Glück geht anders. Unglück auch.
Geschichten von Winfried Thamm (2010).
Besprechung von Nikolaos Georgakis aus der NRZ vom 10.09.2010:

Miniaturen des Glücks
Der Lehrer Winfried Thamm geht mit 55 Jahren unter die Debüt-Autoren. Ein Verlag bringt 14 Prosageschichten im Taschenbuchformat heraus.

Winfried Thamm hat seinen Traum vor sich auf dem Tisch liegen: Sein erstes eigenes Buch. „Glück geht anders. Unglück auch“ steht da auf dem schmalen Band über dem verblassten Motiv einer kargen Landschaft, darüber sein Name. Winfried Thamm wird während des Gesprächs des Öfteren mit seinen beiden Handinnenflächen die Ränder seines Erstlingwerks festklopfen, so als könnte eines der Worte herausfallen. Oder gleich eine der 14 Geschichten, die er unter all’ den anderen aus seinem Textarchiv herausgesucht hat. „Ich schreibe aus einem inneren Bedürfnis heraus“, sagt der 55-jährige aus Bergerhausen, „Schreiben hilft mir die Welt zu sortieren.“

Erst die Kür, dann ein Verlag

Seine Welt sortiert Thamm ausschließlich in seiner Freizeit, denn sein Beruf ist Lehrer. Deutsch und Kunst unterrichtet der Familienvater an einer Schule in Duisburg-Rheinhausen. Noch an der Universität wunderte er sich, dass Kunststudenten selbst malten, im Fach Germanistik aber ausschließlich interpretiert und analysiert wurde. Also schrieb er, der Sohn eines Straßenbahnfahrers und einer Schneiderin aus Altenessen, nur für sich. Nicht alle Texte bleiben im stillen Kämmerlein, denn Thamm übte sich eine Zeit lang als „zwei Atü“ im Duo (mit Leo Kowald) erst auf Kabarett-, dann auf Amateurtheaterbühnen mit Namen wie „Schräglage“. Songtexte schrieb er auch. „Ich wollte mal der zweite Konstantin Wecker werden“, erinnert sich Thamm und muss dabei ein wenig schmunzeln.

Was von dieser Zeit geblieben ist, liest man in seinen Geschichten: gute Dialogführung. Nicht umsonst wurde seine Liebesgeschichte „Zugvögel“ von einer Jury im Jahr 2007 zur besten Erzählung gekürt und zusammen mit anderen im Band – „ ...manchmal werden Orte zufällig romantisch“ (Klartext-Verlag) – veröffentlicht. Nun, drei Jahre später sein erstes eigenes Buch. Ein Lebenstraum, wie er es selbst nennt. Und eine Anerkennung. „Wenn dir ein Verlag sagt, ja, wir können uns vorstellen, mit deinen Geschichten Geld zu verdienen, dann schmeichelt das“, sagt Thamm. Woran er sich noch gewöhnen muss, sind die Reaktionen auf sein Schreiben. Er, der Deutschlehrer, der es gewohnt ist, Texte anderer zu besprechen, wird nun besprochen. „Man fühlt sich ein wenig ausgeliefert. Gleichwohl veröffentlicht ein Autor auch, weil er sich Reaktionen auf sein Schreiben wünscht.“ Thamm jedenfalls tut es.

Und Thamm mag das Karge. Seine Prosa nimmt keine Umwege, malt nichts aus – und lässt an einigen Stellen doch Bilder vor dem inneren Auge des Lesers entstehen. Ein typischer Thamm liest sich etwa so: „Es ist Nachmittag, wir waren gerade im Meer, getollt wie die jungen Hunde.“

Seine literarischen Vorbilder wie Erich Maria Remarque werden der Neuen Sachlichkeit zur Zeit der Weimarer Republik zugeordnet. „Da explodiert nichts“, beschreibt Thamm diese Stilrichtung und schwärmt von Erich Kästners „Sachliche Romanze“. Seine Geschichten – mal dramatisch, mal heiter bis komisch – lesen sich wie Miniaturen vom flüchtigen Glück, das nicht gewährt, sondern von Menschenhand gemacht wird – bis es der Zufall wie einen Laubblätterhaufen wieder durchwirbelt. Für Thamm ist dieses Chaos namens Leben nur durchs Schreiben in Ordnung zu bringen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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