überfallartiger Sex auf einer steinernen Parkbank kann verblüffende Reaktionen auslösen. Das Ganze dauerte, so erinnert sich Louisa, vielleicht vier Sekunden „und wirkte gleichzeitig schier unmöglich wie jede virtuose Leistung“. Der da so virtuos ans Werk ging, heißt Richard Gordon, ist Psychiater und schon aus beruflichen Gründen der Fachmann für geheimes Empfinden. Auf seine unverschämte Art entdeckt er Louisas Begehren, und sie, eine 28-jährige Frau mit messerscharfem Verstand, gesteht sich ohne moralische Gewichtungen ein: „Es fand kein Kampf und keine Gewaltanwendung statt. Keine Bedrohung und keine Überwindung eines Widerstands. Ich war weder einverstanden noch abgeneigt. Ich war gar nichts.“

Damit nimmt eine Verheerung ihren Lauf, die keiner bremst. Von der nicht einmal klar ist, ob sie mehr als pure Lust weckt, ob sie Gefühle bewirkt und wenn ja, welche. Möglich, dass sich Louisa verliebt, trotz oder wegen der brachialen Beziehung zu Gordon, der sie gleich bei der ersten Begegnung in einem Londoner Pub hart am Handgelenk packt und in seinen Club schleppt. Sofort entsteht ein Sog aus diffuser Anziehung und radikaler Ablehnung, so wird es bleiben, bis sich Gordon von Louisa trennt. Für ihn ein letzter Rettungsversuch, wie sich erst nach seinem Tod herausstellt.

Die Geschichte einer Obsession fragt gewöhnlich nicht nach ihren Opfern, trotz gegenseitiger Beschädigung. In atemberaubender Klarheit erzählt Edith Templeton, was passiert, wenn man die eigenen Abgründe sieht. Wenn man sich wissentlich ausliefert, die Qual erträgt, weil man Grenzen testet und einem Gegner pariert, der mit der kalten Intelligenz des Womanizers jede Schwachstelle ahnt, noch ehe man sie selbst ausfindig machen kann. Über allem liegt eine Faszination, die sich aus einem unlösbaren Widerspruch speist: Je abstoßender die Affäre wird, desto stärker spüren die Protagonisten ihre gegenseitige Abhängigkeit.

Das Tolle an diesem unverhüllten Text ist der mitleidlos freche Ton, der sämtliche Nuancen sexueller Begierde umfasst, ohne zu verschleiern oder in seichte Romantizismen zu flüchten. Ein Krimi könnte spannender nicht sein; der Londoner Schauplatz, die vierziger Jahre kurz nach dem Krieg spielen dabei eine wichtige Rolle. Gordon trägt anfangs noch Uniform, Louisa war Armeehelferin bei den Alliierten. Das Leben bekommt wieder Fahrt, will ausgekostet werden. Vor diesem Hintergrund ereignet sich das an sich Unmögliche bis hin zu offener Provokation, als Louisa mit Gordon sichtlich derangiert auf einer Party der emigrierten Seelenkundlerin Leonie Beck auftaucht.

Der Roman über die Ausübung von Macht und die Ausbeutung des Verlangens hat seine eigene, mindestens genauso faszinierende Geschichte. Er erschien erstmals in den sechziger Jahren unter dem Pseudonym Louise Walbrook und wurde wegen Anstößigkeit verboten. Zu dem Zeitpunkt verkaufte sich das Buch unter verschiedenen Titeln vielfach übersetzt aber sehr gut. Erst 2001 erklärte sich die Verfasserin, die 1916 in Prag geborene Edith Templeton bereit, „Gordon“ mit richtigem Titel und ihrem richtigen Namen erscheinen zu lassen.

Die Autorin, die heute im italienischen Badeort Bordighera lebt, hat ein abenteuerliches Leben hinter sich und betont, auch das ist ungewöhnlich, dass der einst indizierte Roman durchaus autobiografisch sei. Man glaubt ihr aufs Wort.

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