Golo
Mann.
Biographie
über
Golo Mann (2009, S. Fischer, von Tilmann Lahme).
Besprechung von Robert Arsenschek im Münchner Merkur,
27.3.2009:
100. Geburtstag von Golo Mann: Der Geschichten-Erzähler
Der Historiker und Publizist Golo Mann war ein glänzender Erzähler – und ein kauziger Eigenbrötler. Am liebsten wäre er auch Schriftsteller geworden, wie sein übermächtiger Vater Thomas Mann. Seinen Platz in der Welt aber fand Golo nie. Heute vor 100 Jahren wurde er geboren.
Für „underdogs“, wie er Außenseiter nannte, hatte Golo
Mann viel übrig – schließlich war er selbst einer, sein Leben lang. Die Vorliebe
für Sonderlinge trieb mitunter seltsame Blüten: Ein „underdog“, für den er 1980
kämpfen wollte, war Franz Josef Strauß – ausgerechnet. Der stand damals im
Zentrum des Interesses: Er war ja immerhin Kanzlerkandidat der Union. Mann,
einst Willy Brandt und der SPD zugetan, passte die Anti-
Die Wahlkampfhilfe geriet für Mann zum Superflop. Erst
musste er Strauß’ Generalsekretär „Stäuber“ rügen, wie er in Manns Tagebuch
hieß, weil der polemisch Nationalsozialisten mit Sozialisten verglich. Dann
erschien ein geschnittenes Fernsehgespräch mit Strauß, in dem Mann dem CSU-
Sein Wort galt etwas in den öffentlichen Debatten
Mann hätte wissen müssen, dass es mit Strauß nicht gutgehen konnte. Schon 1976 hatte er dessen Schwächen in einem Zeitungsartikel klar erfasst: „Es standen zwei Feen an dieser Wiege. Die eine schenkte ihm höchste Intelligenz und stärkste Vitalität, eine seltene Verbindung. Die andere fügte Hochmut dazu, Ungeduld, erratisches Gebaren. Es wird einiges darauf ankommen, ob er gerade diese Neigungen nächstens unter Kontrolle hält und zur Abwechslung mal den Politiker des Augenmaßes spielt.“
Hier, als politischer Kommentator, war Golo Mann in seinem
Metier, das lag ihm. Über Jahrzehnte galt sein Wort etwas in den öffentlichen
Debatten der alten Bundesrepublik. Zudem war Golo Mann Historiker, ein
vielgelesener dazu: Seine 1958 erschienene „Deutsche Geschichte des 19. und 20.
Jahrhunderts“, eine Art 1000-
Mann hatte ein Talent, das den meisten deutschen
Historikern fehlt: Er konnte schreiben. Auch wenn manche seinen Stil als
altertümelnden Schwulst abtaten: Was Mann zu sagen hatte, sagte er immer klipp
und klar, in kurzen bündigen Sätzen, ohne den modischen Wissenschafts-
Heimliches Debüt als Schriftsteller
Schriftsteller und Künstler wie sein Vater
Thomas und sein Bruder
Klaus – das wäre er am liebsten geworden.
Aber er traute sich nicht – obwohl er bereits 1927 unter einem Pseudonym
debütierte: In der Erzählung „Vom Leben des Studenten Raimund“ beschrieb Mann
mit 18 Jahren seine Nöte, seine erste tiefe Depression, seine in sich gekehrte
Homosexualität, die nicht erwiderte Liebe zu Mitschülern im Elite-
Entdeckt hat den Text der Publizist Tilmann Lahme und in eine schöne Sammlung mit kleinen Werken Manns aufgenommen. Zugleich hat er eine herausragende Biografie Manns vorgelegt. Lahme hat Berge von Material ausgewertet, darunter unzählige Briefe. Er trägt viel Licht in die Winkel von Golo Manns Leben, schreibt mit elegantem Schwung und in einem vorzüglichen Stil. Auf keiner Seite ist das Buch langweilig, an keiner Stelle flach. Kurz: eine Glanzleistung.
Eine „elende Kindheit“ in München (und im Tölzer Landhaus)
hatte Golo, der als drittes der sechs Mann-
So richtig löste er sich erst mit fast 70 Jahren von der verwitweten Mutter, als er in ein Haus in Icking bei Wolfratshausen zog. Dort wohnte er mit einem jungen Marokkaner als „Diener“, die Nachbarn griffen zum Fernglas. Später verliebte er sich in einen jungen Mexikaner – und lernte Spanisch. 1977 hatte er seinen Lebensgefährten Hans Beck adoptiert. Als Mann 1994 in Leverkusen starb, ließ er sich auf dem Friedhof am Zürichsee bestatten – abseits der väterlichen Familie, aber doch auf demselben Friedhof.
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