Goldener Reiter.
Roman von Michael Weins (2002, Rowohlt).
Besprechung von Detlef Grumbach in der Frankfurter Rundschau, 23.7.2003:

Finks Befreiung
Michael Weins erzählt vom Verrücktwerden einer Mutter

Jonas Fink lebt in Hamburg, allein mit seiner Mutter in einem Haus am Stadtrand, direkt an der Lärmschutzmauer der Autobahn. "Was machst du?", fragt er seine Mutter, die dauernd vor sich hin kichert und mit sich selbst spricht. "Meine Mutter ist nicht meine Mutter", denkt er beschämt. "Sie soll sich wie eine Mutter verhalten." "Was machst du?", fragt Jonas seinen Freund Mark, der mit seinem Chemiebaukasten experimentiert und dessen Mutter "Frau Bloom" heißt und ganz normal wirkt. Jonas will ihn aus dem Haus locken, zusammen mit ihm auf dem Fahrrad herumfahren, aber er weiß nicht, wie. Jonas ist unsicher. Einerseits ist er noch ein Kind, das träumt und spielt und sich behütet fühlen möchte und dadurch irritiert wird, dass seine Mutter manchmal noch kindischer ist als er. Andererseits ist er auf dem Weg, erwachsen zu werden, spürt er, wie sich alles ändert. Hierfür noch zu klein, dafür schon zu groß. Soweit erzählt der 1971 in Köln geborene und heute in Hamburg lebende Michael Weins in seinem ersten Roman von einem ganz normalen Jungen in diesem "kritischen" Alter. Doch dann wird plötzlich etwas anders.

Michaels Weins Roman Goldener Reiter ist keine glühende Hommage an eine glückliche Kindheit wie beispielsweise Detlev Meyers Das Sonnenkind, auch kein melancholischer Rückblick, keine Geschichte vom unwiederbringlichen Verlust der Kindheitsträume, keine "Trauerarbeit" wie Dirk Kurbjuweits Novelle Zweier ohne. Weins beobachtet seinen Protagonisten im Übergang vom Kind zum Erwachsenen und nimmt ihm in dieser Phase der Ambivalenz das Wichtigste, was ein junger Mensch in ihr braucht: das Grundvertrauen, dass die Erwachsenenwelt funktioniert und dass auf ihn aufgepasst wird.

Denn Jonas Finks Mutter wird verrückt, Schritt für Schritt. Teils mit einer distanzierten Neugier, wie in einer Versuchsanordnung, teils betroffen - besorgt, befremdet oder beschämt -, zunehmend aber auch von einer existentiellen Angst begleitet, beobachtet Jonas seine Mutter in Situationen, die nicht "normal" sind. Seine Mutter funktioniert nicht mehr und er muss auf sie aufpassen, muss Verantwortung übernehmen, ist überfordert. "Hey, hey, hey, ich bin der goldene Reiter, ich bin ein Kind dieser Stadt", so klang es Anfang der achtziger Jahre aus den Radio-Lautsprechern der Republik. Der Goldene Reiter dreht durch in seiner Stadt, mit ihren Umgehungsstraßen und Einkaufszentren, er wird verrückt, wird in die Nervenklinik eingeliefert und dort "noch verrückter gemacht".

Michael Weins war etwa so alt wie Jonas Fink, als Joachim Witts Song zum großen Hit der Neuen Deutschen Welle wurde. Wie der Goldene Reiter stürzt Jonas Finks Mutter ab und wird in die Klinik eingewiesen. Einerseits fällt damit eine Last von ihm ab. Andererseits darf er wieder ganz Kind in "normalen" Verhältnissen sein, denn er wird von Familie Bloom aufgenommen, wohnt gleichsam als Bruder bei seinem Freund Mark. Im Niemandsland zwischen diesen eigentlich nur leicht von der "Normalität" weggerückten Ausnahmesituationen spitzt der Autor das zu, was die Pubertät zu einer der spannendsten Phasen in der Entwicklung eines Individuums, was auch seinen Helden zu einer Art Goldenem Reiter macht. "Ich würde gerne sagen, dass ich froh bin, allein zu Hause zu sein." So denkt Jonas über seine Lage nach, nachdem er auf nicht ganz ehrliche Weise erreicht hat, dass er bei Blooms ausziehen durfte und ganz allein zu Hause ist: "Dass es gut ist, dass meine Mutter im Krankenhaus ist und ich nachts nicht mehr aufwachen muss, um auf sie aufzupassen. Aber dass sie mir trotzdem fehlt und es gut ist, wenn jemand da ist, der einen morgens weckt und abends Gute Nacht sagt. Für ein Kind ist es gleichzeitig gut und schlecht, eine verrückte Mutter im Krankenhaus zu haben. Das würde ich gerne sagen."

Aber er kann es nicht. Mit sparsamen Mitteln - klare, abgegrenzte Episoden, knappe Sätze - erzählt Michael Weins, wie Jonas Fink auf die Welt schaut, wie er sich mit der Mutter, bei Familie Bloom und in der Nervenklinik, in der Schule und mit seinen Freunden bewegt. Fast wie mit Scheuklappen blickt er auf seinen kleinen Helden. So stehen die einzelnen Lebenswelten und Situationen nebeneinander wie die lose herumliegenden Teile eines Puzzles. Normal verrückt und verrückt normal: Das anrührende Bild setzt sich erst im Kopf des Lesers zusammen.

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