Glückskind mit Vater.
Roman von Christoph Hein (2016, Suhrkamp).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom
2.07.2016:

Ein Leben im Schatten des väterlichen Teufels

Als Konstantin Boggosch nach zwei Jahren und nur ein paar Postkarten endlich zu seiner Mutter zurückkehrt, empfängt die ihn mit einem Schlag ins Gesicht. Es ist das Jahr 1961 und der Junge noch nicht volljährig. Durch Berlin ist gerade die Mauer gebaut worden, er kam von der falschen Seite eben noch dran vorbei. Konstantin war in Frankreich, weil er einfach nur weg wollte. Die Fremdenlegion wollte ihn nicht. Dann landete er bei vier ehemaligen Kämpfern der Resistance, die es gut mit ihm meinten, obwohl er ein Deutscher war. Sie wussten nicht, wer der Vater dieses frühreifen fremden Freundes gewesen ist. Konstantin Boggosch hat diesen Gerhard Müller, der sein Vater war und ein großer mitteldeutscher Industrieller, nie kennengelernt. Vor seiner Geburt war er in den polnischen Wäldern als Kriegsverbrecher hingerichtet worden. Die Schuld des SS-Mannes, der neben seiner Firma ein betriebseigenes Konzentrationslager fast fertig gebaut hatte und in vorderster Linie an Massakern beteiligt war, sie war zu erdrückend. Sie erdrückt auch die Biografie des nachgeborenen Sohnes. Dem werden in der jungen DDR alle Chancen verwehrt.

Ein weiteres Mal erweist sich Christoph Hein in seinem neuen, diesmal ein wenig ausufernden Roman als detailversessener, scharfsichtiger Protokollant deutscher Verhältnisse. Wieder bringt er dazu seine schnörkellose, schmuckfreie Sprache in Stellung und erschwert so die Lektüre, die in ihrer Rückspiegelschau in den Kontext von Uwe Tellkamps „Turm“ und Lutz Seilers „Kruso“ gehört. Was von diesem Buch bleibt, ist vor allem die Geschichte der Mutter. Wie so oft erweist sich Christoph Hein als Frauenversteher. Wie er diese integre, kluge Frau aus gutbürgerlichem Haus zwischen Scham und Würde schlingern lässt, weil ihr der falsche Mann passiert ist, wie er ihren tragisch einsamen, frühen Tod herleitet und wie er dazu nur wenige Andeutungen braucht, das ist dann endlich große Kunst.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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