Glück und Scherben von Reinhard Baumgart, 202, HanserGlück und Scherben.
Geschichten von Reinhard Baumgart (2002, Hanser).
Besprechung von Wolfgang Schneider in Neue Zürcher Zeitung vom 27.2.2003:

Bewusstseinsspiele und Erinnerungsübungen
«Glück und Scherben» - Geschichten von Reinhard Baumgart

Reinhard Baumgart, einst als Ironiespezialist angetreten, hat sich in seinen letzten Publikationen zum Fachmann für allgemeine und vergleichende Liebeswissenschaft entwickelt. Als solcher begnügt er sich nun nicht länger mit den Sekundärtugenden des Interpreten, der in seiner Doppelfunktion als Kritiker und Professor die vielfältigen «Liebesspuren» der Weltliteratur sicherstellt. Unter dem Titel «Glück und Scherben» ist ein Band mit Erzählungen erschienen, was nur diejenigen überrascht, die nicht mehr wissen, dass Baumgart bereits in den sechziger Jahren eine Reihe von Theaterstücken, Romanen und Erzählungen vorgelegt hatte.

Auch in «Glück und Scherben» geht es um Ehekrisen und Liebesverrat, verschleppte Leidenschaft und nachgetragene Sehnsucht, eben das ganze Beziehungsleben zwischen Lust und Lächerlichkeit. Die Handlung ist über weite Strecken nach innen verlegt; Baumgarts Geschichten präsentieren sich als Bewusstseinsspiele und Erinnerungsübungen.

«Elegant ausbalancierte Sätze» attestiert sich eine der Figuren. Man kann dieses Kompliment an den Autor weiterreichen. Er überrascht den Leser immer wieder mit geglückten Formulierungen und Schnappschüssen der Beobachtung. Da folgt zum Beispiel einem auf offener Strasse streitenden Paar plötzlich ein fremder Hund, kläffend, «mitgerissen von ihrer Hast und Wut bis zur nächsten Strassenecke». Da entdeckt ein Mann beim Lesen eines Briefes in der Schrift der Geliebten mit überscharfem Blick «eine giftige Zuspitzung ausgerechnet in den Bögen ihrer Unterlängen, als wäre dort unten der weiche Schwung der Schreibbewegung jäh gehemmt worden und müsse nun mit Gewalt und einem scharfen Haken wieder nach oben gerissen werden».

An schönen Details mangelt es nicht. Man hat jedes Mal einige Seiten lang das Gefühl, eine Meister-Erzählung zu lesen. Ein guter Anfang, so kann man hier lernen, ist Handwerk; Baumgart beherrscht es nach Jahrzehnten im Literaturbetrieb perfekt. Aber nach zwei, drei Seiten kommt dann eben der Punkt, wo Handwerk allein nicht mehr genügt. Wo sich entscheidet, ob man etwas zu erzählen hat oder bloss schreibt. Baumgart schreibt so gekonnt wie möglich, und je länger man in diesen Geschichten liest, desto grösser die Enttäuschung.

Am deutlichsten wird das in der ambitionierten Titelerzählung, die von der Liebe zweier Geisteswissenschafter namens «W» und «O» handelt. Umstandslos geht der Autor zur Exegese der Gefühle über. Aufwendig wird ein schwieriges Verhältnis voller Ambivalenzen definiert und das analytische Senkblei in die Schründe und Fältelungen zweier Seelen hinabgespult. Damit man der Erzählung in ein privates Labyrinth von Liebesglück und Liebeskläglichkeit folgte, müsste man sich jedoch erst einmal für die beiden wandelnden Buchstaben interessieren können, wozu der Autor keinen Anreiz gibt. «W» und «O» nehmen bei allem Beschreibungsaufwand nicht Gestalt an. «Diese ganze Zickzack- und Wirrwarrgeschichte durchzuanalysieren, erklärte am Ende gar nichts» - das ist ein sehr berechtigter Stossseufzer, der zugleich wie aus einer anderen Epoche klingt. Er erinnert an die siebziger Jahre, in denen psychoanalytisches Verständnis einerseits gesucht, andererseits, am Ende aller Tiefenbohrungen, oft verworfen wurde. Das Jahrzehnt des Terrorismus und der Therapien prägt das Klima dieser Erzählungen, wie «neu» sie auch immer sein mögen.

In anderen Stücken erfindet Baumgart umständliche Handlungsverläufe («Clara, Clara!»), aber das «unvermeidliche Verenden der Geschichte», wie es an einer Stelle heisst, wird dadurch nur hinausgezögert. Oder er behilft sich mit einer gewissen Skurrilität der Figuren. Herr Goettle, Hauptfigur in «Die Erfindung des ersten Kusses», ist ein liebenswürdiger alter Herr auf Familienbesuch. In den sieben Tagen bei seiner Tochter macht er seinem Namen alle Ehre. Als wäre er ein kleiner Gott, versucht er die Welt «neu zu erfinden», kommt bei seinem «Welterneuerungswerk» allerdings über zarte Erinnerungen an zaghafte Liebesversuche in ferner Jugend nicht hinaus. Greise, die erste Küsse beschwören, die in der Realität nie gewechselt wurden - dies ist eine Variante der vergleichenden Liebeswissenschaft, deren Faszination begrenzt bleibt.

Gegen das «fahle Kauderwelsch der Gefühlstherapien» verteidigt der Erzähler das Recht des poetischen Ausdrucks, mit einem Impressionismus im Zwischenmenschlichen, der die Gefühlsgespinste flirren und funkeln lassen möchte. Damit Konturen weich werden können, müssen allerdings erst einmal Konturen da sein. Sie sind vorgegeben, wenn der Kritiker und Literaturwissenschafter Baumgart die Textmassive der Weltliteratur mit der Beleuchtungskunst des subtilen Deuters traktiert. Aber seiner Prosa fehlen sie. Feine Sprachkunst, Psychologie, Ironie und schöne Details - all das ist vorhanden. Man vermisst nur die überzeugenden Geschichten, die den Aufwand lohnen würden.

...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0303 LYRIKwelt © NZZ