Global Exit von Carl Amery, 2002, LuchterhandGlobal Exit.
Buch von Carl Amery (2002, Luchterhand).
Besprechung von Christine Diller im Münchner Merkur, 2.3.2002:

Kapitalismus als Religion
Carl Amery über sein neues Buch

"Der Mensch kann die Krone der Schöpfung bleiben, wenn er weiß, dass er sie nicht ist", sagte Carl Amery einmal, und er wiederholt seine Lebens- und Arbeitsmaxime immer wieder gern. Nötiger denn je hätten Kinder und Kindeskinder, sie zu hören und zu befolgen. Der fast 80-jährige Schriftsteller, Linkskatholik und Kritiker der Zeitläufte, hat ein neues Buch vorgelegt: "Global Exit - Die Kirchen und der Totale Markt".

Lapidar stellt er darin fest, dass der Untergang der uns bekannten Lebenswelt vorhersehbar ist. Weil der "Totale Markt" regiert, der Kapitalismus alternativlose Reichsreligion geworden sei, aber die Ressourcen für Raffgier und Bequemlichkeit aller Teilnehmer nicht ausreichen. Parteien würden da gar nicht helfen, weil sie zu sehr verwoben sind mit den Marktmechanismen. Bleiben die Kirchen, an die Amery appelliert:

"Es liegt an ihnen, ob sie zusehen wollen, wie die Seelsorge des Totalen Marktes die Seelengrundlagen für ihre Botschaft zerfrisst." Eine Chance für die ins Bedeutungslose sinkenden christlichen Kirchen sei es, zivilisatorische Verantwortung zu übernehmen. Krone der Schöpfung - eine aberwitzige Aufgabe, aber, laut Amery, mit einer veränderten Energie- und Geldpolitik vielleicht gerade noch zu meistern.

Zunächst von jedem Einzelnen: "Ich bin lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass der innere Kapitalist eine Ausrede sucht. Es ist eine Frage des Lebensstils. Was negativ Verzicht heißt, nenne ich Umbau der Bedürfnisse. Den muss man als Emanzipation begreifen."

Als "Bierhefe-Konzept" beschreibt er das fatale bisherige Programm: "Schnapp' dir so viel du kannst und richte es dir möglichst gut ein. Zusammen mit den Ressourcen unseres Gehirns gibt das ein Gespann wie Berlusconi und Sokrates an derselben Deichsel. Natürlich ist es bei den Steinzeitmenschen nicht anders zugegangen, und wir fühlen uns dadurch entlastet. Unsere Chance ist aber die Einsicht in die Ressourcenproblematik. Ich möchte daher nicht eher gelebt haben als jetzt."

Und später, würde er da auch noch leben wollen? "Die Pose des Prognostikers habe ich aufgegeben. Man hat zu viele Überraschungen erlebt."

Auch die, dass die Grünen, deren Gründungsmitglied er war, einmal Regierungspartei sein würden: "Bei der Gründung sagte ein Liedermacher voraus: ,Ihr müsst euch im Klaren sein, ihr werdet eine stinknormale Partei werden." Ich verstehe diese Entwicklung gut, aber ich bedaure sie."

Heute sympathisiert Carl Amery mit den so genannten Globalisierungsgegnern: "Der Ausdruck ist eine ganz blöde Erfindung. Es sind ,Globalisierungserweiterer". Was sie wollen, ist eine Zähmung und Zivilisierung der Globalisierung. Wenn soziale und ökologische Komponenten hinzukommen, ist sie ein großartige Sache."

Natürlich meldete sich der leidenschaftliche Streiter auch jüngst beim Münchner Demonstrationsverbot zu Wort: "Das war alles wahlkampfbedingt. Wie kommen Stadt und Freistaat dazu, Hunderttausende von Mark für eine Privatveranstaltung auszugeben? Ehrfürchtig wird sie von Seiten der Politik umarmt und vermeintlich geschützt gegen Staats- und Weltbürger. Warum müssen diese Leute auch im Bayerischen Hof tagen? Neubiberg wäre doch ein wunderbarer Fleck, da wären sie in einer Kaserne geschützt." Die Demos sieht der Schriftsteller als physische Voraussetzung an für eine allmähliche Harmonisierung der Standpunkte wie etwa "der Haufen ist ja ziemlich diffus".

Diffus sei auch das allgemeine Christentum, und wenn Amery die christlichen Kirchen auf den Plan ruft, dann nicht ihre Binnensekten, die ein individuelles Heilsbedürfnis befriedigen wollen.

"Die Frage ist, ob die Großkirchen ihr historisches Potenzial für die Erfüllung zivilisatorischer Aufgaben noch haben. Es geht schließlich um den Humus, auf dem wir das Gras pflanzen, das unsere Kühe fressen, die wir melken wollen."

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]

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