Götter, Gräber und Gelehrte von C.W.Ceram, 2008, RowohltGötter, Gräber und Gelehrte.
Roman der Archälogie von C. W. Ceram (1949/2008, Rowohlt).
Besprechung von David Oels in der Frankfurter Rundschau, 20.3.2008:

Da ist er wieder
Der Bildungs-Longseller "Götter, Gräber und Gelehrte" von C. W. Ceran

Im November 1949 erschien im finanziell angeschlagenen Rowohlt Verlag zum stolzen Preis von 18 DM das Buch eines völlig unbekannten Autors: Ganzleinen mit Goldprägungen, farbiger Schutzumschlag, Bildtafeln im Tiefdruck, Karten und Zeittafeln auf 486 holzfreien Seiten in einer Startauflage von 12 000 Exemplaren - ein Misserfolg hätte den Verlag unweigerlich ruiniert. Heute ist C. W. Cerams "Götter, Gräber und Gelehrte" mit einer Auflage von über 5 Millionen Exemplaren eines der erfolgreichsten deutschsprachigen Sachbücher überhaupt, und der Rowohlt Verlag kann in diesem Jahr seinen hundertsten Geburtstag feiern, unter anderem mit einer Neuausgabe dieses Ausnahmebuchs der Unternehmensgeschichte.

Doch "Götter, Gräber und Gelehrte" ist nicht nur irgendein Bestseller. Seit über 58 Jahren ist das Buch ununterbrochen auf dem deutschen Buchmarkt lieferbar, und anders als Obskurantisten vom Schlage Erich von Dänikens blieben Ceram weder wissenschaftliche Anerkennung noch die nachhaltige Anteilnahme seiner Leser versagt: Vor 1960 Geborene geraten auf Nachfrage regelmäßig ins Schwärmen ob des rauschhaften Lektüreerlebnisses, das im Gegensatz zu temporärer Hesse- oder Rilkeverehrung auch rückblickend nicht schambehaftet ist. Ein Erfolg, der kaum seinesgleichen kennt. Wie kam es dazu?

Zweifellos bietet die Geschichte der Archäologie spektakuläre Entdeckungen und abenteuerliche Ausgrabungen an exotischen Orten: Schliemann und Troia, Carter und Tut-ench-Amun, Layard und Ninive, Thompson und Chichén Itzá. Auch Champollions Entzifferungen der Hieroglyphen und der historische Gehalt von "Ilias" wie Bibel durften und dürfen auf einiges Interesse rechnen. Doch war all das 1949 längst bekannt und zwar keineswegs nur in "trockenen" Fachpublikationen. Schliemanns Kampagnen hatten ein nicht zu unterschätzendes Presseecho, und die Entdeckung von Tut-ench-Amuns Grab war in den zwanziger Jahren eine regelrechte Sensation, an der der ägyptomane Zeitgenosse mit "Tut-Partys", stilechten Accessoires und zerbröselten Mumien als Arznei teilhaben konnte.

Vollends rätselhaft wird die Sache, wenn man erfährt, dass der Autor, der eigentlich Kurt W. Marek hieß, seinerzeit Lektor bei Rowohlt war, Feuilletonredakteur der "Welt", Lizenznehmer einer Jugendzeitschrift und Beiträger im NWDR-Nachtprogramm, aber keinesfalls Archäologe, nicht einmal als Dilettant. Marek hatte die Örtlichkeiten, die er beschrieb, nicht einmal besucht, sondern übernahm Hinweise auf Cooks Rasthaus beim Tal der Könige oder die Straßenbahnlinie 14, mit der man die Pyramiden von Giseh erreiche, schlicht dem "Baedeker".

Nun hat man Ceram zwar zum "Vater des Sachbuchs" erklärt, doch nennt sich "Götter, Gräber und Gelehrte" darüber hinaus "Roman der Archäologie", beansprucht also eine Position, die auf den säuberlich zweigeteilten Bestsellerlisten heutzutage gar nicht vorgesehen ist. Als Literatur oder präziser als Anlass für Identifikationen und Phantasien gelesen, erkennt man Abenteuer- und Detektivgeschichten, etwa Koldeweys Auseinandersetzungen mit räuberischen Arabern während der Grabungen in Babylon oder Grotefends kriminalistisch-scharfsinnige Entzifferung der Keilschrift, die vor allem die erregte Lektüre jugendlicher Konfirmanden erklären mögen.

Doch auch für den reiferen Zeitgenossen, der ein paar Jahre zuvor mit Rommel kurz vor den Pyramiden gescheitert war, ließ sich 1949 Erbauliches finden. In der Einleitung riet Ceram dazu, "das Buch ... auf Seite 81 anzufangen". Dort beginnt Napoleons glückloser Ägyptenfeldzug unter der Überschrift "Eine Niederlage wird zum Sieg" - zweifellos ein möglicher Anlass träumender Wunscherfüllung. Überhaupt ist aus nahe liegenden Gründen stets von untergegangenen Großreichen die Rede, von zerstörten Städten und gigantischen Ruinen, was ganz der Lebenswirklichkeit von 1949 entsprach.

Mit Ceram ließ sich neben der tröstlichen Einsicht in die zwangsläufige Vergänglichkeit auch noch auf künftige Archäologen hoffen, die nicht mehr moralisch, sondern nur nach einstiger Größe urteilen: "Das Stöhnen der Sklaven ist erloschen, ... der Geruch des Schweißes verweht. Was blieb, ist das ungeheuere Werk."

In den letzten 58 Jahren konnte man darüber hinaus noch Deutlicheres lesen, doch tilgt die von Michael Siebler bearbeitete Neuausgabe diese Spuren vollständig. Wo es bislang von den Kolossalbauten im "Neuen Reich" unter Ramses II. hieß: Dies war "unsere Gegenwart ... Es war die Zeit, da der Kultur der Ägypter geschah, was uns geschieht, den Abendländern zwischen New York, der Wolkenkratzerstadt, und einem in Trümmern liegenden Berlin", klafft nun eine Lücke. Wo bislang Sanherib in Ninive für sein Prunkhaus alte Gebäude abriss, "wie Hitler in neuester Zeit, als er ,Achsen' legte quer durch seine Hauptstadt", findet sich nun nur der Hinweis auf Augustus' Rom.

Mag sein, dass solches an Oswald Spengler orientiertes Denken "wissenschaftlich" nicht dem "neuesten Stand" entspricht, der auf dem Umschlag versprochen wird. Mag auch sein, dass "der Ceram für das 21. Jahrhundert", der dort angekündigt wird, nicht an die Zeit seiner ersten Erfolge erinnern sollte. Aber abgesehen von der Tatsache, dass dem Buch seine zeithistorische Grundlage entzogen wurde, hat man sich damit nun allein für das Sachbuch und gegen die Literatur entschieden. Trotz Nichtraucherschutzes würde Hans Castorp nicht von der Maria Mancini auf Kaugummi umsteigen oder Effi Briest ihr Glück mit einem alleinerziehenden Mittdreißiger in eine Kreuzberger Wohngemeinschaft finden.

Ob heutige Leser diese Entscheidung goutieren, wird sich zeigen. Dem Rätsel des Erfolgs wird man so indes kaum näher kommen. Denn dass es dabei nicht nur auf die Richtigkeit der Sache, sondern ebenso auf die erzeugten Bilder ankommt, zeigt ein sachlicher Fehler, der alle Überarbeitungen überstanden hat und nun als Reminiszenz an den Ceram des 20. Jahrhunderts gelten kann. Über Champollion heißt es, er habe sich, als er erfuhr, dass ein anderer die Hieroglyphen entziffert hätte, gefühlt wie "Kapitän Scott", der mit "ein paar Hunden dem Pol nahe gekommen", die Fahne Amundsens entdeckt. Dabei scheiterte Scott doch gerade, weil er keine Schlittenhunde hatte. Der Wirkung von "Götter, Gräber und Gelehrte" haben Scotts Hunde offensichtlich gut getan.

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