Glück gehabt.
Autobiografie von Alice Sebold (2004, Goldmann - Übertragung Ursula Walther)
Besprechung von Irene Binal in Neue Zürcher Zeitung vom 8.06.2004:

Vom Himmel gefallen
Alice Sebolds Annäherungen an eine Gewalterfahrung

Mit einem Roman, in dem sie aus der Sicht eines verstorbenen Mädchens die selbst erlittene Vergewaltigung verarbeitet, wurde Alice Sebold in Amerika berühmt. Nun liegt auch ein autobiografischer Text der Autorin vor: «Glück gehabt».

Eine 18-jährige Studentin wird auf dem Heimweg in ihr Wohnheim in einem dunklen Tunnel überfallen und brutal vergewaltigt. So beginnt das neue Buch von Alice Sebold mit dem beiläufigen Titel «Glück gehabt» - ein etwas weniger prägnantes Pendant zum englischen Originaltitel «Lucky». Bei der Studentin handelt es sich um Alice Sebold selbst, und auf den folgenden 348 Seiten erzählt die 1963 geborene amerikanische Autorin, wie sie nach der Vergewaltigung versucht, wieder in ihr altes und vertrautes Leben zurückzukehren - ohne Erfolg. Ihre Umwelt reagiert verschreckt, Freunde ziehen sich zurück, ihre Familie scheint sich ihr zu entfremden, und ihre Beziehungen zu Männern scheitern an deren Unfähigkeit, mit dem Geschehenen umzugehen: Die Vergewaltigung hat Alice Sebold gleich in mehrfacher Hinsicht zum Opfer gemacht.

Bereits in ihrem Romandébut mit dem Titel «In meinem Himmel», das in den USA wochenlang an der Spitze der Bestsellerlisten stand, hat sich Sebold mit Gewalt, Mord und den Konsequenzen beschäftigt. Und tatsächlich erscheint die Geschichte der kleinen Susie Salmon, die nach ihrer Ermordung aus dem Himmel beobachten muss, wie ihre Familie an der Tat zu zerbrechen droht, wie eine Ouverture zum eigentlichen, dem selbst erfahrenen Drama. Daran kann auch die Tatsache nichts ändern, dass «Glück gehabt» schon vor «In meinem Himmel» geschrieben wurde. Irgendwie hängen die beiden Bücher zusammen, das weiss auch Sebold selbst, wenn sie meint, dass die Arbeit an ihrem autobiografischen Werk einen wichtigen Teil des Entstehungsprozesses von «In meinem Himmel» ausgemacht habe. Nach dem ersten Kapitel des Romans habe sie die Notwendigkeit gefühlt, zuerst ihre eigene Geschichte zu verarbeiten, sagte sie in einem Interview, andernfalls wäre ihr diese bei allen anderen Geschichten, die sie erzählen wollte, im Weg gestanden.

Angst und Zorn

Also hat sie ihre Geschichte erzählt, eine Geschichte von Angst und Verzweiflung, von Niederlagen und einem unbeugsamen Überlebenswillen. Zahlreiche Rückschläge muss sie durchstehen, die Suche nach dem Täter gestaltet sich schleppend, und auch als dieser, ein junger Schwarzer namens Gregory Madison, endlich gefasst ist, muss die junge Alice Sebold noch die Qualen der Gerichtsverhandlung durchstehen: «Ich hatte Angst und zitterte, als ich den Saal durchquerte und am Tisch des Verteidigers, am Richterpult, am Tisch der Staatsanwaltschaft vorbei zum Zeugenstand ging. Ich erfreute mich an dem Gedanken, dass ich Madisons schlimmster Albtraum war, auch wenn er das noch nicht wusste. Ich sprach für die achtzehnjährige, jungfräuliche Studentin.»

Wie im Roman «In meinem Himmel» geht Alice Sebold auch in ihrer Autobiografie geradewegs auf das Thema los: «In dem Tunnel, in dem ich vergewaltigt wurde, ein ehemaliger Zugang zu einem Amphitheater, von dem aus die Schauspieler im Dunkel auf die Bühne stürzten, in diesem Tunnel war ein Mädchen ermordet und zerstückelt worden.» Dieser Beginn erinnert auffallend an den Einstieg in den Roman: «Mein Nachname war Salmon, also Lachs, wie der Fisch, Vorname Susie. Ich war vierzehn, als ich am 6. Dezember 1973 ermordet wurde.» Zumindest hat Alice Sebold bewiesen, dass sie keinerlei Scheu vor heiklen Themen hat. - Das allein macht allerdings noch keinen guten Roman aus - und die Mängel, die schon Sebolds erstes Buch charakterisierten, haben sich in ihrem zweiten Werk potenziert. Zwar fällt der esoterisch-mystische Kitsch eines zauberhaften Himmels, in dem alle glücklich sind, bei ihrem neuen Buch ebenso notwendiger- wie erfreulicherweise weg, dafür fehlt aber auch eine stellenweise durchscheinende Poetik der Sprache, die ihr Romandébut zumindest stilistisch über weite Teile gerettet hat. «Glück gehabt» ist direkter, einfacher und geradliniger, spielt nicht mit literarischen Finessen, sondern ähnelt in seiner Nüchternheit eher einem Bericht als einem Werk mit literarischem Anspruch: Alice Sebold liefert letztlich nichts anderes als eine in Worte gegossene und öffentlich gemachte Selbsttherapie....Fortsetzung

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