Götz und Meyer von David Albahari, 2003, Eichborn

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Götz und Meyer.
Roman von David Albahari (2003, Eichborn - Übertragung Mirjana und Klaus Wittmann).
Besprechung von Andreas Breitenstein in Neue Zürcher Zeitung vom 20.03.2003:

Variationen in Gas
«Götz und Meyer»: ein Exerzitium von David Albahari

Als Rezensent osteuropäischer Literatur hat man in der Darstellung von Unmenschlichkeit seine einschlägigen Leseerfahrungen. Wer aber meint, durch das Grauen bei Imre Kertész und Hannah Krall, Aleksandar Tišma und Gustaw Herling, Danilo Kiš und Béla Zsolt einigermassen abgehärtet zu sein, kennt David Albahari nicht. Der 1948 geborene serbisch-jüdische Autor, der seit neun Jahren in Kanada lebt, pflegt in seiner Prosa eine Verzweiflung, deren paradoxe Kunst darin besteht, dem Leser jeden Rückzug ins Ästhetische zu verbauen. Wie ein geprügelter Hund kommt man heraus aus Albaharis Romanen. Eine unerbittliche Bewegung des Zermahlens von Gewissheit ist hier am Werk, an deren Ende die Implosion des Sinns steht. Albahari ist ein kalter Techniker hellsichtiger Umnachtung - wohl auch, weil er die Hitze der Historie aus wiederholter eigener traumatischer Erfahrung kennt: von der Auslöschung der Familie im Holocaust, von der Selbstauflösung Jugoslawiens im Bürgerkrieg und nicht zuletzt vom Elend des Exils.

Der Roman «Götz und Meyer» aus dem Jahr 1998, der nun in der hervorragenden Übersetzung von Mirjana und Klaus Wittmann vorliegt, rekonstruiert die Vernichtung der Belgrader Juden in den Jahren 1941/42 und ist angelegt als Recherche eines Lehrers, der sich auf der Suche nach seinen verschollenen jüdischen Verwandten unheilbar in das «Gespinst des Todes» verstrickt. Das mag konventionell erscheinen, erweist sich aber darum als radikal, weil der Text den Horror der beschriebenen Todesart aufnimmt, mit böser Ironie, lakonischem Witz und desperatem Zynismus weitertreibt sowie kammerspielartig ins Absurde überhöht. Wie die Opfer im Buch findet sich auch der Leser in einer Falle wieder, aus der es kein Entrinnen gibt: «In der Zeit der Sintflut gibt es kein Land mehr. (. ..) Das Leben ist ohnehin eine Täuschung, egal ob im Krieg oder im Frieden. Immer herrscht dasselbe verkrampfte Bestreben, länger zu leben als vorgesehen.»

Unfassbar

Konkret geht es um einen Lastwagen, eine Saurer-Spezialanfertigung, in dessen Laderaum rund fünftausend Frauen und Kinder durch Einleitung der Abgase während der Fahrt ermordet wurden, nachdem man ihnen vorgegaukelt hatte, sie von der Qual ihres Quartiers auf dem Belgrader Messegelände zu erlösen und in ein komfortableres Lager ostwärts zu bringen. Götz und Meyer heissen die Fahrer des Transports, der während Wochen die immer gleiche Route von Belgrad über die Save-Brücke nach Jajinci zurücklegt, wo serbische Gefangene warten, um die Toten auszuladen und in Gruben zu werfen - zuerst unter Schock und mit Scheu, später gab es «keine Zeit für Pietät, denn es waren ihrer so viele». Bald wird auch die Mitwisser der Tod ereilen.

Wer sind die Menschen, die dieses bewerkstelligen konnten, und wer jene, die solches erlitten haben? - Götz und Meyer, wenn es sie denn, wie vom Text behauptet, tatsächlich gegeben hat, bleiben in ihrer Unfasslichkeit Projektions- und Spielfiguren. «Ich habe sie nie gesehen, ausser in meiner Phantasie», lässt Albahari den Ich-Erzähler immer wieder sagen, wie denn die Wiederholung eines der Stilprinzipien des Romans ist. Alles mobilisiert der Ich-Erzähler, um sich in die beiden hineinzuversetzen - alles Wissen, das er aus Bibliotheken und Archiven zusammengekratzt hat, aber auch alle Klischees, die sich um die Banalität des Bösen ranken. Gross und blond sind Götz und Meyer, Ehegatten und Väter, «gewöhnliche, praktische Menschen, begabt nur für Dinge, die weder Fragen noch Antworten erfordern», Männer mit «schwachen Momenten» und Verlierer wie wir alle (eigentlich wollten beide Kampfpiloten werden).

Als Anhänger des Fortschritts sind sie stolz auf das technische Wunderding «ihres» Lastwagens. Tief trifft sie daher ein Achsbruch, und ein geradezu «kosmischer Schmerz» wird es für sie sein zu erfahren, dass das System wegen Ineffizienz stillgelegt wird. Doch auch die Kleinen im Lager kommen in den Genuss ihres «Feingefühls», wenn sie mit Bonbons beschenkt werden: «Wie kinderlieb war doch Götz, oder Meyer! Man kann schwer die richtigen Worte finden, um die Wärme zu beschreiben, die ihn durchströmte, während seine Hand auf ihren Lockenköpfen ruhte.» Es menschelt um Götz und Meyer, doch angesichts der Perversität ihres Tuns ist das Lob ihrer Sekundärtugenden blanker Hohn. Beide sind sie Prototypen der willigen Vollstrecker eines Plans, dessen Sinn ausserhalb jeden Zweifels steht. Sie haben nicht wirklich etwas gegen Juden, doch auch nichts gegen deren Vernichtung, da diese ja «nichts anderes [sind] als Grind auf dem Antlitz der Welt». Mit kindlicher Begeisterung sind Götz und Meyer mit dabei, denn sie fahren auch gern Lastwagen - am liebsten tagträumend bei offenem Fenster. «Anfangs störten (. ..) die stumpfen Schläge und die dumpfen Schreie, aber später [hörten sie] sie nicht mehr. Man gewöhnt sich an alles, warum nicht auch daran.» Auch schlafen sie gut - im Bewusstsein der Unvollkommenheit der Welt und des menschlichen Dilemmas: «Gibt es denn einen, der wirklich sicher ist, dass er an unserer Stelle nicht genauso gehandelt hätte?»

Mutmassungen ohne Ende

Endlos sind die Mutmassungen, die der Lehrer über Götz und Meyer anstellt, und selbst auf die Logik der Vernichtung lässt er sich ein, wenn es nur dem Begreifen dient. Dem steht gegenüber, was mit den jüdischen Opfern geschah und detailliert geschildert wird: der Meldebefehl und der Zwang, Armbinden zu tragen; die Order, das Vermögen abzugeben; die Erschiessung der Männer und die Internierung, schliesslich der Abtransport. Die Fakten sprechen für sich und bleiben doch stumm. Wider die Grausamkeit objektivierender Geschichtsschreibung ringt der Erzähler darum, zu ermessen, welche Katastrophe über jeden Einzelnen hereinbrach. «Mein Leben ist wie eine Erinnerung, die nicht weiss, wer sie gespeichert hat.» Die Schuld des Verschonten treibt ihn zwanghaft an die Orte des Entsetzlichen, doch stösst er hier nur die auf die Gleichgültigkeit der Steine und der Natur. So sieht er sich verwiesen aufs Technische: Wie viel bekam einer zu essen im Lager? Wie genau tötet Kohlenmonoxid? Und wieder zurückgeworfen aufs Existenzielle: Was genau erlebten die Menschen im Laderaum?

Der Versuch des Lehrers, die Realität zu fassen, mündet ins Irreale. Zerrissen in drei parallele Leben, löst sich seine Identität auf: «Ich war ein Abglanz von Widerscheinen, eine Summe von Ingredienzien, das Ergebnis einer Subtraktion, das Resultat einer Multiplikation, die reinste Mathematik.» Doch geht die Strategie des Autors auf, das Irreale zu erfinden, um das Reale fassbar zu machen. Denn hier, im Irrwitz, wo die Dämme der Moral brechen, die Perspektiven durcheinander wirbeln und das Getrennte zusammenfindet, dämmert die Einsicht in geheime Zusammenhänge, geht die «dumpfe Sprachlosigkeit» über in ein schrilles Durcheinander von Stimmen. «Götz und Meyer» birgt die Fülle wie die Leere und ist dabei ein einziges Exerzitium des Weltuntergangs: Assoziativ werden Themen und Stilebenen verknüpft, die Achterbahn der Gefühle findet ihre Fortsetzung in der Aufhebung von Wichtigkeit. Banales paart sich mit Erhabenem, Anschauung mit Aphoristik, Trauer mit Sarkasmus, und mit der Sprache machen sich auch die Figuren selbständig. Wenn Götz und Meyer ihm frech kommen, wann und wo es ihnen gerade passt, taumelt der Erzähler bereits am Rand des Selbstmords.

Ein letzter desperater Akt von Souveränität ist des Lehrers Projekt, sein Wissen um die Wahrheit der Geschichte jenseits der «Märchen» «praktisch» an die Schüler weiterzugeben - in Form eines Busausflugs, der als Parallelaktion zur Todesfahrt des Saurers angelegt ist. Der groteske Versuch, den Ahnungslosen die «Kälte» einzuimpfen, endet in allgemeiner Verstörung - und bringt, bei aller Kürze der Erzählsequenz, im Judenknaben Adam, der den Transport dank einer Gasmaske zunächst überlebt, eine Figur hervor, deren Magie eines Imre Kertész würdig wäre. Adam hat die Inszenierung im Lager hellsichtig durchschaut. Er hat nicht geweint, sondern genau beobachtet. «In manchen Augenblicken [verspürte er] ein Glücksgefühl darüber, dass er all dem beiwohnen durfte (. ..). Er wusste, dass hier das grösste Abenteuer seines Lebens begann, und er wollte keine Sequenz davon verpassen.»...Fortsetzung

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Götz und Meyer von David Albahari, 2003, Eichborn2.)

Götz und Meyer.
Roman von David Albahari (2003, Eichborn - Übertragung Mirjana und Klaus Wittmann).
Besprechung von Carsten Hueck aus Jüdische Allgemeine:

Im Wahn der Erinnerung
Das Erbe der Schoa macht irre: David Albaharis „Götz und Meyer“

David Albahari einzuordnen, fällt schwer. Er ist kein serbischer Autor, obwohl er bis 1994 in Belgrad lebte. Er ist kein jüdischer Autor, obwohl er der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinden Jugoslawiens war. Er ist auch kein nordamerikanischer Autor. Zwar ist sein Schreiben beeinflußt von modernen amerikanischen Autoren, zwar lebt er seit bald zehn Jahren im kanadischen Calgary, aber immer noch schreibt der studierte Anglist auf Serbisch. Fest steht: David Albahari ist immer in Bewegung, ein Erzählvirtuose, der die unterschiedlichsten Einflüsse verarbeitet. An die zwanzig Bücher gibt es von ihm, überwiegend Kurzgeschichten. Daneben Übersetzungen von Naipaul, Nabokov, Pynchon und Updike. 

Vier Titel Albaharis sind ins Deutsche übersetzt worden. Veröffentlicht in unregelmäßigen, jahrelangen Abständen, in drei verschiedenen Verlagen. Unter anderem deswegen ist der Fünfundfünfzigjährige hierzulande nicht schon längst als der bedeutende postmoderne Autor, der er ist, entdeckt worden. Zuerst erschien 1993 ein Band mit Erzählungen, vier Jahre später der Roman Tagelanger Schneefall. Die Erfahrung der Fremde, der Verlust von Sprache standen darin im Mittelpunkt. Heute gelesen, wirkt es wie eine pessimistische Vorarbeit zu dem Roman, mit dem Albahari vergangenes Jahr schließlich in Deutschland bekannt wurde: Mutterland.
In Mutterland versucht ein jugoslawischer Exilant durch das Abhören alter Tonbänder eine Beziehung zur Heimat herzustellen. Er vertieft sich in Interviews, die er einst mit seiner Mutter dort geführt hatte. Und erkennt, daß er seine selbstverständliche Existenz, ein Leben in Geborgenheit, für immer verloren hat. Mit zutiefst persönlicher Stimme erzählt Albahari - der in Kanada selbst im Exil lebt - von Identitätsverlust und Sprachlosigkeit. Erinnerung, Heimat, Geschichte und Identität sind seine wiederkehrenden Themen. Leitmotivisch durchzieht die Gegenwärtigkeit des Vergangenen seine Texte. Anrührend, ironisch, traditionsbewußt und experimentierfreudig untersucht er Erzählstrategien und das Funktionieren der menschlichen Psyche. Dabei geht er zumeist von der eigenen Familie aus: „Ich glaube fest daran, daß das Bemühen, Familienbeziehungen zu verstehen, das Verständnis für Menschen allgemein ermöglicht: die Verhältnisse in einer Stadt erklärt, einem Land, einem Staat, der gesamten Menschheit.“
Schreiben ist für David Albahari immer Selbsterkundung. Autobiographische Elemente überführt er ins Fiktionale. „Meine Geschichten basieren meistens auf sehr persönlichen Gefühlen und Erfahrungen. Warum soll ich andere Charaktere erfinden, wenn es doch mich gibt?“ Beklemmend schön, verzweifelt humorvoll literarisiert der Autor eigene Erfahrungen auch in seinem neuen Roman Götz und Meyer. Dort erforscht der Ich-Erzähler, ein Belgrader Lehrer, den Stammbaum seiner Familie. Recherchiert in Archiven, Bibliotheken und Museen. Stößt auf jede Menge historischer Fakten - und verliert sich in schrecklicher Gewißheit: Seine männlichen Vorfahren wurden fast alle 1941 bei Erschießungen durch die deutsche Wehrmacht ermordet. Die weiblichen wurden kurz darauf - das Töten war inzwischen industrialisiert worden - im Gaswagen der Marke Saurer umgebracht. Um das Ungeheuerliche zu begreifen, imaginiert der Lehrer die Fahrer dieses Wagens, nennt sie „Götz“ und „Meyer“. Albaharis Erzähler plaudert mit Götz und Meyer, schläft nachts in ihrer Mannschaftsunterkunft, teilt die Träume der beiden Durchschnittsdeutschen. Sitzt schließlich mit im Führerhaus des LKWs und beobachtet, wie sie die Abgase in den Kasten auf der Ladefläche leiten. Er stellt Unterschiede und Gemeinsamkeiten fest. „Auch Götz, oder Meyer, faßte sich mal ans Herz, aber das war damals als dem Saurer die Hinterachse brach. Mir zerbrach das Leben, das war der Unterschied. Die Achse konnte man wieder zusammenschweißen, aber das Leben, einmal gebrochen, bleibt ein ewiges Straucheln.“
Je näher der Erzähler den Tätern kommt, desto mehr verliert er sich selbst. Zu Beginn seiner Recherche kommentiert er die Vernichtung der serbischen Juden noch zynisch, listet jedes Detail auf. Später gleitet er immer tiefer in eine Phantasiewelt, verirrt sich im Labyrinth von Wissen und Vorstellung. Sich selbst nimmt er wahr als „Abglanz fremder Widerscheine“, einen „durcheinander geratenen Fahrplan“. Sein Verhalten wird auffällig, verstört seine Schüler. Er gibt ihnen die Namen seiner ermordeten Verwandten. Beim Versuch, mit den Jugendlichen eine Deportation zu simulieren, stößt er an die Grenze des Vermittelbaren: „Die Geschichte ist unpersönlich und es kann sie, zumindest als Wissenschaft, nicht auf der Ebene des Individuums geben, weil sie dann nicht zu begreifen wäre.“
Indem sich der Ich-Erzähler der historischen Wahrheit nähert, löst sich seine Persönlichkeit auf. Subtil beschreibt David Albahari in der Figur des Lehrers die Traumata der Überlebenden und die Neurosen der jüdischen Post-Schoa-Generation: Identifikation mit den Opfern, die Bindung an ein fremdes Schicksal, Erosion von Identität, die Ohnmacht sich mitzuteilen, den Willen zur Selbstbehauptung. Immer wieder fügt der Autor dabei reflexive Passagen ein und kommentiert das Erzählte. Handlungs- und Zeitebenen vermengt er, Gespräche münden bei ihm ins Schreiben und gehen daraus hervor. Indem Albahari dieses gleichsam talmudische Schreibprinzip, Schleifen, Wiederholungen und Ergänzungen des Gesagten, nutzt, entwickelt er behutsam eine Poetik der Unsicherheit.
„Wenn ein literarisches Werk nicht ständig in Bewegung begriffen ist, sagte ich zu meinen Schülern, so ist es kein Werk, sondern ein geistiger Blindgänger“, heißt es im Roman. Er glaube eben nicht an geradlinige Geschichten, bekennt David Albahari. „Das Leben funktioniert nicht so. Es verläuft in verschiedene Richtungen und das nehme ich in meinen Geschichten auf.“ Durch diesen Wechsel von Richtungen, Positionen, Erzählperspektiven erweitert David Albahari die Grenzen des Sagbaren. Und ist sich, wie der Lehrer im Roman doch bewußt: „Niemand darf sich als Gott gebärden, weder ein Rabbiner, noch ein Schriftsteller, noch ein Erzähler; die Wörter, so mächtig sie auch sind, können nie die Stille der göttlichen Schöpfung ersetzen.“

[...diese Rezension wurde der Jüdischen Allgemeinen entnommen, der Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben. Das Buch kann im Leo Baeck Bookshop, der größten Online-Buchhandlung für jüdische Literatur,  bestellt werden]

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