Godan oder Das Opfer von Premtschand, 2006, Menasse

Godan oder Das Opfer.
Von Premtschand (2006, Menasse - Übertragung Irene Zahra).
Besprechung von Dorothea Dieckmann aus Die Zeit, 28.9.2006:

Hohe Herrschaften mit niedriger Gesinnung

Als »altehrwürdiges Wahrzeichen« und »vertraute, abgegriffene Währung unserer sozialen Imagination« bezeichnete vor einigen Jahren Alok Rai, Literaturwissenschaftler in Delhi, seinen berühmten Großvater Dhanpat Rai, familiär Premtschand genannt. Dass der große Dichter, in Indien längst zur Schullektüre kanonisiert und rituell abgefeiert, nicht wie sein Zeitgenosse Tagore international bekannt wurde, wird zu Recht auf die kulturelle Hegemonie des Westens zurückgeführt. Premtschands Prosawerk begründete die moderne realistische Urdu- und Hindi-Literatur, deren Themen er am eigenen Leib erlebte: Kolonialismus, politische Verfolgung, Kastenwesen, Armut und Krankheit. Er starb 1936 mit Mitte fünfzig, kurz nach dem Erscheinen seines letzten großen Romans, der erst 1968 ins Englische und nun, 40 Jahre später, gekonnt in ein historisch ausbalanciertes Deutsch übersetzt wurde. Godan lesen heißt eintauchen in den so legendären wie aktuellen Kontrast zwischen Arm und Reich, Land und Stadt, Not und Doppelmoral, Tradition und Zynismus, repressivem Familiensystem und luxusgeborener Freizügigkeit. Die gestochenen Porträts von niederkastigen Kleinbauern, brahmanischen Dorfvorstehern, opportunistischen Intellektuellen und korrupten Pachtherren sind eingelassen in ein kunstvoll verknüpftes Ensemble exemplarischer Episoden, die trotz des himmelschreienden Elends den lehr- und possenhaften Charakter der Tragikomödie vermitteln, den wir aus den europäischen Anfängen des Romans kennen. Die harten Prägungen dieser zutiefst kritischen Literatur sind alles andere als folkloristisch: »Die hohen Herrschaften waren es, die die niedrige Gesinnung hatten. (...)
Wenn die reichen Leute sich nicht schämen, dann müssen es eben die Armen für sie tun.« 

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.die zeit.de]

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