Goethe schtirbt von Thomas Bernhard, 2010, SuhrkampGoethe schtirbt.
Erzählungen  von Thomas Bernhard, (2010, Suhrkamp).
Besprechung von Peter Pisa im Kurier, Wien, 18.9.2010:

Bernhard, ein leidender Goethe-Verehrer
Vier Erzählungen, fast 30 Jahre alt, die kurz vor "Heldenplatz" entstanden sind, zeigen Thomas Bernhard leidend, hassend und als Goethe-Verehrer.

So leicht wie an seinem 20. Todestag (12. Februar 2009) macht es uns Thomas Bernhard heuer, nach seinem 21. Todestag, nicht. Im Vorjahr war bei Suhrkamp das Buch "Meine Preise" erschienen. Autobiografische Geschichten - 1980/81 geschrieben, ungemein witzig, kindlich mitunter, an Mr. Bean erinnernd, voll mit "Arschlöchern" und "Schweinehunden" - aber auch mit wertvollen Tipps: Schuhe darf man nicht vor 16 Uhr kaufen. Erst gegen 16 Uhr haben Füße die richtige Konsistenz für einen Schuhkauf.

In diesem Ton konnte es allerdings nicht weitergehen. Schon deshalb nicht, weil Thomas Bernhard einst im Interview selbst gesagt hatte: "Ich schreib' ja nicht für Depperte, denen man alles vorgeben muss!"

Morgen, Montag, ist er sozusagen auch posthum wieder der Alte. "
Goethe schtirbt" (Suhrkamp, 98 Seiten, 15, 40 Euro) heißt das Buch mit vier Erzählungen aus 1982/1983. Hier schimpft er bösartiger:
"... alles Österreichische war mir auf einmal das Häßlichste, das Dümmste, das Abstoßendste ... Als eine perverse Öde und eine fürchterliche Stumpfsinnigkeit empfand ich mein Land ... Die katholische Kirche ist die Weltvergifterin, die Weltzerstörerin, die Weltvernichterin, das ist die Wahrheit."

Und er ist einsamer:
"Ich habe niemals einen Vater und niemals eine Mutter, aber immer meinen Montaigne gehabt."

Vor allem ist Bernhard als großer Sprachspieler zurückgekehrt:
"Deine Eltern hatten eine viel größere Hochgebirgsleidenschaft als die meinigen, sagte ich und ich sagte es wieder zu laut für ihn, so daß ich möglicherweise aus diesem Grund von ihm keine Antwort bekommen habe, so daß ich darauf sagte, seine Eltern hätten immer grellgrüne Strümpfe aus Schafwolle angehabt, nicht wie die meinigen, solche aus grellroter, die seinigen hätten diese grellgrünen Wollstrümpfe angezogen, damit sie in der von ihnen aufgesuchten Natur überhaupt nicht auffallen ..."

Unselds Notiz

Im Gegensatz zu den Texten in "Meine Preise" sind das keine Erstveröffentlichungen, sondern standen vor fast 30 Jahren in Die Zeit, in einem Programmheft des Schauspielhauses Bochum bzw. im Katalog einer Berliner Kunstausstellung. Von Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld gibt es die Notiz, Bernhard hätte es gern gesehen, diese Erzählungen in einem Buch zu bündeln. Dazu kam es damals nicht, weil sich die Arbeit auf "Heldenplatz" konzentrierte.
Eine der Erzählungen ist Hommage auf den Philosophen Montaigne ("Wie mein Geist mäandert, so auch mein Stil"). Dessen Werke waren für Bernhard immer Zufluchtsort, Montaigne war so etwas wie sein Beschützer, und über ihn scherzt er nicht. Aber über Goethe.

Goethe hat er anlässlich dessen 150. Todestages parodistisch gewürdigt. Sterbend äußert der Dichterfürst seinen Lebenswunsch, Ludwig Wittgenstein möge zu ihm kommen. der sei nämlich sein "philosophischer Sohn".

Eine zeitliche Unmöglichkeit - egal, bei Thomas Bernhard würde es funktionieren; und Wittgenstein würde tatsächlich anreisen. Aber Goethes Umgebung versucht, es zu verhindern. 1.) weil ein österreichischer Denker sowieso suspekt ist; 2.) weil Wittgenstein bei Goethe Zweifel auslösen könnte, dass der vielleicht doch nicht der Größte ist.

Na gut, wenn's nicht klappt, so stirbt Goethe halt. Und sagt nicht: "Mehr Licht." Wer braucht Licht? Sondern: "Mehr nicht." Er hatte einfach genug.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.kurier.at]

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