Golden Hours.Die goldenen Stunden des Myles na gCopaleen.
Roman von Flann O'Brien (2001, Haffmanns).
Besprechung von Friedhelm Rathjen aus der Frankfurter Rundschau,7.4.2001:

Die Geißelung sprachlicher Dämlichkeiten
Kolumnen eines pedantischen Anarchisten: Flann O'Briens Nichtroman "Golden Hours"

Ärgerlich an Kafka ("France Kafker") ist für jeden Verleger, dass es von ihm nur drei Romane gibt. Wie wär's, Kafkas dienstlichen Schriftwechsel für die "Arbeiter-Unfall-Versicherung" einfach mit der Gattungsbezeichnung "Roman" zu versehen und zu publizieren? Das wäre frech, gewiss, aber nicht frecher als das, was der Haffmans-Verlag macht: Er bringt eine Sammlung alter Zeitungsbeiträge Flann O'Briens unter dem Titel Golden Hours als "Roman in Kolumnen" heraus. Zu warnen ist also vor einem Etikettenschwindel, auch wenn wir zugeben müssen, dass O'Brien nicht Kafka ist und, vor allem, eine Kolumne nicht wirklich den Tatbestand behördlicher Schriftsätze erfüllt.

Dabei tut Flann O'Brien (oder vielmehr Myles na gCopaleen, wie er sich zu diesem Behufe nennt) durchaus so, als sei er etwas Behördenähnliches: so etwas wie eine Behörde zur Auffindung und Geißelung sprachlicher Dämlichkeiten nämlich. Ein guter Teil der von John Wyse Jackson für Golden Hours aus der Myles-Kolumne der Irish Times ausgewählten Beiträge nimmt stilistische Schludrigkeiten aufs Korn, die der in solchen Dingen empfindliche Autor irgendwo vorgefunden hat - vorzugsweise in der Irish Times oder in den Verlautbarungen jenes irischen Regierungsapparats, dem O'Brien im Zivilberuf angehörte. Notfalls reicht ein simpler Tippfehler, um den gerechten Zorn dieses pedantischsten aller Anarchisten zu wecken. Weil ein Konkurrenzblatt aus dem russischen General Timoschenko versehentlich einen "Tomoshenko" macht, rückt Myles eine fantastische Geschichte über seine alten Kumpane Tom und Tim O'Shenko ins Blatt. "Nie hatte Irland zwei liebenswertere Söhne."

Und eben das ist das Grandiose an Flann O'Briens Kritteleien: Das Sensorium, das hier auf Missetaten gegen die geheiligte Sprache reagiert, ist empfindlich wie das eines Karl Kraus, lässt es aber nie bei entrüsteten Sottisen bewenden, sondern tritt die Flucht nach vorn an zu irrwitzigsten Gedankenverrenkungen. "Höchst war die Zeit, ungeahnt die Tragweite." Im "Reich des Journalesischen, eines Ersatzes für Sprache", spürt er mit Wonne den Klischees nach, auf dass dann der "Kelch der Wanne, äh, Wonne bis zur Neige geleert" werde. "Hier ist was Amüsantes, neulich in der Zeitung gelesen": Dieser Satz aus der Feder Flann O'Briens kommt einem Signal zum Generalangriff gleich, der mit der schärfsten und zugleich stumpfsten aller Waffen geführt wird, nämlich dem Mylesschen Rohrkrepierer.

Stumpf ist diese Waffe, weil sie völliges Unverständnis auslösen muss bei denen, die sie aufs Korn nimmt; scharf ist sie, weil sie mit unüberbietbarer Präzision die Selbstzerstörung betreibt. "Radfahrer heiratet": Myles treibt einen Riesenaufwand, um zu erklären, warum diese Zeitungsschlagzeile Unfug ist, und eben dieser Aufwand, der auf eine absolute Nichtigkeit verschwendet wird, ist Teil des existentiellen O'Brienschen Witzes. Vor die Aufgabe gestellt, zu erklären, worin denn nun dieser Witz bestehe, müsste selbst der größte Bewunderer O'Briens (Bewunderinnen gibt es, wie der Herausgeber im Vorwort anmerkt, leider wenige) kapitulieren. "Ja, lachen Sie nur." Wenn die Pferdchen (irisch: "Copaleen") der Fantasie mit Myles durchgehen, schaffen wir's manchmal, uns auf ein müdes Lächeln zu beschränken; wenn die Pferdchen auf der Stelle treten, fängt das große Wiehern erst richtig an. Die besten Kalauer sind die schlimmsten, und davon hat O'Brien viele in petto.

Es gibt, das sei nicht verhehlt, Höhepunkte in diesen Golden Hours, echte Spitzenleistungen des O'Brienschen Einfallsreichtums: Da ist jene komplizierte Apparatur, die sich die unvermeidliche irische Zugluft zu Nutze macht, um einer automatisierten Tin Whistle Töne zu entlocken; da ist der Versuch, von dem Brennverhalten irischer Bücher auf die Durchgeknalltheit ihrer Autoren zu schließen; da gibt es (in Zeiten kriegsbedingter Materialverknappung) Angelruten aus Fleischrückständen und "jede Menge unzureichend beleuchteter Fahrräder". Am besten ist O'Brien aber da, wo er nicht Höhe-, sondern Tiefstpunkte liefert bei seinen "täglichen unterhaltsamen Unterweisungen".

Alle großen irischen Schriftsteller sind ins Exil gegangen, Flann O'Brien nicht (trotz seiner Behauptung: "Ich habe viele Jahre in Tibet, in Syrien, auf Island, in Guatemala verbracht"). Alle großen irischen Schriftsteller sind auf den Index gekommen, Flann O'Brien nicht (er bemühte sich vergebens darum). Alle großen irischen Schriftsteller werden von Flann O'Brien als Kordsamthosenträger geschmäht, denn hier hegt und pflegt einer, der die Bügelfalte des Beamten noch in der Kneipe trug, seine nicht geringen Neidgefühle. O'Brien ist eine singuläre Erscheinung der irischen Literatur, weil er seine pedantischen, spießigen, auch gehässigen Kleinkariertheiten ohne alle Hemmungen, dafür mit viel Witz auszufantasieren verstand. Die volkstümlichen Schriftsteller waren ihm zu plump und zu dumm, die intellektuellen zu gebärdenreich und zu "seltsam behemdet". Vor Flann O'Brien konnte nur Flann O'Brien bestehen.

Selbst seine Fans beschimpfte er: ihre Leserbriefe wurden in seiner "Klischeekiste" seziert, ihre Versuche, nach seinem Muster Anekdoten zu schreiben, von ihm als "zu witzig" abgelehnt. O'Brien meinte es ernst, das ist sein gelungenster Witz.

Dass er in Harry Rowohlt einen kongenialen (Achtung, Klischeekiste!), weil auf virtuose Weise ebenso engstirnigen Übersetzer gefunden hat, macht die Sache für die deutsche Leserschaft sogar noch besser. Rowohlt kann es nicht lassen, O'Briens Sottisen um einen Hinterhalthieb auf den Kollegen Wollschläger, den Verfertiger "weithin beachteter Rohübersetzungen", zu ergänzen; im übrigen zählen Rowohlts hilflose Versuche, in seinen Anmerkungen bestimmte irische Sachverhalte zu erklären, die dem Nichtkenner ewig unerklärlich bleiben müssen, zu den geheimen Glanzlichtern des Bandes.

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