Glück von György Konrad, 2003, SuhrkampGlück.
Roman von György Konrád (2003, Suhrkamp - Übertragung Hans-Henning Paetzke).
Besprechung von Jonathan Scheiner aus Jüdische Allgemeine:

Mit kaltem Blick
György Konráds Schoa-Roman „Glück“ 

In seinem autobiographischen Roman Glück erzählt György Konrád die Erlebnisse des damals elfjährigen Sohnes eines Eisenwarenhändlers im ungarischen Dörfchen Berettyóújfalu um die Zeit des deutschen Einmarsches im März 1944.

Anders als seine Klassenkameraden und die meisten anderen jüdischen Dorfbewohner überleben der Erzähler und seine engere Familie: Er findet gemeinsam mit seiner Schwester Unterschlupf in einem „Judenhaus“ in Budapest, das unter dem Schutz der Schweizer Botschaft steht. Die Eltern gehören zu den wenigen ungarischen Juden, die die Deportation nach Österreich überstanden haben. Die Familie kehrt in ihr Dorf zurück und schafft einen Neuanfang.
Der 1933 in Debrecen geborene György Konrád erzählt seine Kindheitsgeschichte, indem er prägnante Bilder aneinanderreiht, aber ohne sie kunstvoll miteinander zu verflechten. Glück ist kein Buch über das Erinnern geworden, keine Beschreibung von Sinneseindrücken, von Gefühlen oder Befindlichkeiten, sondern nur eine Fixierung von Bildern und Sequenzen, die dem Autor nach fünfzig Jahren im Gedächtnis haften geblieben sind, eine Art Erinnerungsprotokoll. Die Figuren haben mehr als nur Ähnlichkeit, sie besitzen Identität mit lebenden Personen. Dem Karlspreisträger, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels und ehemaligen Präsidenten der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Künste geht es nicht um Steigerung, literarische Sublimierung und Stilisierung von Erlebnissen, weshalb die Gattungsbezeichnung „Roman“ für dieses Buch eher irreführend ist. Besser paßte wohl „autobiographischer Roman“ oder schlicht „Autobiographie“.
Doch gerade dann erstaunt die Kühle und Distanziertheit des Erzählenden. Der damals elfjährige György Konrád verlor seinerzeit immerhin seine Heimat und seine Kindheit. Und er berichtet von einer Zeit, da ein Gutteil seiner Familie deportiert und ermordet wurde. Doch Konrád läßt den Leser zwar teilhaben an seiner Geschichte, aber nicht an seinem Leid. In seinem Schmerz und seiner Trauer will er alleine bleiben. Und so gerät das Buch zu blasser Memoirenliteratur, beinahe zum Sachbuch, wo es doch ein fesselnder Roman hätte werden können.
Stattdessen arbeitet Konrád mit Mitteln der Ironie: „Ein Teil der Bewohner hatte sich in den Luftschutzkeller zurückgezogen, während ein anderer Teil bei Razzien mitgenommen und in die Donau geschossen worden war.“ An anderer Stelle mündet der Versuch, sich vom Ausmaß und der Tragweite des Erinnerten emotional zu distanzieren, gar in Plattheiten: „Von den Deutschen vergewaltigt zu werden, davor mußten die Frauen nicht allzu große Angst haben, den Russen dagegen fiel es leicht, sich die Hosen aufzuknöpfen.“
Konrads Distanziertheit mag gute Gründe haben. Vielleicht ist das Erinnerte nur so zu ertragen. Möglicherweise weigert er sich auch, mit seinem Leid und dem seiner Familie „Auflage“ zu machen. Das wäre lobenswert. Freilich bezahlt Konrád dafür einen sehr hohen, vielleicht zu hohen Preis - den eines farblosen Buches.

[...diese Rezension wurde der Jüdischen Allgemeinen entnommen, der Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben. Das Buch kann im Leo Baeck Bookshop, der größten Online-Buchhandlung für jüdische Literatur,  bestellt werden]

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