Gösta Berling von Selma Lagerlöf, 1962, dtvGösta Berling.
Roman von Selma Lagerlöf (1962, dtv).
Besprechung von Sibylle C. Schellhorn, Leverkusen für Amazon.de, 4.10.2007:

Bei dem Werk "Gösta Berlings Saga", wie das Buch im schwedischen Original heißt, hat Selma Lagerlöf 1891 einen literarischen Schnappschuß des ausgehenden 19. Jahrhunderts gemacht. Obwohl auf das Wermland beschränkt, beschreibt sie in den vielen kleinen Geschichten die Sitten und Zeitvertreibe der Oberschicht und aber auch einige Geschichten von den Bewohnern eines schwedischen Dorfes. Von Tanzbällen, Kutschenfahrten, Romanzen und Zwischenmenschlichem wird einfühlsam und mit Liebe zum Detail berichtet. Im Mittelpunkt dieser ursprünglich teilweise wöchentlich publizierten Geschichten steht aber nicht nur Gösta Berling, sondern eine feste Gruppe von 12 Personen eines Kavaliershofs, einige Frauen, Glaube und Aberglaube.
Mit erstaunlichem Scharfblick hat Selma Lagerlöf Interaktionen und menschliche Beziehungen lange vor der "Entdeckung" der Psychoanalyse beobachtet und sie sehr bildhaft dargestellt. Nicht nur der von Wein, Weib und Gesang verführte und an einem redlichen Leben gehinderte Gösta ist schlüssig dargestellt, sondern auch Krisen zwischen Töchtern und Vätern oder schlimmste Eifersüchteleien und Intrigen zwischen Frauen, die, erst "beste Freundinnen" sich plötzlich gegenseitig verraten und die Augen auskratzen. Ebenso im Visir sind die ewig gleichen Problemen zwischen den als unzulänglich empfundenen Freiheiten der Männer innerhalb einer Ehe (weshalb sie am Kavaliershof bleiben) und der (unsinnigen?) Opferbereitschaft der Frauen.
Mythos und Aberglauben aus der vorchristianisierten Zeit fliessen immer wieder in die Geschichten ein und lenken die Protagonisten, um dann doch mit rational erklärbaren Auflösungen den Episoden eine moderne Wendung zu geben.

Etwas anstrengend ist es den Roten Faden zwischen den Geschichten zu verfolgen, deren Gesamtvolumen ihre volle Intensivität nicht unbeding bei oberflächlichem Lesen zur reinen Entspannung entfalten. Wie die skandinavischen Sagas auch empfiehlt sich die Lektüre besonders für lange Winternächte, wenn man eingeschneit vor dem Kamin sitzt und sich vielleicht sogar gegenseitig vorliest.

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Leseprobe I Buchbestellung 0510 LYRIKwelt © Amazon.de I Sibylle C. Schellhorn