Götter,Gatten,Geliebte von Margherita Giacombino, 2001, KunstmannGötter, Gatten und Geliebte.
Roman von Margherita Giacombino (2001, Kunstmann - Übertragung Maja Pflug).
Besprechung von Sabine Peters aus der Frankfurter Rundschau, 10.5.2001:

Drei Frauen und ein Flegel  
Eine Komödie für muntere Weiberrunden: Margherita Giacobinos Roman "Götter, Gatten und Geliebte"

Irene ist eine geschickte Geschäftsfrau, aber was die Männer anbelangt, fehlt ihr das richtige Händchen. Derzeit hat sie ein Verhältnis mit Renato, der aus Superlativen besteht: Er ist der schönste, klügste und gemeinste Mann der Welt. Für ihn, der sie warten lässt, versetzt und permanent beleidigt, hat Irene ihre Geliebte, die Ärztin Nora, aufgegeben. Nora nimmt es hin, wie sie alles hinnimmt: aufdringliche Patienten, den unzurechnungsfähigen, aber tyrannischen Vater im Altenheim, und den Bruder, der ihr den Löwenanteil des gemeinsamen Erbes abnahm und sie für ihre "typisch weiblichen Verliererentscheidungen" verspottet. Sandra schließlich hat sich als Kellnerin durchgeschlagen, bis sie Irenes Mitarbeiterin und Vertraute geworden ist. Sandra hat ihren Freund Dario fest im Griff, nur gelegentlich hat der seine Eifersuchtsanfälle, denn sie trifft mitunter einen früheren Geliebten. Soweit die Frauen. Die geliebten/gehassten Männer sind vor allem abwesend, nehmen aber viel Raum im Denken und Fühlen der Hauptfiguren ein.

Die Italienerin Margherita Giacobino veröffentlichte vor ein paar Jahren den Roman Hausfrauen in der Hölle - ein verwegenes, chaotisches Buch, das hielt, was der Titel versprach. Es kam zuerst bei Kunstmann, dann zusätzlich noch als Taschenbuchausgabe heraus, und auch die ist inzwischen vergriffen, ohne dass bisher nachgedruckt wurde. Unbegreiflich. Denn Giacobino schreibt einerseits süffige, unterhaltsame Literatur. Andererseits zielen die Menschenkenntnis und der Witz in ihren Büchern nicht auf schmunzelnde Affirmation, nicht auf Einverständnis mit den Realitäten ab, sondern ihre Romane wollen in den besten Momenten immer noch etwas mehr. Es gibt da ein Verlangen nach Verstehen, also nach Befreiung aus allerhand Zwängen, es gibt eine Glückssehnsucht, die auch im neuen Buch über das amüsante, schräge "Happy End" hinausreicht.

Götter, Gatten und Geliebte ist stark konstruiert, was - zwei Seelen wohnen in der Brust - die Rezensentin ärgert und die vergrippte Leserin weiterschlingen lässt. Im Unterschied zu den "schwierigen", das heißt in diesem Fall rein additiv aufgebauten Hausfrauen in der Hölle hat der neue Roman ein Handlungsgerüst, geradezu ein Handlungskorsett: Die abwesenden Männer entpuppen sich, wer hätte das gedacht, als ein einziger. Irenes Liebhaber ist der ehemalige von Sandra und gleichzeitig der Bruder von Nora. Sprich, Noras Bruder hat ihr auch noch die Geliebte weggenommen, und hätte Sandra seinerzeit Renatos Kind nicht abgetrieben, wäre Nora Tante geworden. Diese Auflösung ahnt jeder, der das Buch nicht bei laufendem Fernseher liest, relativ bald. Renato taucht erst am Schluss auf; nach einem Schlaganfall liegt er bewusstlos in einem Krankenhaus, und die Frauen verzichten auf diese Art seiner Anwesenheit. Renatos Ehefrau wird den Pflegefall übernehmen, und die drei Heldinnen sind den Mann endlich los, sie sind frei.

Der Roman hat viele Züge einer Komödie an sich: Man sieht die Figuren in ihrem Ungeschick und ihrer Unzulänglichkeit. Alle drei sind ausgeprägte Charaktere, die zur Identifikation einladen. Es gibt jede Menge Anlass zur Situationskomik, und der Konflikt löst sich schließlich mehr oder weniger abrupt und überraschend auf grotesk-heitere Weise auf. Man kann sich das Buch sehr schön verfilmt vorstellen, was das Vergnügen an der Lektüre allerdings nicht schmälern sollte. Der Roman gewinnt seine Dynamik aus der Schnelligkeit der Perspektivenwechsel, aus den Brüchen zwischen Innensicht und Außenwelt. Die Dialoge sind treffend und bissig gehalten; und dass fast ausschließlich im Präsenz erzählt wird, erhöht die Geschwindigkeit des Buchs und lässt einen über gelegentliche Längen hinwegsehen. Diese Längen entstehen immer da, wo die Autorin bis in die Kindheit der drei Frauen zurückgeht, um psychologisch beinahe zu perfekt auszumalen, warum ein Mensch heute so und nicht anders ist. Irene bleibt so verhuscht und impulsiv, wie sie es immer war, ob sie Renato nun bis ans Ende seiner Tage pflegen will oder den wenig frommen Wunsch hegt, "hoffentlich frisst ihn ein Krokodil". Sandra ist patent wie eh und je; Nora dagegen macht eine fast zu ideale, zu vorbildliche Entwicklung durch, sie verlässt die Rolle des Opfers und fängt an, sich zu wehren und durchzusetzen. Götter, Gatten und Geliebte ist ein genießerisch geschriebenes und übrigens auch genauso übersetztes Buch, das in Hausfrauen- und anderen Weiberrunden weite Kreise ziehen wird.

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