Glaubst du, daß es Liebe war?
Roman von Alex Capus (2003, Residenz).
Besprechung von Michael Adrian in der Frankfurter Rundschau, 22.10.2003:

In Olten aussteigen
Ohne Retour: Alex Capus erzählt von einem, der auszog, das Heimkehren zu lernen

Auf Katzenpfoten kommen die Bücher von Alex Capus daher, Schloss-Gripsholmhaft von kleiner Glückssehnsucht erfüllt und dabei melancholisch grundiert durch eine ganz normale Erdenschwere, die sie bei aller Leichtfüßigkeit doch behandeln. Zentral ist ihnen die Frage nach dem Preis, den zahlen muss, wer seinem Leben entfliehen will.

So ließ der in Frankreich geborene, in Olten lebende Schriftsteller in seinem Debütroman Munzinger Pascha einen traurigen Lokalreporter den Spuren eines gewissen Werner Munzinger nachgehen, der in der Mitte des 19. Jahrhunderts seiner engen Schweizer Heimat den Rücken kehrte und es in der ‚Fremde' bis zum Vizekönig von Ägypten brachte. Auch Capus' mit viel Lob bedachter Tatsachenroman Fast ein bißchen Frühling erzählte, in einer Dokumentarisches und Fiktion verschmelzenden Sprache, die Geschichte zweier am ganz und gar falschen Leben krank gewordener Bankräuber, die 1933 aus Deutschland flohen und in Basel bei einer Schallplattenverkäuferin hängen blieben bis zum blutigen Ende. Dazwischen lag Mein Studium ferner Welten, in dem der Autor den bizarren Kosmos einer universellen Kleinstadt vermaß, die man der Abkürzung halber wohl "Olten" nennen darf.

In seinem neuen Roman widmet sich Capus abermals einem Kleinstädter, der es nicht mehr aushält. Dieser dem Leser durchaus sympathieheischend nahe gebrachte Typ namens Harry Widmer junior vergrault seinen Vater aus dem väterlichen Fahrradladen, um dann als vorzugsweise motorisiert sich fortbewegender Luxusbike-Verkäufer seine Aufmerksamkeit ganz dem Müßiggang zu widmen. Kein schlechter Mensch, dieser Harry, nur ein Schweinehund ohne Scheu und Scham, der gleichwohl seine Prinzipien hat und niemals schlecht über Frauen reden würde. Schon gar nicht über die thailändische Bardame Nancy, von deren "Komödie scheuer Unterwerfung" er fasziniert ist. Die Aufmerksamkeit bleibt weder einseitig noch folgenlos. Panikartig schlägt das Harry in die Flucht, Flucht vor Weib und Leibesfrucht und Gläubigern nach Mexiko. Dort findet "Haroldo El Suizo" in einem Nest am Pazifik Anschluss an eine kleine Welt, die irgendwie anders ist als die zu Hause und irgendwie gleich. Zwischen Schwerenötertum und Geschäftstüchtigkeit bastelt sich der Lebensflüchtling ein neues Leben und kann doch sein altes nicht vergessen.

Warum nur liest man diese triviale Geschichte mit so viel Vergnügen? Da ist zum einen die federleichte Prosa, mit der Capus durch seine Aussteigerkomödie führt, ironisch und doch voller Anteilnahme an der selbstverschuldeten Lage ihrer Hauptfigur. Unaufdringlich diesseitig, mit der Welt bekannt ist sein Schreiben, ohne davon viel Aufhebens zu machen, eine Daseinsfeier gar oder Daseinsklage.

Nah am Kneipengarn

Das verhindert schon der Sinn fürs Komische, der dem ehemaligen Journalisten zu eigen ist. Er schlägt sich nicht zuletzt in der Erzählstimme nieder: Zwar lässt sie uns, in der dritten Person, Harrys Perspektive einnehmen; nur sitzt dem Taugenichts noch ein zweiter Erzähler auf der Schulter - kein allwissender, eher ein spöttischer Kobold, der etwas weiter gucken kann als der Protagonist und zum Beispiel trocken feststellt, dass dieser mittlerweile akzentfrei Mexikanisch spricht, "wie nur ein Geck es lernen kann". Doch dient solche Ironie nicht als Einspruch. In melancholischer Kameradschaft bleibt die Geschichte stets an der Seite ihres Antihelden. Nah am mündlichen Erzählen ist sie geschrieben, am Kneipengarn, dessen Voraussetzung ja immer heißt: Man darf über einen lachen, aber das Gelächter darf nicht böse werden.

Und dann hat Capus, ähnlich wie Jean-Philippe Toussaint, ein Händchen fürs gemeine Detail. Wenn sich da ein Bürgersohn den väterlichen Jaguar schnappt, um in den Autoabgasen einer gräuslichen Ehe zu entfliehen, dann schiebt er zu diesem Anlass was in den CD-Player? Eine Best-of-Auswahl von Elton John. Noch im Lachen über den Musikgeschmack spürt man die Kehrseite der Medaille: Aus Olten steigt keiner aus. Der Billardsalonbesitzer in Harrys mexikanischer Wahlheimat hingegen verliebt sich immer wieder einmal in eine amerikanische Touristin, "meist eine stille und freundliche, schon nicht mehr ganz junge Lehrerin oder Rechtsanwältin, die allein oder mit einer Freundin angereist war und ziemlich gut spanisch sprach und die nicht zum Tanz ins ‚Tropicana' ging, sondern Bücher von Thomas Pynchon las".

Kultur ist nur ein schwacher Trost, und so täusche man sich nicht: Bei aller Komik muss der Leser bei Capus doch stets darauf gefasst sein, dass der unbewegliche Gott des Realismus einen Menschen packt und so beiläufig zerschmettert wie die Brandung des Pazifik einen betrunkenen Unglücksraben.

Wie Harrys Heimkehr gelingt, misslingt, muss hier nicht verraten werden. Die Lehre dieser fabelhaften sentimentalen Education lautet ohnehin: Man kommt immer wohin, wohin man gar nicht wollte. Für den Leser heißt das: ans Ende der Geschichte. Dabei wünscht er doch nicht weniger, als dass die Bücher des Autors schlank seien und niemals enden mögen. Aber dann ist es auch so recht.

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