Good bye, Galina.
Erzählungen von Zdenka Becker (2001, Resistenz Verlag).
Besprechung von Andreas Weber aus Rezensionen-online *LuK*, 2001:

Lebensgeschichten über die Grenzen
Zdenka Beckers Erzählungen

Eine Frau setzt sich im Zug auf den Sitz gegenüber, man kommt ins Gespräch, redet über das Leben im allgemeinen, und dann erzählt die russische Akademikerin Galina von ihrer demütigenden Suche nach einem westeuropäischen Ehemann, der Untertitel der Geschichte verrät nichts über ihren Ausgang, sondern charakterisiert das Wesen der per Agentur gestifteten Ehen: »Der Traum von der Lüge.« Die Namen von acht AusländerIinnen stehen als Titel im Inhaltsverzeichnis von Zdenka Beckers neuem Buch »Good-bye, Galina«, das Motto der Erzählungen stammt von William Shakespeare: »Dein Nam’ ist nur mein Feind«. Becker erzählt von großen Gefühlen, doch die Geschichten haben Bodenhaftung, die Orte des Geschehens sind präzise beschrieben und lokalisiert, sie liegen im Sudetenland, in Ungarn, Sarajevo, Österreich, Polen und in der Sprache: »Manijeh – oder der Platz auf dem Balkon«, der leer ist, denn nicht Julia spricht über Romeo, sondern eine namenlose Frau hält irgendwo einen Monolog über ihre ungeborene Tochter: »Vielleicht wärst du eine Schauspielerin… auf jeden Fall wärst du etwas ganz Besonderes… Nachts, wenn ich nicht schlafen kann, denke ich an dich. Du bist immer bei mir… Du tröstest mich über die Leere in mir hinweg, über mein ausgeräumtes Becken…« – denn die Existenzangst der persischen Schauspielerin in Wien ist zu groß gewesen, die Regisseur-Karriere des Mannes hat weder Raum noch Zeit für ein Kind gelassen.

Die Autorin schreibt erlebte Geschichten, so als wären sie ihr genauso erzählt worden und sie nur die Vermittlerin, die hinter ihre Figuren zurückgetreten ist. Ein wesentlicher Reiz des Buches ist die Diretissima, in der es geschrieben ist, evoziert durch die schnörkellose Sprache und durch die Erzählperspektiven: Rollenprosa, deren Intensität durch das Aussparen narrativer Beschreibung entsteht, jemand kommt sofort zur Sache: »Ich bringe nur deswegen niemand um, weil ich kein Blut sehen kann.« Oder ein betroffenes Ich erzählt die Geschichte seines Traumas: »Die Angst zu atmen, begleitet mich seit meiner Kindheit.«

Daß Becker ihre Figuren mag, wird spürbar, doch sie berichtet, ohne zu kommentieren, von unlösbar anmutenden Konflikten und existentialistischen Grenzsituationen, die eine schmerzvolle Entscheidung fordern. Doch auch wenn alle Geschichten zu einer Lösung kommen, so ist das Ende weder versöhnlich noch vorhersehbar. »Carolus«, der in seine Heimatstadt Eger ins Sudetenland zurückfährt, von wo er vor vielen Jahren vertrieben worden ist, geht irgendwie weiter, nachdem er den »langen Weg nach Hause« zurückgegangen ist, um dort am Höhepunkt seiner Krise und am Ende eines schmerzvollen Prozesses einen neuen Anfang zu finden.

Zdenka Becker erzählt Lebensgeschichten ohne Verweischarakter, sie stellt Dinge und Gefühle authentisch dar, doch vor allem schafft sie ein Bewußtsein für das Verhältnis zwischen Lebensinhalt, Lebensform und den Werten, die (bürgerliche) Lebensformen konstituieren. Die Autorin stellt Figuren in den Alltag, die versuchen, in ihrem Leben eine Idee von Wahrhaftigkeit zu verwirklichen. Die Protagonisten kennen ihre Grenzen, sie wissen um das Spannungsfeld zwischen Egoismus, Idealen und Verantwortung, sie haben beschlossen, nicht länger mit Kompromissen zu leben, ob es ihnen gelingt, bleibt manchmal offen; was seine formale Entsprechung darin findet, daß einige der Erzählungen durchaus den Gattungskriterien einer klassischen Kurzgeschichte entsprechen: Was vor dem Beginn und nach dem Ende passiert, sind andere Geschichten, eine Idee von epischer Totalität ergibt sich aus dem Blick aufs Ganze, die einzelnen Erzählungen könnten auch die Kapitel eines Romanes über Angst und Fremdsein, Haß und Entfremdung sein.

Das Buch ist realistische Literatur im besten Sinn. Becker bringt Melodramen ohne Sentimentalität auf den Punkt, Poesie entsteht durch Verdichtung und Konzentration aufs Wesentliche. Das Lesen der spannenden Geschichten ist mitunter, als treffe man alte Bekannte, von denen man lange nichts gehört hat. »Darf ich mich zu Ihnen setzen? Verzeihung… Ist da ein Platz frei? Danke, sehr nett von Ihnen. Ich glaube, wir sind einander schon begegnet. Nicht wahr?« (Izet – oder Der Duft des Weizens.)

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